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Der israelitische Bote · 1879-10-16 · 41/42 (16.10.1879) · p. [Seite 2]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
41/42 (16.10.1879)
Date
1879-10-16
Page
[Seite 2] (sequence 2)
Language
German
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änderu.'.g unserer inteUecten und moralischen Begriffe. Das Decmometer um Menschen uns Dinge zu meffen befinde! sich in unserer Gefühlswett: fühlen wir gul und edtt, rttn und sittlich, da erschein: uns die Außenwelt in einen: ganz andern Lichte, wie in dem Zustande, da uns die Leidenschaften unserer Vernunft berauben. Sieht ja das unschuldige Kind die Welt mit ganz andern Augen, in einer ganz andern Gestalt als der weniger unschuldige Jüngling, dieser wieder anders als der noch weniger unschuldige reifere Mann, den: bald in der ganzen lieben Welt nichts mehr Wahres, Gutes vorkömmt. „Ich dachte in meiner Zerfahrenheit, der ganze Mensch wäre eitel Lug und Trug" (Psalm 116, 11). Wollen wir daher Gott außer uns, in Menschen und Dingen wahrnehmen, so müssen wir ihn vor Allem in uns selbst empfinden. Wie es aber Ein Mal im Jahre die Aufgabe des delegirten Hohenpriesters gewesen, auf ein Jahr hinaus für das Seelenheil, für die Veredlung seines Volkes sowohl wie für seine eigene und die seines Stammes den Weg zu bahnen, so bekundete er auch seine väterliche Liebe für Diejenigen, für die er das Wort zu führen hatte, indem er ein rührendes Gebet für ihr leibliches Gedeihen, ihren Wohlstand, ihren Frieden, das Gelingen ihrer Arbeit seinem Gotte vortrug. Er hatte dabei das Wohl der Gesammtheit wie dasjenige jedes Einzelnen vor Augen. Dieses Gebet findet Ihr im heutigen Mussaf eingeschaltet. Betet es ihm andächtig nach. Möge es Gott aus eurem Munde erhören, wie er es einst ans dem Munde des Verfassers, des großen Ahroniden erhörte! II. Mer Blicke waren auf ihn, den „Großen" unter seinen Brüdern, an dem heiligsten aller Tage gerichtet. Aller Hoffnungen knüpften sich an den Erfolg seines Gebetes. Lagen ja in seinem Herzen die Gefühle der ganzen Nation, gingen ja mit seiner Stimme die Stimmen von Millionen zum Himmel empor. Für unsere Väter im alten Israel war somit der Versöhnungstag ein verheißungsvoller, ein entscheidender, von dem sie mit Recht sagen dursten: DVQ1 IDHir» 012. Was soll er aber für uns sein? ür uns, wo jeder auf sich hingewiesen, wo jeder für sich die Rolle eines Hohenpriesters zu versehen hat. Wahrlich, meine Freunde, der Tag ist derselbe geblieben; und hat er auch an der Form eingebüßt, an seinem äußern Glanze verloren, so hat er doch an Bedeutung und Inhalt nichts verloren, denn er ist es, der uralt und ewig neu bleibt. Auch für uns gilt die Norm, sieben Tage vor S"DIT Vorbereitungen zu treffen, auf daß wir durch Läuterung der Gesinnung, durch gottgefällige Werke es dahin bringen, am großen Tage vor Gott — nicht im Bußegewande der Verstellung, sondern — als wahre Menschen zu erscheinen; nicht bußfertig Menschen gegenüber, sondern wahr und gerecht unserm Gewissen, dem Allwissenden gegenüber zu sein. Auch uns liegt es ob wie ehemals dem Hohenpriester, Loose zu bestimmen: Eins für Gott den Herrn und Eins für Asasel. Erst muß die Sünde fortgeschafft werden, mit andern Worten: erst müssen wir die Sünde verlassen, und dann dürfen wir es wagen, vor Gott mit unserm Verlangen zu treten. Oder könnten wir wirklich thöricht genug sein und uns dem Wahne hingeben in dem Glauben, daß unser heutiges Tagewerk, weil es in ununterbrochenem Beten bestehe, von Erfolg gekrönt sein müsse, so wir mit der alten Wirthschaft nicht aufgeräumt, selbst dann, so wir die Sünde, anstatt sie nach Asasel fortzuschaffen, in unserm Innern verschlossen hielten? Denen, die in dieser Hoffnung sich wiegen, hat Gott längst durch seinen Propheten sagen lassen: Und wenn ihr auch Gebete aus Gebete häufet, ich höre nichts davon" (Jesaja 1,16). Denket aber ja nicht m. F., daß es zu gewagt oder geradezu Unrecht sei, dem jüdischen Volke zumnthen zu wollen, daß es selbst an seinem Versöhnungstage es nicht aufrichtig mit seinem Gotte meine, daß es selbst an diesem Tage die Sünde nicht beseitige. Leider nicht! Gehen ja die meisten unter uns von dem vulgären Grundsätze aus: „Was nicht verboten, ist erlaubt." Und darin bestehet die jüdische Sünde. Nach Neichthümern streben, Schätze anlegen, weltlichem Vergnügen huldigen ist Niemand verboten, und doch sollten wir, Juden, in diesen Punkten allen Andern mit dem Beispiele der Genügsamkeit wie der Enthaltsamkeit voranleuchten. Heißt es doch in den mosaischen Vorschriften für den jüdischen König (Deut. XVII. 16.17): „Er soll sich von Silber und Gold nicht viel anschaffen; er soll nicht Vielweiberei treiben, auch soll er sein Fuhrwesen nicht allzu reichlich ausstatten, indem er sich der Pferde Anzahl erwerben wollte" (Deut. idem). Wenn es nun dem jüdischen Fürsten als Sünde angerechnet wurde, glänzenden Hofstaat zu führen, sollte dies bei seinen „Brüdern" minder Sünde gewesen sein? Wenns dem Fürsten in Israel verboten wird Luxus zu treiben, sollte es dann Israel selber nicht sein? Oder könnte vielleicht das, was dem alten Israel moralisch untersagt wurde, dem heutigen Israel erlaubt sein? Freilich haben mit der Zeit auch die Verhältnisse sich geändert, doch hat denn die Moral sich auch geändert? Aber selbst wenn dem so wäre, selbst wenn die herrschenden, modernen Begriffe über Moral diejenigen unserer Väter verdrängt hätten, oder wenn wir überhaupt keinerlei Vorschrift besäßen, die unfern Reichen Großthun verböten, so wäre es die praktische Vernunft, die uns bescheidene Lebensart dictiren würde. Denn wollen wir in der Welt als Mustervolk gelten: ja, wollen wir mit der Außenwelt in Frieden leben; wollen wir nicht ohne Aufhör feindlichen Angriffen ausgesetzt sein: so müssen wir durch Tugend und nicht durch äußern Glanz imponiren. Israel, Träger der sublimen Idee des Monotheismus, der Idee eines unsichtbaren, allmächtigen Wesens, Gott genannt, darf diesen nicht dadurch verleugnen, daß es materielle Götter in Form von Silber und Gold anbete, daß es Geld für die Seele betrachte. Israel muß seiner idealistischen Bestimmung leben: wohl Vermögen erwerben um zu leben, aber nicht leben um bloß zu erwerben. Nur als Idealisten ist man gewöhnt uns zu sehen, wie wir auch nur als solche von und vor unserm Gott gerne gesehen werden. Hat doch der Hohepriester die heiligen, goldenen Gewänder, in welchen er sich dem Volke zeigte, mit einfachen von Leinen vertauschen müssen, in dem Momente er das Allerheiligste betrat. Möge uns sein Thun auch da belehren: am heutigen Tage jene verlockende Sünde zu bereuen, die zwar jedem Andern gestattet, die jedoch nur allzu oft auf den Weg der Begriffsverwirrung von Mein und Dein, der Unehrlichkeit führt und die nimmermehr vorgeworfen werde den Kindern Abrahams, Desjenigen, der das Angebot eines Königs mit den Worten zurückwies: „Im Namen Dessen, der Himmel und Erde besitzt, schwöre ich, auch nicht einen Faden zu nehmen von allem was dir gehört; und Du sollst nicht sagen: Ich habe den Abram reich gemacht." (Gen. XIV, 23) in. Und wahrlich m.F., gibt es keine bessere Predigt, kein wirksameres Mittel, um uns die Lehre der Enthaltsamkeit einzuschärfen, als der heutige Tag selbst. Von allen religiösen Pflichten, die sich mit der Feier des Tages verknüpfen, ist unbestritten die das Fastens die strengste und inhaltsschwerste. Doch will das Fasten auch verstanden werden. Entziehst du deinem Körper die Nahrung, so hast du nur schlecht gefastet; bekennst du dich im fastenden Zustande zu Gott, dann hast du wirklich gut gefastet. Fastet und erkennet Euch! Fastet und erkennet Gott! lautet die Parole des Tages. Fastet und erkennet Euch! OMensch, zürne deinem Gotte nicht, der dir Fasten auferlegt! Bringe gerne ein Opfer, das Gott von dir verlangt. Er verschreibt dir ein Rezept der Enthaltsamkeit, damit es dir Heilung gewähre. Kennt doch Niemand deine menschliche Natur besser, wie dein Schöpfer selbst, der da weiß, woran du leidest. Er weiß es, wie oft du im Jahre dir schädliche Ausschreitungen im Genüsse begangen; wie oft du gegen deine Natur gesündigt, indem du dich zum Genüsse zwangst; wie oft du seiner Gaben mißbrauchtest, indem du die dir angewiesenen Mittel zu deiner Erhaltung in dich zerstörende Ursachen verwandeltest. Er kennt aber auch, ebenso wie die Beschaffenheit deines Leibes dein inneres Wesen, das du Seele nennst. Er kennt deine Eitelkeit, deinen Uebermuth, deinen Hochmuth, deine Habsucht wie all' die Untugenden und Laster, die du in dir großgezogen. Und deshalb legt er dir einen Tag der Demüthigung und der Beschränkung auf, an dem dir verordnet wird, dich zu untersuchen, dich zu erkennen, dich zu kuriren, an dem dir versprochen wird, all dein Vergehen dir zu verzeihen. Fastet und erkennet Gott! Fastet mit dem Gefühle der Liebe und Verehrung zu Gott. Wer den ganzen lieben Tag von vierundzwanzig Stunden nicht ißt, dabei aber mißvergnügt dreinschaut, die Zeit zu vertändeln, zu verschlafen oder mit gedankenlosem Beten zu tödten sucht, der, m. F., hat geistig nicht gefastet. Der wird mit dem Israel des Jesajas verzweifelt ausrufen: „Wozu habe ich denn gefastet, wenn Du, o Gott, es nicht gesehen!" Aber auch Denen, die zwar scheinbar geistig fasten, Gott mit den Lippen anrufen, sich heute körperlich peinigen, dabei aber sich selbst vergötternd über Andere sich stolz erheben, oder, was noch verwerflicher ist, irdischen Besitz für Gott halten, dem sie Alles, Alles: Ehre, Nächstenliebe, Gerechtigkeit, alles Edle und Bessere, das dem Menschen Werth verleiht, zum Opfer bringen, auch denen gilt der Vorwurf: D2D12 21^2 >6n" "lysn 1X2ön Gott hat euer Fasten nicht genehmigt, weil ihr nur schlecht gefastet; ihr habt euren Leib gepeinigt, ohne euer Herz veredelt zu haben; ihr habet in euren Gebeten zwar Gott den Allmächtigen, den Allwissenden angerufen, doch in eurem Herzen thronen fremde Götter: die des Egoismus, der Habsucht, die von Silber und Gold; und wäret ihr an eurem Fasttage wirklich zu meiner Erkenntniß gelangt, dann solltet ihr ja wissen, daß sich ein allwissender Gott nicht täuschen läßt. — Daher, m. F., wenn wir es mit unserm heutigen Beten und Fasten aufrichtig meinen: wollen wir, daß unser heutiges Tagewerk ein gottgefälliges, ein moralisch stärkendes Anempfindens oder Anbequemens zu sein, Zeugniß ablegte für ihr reifes selbstständiges Denken. Nicht selten sprachen sie gleichzeitig dieselbe Bemerkung aus und lächelnd hatte Borchardt zuweilen hingeworfen, sie brauchten eigentlich gar nicht mit einander zu reden, sie verstünden sich schon ohne Worte. Neben diesen geistigen und seelischen Vorzügen kam Esthers schöne äußere Erscheinung zwar erst in zweiter Linie in Betracht, trug aber immerhin wesentlich dazu bei, den Eindruck, den sie auf den Professor hervorbrachte, zu erhöhen. Sie war die Tochter ihres Vaters, groß, schlank, mit ernsten, charakteristischen ^ügen, während die beiden anderen Schwestern verengte Abbilder der Mutter waren und man, wenn man die drei zusammen sah, genau bestimmen konnte, wie Hanna mit sechsundzwanzig und wie sie mit 50 Jahren aussehen werde. Ob Borchardt derartige Berrachtungen anstellte, war sehr zweifelhaft. Für ihn waren die anderen Damen nur die unumgänglichen Zugaben, die er mit der Gesellschaft Esthers in den Kauf nehmen mußte. Während er Frau Löwenthal's hochtrabenden Reden zuhörte oder sich Hannchens kindiches Geplauder gefallen ließ, dachte er an das soeben nit Esther geführte Gespräch oder an das, worüber r ihre Ansicht einholen wollte. War sie bei ihm, so er in ihre Augen, war sie fern, so beschäftigten ihn diese wundervollen, tiefen, klaren und dabei so unnennbar traurigen Augen, die ihn, so sehr er Esther verstand und so innig er sich von ihr verstanden wußte, doch immer wie ein Räthsel anblickten. Es war ihm, als hätte er diese Augen schon gesehen, ja noch mehr, als hätte ihn die Erinnerung daran durch das Leben begleitet, als hätte er sich unbewußt nach ihnen gesehnt und habe jetzt, da sie ihm wieder leuchteten, einen Schatz gefunden, der ihm in dunklen, geheimnißvollen Worten und Zeichen verheißen worden war, nach dem er die ganze Welt durchirrt und durchforscht habe. Wo er sie aber geschaut, ob im Wachen oder im Traume, darüber vermochte er sich keine Rechenschaft zu geben, und streng genommen, wollte er es auch nicht. Sie war da, er hatte sie gefunden und immer festere Gestalt gewann das schöne Zukunftsbild, das er sich entwarf. Mit Rührung gedächte er des Ausspruchs seiner Mutter: „Gott kommt nicht selbst vom Himmel, erschickt seine Boten." Wenn Mendel Freund wirklich das Zusammentreffen mit den Löwenthals arrangirt hatte, und Frau Friedchens und Frau Rosenblatts Benehmen ließ ihm darüber kaum einen Zweifel, so hatte der kindliche Glaube der alten Frau gegen seine Professorenweisheit Recht behalten. — Mendel war wirklich das Werkzeug geworden, dessen sich Gott bediente, ihm sein höchstes Erdenglück zuzuführen. Daß man ihm Seitens der Löwenthal'schen Familie Hanna und nicht Esther zugedacht hatte, konnte ihm ebenfalls nicht entgehen, die Art und Weise, wie ihm die Mutter die Kleine rühmte und wie sich diese selbst halb abwehrend und halb als zu ihm gehörend gegen ihn verhielt, verrieth das genugsam. War er auch darüber etwas befremdet, so erklärte er es sich damit, daß man Esther für zu alt für ihn gehalten, oa man gewohnt war, die Töchter mit siebzehn oder achtzehn Jahren zu verheirathen. Er sagte sich indeß, schließlich werde es den Eltern ja wohl einerlei, wenn nicht noch lieber sein, daß er die ältere statt der jüngeren Tochter heirathe. Irgend ein existirendes ernstes Hinderniß gegen eine solche Verbindung ahnte er nicht. Daß Esther unverheirathet geblieben, während ihre jüngeren Schwestern eine nach der andern an den Mann gebracht wurden, hatte er sich dadurch erklärt, daß sie ein Character war, der sich nicht dazu entschließen konnte einem ihr in der traditionellen Weise zugeführten Manne ihre Hand zu reichen und daß sie eine Bildung besaß, der keiner der Männer entsprach, die sie als die Tochter ihrer Eltern heirathen durste.

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