Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 38 (17.9.1879)
- Date
- 1879-09-17
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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verdunkelten, wenn Sorge und Kummer mich drückte, wenn schmerzliche Krankheit mich auf das Siechbett niederwarf, wenn ich das Theuerste von meinen Schätzen auf Erden verlor, wie oft nahm ich mir davor: „Ich will mein Herz bessern, durch gute Thaten auf Erden mir einen Schatz im Himmel sammeln, will nicht auf Vergängliches, vielmehr auf Bleibendes, Göttliches den Schwerpunkt meines Sinnens und Handelns richten. Aber kaum heiterten sich meine Tage wieder auf. kaum waren die Sorgen und Leiden vergessen, ach, so war auch Gott, mein Entschluß vergessen. Wie oft, wenn ich im Tempel Gottes zur Andacht gestimmt wurde, wenn ich zur Erkenntniß meiner Unwürdigkeit gekommen war, wenn ich mir selbst die Reihe von Fehlern gestand, wie oft nahm ich mir vor, van nun an alles besser zu machen, meinem Ungehorsam gegen Gottes Wort, meinen Fehlern und Lastern, meinen unsittlichen Gewohnheiten zu entsagen, ach, ich verließ den heiligen Tempel, das Wort in meiner Brust verklang, der Bußgedanke schwand, und meine guten Vorsätze verstummten als kaum die Luft da draußen in der Altagswelt mich wieder anwehte. Ich erkannte meine Sündhaftigkeit und blieb dennoch Sünder! Was würde aus mir armen Sünder werden, ginge der Herr nun mit mir ins Gericht nach meinen Thaten und Verdiensten! Wie würde ich vor ihm bestehen? Doch ein Gedanke! Wie der Vater seiner Kinder sich erbarmt, so nimmt sich der Herr denen, die ihn fürchten, an. Wenn mein leidendes Herz, erschrocken über den Leichtsinn meines Lebens, gefoltert von Vorwürfen, an des Höchsten Gnade verzweifeln sollte, wenn die gebeugte Seele des hartnäckigen Sünders den Glauben an Besserung und Versöhnung verlieren würde, wenn das verzagte, krankhafte Gemüth des Weltkindes zu vertrauen verlernt hat, der Glaube an Reue und Wiederkehr geschwunden, dann rufe du, heilige Gottesstimme laut und vernehmlich zu: Allbarmherzig ist der Herr, voller Güte und Gnade, wie der Vater sich seinen Kindern erbarmt, so nimmt sich Gott denen, die ihn fürchten, an; und so wahr ich, spricht der Herr, nicht den Tod des Sünders, sondern seine Wiedergeburt als Mensch in des Wortes schönster und edelster Bedeutung will ich. Kann bei so kräftiger Versicherung noch ein Zweifel übrig bleiben! Ist dem Fremden nicht Rückkehr, dem verstockten Sünder Vergebung versichern! Ja, Vergebung, Vergebung ist die herrliche Devise des neubeginnenoen Jahres, o möge dessen Inhalt uns aller Verbote und Bürge sicherer göttlichen Verzeihung sein. So mögest du denn, Vater des Erbarmens unv der Liebe an den Tagen der Erinnerung vor Allem denen Gewährung schenken, die reuigen Gemüthes, voll kindlicher Zuversicht dir nahen, um Verzeihung für die Vergangenheit, um Glück und Segen für die Zukunft dich anflehen. Zeichne und gnadenvoll ein in das Buch gottgefälligen Lebens, reinen Wandels, heiterer Zufriedenheit. Sei du unsere Zuversicht und Stütze in dem beginnenden Jahre, daß wir nicht zu Schanden werden, heile die Wunden, die du sicher zu unsrem Besten geschlagen, trockne du die Thränen, die dein gerechter Urtheilsspruch über uns verhängt. Gieb uns Allen deinen Segen, knüpfe fest der Liebe Band, auf der Tugend heiligen Wegen laß uns wandeln Hand in Hand. Friede und Heil dem Vaterlande, Friede und Heil in jedem Stande. Amen. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen- Deutschland. Bonn, 15. Sept. Mit der nächsten Nummer beginnen wir mit zwei höchst interessanten Original-Arbeiten : a) „Die Tochter als Minderjährige, als Braut und als Gattin", treu nach der talmudischen Literatur von Herrn Dr. JsaacGa st freund, Wien, b) Ein „Schächter als Bischof", Skizze aus meinen Erinnerungen, von Herrn B rann hart. Herr Samuel Braunhart, würdiger Sohn des Erstgenannten, wurde jüngst in San Francisco (Californien) als Abgeordneten mit einer durchschlagenden Majorität gewählt. Wie uns mitgetheilt wird, ist dies der erste Fall, daß einem unseren Glaubensgenossen in San Francisco eine solch hohe Ehre zu Theil wurde. Ehre dem Ehre gebührt! Bonn: Von einem Abonnenten unseres Blattes geht uns die in der Nummer 35 vom 28. August besprochenen Wiesbadener Correspondenz, betreffend folgendes Schreiben zu dessen Veröffentlichung uns im Interesse der Sache geboten erscheint. Schlangenbad, im Sept. 1879. Geehrter Herr Redakteur! Proeul negotii» bringe ich während meiner Cur die meiste Zeit mit Zeitunglesen zu. Den „Rheinischen Kourier" beginne ich bei den Abonnementsbedingungen und endige bei dem Namen des verantwortlichen Redakteurs. Einem so eifrigen Leser wie mir kcmn daher nichts entgehen. Ich habe seit der Reihe von Jahren, seitdem ich denke und Zeitung lese schon viel in Bezug auf den Stoff erlebt; doch das Sonderbarste passirte mir nemlich. Im „Kourier" finde ich ein „Eingesandt": »Ein frommer Schwindel" betitelt — ich hoffe von einem Dietrichswalde zu hören, lese und finde eine Zurechtweisung eines Esrahhändlers, unterzeichnet von Rabbiner Dr. Süßkind von Wiesbaden. Meiner Ansicht nach hätte eine direkte briefliche Benachrichtigung den Zweck erfüllt; allenfalls würde mir eine Veröffentlichung des Eingesandt in einem jüdischen Blatte zusagen. Doch was sollen die christlichen Leser davon halten, die durch die Belehrung des Dr. S. nicht mehr Kenntniß von den betreffenden Gebräuchen haben. — Dr. S. sagt wörtlich: „Das diese Esrogim (von denen Teruma und Maaser genommen ist) in den Augen gar mancher gläubiger Israeliten eine gewisse Heiligkeit erlangen, liegt auf der Hand." Was für böse Erfahrungen muß der Herr während seiner Amtsthätigkeit gemacht haben? — Ich erwartete eine Rüge dieses Vergehens unter Mittheilung der Verhältnisse von Seiten eines jüdischen Journals. Doch wie erstaunte ich, als ein hier anwesender Landsmann mir eine Nummer der „Israel. Wochenschrift" mit allen Anzeichen der Entrüstung brachte, in welcher der bezeichnete Artikel des „Rh. K." ohne jede Bemerkung abgedruckt war. Mein Erstaunen wuchs, als ich unter einer Korrespondenz, der „Casseler Tagespost", welche jüdischen Einrichtungen, wie das Koscher-Schlachten lächerlich machte, in derselben Nummer des Rahmerschen Blattes eine abweisende Redaktionsbemerkung fand, sie schloß: „die von uns oben gestrichene Nr. 3 der aufgeführten Thatsachen verursacht sogar Rischus". — Ich muß Ihrer Berufsthätigkeit den Nachweis überlassen, von welcher Seite durch eine journalistische Thätigkeit, wie die bezeichnete des Rischus angefacht wird. Es empfiehlt sich Ihnen hochachtend! M. Lew in, sen. Anmerkung der Redaktion: Bei der Veröffentlichung des vorstehenden Schreibens leitete uns die Absicht, den in Rede stehenden Herren zu zeigen, wie vom Publikum Hetzereien vom Parteistandpunkte ausgenommen werden. Halberftadt, 9. Sept. Heute fand hier die feierliche Einweihung unserer vergrößerten Synagoge statt. Ausführlichen Bericht behalten wir uns in nächster Nummer vor. Oesterreich. Lemberg, 23. August. (Judenkrawall.) In Saybusch (Galizien) hat jüngst ein arger Judenkrawall stattgefunden. Derselbe wurde in Scene gesetzt, um die Ansiedelung eines israel. Kaufmannes, Glesinger, zu verhindern. Aller Schwierigkeiten ungeachtet, welche die Saybuscher, die vorher noch keinem einzigen Juden die Niederlassung gestattet hatten, die Etablirung Glesinger's auf städtischem Territorium bereiteten, und trotzdem ein Versuch, das Haus, in welchem Glesinger sein Geschäft errichten will, den Flammen zu übergeben, nur durch einen Zufall vereitelt wurde, ließ sich dieser in seinem Entschlüsse nicht beirren, sondern setzte die nöthigen Vorbereitungen fort. Um jedoch nicht zu viel zu wagen und andererseits dem Fanatismus der Saybuscher Rechnung zu tragen, gebrauchte er gleichzeitig die Vorsicht, das Geschäft unter Firma seines Disponenten, der güt kathosisch ist, zu eröffnen. Vergangenen Freitag langte denn eine Partie Waare in Saybusch an und wurde in das Geschäftslokal überführt; dieser Moment schien den Saybuschern geeignet, ihrem Veto Nachdruck zu verleihen. Als der Abend herangekommen war, rottete sich eine Menge Volkes vor dem Glesinger'schen Gewölbe zusammen und es begann unter einem ohrenbetäubenden SpKtakel ein regelrechtes Bombardement auf das Haus. Tausende von Steinen flogen gegen die Fensterscheiben, und cs währte nicht lange, so war an dem ganzen Gebäude nicht eine Scheibe ganz geblieben. Das Getöse, welches die klirrenden Scheiben verursachten, wurde, noch dadurch verstärkt, daß die Fenster von innen mit Läden versehen sind, von welchen die mit Vehemenz geschleuderten Steine abprallten. Indessen nahm der Ausruhr immer größere Dimensionen an, denn die angesammelte Menschenmasse wurde jeden Augenblick durch neue Zuzügler vermehrt, und ein Theil derselben traf bereits Anstalten, die Thüren zu sprengen und in das Innere des Hauses zu dringen. In diesem Augenblicke erschien der Vertreter des Bezirkshauptmanns in voller Amtsuniform an der Spitze der Gensdarmeriemannschaft, letztere mit aufgcpflanztem Bajonnete, auf dem Platze und suchte durch begütigende Worte die Aufrührer zur Paison zu bringen. Aber seine Ermahnungen fanden kein Gehör und er selbst lief Gefahr, von dem Steinregen getroffen und verwundet zu werden. Da ertheilte er mit lauter Stimme den Gensdarmen den Befehl, gegen jeden Excedenten, der auf nochmalige Aufforderung keine Folge leiste ohne weiteres von dem Feuergewehr Gebrauch zu machen, und nahm gleichzeitig selbst einige Verhaftungen vor. Dieser mit Energie ertheilte Befehl wirkte abkühlend auf die erhitzten Köpfe der Tumultuanten, welche sich jetzt zerstreuten, nachdem abermals einige von ihnen den Gensdarmen in die Hand fielen. Tags darauf wurden die Gensdarmerieposten von Siemien und Milowka nach Saybusch berufen und ein ständiger Patroillendienst angeordnet. Es wurde ferner ein Belagerungszustand en miniature über die Stadt verhängt und jede Gruppenbildung auf offener Straße während der Nachtzeit, sowie das Verweilen im Wirthshause nach 10 Uhr strengstens verboten. Die Ruhe ist, dank den getroffenen Maßregeln, seitdem nicht wieder gestört worden. B. Z. Vermischtes. — (Jaques Offenbach.) In dem Buche Emil Pirazzi's: „Bilder und Geschichten aus Offenbachs Vergangenheit^ finden wir unter Anderem folgende Notiz: „Offenbach ist kein Offenbacher", wie man zuweilen annahm. Jakobs Vater Juda Offenbach (früher Juda Eberscht genannt), stammt aus einem Dorfe des Rhöngebirges, und besuchte hier öfters den derselben Gegend entstammenden Vater Formstechers (derzeit. Rabbiners in Offenbach), der jenem sogar die ersten Griffs auf der Violine beibrachte. Eberscht ließ sich in Bürgel nieder, und heirathete daselbst ein israel. Mädchen Namens Schlesinger, deren Familie dort noch existirt. Der Besitzer des „Cafee Schlesinger" in Bürgel ist ein Vetter Jakob Offenbachs, der seine dortigen Verwandten auch noch öfters besuchte. Um's Jahr 1833 besuchte Juda, der inzwischen den Namen Offenbach angenommen hatte und Cantor der isr. Gemeinde in Köln geworden war, Dr. Formstecher in Begleitung seiner beiden Söhne, welche damals noch recht schüchterne Knaben, aber bereits tüchtige Violin-und Cellospieler waren. Der Cellist war Jakob Offenbach, der seine „Schüchternheit" nachmals auf der hohen Schule in Paris recht gründlich ablegte! Etwa 1844 war Juda Offenbach nochmals hier bei Dr. Formstecher, und überreichte ihm ein in Köln 1839 von ihm herausgegebenes „Allgemeines Gebetbuch für die Israel. Jugend", enthaltend Gebete in Poesie und Prosa, wovon die deutschen von Offenbach selbst verfaßt waren. Dem mit einer handschriftlichen Widmung Offenbach's an Dr. Formstecher versehenen Exemplar waren noch zwei geschriebene Lieder beigeklebt: „composes par J. Offenbach". Inzwischen war Jakob noch Cellist in Parist — ein Jahrzehnt später war er ein berühmter Mann! Der Vater hat Gebete für die israel. Jugend, der Sohn „Die schöne Helena", „Die Großherzogin von Gerolstein" und „Pariser Leben" geschrieben. Literarisches. W. Marr hat eine neue Schrift wider die Juden „Wählet keinen Juden!" bititelt, als praktische Anleitung zum Sieg des Germauenthums über das Judenthum erscheinen lassen. Bei K. Minde in Leipzig kam jüngst heraus: Junius, Lindau unb das literarische Judenthum. Controverspredigt. Lazar. B. Hellmann hat den ersten Band seines umfangreichen Werkes „Die Vorurtheile der Menschheit" herausgegeben, ein Kapitel trägt die Ueberschrift „Der Jude". Verlag von Rosner in Wien. Wir werden in nächster Zeit eine Besprechung der aufgeführten Werke bringen. Die Abonnenten des „Israelitischen Boten“ werden ersucht, die Erneuerung des Abonnements für das 4 Quartal rechtzeitig zu bewirken, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Im Interesse unserer Leser machen wir darauf aufmerksam, dass die Post bei Bestellung nach dem 1. Oktober eine ausserordentliche Gebühr von 10 Pfg. erhebt, wenn die Nachlieferung der bereits erschienenen Nummern gewünscht wird. Der Abonnementspreis beträgt bei Postbezug 2 M. 15 Pfg. bei direkter Zusendung durch die Expedition 2 Mk. franco vierteljährlich. Für Cultusbeamte sind die Abonnementsgebühren bei Bestellung bei der Expedition auf 1 Mk. pro Quartal ermässigt. Wir werden auch im nächsten Jahr bestrebt sein, Alles zu bieten, was in unsern Kräften steht und gestatten uns dagegen die Bitte an unsere Leser, in Kreisen von Freunden und Bekannten für die Verbreitung des „Boten“ tliätig zu sein. Die Expedition des „Israelitischen Boten" Bonn, Peterstrasse 8.