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Der israelitische Bote · 1879-10-23 · 43 (23.10.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
43 (23.10.1879)
Date
1879-10-23
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Donnerstag. Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. v. Jahrgang. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. Wann, 23. HKtoöer 1879 (5840). Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. Zahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erberen. Mo. 43 Leitender Artikel. Stöcker und wieder Stöcker ist es, der die Köpfe nicht ruhen läßt, die Federn in 'Bewegung setzt. Von allen Seiten: in jüdischen wie nichtjüdischen, heimischen wie fremden Blättern werden ihm lange Artikel gewidmet. Herr S. hat es einmal verstanden sich durch zwei populäre (?) Vorträge auf die Tagesordnung zu setzen, sich auf lange Zeit lächerlich — pardon! wir wollten sagen, unsterblich zu machen. Und nach dieser Richtung hin ist ihm auch volle Satisfaciion geworden, Ja, nach dieser Richtung hin, denn abgesehen von dieser Schattenseite trauriger Natur, werden die Dinge beim Alten bleiben, und das Rad der Weltgeschichte wird selbst auf Befehl eines Hofpredigers nicht aus den Fugen zu bringen sein. In der That haben wir, bei all dem gewaltigen Staub, den Stöcker's Reden aufgewirbelt, es nie der Mühe lohnend gehalten, viel Tinte ob des ganzen Geklatsches zu verbrauchen. Denn zur ernsten Beunruhigung hätten wir uns nur dann veranlaßt gefühlt, wenn Herr S. seine Reden in einer kleinen Provinzstadt, in einem Kreise von Spießbürgern gehalten hätte, da wo Gott im Himmel und der Czar weit ist —; wir hätten dann mit allem Aufgebote unserer Kraft einschreiten müssen, auf daß von Worten nicht zu Thaten übergegangen werde. Glücklicherweise hat Herr S. nicht den rechten Platz gewählt. In Berlin, im Centrum der Intelligenz, in der Nahe des Thrones, wo Macht und Gerechtigkeit herrscht: wo man im Vornhinein wußte, daß das Alles mit viel Lärm um nichts enden wird, und daß die in der Stöcker'schen Comödie an zwei Abenden aufgeführten aufrürerischen Scenen mit dem Schlafe der Berliner wie der übrigen Welt in Vergessenheit gerathen werden. Außerdem sind wir noch immer der Ansicht — und möge dieselbe bei den meisten unserer Collegen noch so wenig Anklang stnden — daß der geeignete Ort, um Angriffe gegen das Judenthum zu vertheidigen, weder die jüdische Kanzel, noch die jüdische Presse sei. In unserm eigenen Lager bedürfen wir der Waffen nicht, und nach Außen leisten sie uns nur sehr geringe oder gar keine Dienste. Es hieße eine Stimme in der Wüste, die, so geredet, so verhallt, die mit dem eigenen Echo verendet, wollten wir unsere Spalten mit der Rechtfertigung von unserm Selbste ausfüllen. Wozu denn? Vorwürfe gegen unfern Wohlstand, der unserer Thätigkeit, unserm Fleiße, unserer Nüchternheit zuzuschreiben ist; Vorwürfe gegen unsere geistige Stärke; die wieder dem jüdischen Geiste, der jüdischen Erziehung ihr Dasein verdankt, diese Vorwürfe — andere hat ja Stöcker selbst keine — zu entkräften, die Wahrheit über unsre materielle wie geistige Existenz in unsrer Zerstreuung auf dem ganzen Erdbälle anzuerkennen: dies Alles bedarf unserseits weder des jüdischen Redners noch des jüdischen Journalisten. Dafür ist ja die Geschichte des Judenthums da; sie hält uns unsre Schwächen, gegen die wir nie blind sein sollen und wollen (und die wir auch vor dem Angesichte S's. nicht verheimlichen wollen), wie unsre Vorzüge (die S. vergebens zu bekämpfen sucht) vor Augen.— Doch halten wir es für angemessen, hier Urtheilen von nichtjüdischer Seite über Juden und contra Stöcker Raum zu gönnen. Hören wir zuerst das Urtheil eines Christen über die Juden, mitgetheilt von dem »Börsen-Cour.": »In der Breslauer Haupt- und Pfarrkirche zu St. Elisabeth hielt Herr Kirchen-Jnspektor, Pastor prim. Dr. Späth, die Sonntags-Amtspredigt über das Evangelium Mathäus, Capitel 22, Vers 34, über die vornehmsten Gebote: »Du sollst Gott lieben Deinen Herrn, un Du sollst Deinen Nächsten lieben als Dich selbst". Hierbei nahm der Redner Gelegenheit über die gegenwärtigen scandalösen Agitationen gegen die jüdischen Mitbürger zu sprechen. Er äußerte sich ungefähr wie folgt: „Leider seien die Menschen zu jeder Zeit geneigt gewesen, zu trennen, was Gott nach seiner heiligen Ordnung unzertrennlich verbunden habe. So sei es auch mit der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Es habe zu keiner Zeit, so lange dieses Doppelgebot bestehe, an Leuten gefehlt, welche es wagten, sich der Liebe zu Gott zu rühmen, während sie doch um das Wohl und Wehe ihrer Mitmenschen sich wenig oder gar nicht kümmerten, wohl gar nicht scheuten, denselben wehe zu thun, ja selbst sie za verfolgen, als thäten sie Gott einen Dienst damit. Wie viel Schmach sei doch auf die christliche Kirche von ihren eigenen Bekennern durch solches Verhalten gewälzt worden! Man möge sich nur erinnern an jene Unmenschlichkeiten, welcher sich einst nach der Eroberung Mexico's die glaubensstolzen Spanier schuldig gemacht haben, natürlich zur Ehre Gottes und zum Besten seines Reiches, oder an jene Frevel, welche in den Zeiten des Mittelalters auch auf Deutschem Boden an den Juden verübt wurden. Noch in den letzten Jahren mußten wir erröthen über die Judenhetzen an der unteren Donau, und es scheine, daß ähnliche ärgerliche Auftritte auch im Deutschen Volke, auch in Breslau im Anzuge seien. Gewisse Blätter werden nicht müde, in der gehässigsten und kränkendsten Weise unsere jüdischen Mitbürger der öffentlichen Verachtung preiszugeben, und durch Nährung der Abgunst und des Hasses darauf hinzuwirken, daß denselben die bürgerliche.Gleichberechtigung wieder entrissen werde. Die bübische Zerstörung, welche in den letzten Tagen in der Nähe der Synagoge verübt wurde, zeige hinlänglicy, welche Früchte durch solche Agitationen gezeitigt werden. Ob etwa Jemand glauben könne, daß ein derartiges Treiben sich mit dem Geist und Wort des Stifters der christlichen Religion vereinen lasse? So lange solche Dinge unter uns geschehen, sei unser Ruhm nicht sein. Es gelte sich mit Ernst dagegen zu erheben rc. rc." Das Pariser politische Blatt „Le Rappel" äußert sich folgendermaßen: „In einigen Tagen werden die preußischen Wähler an ihre Aufgabe schreiten, um die Deputirtenkammer zu wählen, deren Mandat abgelaufen ist. Der Wahlkampf hat gewisse intereffante Seiten. So hat sich es eine Fraktion der klerikal-pietistischen Parthei in den Kopf gesetzt, einen wahren Kreuzzug gegen die Israeliten zu organisiren. Das Haupt dieser Parthei, ein gewisser Pastor Stöcker, hat seine Gesinnungsgenossen zu einem großen Meeting vereinigt, wo derselbe gegen die Juden mit aller Heftigkeit deklamirte, kein anderes Ziel vor Augen habend, als die Wiederkehr der mittelalterlichen Ghettos, die Ausschließung der Juden von allen Aemtern und die Unterdrückung ihrer politischen Rechte".—So, daß wir wenigstens darin im Klaren sind, welche Ansprüche Herr Stöcker an die Juden zu stellen für berechtigt hält. Die „Union", das offizielle Organ des „Vereins evangelisch protestantischer Gemeinden" Nordamerikas bringt über „die Juden" folgenden Artikel, den wir nach der „Debora" mittheilen: „Wo haben die Juden das Meiste erduldet, wo sind sie auf das Heftigste verfolgt und auf das Grausamste gequält worden? Zu unserer Schande müssen wir gestehen, die geschworenen und bittersten Feinde der Juden sind die Christen, die Bekennet des Evangeliums der Liebe, gewesen. Christen waren es, die Abraham als den Vater der Gläubigen priesen und doch seinen Abkömmlingen fluchten; die Mosts Gesetz ehrten und doch seine Bekenner verfolgten. Christen waren es, die dem jüdischen Volke das Heimathsrecht versagten, keinen Verkehr ihm gestatteten und sogar das freie Bekenntniß seines Glaubens ihm wehrten. Christen waren es, die oft in die Häuser jener Unglücklichen einfielen wie Räuber, oder wohl von Haus und Hof, von Stadt und Land sie verjagten, um die Reichthümer der Vertriebenen zu plündern. Christen waren es, die während des Mittelalters mehrmals in Schaaren auszogen, um die jüdische Bevölkerung ganzer Ortschaften entweder zu bekehren oder zu morden, und jene Unmenschen, die einst am Rhein Tausende von Juden erschlugen und ihren Kreuzzug gegen die Ungläubigen an diesen Wehrlosen versuchten — sie waren Christen. Wo aber ist ein Volk zu finden, das mit dem jüdischen in seiner Treue, Ausdauer und Glaubensfestigkeit nur sich entfernt vergleichen dürfte.- Alles scheint wider die verachteten Nachkommen Abrahams sich verschworen zu haben, Alles auf ihre Im Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. Einige Aeußerungen von Frau Friedchen über Esthers „verfehltes Leben" bezog er auf eine möglicher Weise vorhanden gewesene Jugendneigung, aber auch dieser Gedanke schreckte ihn nicht. Er fühlte sich Manns genug einen Schatten zu bekämpfen, ja er hatte ihn, war er wirklich vorhanden gewesen, bereits siegreich bekämpft, denn er konnte sich nicht täuschen, seine Neigung ward erwidert, Esther liebte ihn. War sich der Professor seiner Empfindungen mit der ganzen Freudigkeit des Mannes bewußt geworden, der sich ein Leben aufgebaut hat und das Weib findet, das die Krone desselben sein kann und sein darf, so brachte über die arme Esther die Erkenntniß ihres Herzenszustandes namenlose Seelenqualen. Da stand er vor ihr, der Mann, der alle Eigenschaften besaß, sie glücklich zu machen, der dem Vater als Schwiegersohn so willkommen war, daß er Schritte gethan hatte, ihn für seine Tochter zu gewinnen, — aber nicht sie durfte die sein, der er M Theil ward. Vor ihr lag ihr so schmeichelnd, so lockend, als dürfte sie nur die Hand danach ausstrecken, um es zu ergreifen — und wie ein schadenfroher Kobold legte sich ein Verhängniß dazwischen, das seine L-chatten auf ihre ganze Jugend geworfen hatte, wenn sie dessen Schwere auch jetzt zum ersten Male voll bewußt war. — Man hatte Hanna nicht in Unwissenheit darüber gelassen, zu welchem Zwecke die Reise nach Charlottenbrunn unternommen, und die Kleine, welche die anderen Schwestern in derselben Weise hatte verheirathen sehen, nahm ihre bevorstehende Verlobung mit dem Professor schon als feststehende Thatsache an, denn es kam ihr gar nicht in den Sinn, daß Jener sie möglicherweise nicht wählen könnte. Esther krampfie es das Herz zusammen, wenn die Schwester davon plauderte, wie sie sich als Frau Professorin benehmen werde, sie einlud, sie oft zu besuchen, da sie sich ja so gelehrt mit Borchardt zu unterhalten verstünde und ihr vertraute, eigentlich langweilten sie solche Gespräche furchtbar, und im Grunde wäre ihr ein Mann wie ihre Schwäger so lieber, sie werde freilich Frau Professorin und dafür müsse man sich etwas gefallen lassen. „Was meine Seligkeit wäre, ist ihr ein Spielzeug", seufzte Esther, „und ich darf es der Hand des Kindes nicht entwinden!" . _ _ ihrer Schwester werden würde, darauf kannte sie ihn, lag aber darin wirklich ein Trost? Weil sie ihn nicht besitzen durste, sollte ihn deßhalb keine Andere beglücken? „Ja, einer Andern, die ihn beglückt, möchte ich ihn gönnen", fügte sie dann hinzu, „aber nicht Hanna, bie das nie vermag. Der Gedanke kam ihr auch, ob es nicht vielleicht schön sein könnte, wenn er der Gatte der Schwester ward und sie, durch nahe Verwandtschaftsbande ihm verknüpft, in innige geistige Gemeinschaft mit ihm trat, aber sie wies ihn sogleich wieder von sich. Ihr Verstand war zu klar, um sich über das Haltlose einer solchen Freundschaft zu täuschen; hier heißt es entweder voll besitzen oder ganz und rückhaltlos zu entsagen. „Ich will entsagen," war immer der Schluß ihrer Selbstgespräche, „will entsagen, weil ich muß; aber ich will von dem Sonnenschein, der durch ihn in mein Leben gefallen, die Strahlen aufsaugen, deren ich mich erfreuen darf. So lange wir hier zusammen weilen, aebe ich mich dem Zauber seiner Nähe, dem Genüsse seiner Unterhaltung hin, damit ich die Erinnerun^J ran mitnehme in mein fortan ödes, dunkles

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