Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 41/42 (16.10.1879)
- Date
- 1879-10-16
- Page
- [Seite 5] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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%■: v,: Beilage -es Israelitische« Voten zu Nr. 41 uni> 42. / Die Tochter als Minderjährige, als Braut und als Gattin. Treu nach der Talm. Literatur gezeichnet von vr. Jsaae Gastfreund in Wien. (Fortsetzung.) Wir dürfen diesen Ausspruch nicht in pessimistischem Sinne auffassen, um etwa daraus aus eine Unzufriedenheit des Vaters mit seiner Tochter zu? schließen. Denn auch dieser so befremdend klingender Ausspruch wurzelt in eigenthümlichen Umständen, die zu einer solchen Voreingenommenheit oder Mißachtung gegen die Tochter Veranlassung geboten haben. Nicht allein die religiösen und politischen Parteiungen innerhalb des jüdischen Volkes, nicht allein die Zerstörung Jerusalems' und die völlige Auflösnng des jüdischen Staates, nicht allein der unglückliche Ausgang des Var-Kochbach'schen Aufstandes, sondern auch die darauf folgende hadrianische Verfolgung, hatte Zerrüttung und Elertd heraufbeschworen, deren traurige Spuren auch bei den in andern Ländern zerstreuten Juden vorzufinden waren. Also nun, in Folge der verheerenden Kriege und mörderischen Schlachten waren die Reihen der Männer gelichtet, während die Anzahl der Wittwen gewachsen, wodurch selbstredend eine Ueberzahl van Frauen im Vergleich zu der der Männer entstand. Kann es demnach noch Wunder nehmen, daß Eltern, die ihre Tochter nur mit einem Glaubensgenossen verheirathen wollten, eine liebe Noth hätten, dieselbe rechtzeitig unter die Haube zu bringen? — Darf es etwa demnach noch Wunder nehmen, wenn es gesagt ward, daß es als ein besonderer Gottessegen gelten kann, wenn eine Mutter, statt, wie sie früher, blos Mädchen, nunmehr auch Jungen gebar? (vgl. Rab. Num. C. 9). Bedarf demnach der der Brust eines besorglichen Vaters entfahrene Stoßseufzer, daß wenn er dem Ueberbringer, daß seine Frau einen Jungen gebar, 200 Sus er demselben für die Nachricht, daß sie von einem Mädchen genaß nur 100 Sus als Belohnung aussetze, noch einer näheren Erklärung? (Tosephta B. Bathra C. 9). Betrachten wir nun die Abhängigkeits-Verhältnisse in denen die Tochter von ihrem Vater stand, da sie von ihm so lange in allen rechtlichen Beziehungen abhängig blieb, bis sie durch die Heirath in das Bereich des Mannes überging (Kethubot 48a u. b.), denn dus väterliche Recht, auch ihrer Mündigkeit, selbst wenn er sie nicht ernährt, bestand bis zu ihrer Vollreife fort (B. Mezia 12a. B. Kama 87 a. Kethubot 46b). Aber, das väterliche Recht war zur talm. Zeit nicht mehr eine drückende Gewalt, sondern eine, allerdings dem damaligen Zeitgeiste entsprechende Wohlthat als eine Fürsorge für die hülflose, der Belehrung bedürftigen jungen Tochter. Denn jenes biblische Gesetz, daß der Vater die Tochter zur Magd verkaufen könne, hatte schon zur talm. Zeit seine Geltung völlig eingebüßt (Gitlin 65a. Erachin 29. Kidduschin 69a). Dennoch wurde die Geldstrafe gewaltsam verführter Jungfer als Aequivalent des Mißbrauchs, consequenterweise nicht der Tochter sondern dem Vater vindicirt (Kethubot 40b). Dem Rechte des Vaters*) gesellte sich eine unabweisbare Pflicht hinzu, für die Verheirathung nämlich seiner Tochter zu sorgen, weil der Mann sich gewöhnlich nach einer Frau, nicht aber die Frau nach einem Manne umsteht (Kidduschin 2a). Dem Vater ist es als Pflicht geboten: seine Tochter an deren Pubertätstermine in die Ehe zu bringen (Aebamoth 62b), welche Sitte auch bei den Römern im Gange war; die Tochter nämlich am Pubertätsalter zu verheirathen (Roßbach: die römische Ehe S. 274), bei denen es häufig vorkam, daß Mädchen noch vor der erforderlichen Volljährigkeit verheirathet wurden (Friedländer: die Darstellungen aus der Sittengeschichte Rom's, Anhang zur S. 447). Dem jüdischen Vater ward es auserlegt, seine Tochter am Pubertätstermine in die Ehe zu bringen (Jebam. 62.6). Daher die Verlobte in Judäa auch nsiin d. i. die jugendliche, frühreise Braut hieß (Kidduschin 6. 6.) (Fortsetzung folgt.) *) Doch selbst der Vater durfte nicht seine Tochter loben (Pesachim 113. a). \ Ieitlmgsnachrichte« und Horrejpondenzen. Deutschland. Bonn, im October. Am zweiten und dritten Tag JTDD "n tagte im israel. Gemeinde-Saal zu Hannover der israelitische Lehrerverein der Provinz Hannover. Wir hatten die Ehre der Versammlung eine kleine Weile beizuwohnen. Herr Landrabbiner Dr. Meyer, Herr Professor Dr. Frensdorf, Director des Lehrer-Seminars und Herr Rabbiner Dr. Guttmann aus Hildesheim nahmen an derselben Theil. Herr Schlesinger aus Göttingen als Vorsitzender des Vereins leitete die Versammlung mit großem Geschicke und in taktvoller Weise. Ueber den Zweck der Versammlung stehen uns ausführliche Berichte in Aussicht. Am selben Tage wurde Herr I. Kaufmann als Vorstandsmitglied mit großer Majorität an Stelle des jüngst verstorbenen edlen Vorstandsmitgliedes Herrn I. Berendt n"y gewählt. — Herr Dr. Simon (Hannover) wurde zum Amtsrichter ernannt. Im Hotel Spanier erzählte man, die Mutter des Hofpredigers Stöcker lebe in Halberstadt in dürftigen Umständen. DJhr Sohn, der Judenfresser, sei ihr nicht so gut gestnnt wie das rühmlichst bekannte jüdische Haus Hirsch in Halberstadt, und daß die Veröffentlichung eines Schreibens der alten Mutter Stöckers an Herrn Hirsch in Aussicht stände. Wir unserseits wären bis auf Weiteres nicht geneigt der Sache Glauben beizumeffen. Bonn. (Einweihung der Synagoge zu Halberstadt.) Die jüdische Gemeinde in Halberstadt zählt glücklicherweise zu den seltenen, die von einer Theilung nichts wissen. Die Namen: Reform, Fortschritt, Austritt sind ihr fremd. Auch in zerklüfteten Gemeinden werden Synagogen und Tempel aufgeführt; bald ein Reformtempel mit Sang und Klang, bald eine bescheidene, prunklose Beistätte, wo gebetet und nicht gesungen, wo die Andacht stille und nicht bei berauschender Musik stattfindet. Doch was nützt edas Alles. Solange unser Gottesdienst Veranlassung zu Spaltungen, zu Anfeindungen gibt, kann derselbe unserm Gotte nicht angenehm sein. Nicht so Halberstadt. Da wurde ein Gotteshaus — ein wahres Gotteshaus gebauet, weil Gott drin ist, weil Eintracht und Friede in und außer dem Hause herrscht. Die Einweihung der Synagoge zu Halberstadt hot in Frieden stattgefunden. Alles betheiligten sich an der religiösen Feierlichkeit. Unter den hervorragenden Gästen sah man den Stadt-Oberbürgermeister Böttcher, Landrath Meyer, Oberprediger Thilo, die sämmtlichen L irectoren aller staatlichen und städtischen Schulen, den Präses der Stadtverordneten, den Platzcommandanten Major v. Zedwitz u. a. m. Von Auswärts waren ferner erschienen: Sr. Ehrw. Rabbiner Dr. Hildesheimer aus Berlin, die Herren Schwarzschild aus Frankfurt a/M., Herr B. M. Bondi aus Mainz. Herr Rabbiner Dr. Auerbach, anknüpfend an die Stelle zu Jesaja: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße" onn y-iam ^dd m'i hielt in tiefempfundenen Worten die Einweihungsrede. Dem Gebete für Se. Majestät den Kaiser, welches den Abschluß der musterhaften Rede bildete, folgte eine Ansprache des Herrn Präses Benjamin Hirsch an die andächtig gestimmte Versammlung,, worin der Gemeinde ihrer Opferwilligkeit wegen, sowie allen denen, die an der Feier Theil genommen lebhaft gedankt wird.*) — *) Wir gratuliren Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. Auerbach wie dem verehrten Herrn Präses B. Hirsch, denen das heut zu Tage seltene Glück zu Theil ward, zu einer ganzen Gemeinde reden zu können; zu einer Gemeinde auf welche ihr Seelenhirt mit Recht den Vers anbrachte: „Heute steht Ihr Alle da vor Gott: Eure Häupter, Eure Aeltesten, Eure Beamten: Alle sind sie nur von einem jüdischen Geiste beseelt, Bonn Wir wollen hiermit die traurige Pflicht erfüllen, unsere Notiz in der vorigen Nr. des Jsr. Boten, den raschen Tod des in der Gelehrtenwelt berühmten Rabbiners Meier Leibusch Malbim zu Kiew in Rußland betreffend, folgendermaßen zu ergänzen. In dem Tode Malbin's hat das traditionelle Judenthum einen unersetzlichen Verlust erlitten. Mit ungewöhnlichem Verständniß der hebräischen Sprache ausgerüstet, drang er in ihre verborgensten Geheimnisse, beleuchtete mit der Fackel seines viel umfassenden Geistes das Gotteswort, brachte es mit unglaublicher Beweiskraft in Einklang mit der überlieferten Lehre. Außerdem hat Malbim auf dem Gebiete der jüdischen Literatur und Wissenschaft erstaunliches geleistet. Als Exeget ist er bewunderungswürdig, als Talmudist nahm er unter den Autoritäten ersten Ranges Platz. Es gebricht uns leider an Zeit und Raum um heute mehr als das in diesen allgemeinen Sätzen Niedergelegte sagen zu können. Reden ja übrigens die unsterblichen Werke des großen Anwaltes der Thora genügsam für ihn. Leider, leider war das launeuhafte Geschick ihm nicht günstig. Er, der auf dem Wege der Weisheit vor keinem Hindernisse zurückschrack, der auf diesem Wege Berge in Ebenen verwandelte, fand auf den Wegen des praktischen Lebens nichts als unüberwindliche Schwierigkeiten. Es war ihm keine Ruhe gegönnt; denn nicht weniger als acht Mal war er genöthigt Berufsorte zu wechseln. Auch seine materielle Lage ließ gar viel zu wünschen übrig. Möge die in Armuth zurückgelassene Familie Malbims, der das versorgende Oberhaupt entrissen wurde, in Israel die Theilnahme finden, die jede Nation ihren großen Männern schuldet. Ihm aber, dem theuern Verblichenen, möge das Grab leicht sein! Möge seine Seele in den himmlischen Sphären der Ruhe sich erfreuen, die sie auf Erden lange vermißte! rD"23n Bonn. (Sachs-Vey.) In Baden-Baden starb in in der vorigen Woche auf der Durchreise plötzlich der Cr. med. Heinrich Sachs aus Aairo. Dr. Sachs aus Schlesien gebürtig, ließ sich vor etwa 20 Jahren als Arzt in Danzig nieder und erwarb sich schnell, namentlich als Operateur einen Ruf. Eines beginnenden Brustleidens wegen siedelte er 1861 oder 1862 nach Egypten über. In Kairo nahm er sehr bald eine angesehene Stellung ein und wurde auch Leibarzt des Khedive. der ihm den Titel eines Bey verlieh. Er genoß das Vertrauen der Einheimischen und der Europäer in gleichem Grade und bildete durch sein gastfreies Haus einen gesellschaftlichen Mittelpunkt fnr die Fremden von allen Nationen und eine Stütze "seiner Landsleute. Alljährlich pflegte er nach Deutschland zu reisen, um an den Fortschritten seiner Wissenschaft Theil zu nehmen, und so hat ihn jetzt auf einer solchen Reise ein jäher Tod ereilt. Er hinterläßt eine jugendliche Gattin. Die Beerdigung S's fand am Sonntag auf dem jüdischen Kirchhofe in Breslau statt. — In allen Kriegen, die Deutschland in den beiden letzten Jahrzehnten zu führen hatte, stellte er sich freiwillig zur Verfügung und hat als Feldchirurg Bedeutendes geleistet. Den Krieg von 1870/71 gegen Frankreich machte er im 1. Armeekorps mit und erhielt dafür das Eiserne Kreuz. (B. V.-Z.) Berichtigung. In der Beilage der Nummer 39—40, 3. Spalte, Artikel Bonn, soll es heißen: QV»nn und Ungvar anstatt Ungras. Im Artikel Cöln, 7. Zeile Rügen, anstatt Rühmen. Spenden -Verzeichnist. Für die arme, in Folge der Schwindsucht arbeitsunfähig gewordene Wittwe mit zwei kieinen Kindern sind bereits eingegangen: Durch Samuel Kahn in Witten a. d, Ruhr, bei dortigen Gemeindemitgliedern collektirt zus. 17 M. Prediger Dr. Z. Wolf, Biblis )Großh. Hessen) 3M. Frau Mayer Herzberg, Altena 3 M. Helene Seligmann, Kettwig M. 1,50. Anonym, Frankfurt a. M. 6 M. Herzlichsten Dank den edlen Wohlthätern. D'tp*» nuö^xi wüiw myom!"n inMw nsn nvi bi M. Rosenwald, Lehrer. Oestrich bei Letmathe. Frau Therese Gronau's Erstes jittB Töcliter - Pensionat. Aufnahme von Zöglingen. Gediegene vielseitigste Ausbildung. Pensionspreis 260 Thaler. 2483 Berlin, Thiergarten, Moltkestr. 4.1. i