Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 41/42 (16.10.1879)
- Date
- 1879-10-16
- Page
- [Seite 4] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bonn. In das preußische Abgeordnetenhaus sind —soweit man z. Z. übersehen kann — 4 Juden, Stadt- Verordneten-Vorsteher Dr. med. Straßmann und Direktor Ludwig Loewe in Berlin, Louis Wulfsheim in Potsdam und Dr. Marburg in Altona gewählt worden. Ihre Sitze haben verloren Laster, Rechtsanwalt Horwitz und Justizrath Freund in Breslau. Marktbreit a/M. Zu den Schulen, welche vor kurzem Berechtigung erhielten, gültige Zeugnisse für den einjährig-freiwilligen Militärdienst sausstellen zu dürfen, gehört auch die hiesige Handelsschule. Israelitische Schüler erhalten in dem mit der Anstalt verbundenen Penfionate des Vorstandes geeignete Verpflegung uud zweckmäßige Beaufsichtigung. Bnrgpreppach, im September. (Unlieb verspätet.) Der Unterzeichnete als Präsident des Vorstandes des hiesigen Talmud-Thora-Bereins, als Gründer und Leiter desselben, erachtet sich für verpflichtet, den Mitgliedern dieses Vereins, den zahlreichen Gönnern und edlen Freunden dieses Unternehmens, hierdurch mitzutheilen, daß es endlich gelungen ist, nachdem viele Schwierigkeiten, die hindernd in den Weg getreten, beseitigt worden sind, die Anerkennung des besagten Vereins von dem kgl. Bezirksgerichte in Schweinfurt zu erlangen. Es wird daher der Grundbesitz des Vereins, der in 2 Häusern besteht, die einen Werth von mehr als 25,000 Mark haben, nunmehr auf dessen Namen eingetragen werden, und kann in jeder Weise eine größere Thätigkeit entfaltet werden. Der Vorstand hat daher den Beschluß gefaßt, ein Anlehen von 5000— 6000 Mark bei einer Bank auf Annuitäten aufzunehmen, um mit dieser Summe alle noch vorhandenen Schulden und nothwendigen Ausgaben zu berichtigen, welche theils von einer Hypotheke, die noch auf dem früher schon acquirirten Hause haftet, theils von dem im vorigen Jahre begonnenen und in diesem Jahre vollendeten Neubau eines in jeder Beziehung vollkommenen entsprechenden Unterrichtslokals herrühren, damit von jetzt an und weiter alle Beiträge, Spenden rc. nachdem das Honorar der Lehrer entrichtet, der Unterstützung von würdigen, unbemittelten Zöglingen gewidmet werden können. Die Anstalt, die sich einer Frequenz von mehr als 60 Zöglingen aus allen Gegenden Deutschlands erfreut, die jedenfalls die besuchteste derartige israel. Schule in unserem Vaterlande ist, war zu unserem großen Bedauern durch die beschränkten Mittel, über die sie disponirte, sehr häufig in der traurige Lage, Gesuche und Aufnahme von braven, gut empfohlenen Eltern, von verlassenen Wittwen, von mittellosen Waisen zurückweisen zu müssen. Um diese Calamität zu beseitigen, um unfern engen Wirkungskreis zu erweitern, um kräftiger dazu beizutragen, daß der noch immer große Mangel an tüchtigen und charakterfesten Lehrern rasch aufhört und die vielen vacanten Elementar- und Religionslehrerstellen bald besetzt werden, erlauben wir uns die bisherigen Mitglieder des Talmud-Thora-Vereins, die würdigen Freunde dieses Unternehmens innig zu bitten, uns für die Folge das Wohlwollen und die edle Bereitwilligkeit, die sie bisher uns gewidmet, ungeschwächt erhalten zu wollen, und an alle theuren Brüder und Schwestern, die wahre und opferbereitwillige Sympathie hegen für die Förderung solcher Anstalten, deren Tendenz ist, Religiösttat, Wissenschafr und Bildung zu verbreiten, die aber bisher unserer Anstalt ferne gestanden, richten wir daher das dringende Ersuchen: tragen sie nach Kräften ihr Scherflein dazu bei, daß ein Unternehmen, das seine Existenz nur den heiligsten Motiven verdankt, das nur nach allgemeiner Verbreitung der größten und edelsten Güter strebt, so situirt wird, daß es den Kreis seines Wirkens stets erweitern könne. Wir haben auch alle Ursache, mit den bisher erzielten Resultaten zufrieden zu sein. So habin von 8 unserer Zöglinge, die sich tseils in der Vorbereitungs klaffe und theils im ersten Seminarkreise der Lehrerbildungsanstalten in Würzburg befinden, nach einem vor kurzem erhaltenen Berichte 3 ihre Jahresprüfnng mit der Note I und 5 mit der Note II bestanden. Herr Rabbiner Dr. Plato, Direktor dts jüdischen Seminars für Rheinland und Westphaalen, ließ uns vor einigen Wochen durch ein Mitglied des Consistoriums des erwähnten Seminars, das einen Anverwanoten zur Ausbildung hierherbrante, mittheilen, er sei mit 3 Zöglingen unserer Anstalt, die dort ihre Fortbildung erhalten, sehr zufrieden. Herr Distrikts-Rabbiner I. Adler in Kitzingen, der vorige Woche iy2 Tag lang in allen hebräischen Disciplinen eine eingehende Prüfung in allen Klassen vorgenommen, versichert uns, daß er mit den Leistungen in jeder Beziehung sehr zufrieden sei. Unfern Herrn Collegen und die Hrren Cultusvorstände, die uns so oft Knaben aus aus ihren Distrikten und Gemeinden zur Aufnahme und besonderer Berücksichtigung empfohlen, müssen wir darauf ^aufmerksam machen, daß wir nur dann ihre Intentionen erfüllen können, wenn ste sich mit allem Eifer bemühen, für eine kräftige Unterstützung unserer Anstalt zu agitiren. Wir sind von der erhabenen Ueberzeugung beseelt, daß bei dem lebhaft pulsirenden Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen ihre Bemühungen für einen solchen Zweck sich bald des erwünschten Erfolges rühmen können. A. Hirsch. Distrikts-Rabbiner. Aus Westfalen. Wie das schwarze Berliner Blatt: die ^Germania« so scheinen auch die Dortmunder „Tremonia" und die in Hagen erscheinende „Bergisch-Märkische Zeitung" — beide Blätter der klericalen Partei — es als ihre Aufgabe zu betrachten, mit fanatischer Wuth über die Juden herzufallen; ja sie würden, wenn sie die Macht dazu hätten, die finstern Zeiten des Mittelalters heraufbeschwören und eine allgemeine Judenhetze in Scene setzen. Erstgenanntes Blatt enthielt unlängst einen Artikel, voll des kraflesten Fanatismus, in welchem die bis zum Ueberdruß bekannten und schon längst abgedroschenen Redensarten: „Die Juden sind Schuld an den Wucher- und Maigesetzen; durch sie wird die Prefle beherrscht und alles Unglück herbeigeführt. Hiergegen erschien in der Dortmunder Zeitung ein mit: „mehre Israeliten" Unterzeichneter Artikel, in welchem der Redacteur der Tremonia deutlich zu verstehen gegeben wurde, daß er. falls er seine judenfeindlichen Schreibereien nicht einstelle, zu erwarten hätte, daß ihm jüdischerseits die Annoncen entzogen würden. Hierauf erschien in der Tremonia eine Replik, die an Verbissenheit und Wuth überströmte und worin die christl. Leser des Blattes aufgefordert wurden, ihre Einkäufe ja nicht mehr bei den Juden, sondern nur bei solchen Handlungen zu machen, die der Tremonia ihre Annoncen zukommen ließen. Solchem myttH gegenüber ist es erfreulich, auch einmal von wahrem Fortschritte und aufrichtiger Toleranz, berichten zu können. Bei den am 30. v. M. in den preuß. Landen stattgefundenen Wahlen, — wurden die Urwähler für die dazu ernennenden Abgeordnete zur bevorstehenden Legislaturperiode des Landtages in Berlin gewählt — sind in verschiedenen Wahlbezirken Westphalens Glaubensgenossen — in Iserlohn allein 4 — gewählt worden. Auch kommt es in hiesiger Gegend nicht selten vor daß Israeliten zu Wahlcommissaren oder als Stellvertreter derselben ernannt werden. Was wird Herr Hofprediger Stöcker und die andern Judenfresser zu solchen Auszeichnungen von ihnen so sehr verhaßten Juden sagen? M. Rosenwald, Lehrer. (Anmerkung der Red.) Hier zu Lande und wohin wir auch unsere Blicke im Deutschen Reiche wenden, ist Gott s. D. kein Rischus wahrzunehmen, wie dies in Westphalen der Fall ist, trotzdem viele Israeliten in Westphalen ganz und gar auf christlichem Fuße leben. Stehen doch in vielen Städten W. die Herren Metzger am rnt£> mit) 1*|D DY» selbst am fiJtPn "1 auf dem Fleischer-Markte rc. rc, sogar am "nsDn"*» soll dies der Fall sein. (Wie uns kürzlich mitgctheilt wurde, soll auch hiesigen Ortes eine Verletzung des Versöhnungstages in einer Wirthschaft stattgefunden haben, die um so tadelnswerther ist, zumal aus derselben "Il^D-Kost verabreicht wird.) Trotzdem sagen wir, werden ste gehaßt; vielleicht wäre dies nicht der Fall, wenn der Jude recht jüdisch leben und handeln würde. Der aufrichtige Christ hat alle Achtung für den wahren Israeliten. Ebenso wie wir alle Achtung für den frommen Christen haben. Und nun ausnahmsweise auch eine kleine Bemerkung über den hier stationirenden Reformprediger, der an seinem ersten (auch vielleicht letzten) '»TD in einer Rede sich dahin äußerte, als wären gerade diejenigen Juden am Rischus Schuld, die noch legen; und die wären es auch, die Wucher trieben. Eine derartige Zumuthung müssen wir nun entschieden zurückweisen. Es gehört wahrlich eine freche Stirne dazu, eine derartige Behauptung aufzustellen in Gegenwart von Anwesenden die — uns dies miltheilten und — wohl legen. *) Am Allerwenigsten braucht man hier zu Lande grade Juden gegenüber gegen den Wucher zu predigen. Denn seit dem Jahre 1848, da der seiner Gerechtigkeitsliebe wegen berühmte selige Oberprokurator von Ammon durch strenge Handhabung des Gesetzes etwa 10 Personen des hiesigen Landkreises des Wuchers angeklagt — von denen nebenbei gesagt, die meisten Nichtjuden waren, nach dem Gesetze verurtheilte, gehören Wucherprozeffe zur Seltenheit. Die vor 30 Jahren erlheilte Straflexion war so vortrefflich, daß seither die Klagen über Wucher völlig verstummten. Daher meinen wir auch, daß Predigten wie Schriften gegen Wucher für Bürger unseres Kreises wenigstens ganz überflüssig seien. * Deren Redlichkeit aber auch von Niemanden, als vom Redner allein in Frage gestellt wurde. Partenheim in Rheinhessen. Noch selten hat der Tod eines jungen Mädchens iu so weiten Kreisen und in allen Schichten der Bevölkerung solche innige I Theilnahme erregt, als der am 2. Tag pDtPPI erfolgte Tod des Fräulein Sabina Kahn, Tochter des Herrn Abraham Kahn. In einem Alter, in welchem gewöhnlich der Wirkungskreis eines Weibes erst beginnt, schloß hier ein junges Leben, das reich an schönen Thaten und Zügen von einer herrlichen Frauenseele zeugte. Stilles Wohlthun, mildes, freundliches Wirken, durchhaucht von tiefster Frömmigkeit, so war ihr ganzes jungfräuliches Leben, des eines in des Wortes schönster Bedeutung. So edel wie ihr Gemüth, so schön wie ihre Gestalt, so klar war ihr Geist. Ihrer großen Frömmigkeit halber war sie schon eine seltsame Erscheinung in unserer Zeit, die leider so wenig solcher Beispiele aufzuwelsen hat. So hauchte sie am 2. Tag tMTl Nachmittags 2 Uhr ihre Seele aus. Daß die leider so früh Verblichene aber auch die Liebe und Verehrung der christlichen Bevölkerung in hohem Grade besaß, bewies sich bei der Beerdigung. Eine so große Zahl Leidtragender, jeden Alters und jeder Confession, ist noch nie hier einem Sarge gefolgt. Am D12 wurde die Hülle der 21jährigen Jungfrau in den Schooß der Erde gesenkt, beweint von ihren gramgebeugten Eltern und Geschwistern, beweint von ihren Verwandten und zahlreichen Freunden, beweint von allen die sie gekannt. Und wahrlich Dtwn p r&SJ i"TOy* einen Verlust haben alle erlitten, ein schweres Leid hat Alle betroffen. Möge die Entschlafene sanft ruhen^ die schwergeprüfte Familie aber tröste Gott. 'n'lWn Mellrichstadt, 12. Okt. Die in Nro. 30/40 d. Bl. angekündigte Versammlung isr. Lehrer in Würzburg hat am 6. d. Mts. daselbst stattgefunden. Hieran betheiligten sich circa 60 Collegen aus Unterfranken. Den Vorsitz durch Acclamation erwählt, führte Herr Schuldirektor Stern in Würzburg. Nach einigen einleitenden Worten desselben wurde Berathung eröffnet über einen vom Comite ausgearbeiteten Statuten-Entwurf. Eine längere Debatte entspann sich über die jüdische Benennung dieses Vereins. Vorgeschlagen war: „Isr. Lehrerverein Unterfrankens" oder „D'HD^Drrart". Dieser letztere Name fand keinen Gefallen, und wurde derselbe in nun »vnnDi •hd^d rran umgewandelt. Auch die ursprünglich gezogene Grenze auf Unterfranken wurde erweitert und auf die drei fränkischen Provinzen: Obsr-, Mittelnnd Oberfranken ausgedehnt. Die Mitglieder des Vereines theilen sich in ordentliche, wirkliche Lehrer, und in außerordentliche, Nichtlehrer, erstere zahlen einen jährlichen Beitrag von 6 Mark, letztere die Hälfte. Wegen Kürze der Zeit konnten die vorgelegten Statuten nicht durchberathen und zum Abschluß gebracht werden, weshalb eine anderweite Versammlung auf roun anberaumt wurde, wo der Schlußstein zu diesem Verein gelegt, dieser mit dem 1. Januar 1880 in's Leben treten solle, bis dorthin das nöthige Material fertig zu stellen und sich hierbei von der Idee des bayer. Volkslehrer-Vereins leiten zu lassen. Schon von jetzt ab wurden die Zeitschriften: »Der Israelit" und der „Israelitische Bote" als Vereins- Organ bestimmt. Wir machen schon im Voraus aus die segensreiche Wirkung dieses Vereins aufmerksam, welcher sich zur Aufgabe stellt, einerseits — die fränkische israel.. Lehrerschaft in eine enge Zusammengehörigkeit zu verbinden, mit Unterstützung von Lehrer-, Waisen uud Wittwen, sowie dienstunfähig gewordener Lehrer, andrerseits—durch periodisch abzuhaltende Conferenzen eine einheitliche Methode in die isr. Schule zu bringen, sich gegenseitig zu belehren und zu ermuntern, um mit Lust und Liebe im Weinberge des Herrn zu arbeiten, eine religiöse Jugend heranzuziehen, dem drohenden Zerfall des Judenthums Schranken zw setzen. (Wir wünschen dem Vereine einen gedeihlichen. Erfolg. Red.) Ottensoser. Rumänien. Bukarest, 12. Okt. In der gestrigen Sitzung, der Deputirtenkammer bekämpfte der Abgeordnete Jonescu die Regierungsvorlage betreffend die Judenfrage, er gab jedoch die Naturalisirung derjenigen Juden zu, die in der Armee gedient haben. Hierz« eine Beilage.