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Der israelitische Bote · 1879-09-17 · 38 (17.9.1879) · p. [Seite 2]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
38 (17.9.1879)
Date
1879-09-17
Page
[Seite 2] (sequence 2)
Language
German
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wir es mit Kälte und Ruhe anhören, wie wir voraussetzen dürfen, daß Liebe zum eignen Glauben, Mangel an eigentlicher Kenntniß des unsrigen ein solches Urtheil erzeugen, aber wenn es auch vom Israeliten selbst behauptet wird. Vom Israeliten, der so oft schon eingesehen, wie selbst das Ablassen von dem, was unsre Religion fordert, ihm dennoch nicht den Standpunkt erworben hat, nach welchem er strebte, wenn auch der so urtheilt, Fr., was sollen wir dazu sagen? Wie uns wieder solche Ansichten waffnen? Und dennoch kann auch ich nicht anders sagen, als daß unsre Religion, unser Glaube Schuld daran ist, wenn wir öfters Schmähüngen ausgesetzt sind, wenn wir bei den herrlichsten und lobenswerthesten Unternehmungen oft mit Unachtsamkeit — ich will nicht sagen Verachtung — zurückgewiesen worden. Glaubt aber nicht, daß ich das so verstehe, als wäre die Religion die nächste Veranlassung dazu? Wie wäre das möglich, aus dem Heiligen kann nichts Unheiliges, aus Reinem nichts Unreines hervorgehen. Nein, Gel., ich will damit sagen, weil wir unsre Religion zu wenig achten, fallen wir in Verachtung, weil wir gewissen Sünden, die unsrem Glauben so sehr entgegen sind, anhängen, versündigt man sich an uns *6 nntP bnbnsi tVpv TH 2212 11)2. Sollte das Verderben eines verkehrten Geschlechts Gott zugeschrieben werden, der uns die reine Religion gegeben? Nein, es liegt an den Gebrechen seiner Kinder, an den Sünden, denen wir uns hingeben. Das heißt, weil wir den Herrn verlassen, verläßt er uns (2 Chr. 28, 9) und so stehen wir unter der Menge als verlassene Gemeinde. Ihr merket wohl and. Zuh., es soll heute ein ernster Nachklang zum Versöhnungstage geliefert werden. O schenket nur volle Aufmerksamkeit den ergreifenden Worten die zur ewigen Mahnung in dem heiligen Buche Gottes niedergeschrieben sind. (Text 5. B. M. 32, 13—21). I. Wenn wir den Weg untersuchen, der so viele unter uns von dem abführt, was den Israeliten das Heiligste auf Erden sein sollte; so werden wir finden, daß es ein recht listiger einschmeichelnder ist, vor dem wir wohl auf unsrer Hut sein müssen. Der offnen Verführung, der augenscheinlichen Gefahr leistet jeder Widerstand. Wer wird sich nicht wehren, wer nicht kämpfen gegen den Versucher, wenn er kommt und uns gerade heraus sagt, dies oder jenes zu thun, was die fromme Seele empört? Darum meldet er sich nach und nach bei uns an, nähert sich uns schleichend, um so desto sichren Eingang bei uns zu haben, bis er uns den letzten Stoß geben kann, daß wir in die Tiefe sinken aus der wir nie wieder aufstehen können. Selbst das Rechte und Wahre wird dann das Mittel uns dahin zu bringen, woran wir beim Anbeginn sicher nie gedacht haben. Laßt uns dies näher beleuchten durch das, was wir so häufig mitansehen oder gar an uns selbst erfahren. — Nach Ehre, Würde und Achtung strebt der Mensch, und so wenig diese auch der wahren Zweck unsres Daseins sind, so müssen wir ihnen doch den Werth beilegen, daß sie uns zu gar vielem Gutem anspornen. Und so haben wir auch mit Freude die uns eröffnete Bahn betreten, mit Liebe und Eifer im Wissenschaftlichen sowohl als in dem, was zur bürgerlichen Gesellschaft nothwendig ist, und auch in Handthierungen unsre Laufbahn zu setzen gesucht. Dieses Herrenthum in Wissenschaften und Künsten, dieses rühmliche Weiterschreiten wie es jetzt allenthalben in Israel gefunden wird, muß uns wahrhaft erfreuen; besonders daß man damit den falschen Schmähungen und Beschuldigungen und der Untüchtigkeit der Juden kräftig entgegentreten kann. Vielleicht aber indem wir es thaten versäumten wir dabei auch den inneren Menschen, unsre Religion anzubauen? Wir haben unsren Kopf gebildet, sind auch in dem Aeußerlichen weiter gekommen, haben aber unser Herz verwahrlost, unser Inneres entblößt. Vergessen haben wir vielleicht die Anspruchslosigkeit, die Demuth und Bescheidenheit, welche uns fast eigen waren. So lange wir noch auf einer niedern Stufe der Bildung standen, da machten wir keine Ansprüche, da waren wir immer befriedigt. Nun wir aber uns hervorgethan haben, da wir zur Einsicht kamen, wie viel wir zu leisten vermögen und im Wettkampfe bestehen können, da blähten wir uns auf, der verderbliche Dünkel erwacht in unfern Herzen, Uebermuth, Anmaßung, Stolz und Eitelkeit bemeisterle sich unser. Wie? kann ich nicht so viel als ein andrer fordern, gebühren mir nicht gleiche Rechte? Muß ich dem andern nachstehen. 25Q1 }11tpi 122>i1 m&O rniy »als Israel fett ward, zunahm an Erkenntnissen, da schlug es aus, ist fett, dick und stark geworden, nun erhebt es sich über Gebühr, vermehrt seine Ansprüche am Leben. Man erhält sie nicht, und so erwacht die größere Sünde, Gott zu verlassen. — Wer einmal so vorgerückt ist, der kann doch in sich nicht den Makel staden, weßhalb er zurückgesetzt ist. Stehe ich denn nicht eben so hoch als dieser oder jener? Bin ich denn nicht eben so weit als ein andrer gekommen? Bin ich nicht fähig eben das zu leisten, was ein andrer leistet? O, ich weiß es, ruft er sich dann im Herzen zu, ich weiß es, warum ich zurückgesetzt werde. Ich lebe nach einem andern Glauben. Zeigen muß man nun, daß man diesen nicht so hoch achtet, man muß nichts thun, was er von uns fordert t£>2i1 IPltPy HIX so verläßt man Gott, der uns geschaffen. Doch auch dieses Mittel reicht noch nicht hin, sich den erwünschten Antheil an äußerem Ansehen zu verschaffen. Vielleicht traut man mir nicht, vielleicht zweifelt man noch ob es mir ernst sei, daß ich meinen Glauben so wenig achte, weil ich nicht darnach wandle. Wir müssen einen Schritt weiter gehen, es öffentlich darzuthun. inwi 112 i?2)i), „den Fels seines Heils muß man verachten, verspotten, verschmähen.« Die Lehren der Religion müssen öffentlich herabgesetzt werden, der Religionsspötter des eigenen Glaubens muß man werden. Unsre religiösen Gebräuche, unsre leltgiösen Handlungen werden zur Zielscheibe des Witzes gesetzt, von denen, die nicht unsres Glaubens sind. O, das wird uns erheben, das wird uns Würde und Ansehen verschaffen, achten wird man den Mann, der keine Bedenklichkeit trägt Alles das herabzusetzen, was die Bestandtheile seines Glaubens ausmacht, der ohne Scheu die Spottgeißel über seine Glaubensgenossen schwingt, vor andern Glaubensanhängern in Schrift und Rede seine Mitbrüder — ihres harmlosen Glaubens wegen herabsetzt. Doch wie? auch dies fruchtet nichts, noch rechnet man selbst den, der so sich äußert, zu der streng anhänzenden Klaffe. Geh weiter noch, ruft es in ihm! weiter noch! Du trachtest nach Würde, nach Ehre, hast deshalb deinen Gott verlassen, deinen Glauben verachtet, es nützte nicht, noch einen Schritt, und man wird dich ganz kennen, 21172 1,1X)j?i 1X2 211P2 2i2Hmr!Diy2i N12P1712. „Thue jetzt gerade das, was der fremde Glaube fordert, mit Fremdem mußt du Gott anrufen. Deine äußeren Thaten müssen zeigen, wie du dem andern Glauben anhängst". Es ist der letzte Schritt, der wird sicher wirken, mit ihm wirst du endlich errungen haben, was dir so wichtig ist. So, meine Fr„ kommt die Versuchung. Nach einer großen Würde trachten wir alle und werden auf dem Wege dahin, mehr oder weniger von dem Höhern abgeführt -]^H2 hx rDBTn W 112. „Vergessen wird der Fels, der uns gezeugt, und wir denken nicht mehr an den, der uns hervorgebracht hat." Dies ist die Sünde, die uns am meisten von Gott abführt. (Schluß folgt.) Jiekenntniß eines Sünders am Jahresschlnß zu Nutz und Frommen Anderer. I. S. E. in Breslau. Vergebung, Vergebung! So stammeln jetzt tausende von Menschen, die vor dir, Ewiger, im Staube liegen, zitternd vor deiner Heiligkeit im vernichtenden Gefühle ihrer Unheiligkeit. Vergebung, Vergebung! So erschallt es an den letzten, so an den ersten Tagen des Jahres aus tausend bangen Herzen zu dir, Erbarmer der Welt empor, denn unsere Fehler und Missethaten sind groß, aber noch größer ist deine Güte als unsere Gebrechlichkeit. Vergebung, Vergebung! so ertönt's an den Tagen der Erinnerung aus tausend dir geweihten Tempeln, und das nach Versöhnung schmachtende Gemüth labt sich an der Gnadenversicherung, die du deinem heiligen Diener offenbartest als er deine Herrlichkeit zu erschauen verlangte. Vergebung, Vergebung! so tönt der Seufzer aller Sterblichen, den ein brechendes Herz, eine erstarrende Lippe, zu Dir, Vater im Himmel, emporseufzt. Ja, du vergißt, Erbarmer der Welt, ein gebrochenes, zerschlagenes Herz, das verschmähst du nicht, o Gott! So verzeihe auch, es ist unsere letzte Bitte im alten Jahr, es ist unsere erste Bitte im neuen Jahr, verzeih unsere Sünden und Vergehungen, Du kennst unsere Gebrechen, kennst unsere Schwächen, aber du bist auch Zeuge, wie ernstlich unsere Seelen darnach ringen, besser und heiliger vor dir zu erscheinen. Ja, in deine Hand befehle ich mein Schicksal, du erlösest mich, Gott der Wahrheit; das Leben des Menschen ist vergänglich, aber Gottes Gnade währt ewiglich. Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so nimmt sich Gott aller Menschen an! Worte des Trostes, Worte der Gnade für leidende Seelen, Balsam des Himmels >auf die Wunden der Schwermuth. Wo finde ich Ruhe, wo Friede, mit Himmel und Erde, wo Friede mit mir selber, wenn nicht das heilige, das ewige Wort des Herrn mir Zuversicht auf Gottes Allbarmherzigkeit verleiht. Wie könnte ich Theil nehmen an den Freuden der Erde, wenn ich nicht zu seinem Erbarmen mich flüchten könnte wie das fehlende Kind zur Liebe, zum Erbarmen eines guten Vateiherzens! Darf ich in meiner Unwürdigkeit sonst die Wohlthaten Gottes genießen? Darf ich aus meiner Sündhaftigkeit hoffnungsvoll Hinüberblicken auf die dunkeln Pforten der Ewigkeit? die Gnade des Herrn währt wohl von Ewigkeit zu Ewigkeit über die, die ihn fürchten, seinen Bund halten, seiner Gebote eingedenk sind! Und ich! bin ich der Gnade Gottes würdig! Gehöre ich zu denen, die seinen Bund halten und seine Gebote thun! Angstweh ergreift mich, wenn ich heute diese Frage mir Vorhalte. Wie schuldvoll stehe ich nicht vor Gott da. Auch tausendmal vernahm ich wohl die heilige, liebevolle Gottesstimme in meiner Seele, und dennoch ging ich hin und sündigte abermals! Nicht einmal, nein tausendmal erklang mir laut aus der heiligen Gotteslehre, aus den Wundern der Schöpfung, aus den Schicksalen meines eigenen Lebens der Gottheit warnender Ruf! Fürchte Gott und melde das Böse. Ich aber war taub gegen die Stimme Gottes und liebte das Bose. Wie oft, wenn mein Tage sich „Arm in Arm mit dir, so fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken', citirte Frau Löwenthal ihnen nachsehend. „An Ihrer Esther ist auch eine Prinzessin verdorben, liebe Löwenthalen," begann die dicke Commerzienräthin, „es wundert mich nicht, daß die noch keinen Mann gekriegt hat, die kann von Ihren Leuten eigentlich gar keinen gebrauchen. Ich kaufte in gar keinem Laden, wo eine Frau init der Miene stünde.« „Meine Töchter haben keine Männer geheirathet, wo sie mit im Geschäft sein müssen, das haben wir Gott sei Dank nicht nöthig", war die Antwort. „3, was Sie nicht sagen, ich dachte, das wäre bei Ihnen überall so. Na sagen Sie mal, warum hat sich denn zu der Esther nichts gefunden? die Jüngste ist sie doch auch nicht mehr." „Fragen Sie mich nicht, liebe Frau Commerzienräthln, fragen Sie mich nicht, ich kann Ihnen nur sagen: „Es geht ein finsterer Geist durch unser Haus." „Ein Geist!" rief die dicke Frau und rückte neugierig näher, „ein Geist, ach das müssen Sie mir erzählen. Gespenstergeschichten höre ich gar zu gern, wir lesen auch manchmal —" Ob es Spieß oder Kramer war, was die Frau Commerzienräthin zu ihrer Lectüre gewählt, erfuhr Frau Löwenthal für dieses Mal nicht, denn von der anderen Seite der P-omenade kam eine junge Frau in modischem Anzuge athemlos gestürzt, deren große Aehnlichkeit mit Frau Friedchen sie sofort als deren Tochter erkennen ließ. „Mutter, Mutter!« rief sie eifrig und nahm sich kaum Zeit, die Frau Commerzienräthin zu begrüßen, „wo steckst du denn nur? Wo ist Hanna? Ich suche Euch überall. Der Professor ist da, komm schnell, daß wir ihm begegnen, ich will ihn dir vorstellen." Frau Rosenblatt, die zweite Tochter des Löwen? thal'schen Ehepaares, hatte sich auf der Reise nach Charlottenbrunn in B. aufgehalten und Professor Borchardt konsultirt, theils weil sie sich wirklich leidend gefühlt hatte, noch vielmehr aber, weil sie auf diese Weise bei dem geplanten Zusammentreffen in Charlottenbrunn die Bekanntschaft vermitteln zu können hoffte, denn Mendel Freund hatte sie zu seiner speciellen Bundesgenosstn erwählt. Während er nämlich Herrn und Frau Löwenthal in dem Wahn gelassen, der Professor sei auf seinen Vorschlag eingegangen und komme in Verfolgung desselben nach dem Kurorte, hatte er Frau Rosenblatt reinen Wein eingeschenkt, wie er sich auszudrücken beliebte, und sie instruirt, wie sie sich in der Angelegenheit zu verhalten habe. Fran Löwenthal stand mit wichtiger Miene auf, verneigte sich gegen die Commerzienräthin und schickte sich an, ihrer Tochter zu folgen; es schien aber, als solle Frau Marie von ihrer Bank aus die verhängnißvolle Vorstellung wie ein Schauspiel betrachten, denn von der einen Seite kamen zurückkehrend Esther und Hanna, von der ander Fremde, der vor Kurzem die Galle der der dicken Frau erregt hatte. „Ei, was sehe ich, Herr Professor Borchardt!" rief Frau Rosenblatt mit nicht schlecht gespieltem Erstaunen. Der Professor stutzte einen Augenblick, offenbar konnte er sich nicht sogleich besinnen, wer die Dame sei, die ihn hier so plötzlich anredete. Die kleine Frau kam ihm aber sofort zu Hilfe. „Ich habe vor acht Tagen in B. Ihren gütigen Rath eingeholt, Herr Professor", plauderte sie weiter, „Sie bestätigen mir, daß ein Aufenthalt in Charlottenbrunn meinen angegriffenen Nerven zuträglich sein würde." „Ganz richtig," fiel der Professor ein, „verzeihen Sie, geehrte Frau", er suchte offenbar nach dem Namen. „Rosenblatt," half sie. „Rosenblatt," wlederholte ec schnell, — „entschuldigen Sie —«

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