Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 39/40 (29.9.1879)
- Date
- 1879-09-29
- Page
- [Seite 6] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leitender Artikel. Zum N12O-Feste. „Und du sollst dich freuen an deinem Feste." (Deut. 16. 14). Wenn des Dichters Wort: „Wo man singt, dort lass' dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder" psychologisch begründet ist; wenn es wahr lst, daß man, um Lieder anzustimmen, nichts Böses im Herzen haben dars, dann wird es uns auch klar werden, daß das N12V-Fest ein «Freudenfest" (l^NNVL) pl) genannt wird: die Zeit, wo die Freude sich bei uns niederlasien soll. Denn nur ein Volk wie Israel, das einen D"2N'> aufzuweisen hat, einen Tag, dem kein anderer gleicht; einen Tag, von dem Jeder der ihn miterlebt, sich sagen darf, „Nun kann ich ruhig sterben": Nur ein Volk, dem ein solch gnadenreicher Tag gewährt ist, kann darauf ein wahres Freudenfest begehen. Unsere Freuden sollen dem geistigen und nicht dem sinnlichen Leben ihren Ursprung zu verdanken haben, sie sollen von Innen nach Außen sich äußern und nicht umgekehrt, von Außen nach Innen eindringen. „Du sollst dich freuen an deinem Feste". Dieses Bibelwort wird von der Tradition imperativisch aufgesaßt und nämlich als niSÖ. Wie aber wäre es möglich einem Volke zu dictiren: „Du mußt dich freuen", so diese Freude nicht begründet, so sie nichts als eine erkünstelte, eine aufgezwungene ist? kann ja aufgedrungene Freude ebensowenig empfunden werden, wie aufgedrungene Trauer, aufgedrungene Liebe. Wird uns aber hier die Freude zur Pflicht gemacht, so müssen allerdings bestimmte Motive vorauszusetzen sein, die diese Freude in den Gemüthern erzeugen. Und in der That sind solche auch vorhanden. Israel, in dem Bewußtsein, daß Gott ihm jährlich einen Tag der Gnade, der Läuterung von all' seinen Sünden gewährt, soll diesen Gnadenakt mit Freuden begrüßen und mit der Siegespalme in der Hand (vergl. M. Rabbah Cap. 30 '131 I’qk vor aller Welt einherziehen: Sehet, o Völker, ich habe gesiegt und preisgekrönt bin ich von Gottes Hand entlassen, was ihr Ech sagen möget! „Du sollst dich freuen an deinem Feste!" Aber nicht nur in seinem Geiste, sondern auch in seinem Wesen zeichnet sich das jüdische Freudenfest aus. Gnade für Gnade! Ich gab dir den Versöhnungstag, auch du, sagt Gott der Herr, sollst mir dafür etwas leisten; du sollst mir ein Fest feiern, woran Alles, Alles, was sich Mensch nennt, theilnehmen soll, es soll ein Verbrüderungsfest sein. Du sollst es feiern "JSDiG “ppDI zur Zeit, da du den Segen deiner Arbeit kennst, da der Ueberfluß an dem, was der Boden dir gebracht, die Fülle in deinem Vermögen deine Freigebigkeit herausfordern. Und bist du auch sonst Besitzer prachtvoller Wohnung und gewöhnt, deine Mahlzeiten im Kreise der Deinigen in mit bunten Teppichen belegten, mit Luxus aus gestatteten Räumen einzunehmen, so mußt du gerade an deinem Feste eine Ausnahme von der dir eigenen Lebensweise machen. Heute sollst du in einer bescheidenen Laubhütte zu Tische gehen, denn heute speisen Gäste an deiner Tafel, die dein Luxus beschämen würde; Gäste, die Gott zu dir bestellt, es sind dies seine Schützlinge, weil die Menschen sie unbeachtet lassen: Dein Sklave und deine Magd, die dich vielleicht um deine Güter, deine Freiheit beneiden, dein armer Bruder der Levite, der dir heilige Lieder vorsingt, der Fremdling ohne Heimat, die einsame Wittwe, das verlassene Waisenkind; alle diese sollen heute zu deinen Tischgenossen zählen, sich an deinem Weine laben, an deinem Brote sättigen; ja, trachte, daß sie sich in deiner Gesellschaft freuen, mache ihnen ihren Kummer vergessen, muntere sie aus, sage ihnen: freuet euch mit mir, meine Kinder, Brüder und Schwestern! lasset uns diese Hütte als Symbol des Schutzes ansehen, den ich euch gewähren will. O, welch rührendes Festmal! welch gottgefällige Sommerresidenz! Möge nun der Himmel auch Euch, liebe Leser, Willenskraft und Vermögen genug verleihen, auf daß Ihr, wie ehemals Eure Väter, an dem kommenden MDO-Feste im Stande seiet, das Gebot: Du sollst dich freuen an deinem Feste! in vorschriebener Weise zu erfüllen! Mit diesem Gefühle sendet Euch seinen Gruß und wünscht TINDV tt'P der Herausgeber des „Israelitischen Boten." Synagogen - Einweihung zu Opladen am 5. und 6. September 1879. Schon seit langer Zeit war es das eifrige Bestreben der in Opladen wohnenden Israeliten, ein würdiges Gotteshaus zu erlangen, da das bisher diesem Zwecke dienende Lokal höchst unzureichend war. Endlich wurde der Plan zur Erbauung einer neuen Synagoge thatkräftig in die Hand genommen und fand seitens der Israeliten Opladens und der Umgegend, in Verbindung mit vielen christlichen Opladener Bürgern, eine solche Unterstützung, daß in verhältnißmäßig kurzer Zeit ein schöner Bau entstand, und am 5. u. 6. September c. bereits seiner Bestimmung übergeben werden konnte. — Die Synagoge, auf einem freien, von schattigen Bäumen umgebenen Platze gelegen, macht von Außen einen rechr günstigen Eindruck und ist auch im Inneren freundlich und geschmackvoll ausgestattet. Zur Einweihungsfeier hatten Herr Lehrer Laubheimer aus Bochum und Herr Cantor Blumenthal aus Cöln mit einem Th^ile des unter seiner Leitung stehenden Synagogen - Chores Einladung erhalten, unter deren Mitwirkung die Feier in würdiger Weise stattfand. Freitag Abend gegen 5 Uhr versammelten sich die Festtheilnehmer im Vorhofe der neuen Synagoge und hielten, unter dem Gesänge des vom Chore vorgetragenen «Ma tauwu", an der Spitze die Träger der Thorarollen und gleich hinter denselben der Herr Bürgermeister und mehrere der Gemeindeverwaltung Opladens angehörende Herren, ihren Einzug in das freundliche Gotteshaus. Nachdem unter den üblichen Gesängen die Thora-Rollen in die heilige Lade gesetzt waren, intonirte der Chor „Laruob habbo", worauf Herr Lehrer Laubheimer das Weihegebet sprach. Demnach sang der Chor den schönen Choral: «Sei in Segen uns willkommen", auf welchen unmittelbar die Festpredigt folgte. Hr. Laubheimer entledigte sich feiner Aufgabe in glänzender Weise, hob ganz besonders das einträchtige Zusammenwirken Aller, sowohl der israelitischen, als der christlichen Bürger Opladens an dem Baue des Gotteshauses hervor, und gab den Gefühlen des Dankes gegen Gott, der Verehrung gegen unfern erhabenen Herrscher und sein hohes Haus beredten, herzinnigen Ausdruck. Mit dem Wunsche, daß der Ewige in dem neuen Gotteshause jeden Menschen, auch dem Nichtjuden, welcher fich hier betend nahe, Erfüllung seiner Bitten und Gebete geben möge, schloß die ergreifende Rede. Jetzt begann der Abendgottesdienst, «Labbvlas schabbos" vom Hrn. Cantor Blumenthal in trefflicher Weise geleitet, wobei die verschiedenen Gesänge wieder vom Chore in bester Ausführung vorgetragen wurden. Auch der Gottesdienst am Sabbath- Morgen verlief in sehr schöner Weise, wiederum wußte Hr. Laubheimer seine Zuhörer durch ein zündende Predigt, über „die Mission des Volkes Israel und die Bestimmung des jüdischen Gotteshauses", zu begeistern, während Hr. Blumenthal in Verbindung mit dem Chore die schönsten Gesänge zum Vortrag brachte. Die von Andächtigen dicht gefüllte Synagoge folgte an beiden Tagen dem Gottesdienste mit der größten Aufmerksamkeit und hörte man nur Eine Stimme der Anerkennung für Alle, welche an der Feier mitgewirkt» — Der Nachmittag des Festtages war heiterer Geselligkeit gewidmet, während der Abend alle Festgenossen zu einem im Hotel Blömer veranstalteten Balle vereinigte. Erst in später Stunde trennten sich die Festtheilnehmer in dem Bewußtsein, ein in seiner Art vortrefflich gelungenes Fest mitgemacht zu haben, welches Allen unvergeßlich sein wird. — Besonders hervorzuheben ist noch die Gastfreundschaft unserer Opladener Glaubensgenossen, welche sie ihren Gästen zu Theil werden ließen. — Möge das neue Gotteshaus der Opladener Gemeinde zum Segen gereichen und bis in die fernsten Zeiten eine Stätte wahrer Gottesverehrung fein. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen» Deutschland. R. Bonn, Ende Sept. In den Colonnen zweier jüd. Blätter, — von welchen nebenbei bemerkt das Eine unbestritten der Conservativen Richtung, dasZweite jedoch dem schlauen Grundsätze: menager la cbkvre et le chou“!julbtgt,— die jahraus, jahrein sich in den Haaren liegen, hat der Federkrieg, in der jüngsten Zeit namentlich, bedauerliche Dimensionen angenommen. Wenn wir nun angesichts dieser Kämpfe uns so ziemlich fern vom Kriegsschauplätze halten und in wichtigen Fragen, so weit dies das Interesse der Wahrheit fordert, nur völlig objectiv zu urtheilen die Gewohnheit haben, worin wir gewiß auf die Zustimmung aller gutgesinnten Leser rechnen, so können wir uns diesmal nicht enthalten, eine Ausschreitung zu rügen, die in seiner letzten Nr. dasZweite der in Rede stehenden Blätter so thörichter wie lächerlicher Weise sich zu Schulden kommen läßt. Ueber die Schüler des Breslauer Seminars wurde nämlich in dem conservativen Blatte ein verurtheilendes Gutachten von Seiten dreier Rabbiner veröffentlicht. Daß die werthe Collegin in Magdeburg dazu nicht schweigen konnte, ist selbstverständlich. Auch steht ihr das Recht zu, die Defensive zu ergreifen. Daß sie sich bei dieser Gelegenheit so weit vergißt und einen jungen Collegen, auch Rabbiner im Amte mit Ausdrücken traktirt, die man gewöhnlich nur Menschen gegenüber in Anwendnung bringt, die weder Redakteure, noch Rabbiner sind, das, sagen wir, wäre noch halb verzeihlich — liegt es ja itt dem Style der zu sein BTUID I2i:i Dpi: —; wenn aber die geehrte Collegin sich an der Autorität eines Mannes vergreifen, dessen umfassende Bildung, literarisches Genie, sowie talmudische Capacität selbst von gegnerischer Seite zugestanden wird, da — da bemitleiden wir sie wahrhaftig. Rabbiner Hirsch in Frankfurt a. M. hat mit seinen mannigfachen Schriften und Werken einen derartigen Jdeen-Reichthum verbreitet, daß die an denselben begangenen Plagiate an und für sich auch schon ein umfangreiches, höchst nützliches Buch lieferten. Dem Correspondenten der Magdeburgerin in Nieolsburg aber — das scheint übrigens ein Bachur ohne rPH zu sein — möchten wir den Rath ertheilen: 1. sich in Hirsch's Pentateuch umzuschauen, denselben zu studiren anstatt zu kritisiren; erst zu lernen und zwar nicht blos p"2 niWD u. sondern etwas mehr: 2. daß er sich einmal versuche, in den Traktaten: Jll^nXI wy:: nin:ü D^nnt ni&D1t$ und in noch vielen anderen dgl. von disficiler Natur, niTltDl die ihm ohne Zweifel wie böhmische Dörfer erscheinen, dem Rabbiner Hirsch hingegen heimischer Boven sind, wie dies sein Commeytar zum Pentateuch hinlänglich beweist. 3. daß er (immer der Nicolsburger Talmudist), um sich von Rabbiner Hirsch's talmudischem Wiffen einen Begriff zu machen, den ganzen Pentateuch, also rmfin zuerst einige Mal lernen müßte, und dann wirds aber erst fraglich sein, ob derselbe sie (die ganze Thora) auch gut gelernt. Bis dahin aber soll er einstweilen etwas mehr lernen und dann — Hirsch gegenüber schweigen. Wir für unfern bescheidenen Theil haben es uns übrigens zur Aufgabe gestellt, indem wir nicht über den Gegenstand sondern den Gegenstand selbst für sich reden lassen — ähnliche dunkle Stellen wie die, auf die wir zufällig Gelegenheit hatten in einem Briefkasten unserer jüngsten Nr. aufmerksam zu machenaus H's Pentateuch hervorzuheben und nachzuweisen, wie sich Hirsch zum Wohlthäter aller Lernenden gemacht, als er durch sein tiefes Eindringen in den Geist der hebr. Sprache, durch seine seltene Belesenheit in Mischna^ Halacha und Agada, wie durch gediegenes Wissen im Allgemeinen dieselben unzählige Mal aus arger Verlegenheit gebracht. *^Bourr, 28. Sept. Mit einem schweren Seufzer ergreife ich die Feder, um dietraurige Nachricht zu bringen von dem Hinscheiden des )18ÜN trnsKsan 'jPDn pian n"iD biwi osnn hmn Von einer angesehenen Familie abstammend, wurde er vom seligen Jos. Babad 7. ehemaligem Ober- Rabbiner zu Tarnopol (Galizien) im Talmud unterrichtet; seine Auffassungskraft war so sonderbar, daß er schon nach Verlauf weniger Jahre D"BO pD war, wodurch er die Stelle als also rDtPÜ errungen. Daß er der Liebling des seligen Babad war, beweist der Umstand, daß derselbe ohne ihn keine Reise unternommen hat, und als man den Babad in Wien fragte, wie er sich befinde, äußerte er sich: sobald ich meinen pIKl"“) bei mir habe, geht's mir sehr gut, da ich sonst mit Niemandem •isbsD sein kann. Außer seinem talmudischen Wissen war er als Literat in allen gebildeten Kreisen bekannt; so stand er in Correspondenz mit dem Herren Ober-Rabbiner Malbim (von dessen Ableben wir ebenfalls eben die erschütternde Nachricht erhielten. Red.) Rabbiner Hirsch Rabbiner Dr. Hildersheimer V'3 und so vielen ankeren Seine Humanität war eine musterhafte, sein Wirken für Palästina allbekannt. Schreiber dieser Zeilen, Hausfreund des Verblichenen, weiß es, daß man von ihm mit Recht sagen kann, daß er pnx hü? Dlbty 5pmi Dl^ty DHIR war. Eine ausführliche Biographie dieses großen Mannes, des leider nur zu früh Verstorbenen (er erreichte kaum das Alter von 42 Jahren) werde ich sobald als möglich nachliefern heute schließe ich meine traurige Nachricht mit dem Ausrufe: D^nn -man niiiiMNQv'i '»nrii^ir^ riivn Lipmann Ganzfried aus Ungras (Ungarn). Cöln, 28. Sept. n:t£>n tr*Cl und USD D1> sind vorüber. Wie gewöhnlich konnte unsere Synagoge die Menge Andächtiger nicht fassen. Meisterhafte und begeisternde Predigten, präcise und herrliche Chorgesänge, trefflicher und würdiger Vortrag der Cantoren stimmten zur Andacht und hoben die Herzen zum himmlischen Vater. Rühmen müssen wir nur, daß, während im Innern der Synagoge feierlicher Gottesdienst die Gemeinde erbaute und fesselte, auf dem Hofe und der Straße zu gleicher Zeit zügelloses Treiben herrschte und einen krassen Gegensatz bildete, einen wahren ^l^n. Möchte es dem löbl. Vorstande gefallen, das Aufstchtspersonal auf diesen Uebelstand hinzuweisen, damit hier Abhülfe geschafft werde!!