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Der israelitische Bote · 1879-09-29 · 39/40 (29.9.1879) · p. [Seite 3]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
39/40 (29.9.1879)
Date
1879-09-29
Page
[Seite 3] (sequence 3)
Language
German
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I r Rang einnehmen und die Erfüllung all ihrer Wünsche befriedigt sehen wollten. Das größte Hinderniß zur Erreichung dieses Zieles waren natürlich eheliche Verbindung und Familienbande. Diese zeigten sich als gefährliche Rivalen. Sie banden den Diener der Kirche ebenso wie den verheiratheten Laien an die Gesellschaft. Er hatte alsdann Interessen wahrzunehmen, ganz verschieden von denen der Kirche, manchmal sogar von ganz entgegengesetzter Natur. Sie machten ihn zu human für seine geistlichen Funktionen. Es konnten alsdann Fälle Vorkommen, wo der verheirathete Diener der Kirche eben so wankelmüthig werden könnte in der Ausführung ihrer Verfügungen, als der verheirathete Soldat in der Ausführung der Ordres seines Offiziers in Zeiten des Krieges. Diese Steine des Anstoßes mußten unbedingt aus dem Wege geräumt werden und sie wurden in der That fortgeschafft durch das strenge Gebot des kirchlichen Cölibats. Wahr ist es daß dadurch nur der halbe Mensch im Priester zur Entwicklung gelangte. Alle edleren Gefühle und Freuden, welche das eheliche Leben in sich schließt, blieben dem Priester versagt. Aber die Kirche bekümmerte sich wenig um diesen Widerspruch mit den Gesetzen der Natur, so lange als sie sich dadurch den Vortheil sicherte, eine Miliz zu besitzen, welche in jedem Augenblicke und überall bereit war, auf ihr Geheiß vorwärts zu marschiren. Es ist deshalb ein höchst merkwürdiges Zeichen der Zeit, welches eine vollständige Umwandlung der Gefühle bekundet und eine mächtige Erhebung gegen die bis jetzt befolgte Politik der Kirche, wenn wir hören von der gewaltigen Regung der Altkatholiken in Deuschland, deren Hauptzweck darin vorerst besteht, das kirchliche Cölibat abzuschaffen. Es ist dies nicht nur eine offene Bresche in den Wall des Römischen Katholicismus, sondern auch zugleich eine Erschütterung der eigentlichen Grundveslen desselben. Der Priester soll damit zum Volke zurückkehren, aus dem er hervorgegangen und wieder ein Mitglied des Volkes werden. So wird also dadurch gleichsam im Katholicismus selbst eine Rückkehr und Umkehr stattsinden zur alten rabbinischen Anschauung und Ansicht über Verehelichung. Ein anderer Berührungspunkt wird dadurch noch geschaffen zwischen Priester und Rabbiner. Der Priester wird eben so human werden wieder Rabbiner. Das Stigma, das die Kirche auf die Verehelichung legte, wird entfernt werden und die Synagoge ihr Recht behalten, wenn sie die Verheirathung als eins der göttlichen vom Sinai stammenden Gebote proklamirte. .Äi, Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. (Fortsetzung siehe Nr. 37.) (Betreffend Nekrolog des verewigten Herrn Ober- Rabbiner Abraham Auerbach Bonn. (Aus dem «Zionswächter" 1846). Unter diesen traurigen Umständen fühlte er die Nothwendigkeit, die ihm längst angebotene Besoldung für die Verwaltung des Rabbineramtes anzunehmen. Indessen wurde er durch die bald darauf in Folge der vorerwähnten Verhältnisse hinsichtlich seiner frühern Geschäftsverbindung in verdrießliche Prozesse mit verwickelt, wodurch er veranlaßt wurde, Straßburg zu verlassen und dem Rufe zur Uebernahme des Rabbineramtes bei der zwar kleinen, aber damals sehr wohlhabenden Gemeinde zu Forbach, welche ausgezeichnete Talmudisten zu ihren Mitgliedern zählte und in welcher der isr. Vorsteher zugleich als Maire zur Zeit angestellt war, zu folgen. Von hier aus verbreitete sich sein Ruf bald nach Deutschland, wo er zuerst im Jahre 1800 als fürstl. wiedischer Stadt- und Landrabbiner erwählt, zugleich das Richteramt vermöge landesherrlichen Privilegiums in Rechtssachen seiner Glaubensgenossen 9 Jahre hindurch verwaltete. Als im Jahr 1809 die Organisation der isr. Consistorien zur Ausführung kam, und der Oberrabbiner des Consistoriums für das Rhein- und Moseldepartement in's Central-Consistorium nach Paris berufen worden, wurde er zum Amtsnachfolger desselben ernannt. In dieser Eigenschaft war er den langen Zeitraum von 30 Jahren unter den schwierigsten, theils durch den Dynastiewechsel herbeigeführten Umständen in seinem, den größten Cousistorialsprengel umfassenden Wirkungskreise thätig bis in's Jahr 1839, wo die in Folge eines hohen Alters inzwischen eingetretene physische Schwäche ihn veranlaßte, sich in den Ruhestand versetzen zu lassen, worauf der dritte von seinen sieben Söhnen*) — der ältere war - bereits als Landrabbiner zu Darmstadt angestellt —. zu seinem Amtsnachfolger von den Notablen erwählt und landesherrlich bestätigt worden ist. Sein Geist blieb indeß bis wenige Stunden vor seinem Ableben hell und klar; er beschäftigte sich in den letzten Jahren vorzüglich mit der p6lp, in die er *) Das ist der jetzt hier residirende Herr Ober- £ rabbiner Dr. Aron Auerbachs Wy längst tief eingedrungen, und mittelst welcher er in seinen nittH*! sowohl, wie im Privatunterrichte, manche Dunkelheit auf religiösem Gebiete zu erhellen sich bestrebte. In seinen Andachtsübungen, wie in seiner Lebensweise überhaupt, richtete er sich ganz nach den Vorschriften der woran ihn selbst kein Lebensverhältniß, keine Lebensprüfung, deren er sehr harte zu bestehen hatte, stören konnte. Sein Wissen im jüdischtheologischen Fache war kein gewöhnliches; denn mit seinem forschenden Geiste verband er ein ausgezeichnetes Gedächtniß und nicht nur in wpOIDI D"tP sondern auch fast in allen rWHD wußte er auf deshalb an ihn gerichtete Fragen, ohne die betreffende Stelle nachzuschlagen, Bescheid zu ertheilen. Auch war keine wichtige kein hebräisch-historisches Hauptwerk von denen, welche bis zum vorigen Decennium erschienen sind, dessen Inhalt ihm nicht bekannt war. Seit seiner Amtsführung in Deutschland galt er im Rheinland und in Westfalen als die Haupt-Autorität in Religions-Angelegenheiten, und unzählig sind die Seelen- und Gemüthskranken, die ihm — da er gründliche Kenntniß der menschlichen Natur besaß, und vermittelst derselben auf die Leidenden zu wirken verstand — ihre Genesung zu verdanken haben. Heilig im wahren Sinne des Wortes war sein Wandel von früher Jugend an, uneigennützig sein Handeln, bescheiden seine, die Gränzen seiner ökonomischen Verhältnisse weit überschreitende Mildthätigkeit und unvergleichlich seine Anspruchslosigkeit. Hochverehrt und geliebt von Allen, die ihn kannten, genoß er das unumschränkteste Vertrauen und die Hochachtung der hohen und untern Staats-Behörde, und nicht selten wurde ihm von Ersterer Belobungs¬ und Dankschreiben auf ertheilte Gutachten und Entwürfe über Verbesserung isr. religiöser Institute zu Theil, wovon dem Einsender dieser Tage noch ein Regierungs-Rescript zu Gesichte gekommen, worin es im Eingänge heißt: „Auf Ihren sehr lobenswerthen Bericht." Kurz war sein letztes Krankenlager und ohne Unterbrechung seiner Andachtsübung. Wenige Stunden vor seinem Hinscheiden rief er mit selbstaufgerichtetem Haupte ganz laut dreimal: „LN worauf sein Geist sich hinaufschwang zu Dem, der ihn gegeben. Rührend und großartig war die Feier der Beisetzung seiner irdischen Ueberreste, woran sich Tausende aus allen Orten der Rheinprovinz, wohin die Trauerkunde von seinem Hinscheiden gelangte, beiheiligten, sowie auch bei der nach Beendigung der in der Hauptsynagoge dahier stattgefundenen Gedächtnißfeier. Sein Andenken lebt fort in seinen Worten und Werken DJI-DT p 'm:n ü'p'isb '’W Bonn (Tout comme chez nous). Wie vergangenes Jahr die Eigenthümer des Grand Union- Hotels in Saratoga, so haben dieses Jahr die Aktionäre der Manhattan Beach Company bei New-Aork durch ihren Vorstand den Israeliten den Besuch ihres Hotels untersagt. Natürlich hat dieses Edikt ziemlich viel Staub aufgewirbelt, aber doch mit Ausnahme einiger Zeitungsinterviews noch keine andere Antwort jüdischerseits erhalten, als ein im köstlichsten Humor geschriebenes Flugblatt. Dasselbe, von einem dem Lotosklub angehörigen Mitglieds der Newyorker Presse geschrieben, wurde in Tausenden von Exemplaren vertheilt und ist der angebliche Bericht einer Sitzung der „Gesellschaft für Ausrottung der Juden," in welcher eine Reihe von Beschlüssen angenommen wurden. In Anbetracht der mancherlei Verdienste der Juden auf den Gebieten der Kunst und Wissenschaft, des Handels und der Industrie wolle man nämlich auf keiner Eisenbahn fahren, in deren Verwaltungsrath ein Jude sitze, in kein Theater gehen, wo ein Jude in irgend einer Weise mitwirke, keiner Kirchengemeinde angehören, in welcher die Psalmen des Juden David gesungen, oder der Name des Juden Jesus Christus genannt werde u. s. w. Würt. Landesztg. Bonn. Die Nächstenliebe des Christen und die Racheluft des Juden sind stereotype Phrasen. Im gewöhnlichen Leben bietet sich oft Gelegenheit, zu erkennen wie weit in dieser Beziehung Wahrheit und Dichtung von einander entfernt sind; es wäre eine arge Unterlassungssünde der jüdischen Presse auf solche Vorkommnisse nicht hinzuweisen. Aus diesem Grunde reproduciren wir nachfolgende Mittheilung der ultramontanen „Fuldaer Zeitung" aus Bürgel bei Mühlheim am Main: „Großes Aufsehen erregt ein Vorfall, der dieser Tage in hiesiger Gegend sich zutrug. Am Sonntag Abend verließ ein Colporteur aus Bürgel in später Stunde die Wirthschaft eines bekannten socialistischen Agitators in Mühlheim, um den Weg nach seiner Heimath anzutreten. Des anderen Morgens fand man ihn erschlagen unter einem umgestürzten steinernen Kreuze, dazwischen Mühlheim und Bürgel vom Wege entfernt stand. Der Erschlagene war ein ungemein bekannter Religionsspötter. Derselbe lag unter dem Kreuze, der eine Fuß, mit dem er sich ans Kreuz stemmte, um es umzureißen, war mehrmals gebrochen, die Brust eingedrückt und die rechte Hand war noch geballt gegen das Crucifix ausgestreckt. So lag erden ganzen Tag unter dem Kreuze. Hunderte von Menschen kamen, um den Frevler zu sehen, bis der Todte am Abend, nachdem das Gericht Augenschein genommen, weggebracht wurde. Kein Christ wollte sich bereit finden, den Todten wegzuschaffen: Ein Israelit übernahm die Arbeit." Bonn. „Liebe deine Feinde!" sprach der Stifter des Christenthums und seine Jünger gehorchen. Ein Diener im Weinberge des Herrn, auf Erden genannt Pastor Droß aus Brandenburg pilgerte in die Reichshauptstadt, um durch den geweihten Mund der Christlich-Socialen, den sündigen Berlinern über „die Zunahme der Verbrechen" zu berichten. Nachdem Herr Droß zum Entsetzen der christlichen Zuhörer die allgemeine Entsittlichung und Irreligiosität der Jetztzeit in den grellsten Farben geschildert hatte, wurde über „die jüdische oder vom Judenthum bestochene Presse" ein furchtbares Strafgericht gehalten. Der verstorbene Redacteur Zabel habe erklärt, er könne keinen Journalisten engagiren, der nicht selbst Jude oder schon nach wenigen Tagen von den Juden erkauft sei. In der Diskussion stellte ein Redner an seine Gestnuungsgenossen die Aufforderung der „servilen semitischen Presse in's Gesicht zu speien und sie mit Füßen zu treten." Würdig gehen die Seelsorger mit gutem Beispiel voran. So sprach Herr Pastor Distelkamp das große Wort: „Lassen wir jetzt die Juden ungeschoren; zwar haben sie uns genug geschoren, doch wird hoffentlich die Zeit kommen, wo wir sie wieder scheeren werden. So geschehen im Jahre des Heils 1879 im Jahrhundert der Civilisation. Nicht nur in Deutschland, dem Hort des Protestantismus blüht der Judenhaß, das Pariser katholische Hetzblatt „Union" schreibt: Die Engländer haben entdeckt, „daß die Juden massenhaft nach Palästina auswandern". Und die Englichen Staatsmänner (soll wohl Lord Beaconsfield heißen) beschäftigen sich schon mit einem Project, das ihnen von einer Anzahl jüdischer Finanzleute aufgetischt wird: es handle sich dabei um nichts weniger, als das gelobte Land den geldarmen Türken abzukaufen; die Kaufsumme würde fixirt, in Actien getheilt und dadurch auch den Christen die Möglichkeit gegeben sich durch massenhafte Betheiligung die Juden vom Halse zu schaffen; als Haupthinderniß dieses hochherzigen Unternehmens gelte bis jetzt die Abneigung der Türken, sich von ihrer Omar-Moschee in Jerusalem zu trennen! ...... Vermischtes. — (Wie die Zeiten sich ändern.) Sicherlich ist es von Interesse, zu erwähnen, daß da, wo einst nach der biblischen Ueberlieferung der erste Mensch auf das Machtwort des Schöpfers entstand, wo Eva, das erste Weib, aus einer Rippe entstand, wo zum ersten Male der Mann das Weib umarmte und — wo er unmittelbar darauf zum ersten Male den Apfel vom Baum der Erkenntniß aß, daß mit einem Wort, wo sich das Paradies der Bibel befand, daß dort, wohin man nach den neuesten wissenschaftlichen Ermittelungen den Ort verlegt, den. die ältesten Ueberlieferungen als „Eden", als «Paradies" bezeichneten, seit langer, langer Zeit, eine Brutstätte der Pest ist. Die Gegend zwischen Euphrat und Tigris, wohin man das biblische Paradies verlegen muß, ist längst verödet und verwüstet. In den kleinen mit Arabern bevölkerten Städten wimmelt es von Scorpionen und Ungeziefer und die Persischen Leichen-Karawanen, welche besonders reiche Perser nach den heiligen Stätten von Nedschef bringen, führen die Pest auf ihren Wegen mit sich. Aus ihren Särgen heraus verpesten die Leichen die Luft und Jahr für Jahr wüthet in der Nähe jener Orte, nach denen die Särge überführt werden, die tödtliche Krankheit. Das ist das wahre, das wirkliche Eden, das ist das Paradies der Menschheit — wie es heute aussieht. Sprüche nach Hakmud und Mdrafch von Adolph Oster in Xanten. 1. Vertheidige deinen Freund, wenn Schand' ihm wiederfährt Und nenn' ihn nie bei einem Namen, der ihn entehrt. rTOD 2. Nie öffne deinen Mund, des Freundes lobend, oder rühmend zu gedenken. Aus Furcht, du könntest dann zugleich die Sprache auch auf seine Fehler lenken. *!Dp

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