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Der israelitische Bote · 1879-10-16 · 41/42 (16.10.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
41/42 (16.10.1879)
Date
1879-10-16
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Donnerstag. Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen . alle Postanstalten entgegen. v. Jahrgang. Leitender Artikel. Predigt gehalten in der Religions-Gesellschaft bilp zu Bonn am p'si? D'in ll'>11D2,1 Dl*», von G. Rosentheil Text: JesajaS LVIIT, 3, 4, 5. „Warum haben wir gefastet, Und du hast eS nicht gesehen!" Meine Freunde! Von all' dem Großen, Schönen und Erhabenen, das wir auf Erden bewundern, giebt es Nichts, das unser Interesse dauernd zu fesseln im Stande wäre. Nichts ist so groß, als daß es nicht mit der Zeit an Größe verlöre: nichts so schön, daß es mit der Zeit nicht an Anmuth, nichts so erhaben, das mit der Zeit nicht an Würde einbüßen würde. Gott allein, dem uns unbegreiflichen Wesen, gebührt die Huldigung und der Ruhm eines stets „Neues schaffenden"!), veil er sich wirklich mit der Zeit nicht verändert, weil er die Menschen wirklich durch ungeahnte Geschehnisse stets überrascht. Auch ünsere Sabbate und sonstigen Feiertage haben mit der Zeit bei Vielen von uns an Ansehen verloren; sie werden von gar Vielen wie Alltagsgäste behandelt. Doch haben wir einen Tag, der uralt ist und doch ewig neu bleibt, es ist dies der lirntP H2t7, der Größte unter den Großen, der B"3rp. Ein Tag, der von Allen hochverehrt, von der Außenwelt bewundert und an den himmlischen Wesen selbst nicht spurlos vorüberzieht. Sagen wir ja in unserer;• Andacht : die Engel fahren zusammen, Zittern ergreift sie beim Herannahen des Tages, da Gott zu Gerichte sitzt.?) Unsere Väter haben noch diesen Tag in seiner Glanzperiode gesehen, zur Zeit als ganz Israel nur Ein Gotteshaus p!2",12, und dieses Gotteshaus — in Anbetracht des SD"rP mindestens — nur Einen Gottesdiener, den Hohenpriester, kannte^); den Hohenpriester, der an jenem würdevollen Tage zum Dolmetsch zwischen Israel und seinem Gotte erkoren wurde; den Hohenpriester, dem in seiner Eigenschaft als Vertreter der Gesammtheit, auch das Seelenheil, das Wohl jedes Einzelnen am Herzen liegen mußte, da doch im Grunde genommen Gott jeder Einzelne genug wichtig, ~ rotsnn ntyy i) ynn d,p run nowi ">21 psrn w2xvm 2) .12 *6« rmtso nni2yn -2 8) Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. Bonn, 1«. Oktober 1879 (5640). sowie auch jeder Einzelne vor seinem Richterstuhle verantwortlich ist;!) den Hohenpriester, den der Poet mit dem Regenbogen in den Wolken vergleicht5), der durch sein wunderbares Farbenspiel das Auge entzückt und in seiner Größe alle Farben in sich vereinigt; denn auch Er, der Gesandte Israels, hatte an dem Versöhnungstage alle Stände, alle Richtungen, alle Interessen seines Volkes zu vertreten. Das Alles hat sich nun längst geändert: Anstatt einem einzigen Gottekhause, einem einzigen Gottesdiener begegnet der große Tag in unserer Mitte leider oft nur allzuvielen. Sammeln wir uns daher, m. F., für einen Moment — und wenn dies auch nur in der Vorstellung möglich ist — und beobachten wir die interessante, vielbesungene Person des ehemaligen Gottesdieners am Versöhnungstage in ihrer zweifachen Rolle, dem äußern und dem innern Dienste6), in dem, was sie gesagt und gethan. I. „Und kein Mensch bleibe im Offenbarungszelte, während Ahron hineingeht in das Heiligthum um es zu sühnen, bis er wieder herauskömmt und für sich, sein Haus und die ganze Versammlung Israels die Sühne gethan." (Levit. 16, 17). Ahron bleibe während seines Diestes im Innern sich allein überlassen, kein sterbliches Wesen sei Zeuge seines Thuns, vor Gott allein soll er stehen. So lange der Mensch in seinem Thun menschlichen Augen ausgesetzt ist, fehlt er auch nur selten, die Sünde tritt zumeist nur dann ein, so er aller Beobachtung sich entzogen, so er Niemandem Rechenschaft von seiner That schuldig ist; wer daher in unbewachten Augenblicken seines Lebens sich nicht vergißt, Herr seines Thuns bleibt, der hat ben besten Beweis dafür geliefert, daß die Versuchung an ihn nicht heran kann, weil er moralisch stark genug ist. Die vem' Hohenpriester aufgelegte siebentägige Jsolirung vor dem Beginn des Versöhnungstages T) sollten denselben für sein Alleinsein mit Gott im DTOHpH tSHp vorbereiten. Hat er nun die Lehre, die er draußen erhalten, im «Innern^ nicht vergessen, hat er anstatt jeder fremden Controle sein eigenes Gewissen darüber wachen lassen, um das mahnende Wort der Aeltestenb) treu zu bewahren, dann hat er die Probe glänzend überstanden und soll als Preis dafür von seinem Gotte ■JUD VJ22 WEb ^1217 >82 i>21 4) .p2 nmo pyr; 7m ntrpn 711Q12 5) •D’OS 7111271 pn mi27 6) 121 y'n2 prnsD v>n s"2rr> aiip ww 717217 7) 121 N21771 xbw ybv uk ^y2i7!2 8) Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. Zahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbeten. Mo. 41 u. 42 die Sühne für sich, sein Haus und für ganz Israel erlangen. Ja, m. F., das Haupt der Aroniden soll seinem Hause, seinem Stamme, dem ganzen Israel mit dem Beispiele der Selbsterkennung, des Eingestehens der begangenen Fehler voranleuchten. „Er verbarg die Sünde in seinem Innern nicht" o) Weit entfernt auf Unfehlbarkeit Anspruch zu machen, thut unser Hohepriester gerade das Gegentheil: „Ich, mein Haus, Israel haben, wissentlich und willig, oder ohne Wissen und Willen, das Böse begangen; o Gott, Verzeihemir und ihnen"! so sprach er. Nicht nach dem Vorgehen derer, die eine Versöhnung zwischen Mensch und Mensch zu bewirken haben und dabei zu falschen Vorspielungen ihre Zuflucht nehmen, Fehler beschönigen, verheimlichen, durch Lüge Wohlwollen erzielen müssen, verfuhr derjenige, dem die Aufgabe zufiel, die Gnade Gottes für Menschen zu erflehen. „Er soll nicht sterben-10) Zögere nicht, Priester, dich vor deinem Gotte als schuldig anzuklagen und deine Sünde soll verschwinden; sobald du sie nur aus dem Herzen über die Lippen gebracht, wird sie sterben, aber nicht Du "). Sie wird sterben mit dem Thcere zugleich, das Du heute nach Asasel geschickt. Allein, m. F., um gottgefällig zu werden, genügt es nicht, nur das Böse zu verbannen; hat ja der Hohepriester auch Ein Loos für Gott bestimmen müssen. *2) Sind die Sphären, die das Laster beherrscht, einmal von ihm frei geworden, hat die Macht der Süude die Herrschaft verloren, dann ist es Zeit, »das Loos für Gott" niederzulegen: die Gottheit in Dir wieder walten zu lassen. „Der Bock, den Ahron Gott opfern sollte, sagen die Gelehrten der Mifchna, durfte erst dann seiner göttlichen Bestimmung hingegeben werden, wenn bereits der Bock für Asasel seinen Bestimmungsort erreicht gehabt hatte". „Wodurch konnte man aber an der Opferstätte genau erfahren, wann der Sündenbock in der Wüste angelangt"? Rabbi Jsmael antwortet: „Eine rothe Fahne war am Portale des Tempelpalastes angesteckt gewesen, und sobald der Sündenbock in der Wüste angelangt war, wurde die Fahne schneeweiß, sowie es heißt: wenn eure Sünden wie rothe Fäden sind, so werden sie weiß wie Schnee werden." (Mischna, Joma). Die Fahne ist weiß geworden! Als wenn er sagen wollte, daß mit dem Verschwinden der Sünde auch deren Symbol, die rothe Farbe verschwinde. Ja, die Farben — die Eindrücke, die unsere Wahrnehmung für etwas bestimmen — wechseln wirklich mit der jeweiligen Ver- .ptt *6 12H2 WS 9) .MW >6l 10) •Dwon Ivw xb* 2TD wxwn iarv> 11) "ib IHK 71U 12) Im Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. „Was meinen Sie, Rosenblatt, er will vielleicht warten, bis wir wieder in Frankfurt sind, so ein Mann macht nun einmal Alles anders wie andere Leute", sagte sie eines Tages zu ihrem Schwiegersohn. „Sind Sie denn überhaupt sicher, daß er Hanna heirathen will?" fragte dieser dagegen. „Reden Sie keine Narrischkeiten, lieber Sohn," entgegnete sie eifrig. „Er ist ja jeden Tag bei uns, „erröthend folgt er ihren Spuren, „kann man sagen, es ist wahrhaftig eine Liebesgeschichte." »Eine Liebesgeschichte, ja so scheint's mir auch, aber mit Esther." „Gott soll uns behüten und bewahren!" rief Frau Friedchen die Hände zusammenschlagend, „wie können Sie nur so was reden, mein Sohn." „Mit wem geht der Professor auf der Promenade, mit wem unterhält er sich, mit Esther oder mitHanna? fuhr Rosenblatt, ohne sich irre machen zu lassen, fort. »Er ist ein Gelehrter und Esther ist eine Gelehrte," antwortete Frau Löwenthal, „da unterhält er sich mit ihr, aber heirathen wird er Hanna, die ist ihm ja geschadchent." „Das beweist gar nichts, ich sage Ihnen, er meint Esther." „Und ich sage Ihnen, er meint Hannchen. Sie haben immer solche aparte Ideen, Rosenblatt. Schicken Sie da gestern in's Concert und lassen mich herausrufen, ich habe wahrhaftig gedacht, es wär' ein Unglück passirt, Gott soll Hüter Israels sein. Und dann ist's um die Jungfrau. »Ich las den Zettel, sah, daß der Monolog aus der Jungfrau declamirt wurde und fürchtete, Sie könnten mit declamiren." „Ich kann den Monolog auswendig, ich kann sie alle beide, »Lebt wohl ihr Berge", und »bie Waffen ruhen!" rief Frau Löfenthal eifrig, „und hält' sie ebenso gut declamiren können, wie die berühmte Schauspielerin, aber daß ich mitspiele, das hätten sie mir nicht zuzutrauen brauchen. Bin ich denn keine gebildete Frau? Der Professor wird mir so was nicht thun, darauf gebe ich Ihnen mein Wort." „Wenn er erst Ihr Schwiegersohn ist", — lachte Rosenblatt. „Mit Ihnen will ich mich nicht streiten," versetzte Frau Friedchen, bei der dieser Schwiegersohn nie besonders angeschrieben war, und rauschte davon. „Er meint doch Esther", sagte Rosenblatt, ihr kopfschüttelnd nachsehend, »nun, meine Sorge, wenn sie nicht hören will, ich Hab' meine Schuldigkeit gethan. Meiner Frau werde ich aber doch meine Meinung sagen." Der Verkehr zwischen Esther und dem Profeffor war in der That vom ersten Moment ihres Zusammentreffens an ein sehr reger und angeregter geworden und hatte wenig von jenem oberflächlichen Gesellschaftsion, wie er in Kurorten häufig selbst zwischen Leuten herrscht, die sich täglich und stündlich zu sehen pflegen. Borchardt fand sich zum ersten Male in seinem Leben einer Frau gegenüber, deren geistige Bildung der seinigen entsprach, deren gesellschaftliche Formen ihn nichts von der Gewandtheit und feinen Zurückhaltung vermissen ließen, die ihn in den Kreisen, in die ihn seine Stellung führte, stets so wohlthuend berührt hatten und die doch gleichzeitig demselben Boden entwachsen war, in dem sein eigenes Dasein wurzelte, die, wenn auch unter anderen Verhältnissen, denselben Lebensgang wie er gemacht hatte, also ein volles Verständniß besaß für die Bedingungen, unter denen er sich entwickeln mußte. Was er auch mit ihr besprach, überall begegnete ec einer Gleichartigkeit der Anschauungen, die, weit entfernt von ihrer Seite das Resultat des sogenannten

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