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Der israelitische Bote · 1879-09-17 · 38 (17.9.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
38 (17.9.1879)
Date
1879-09-17
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Donnerstag. Abonnement: vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. V. Jahrgang. «eim Wechsel des Jahres senden wir allen denen, welche unser Unternehmen materiell oder geistig unterstützt haben, unsern innigsten Gruß und wünschen ihnen aufrichtig : 12N2N ."DIE Wir danken ihnen für die uns gewährte Uuterstützung und geben ihnen unserseits die Versicherung auch für die Zukunft unsern Grundsätzen treu zu bleiben und immer da einzutreten, wo es geboten ist, unsere heiligen Institutionen gegen innere und das Judenthum gegen äußere Feinde in Schutz zu nehmen. In diesem gerechten Streben rechnen wir auf das Mitwirken aller ehrlich Gesinnten. Die Redaktion. Rückblick. Ein Jahr ist dahin gegangen; wenden wir unsern Blick zurück, um zu schauen, was Gutes und Böses es unsern Glaubensgenossen gebracht. Beides ist in gleicher Fülle den Juden zu Theil geworden. Die Juden Deutschlands blicken mit größerer Besorgniß als beim Abschluß des vergangenen Jahres in die Zukunft. Die ihnen günstige liberale Stimmung im deutschen Reich ist geschwunden, an ihre Stelle trat Anfeindung von Junkern und Pfaffen. Das letzte Drittel des jüngsten Jahres war besonders reich an Haß und Schimpf wider die Juden. Doch hatten wir andrerseits die tröstende Genugthuung unsere Glaubensgenossen in den ersten Reihen der Kämpfer zu sehen, welche den judenfeindlichen Parteien die Stirn boten. Der nimmer rastende Fortschritt wird auch über diese Periode der Bedrückung spurlos hinweggleiten. In den außerdeutschen Ländern hat daS Judenthum mit geringen Ausnahmen glückliche Zeiten zu verzeichnen. Nur in Rußland forderten die uralten Beschuldigungen des Kindesmordes beim Paffahfeste blutige Opfer. Die Gleichstellung der Juden von Rumänien wird von den meisten Cabinetten Europas mit unnachsichtiger Strenge gefordert. Der Widerstand des Volkes, welches die geistige Ueberlegenheit unserer Stammgenossen fürchtet, wird mit der Zeit gebrochen werden. Der geistige Fortschritt fand in der'Begründung und Ausbreitung von Vereinen, welche die Verbreitung jüdischer Wissenschaft bezwecken, seinen Ausdruck. Nicht minder geschah dies durch die regsame Thätigkeit der Presse, welche auch an Zahl ein Wachsthum zu verzeichnen hat. Zum Schluß gedenken wir der großen Männer, welche im jüngsten Jahr der Tod aus ihrem Schaffenskreise gerissen. "1 DW Im Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. (Fortsetzung siehe Nr. 35.) „Ja Kinder, daß ist so 'ne Geschichte," versetzte sie nachdenklich. „Der Landrath thut mir schon was zu Gefallen, der Minister schlägt mir auch nichts ab und der König weiß auch wer ich bin, aber die Kammern die geben ja zu Allem ihren Senf, und ich glaube, da sitzen auch Juden drin!" »Nicht möglich!- rief die eine Zofe, die Hände zusammenschlagend, während die andere mit dumm unschuldiger Miene fragte: „So ist also Frau Löwenthal keine Jüdin? Ich dachte es, weil sie in der jüdischen Restauration ist." „Dumme Gans," schnob sie die Frau Commerzienräthin an, „Das sieht doch ein Blinder, daß die Löwenthalen eine Jüdin ist. Aber sie ist eine gescheidte, gebildete Frau, die weiß, wen sie vor sich hat, wenn sie mit mir spricht, und da thue ich ihr die Ehre an und gehe mit ihr. Es bleibt ja davon weiter nichts kleben; ein Jude ist am Ende doch auch ein Mensch." Als wären die letzten Worte eine Beschwörungsformel für sie gewesen, erschien in diesem Augenblicke Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum m Bonn Expedition: Petersstratze Nr. 8. Bonn, 17. Septemöer 1879 (5640) Leitender Artikel. Predigt gehalten am Sabbath ^Vfxn des Jahres y"pn (1829) von Sr. Ehrwürden Hrn. Dr. Wolfs Oberrabbiner zu Copeuhage«. *) Motto! —-Welch ein Jude! Und der so ganz nur Jude scheinen will. (Lesung in „Nathan der Weise"). Da stehen wir hier wie Brüder und Schwestern vor deinem göttlichen Angesichte. Der Tag der Sühnung hat den Geist der Liebe über uns ausgegossen, und freudig rufen wir, nicht Haß wohnt mehr unter uns, wir sind zu Einer Brudersamilie umgeschaffen, wir sind Ein Herz und Eine Seele. Doch je öfter wir vor dir erscheinen, um heilig und unsträflrch gefunden zu werden, desto deutlicher erscheint uns unsere Thorheit, die uns zu Sünden verleitet, daß wir einsehen, es sei wahr: UVlblK 1112 nur aus eitlem thörichten Sinne irrten wir. Darum, o Herr, wollen wir einmal ernst untersuchen, was uns zu solcher Thorheit hinreißt, wollen in dem Voryofe zum Himmel recht erspähen der Sünde Urquelle, wie sie uns von dir abführt, und uns so in's Netz der Verführung bringt, dein ganz vergessen zu können. O Gott, laß das uns gelingen, damit uns ferner nicht mehr das Eitle und Vergängliche anziehe, und kräftige hierzu die Worte deines schwachen Dieners *) Vorliegende Predigt ist un8 als Original-Manuscript von höchst achtbarer Seite zugekommen. Schon der Name des Verfassers bürgt zur Genüge für die Gediegenheit seiner Arbeit, wovon die g. Leser sich übrigens bald überzeugt haben werden. Die Predigt ist an einem rQtP des Jahres )£"pr (1829) — welcher Sabbath damals zwischen ITIDD uud D"iT fiel — gehalten worden, und schildert der berühmte Verfasser darin in wahrhaft herzergreifender Weise die jüdisch-religiösen Verhältniffe — von vor 50 Jahren — und deren Einfluß auf die soziale Stellung unserer Nation, welche meisterhafte Schilderung auf die Juden unserer Zeit nicht minder gut angebracht sein durste. Der größte, göttliche Seher, unser Prophet Moses, ergriff im Abschnitte das inhaltsschwere Wort, er redete einmal und dies für allemal, für ewige Zeiten. Die Wahrheit dieses Satzes nachzuweisen ist kaum Einem besser gelungen, wie in vorliegender Predigt dem Verfaffer. Möge Gott ihn stärken, auf daß er lange noch sein Volk belehren könne! WaS die Redaktion d. Bl. betrifft, so kann eS ihr nur zur Ehre gereichen, Geistesprodukte, aus der Feder Dr. Wclff'S geflossen, ihren Lesern zu bieten und so ihre bescheidenen Spalten der Tagesordnung eines Schatzes zu widmen, den in seiner wahren Bescheidenheit der Verfasser 50 Jahre lang verborgen gehalten. Die Redaktion. auf der Bildfläche Madame Friedchen Lörvemhal gefolgt von ihren beiden Töchtern. Wenn auch ihr Anzug nicht mit dem der Frau Commerzienräthin wetteifern konnte, so hatte sie an Seide, Blumen, Spitzen und Schmuck doch ein Beträchtliches mehr geleistet, als der Brunnenpromenade am frühen Morgen angemessen war. Einen wohlthuenden Contrast bildete dagegen das einfache geschmackvolle graue Kostüm der älteren Tochter und die zwar etwas anspruchsvollere, aber immerhin angemessene Toilette der jüngeren. Frau Löwenthal hatte nicht sobald die Frau Commerzienräthin bemerkt, so lief sie mit einer Schnelligkeit, die man der korpulenten Frau gar nicht zugetraut hätte, aus sie zu und rief ihr schon von Weitem entgegen : „Guten Morgen, guten Morgen meine verehrte Frau Commerzienräthin. Was rennt das Volk, was wälzt sich dort,- würde Schiller sagen, wenn er heute die Menschen am Brunnen sähe. Sie aber sprechen mit ihm! „Auf diese Bank von Stein will ich mich setzen!" „Sie wissen ja, ich sitze jeden Morgen hier und gebe Audienz,- versetzte Frau Marie herablassend, „es freut mich, Sie zu sehen, liebe Frau Löwenthal, guten Morgen, kleine Hanna. - Die letzten Worte waren mit einem gnädigen Kopf¬ Jnfe raste: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Vst Zahlbar hier. S * Inserate werden bis Aienüag erbeten.^ Mo. 38. vytox bm bin inpb iisaa synp aus daß an- Regen meine Lehre in die Herzen träufle und meine Rede fließe wie Thau. Amen. So erfreulich es für einen Jeden unter uns sein muß, daß auch in unserer Mitte erwacht ist der Geist der Erkenntniß und Bildung, daß Genossen unseres Glaubens mit einem vollen Eifer sich der Wissenschaft, Künsten und Gewerben zugewendet haben; so sind dennoch allenthalben nicht selten die Klagen, über die Geringschätzung, Zurücksetzung und Mangel an Achtung, welche gerade von denen vernommen werden, die sich diesen Ständen widmeten. Wir haben den Wissenschaften und Erkenntniffen mit ernster Forschung unsre Jugendzeit geweiht, auch Fortschritte darin gemacht, aber trotz dessen werden wir von unsren nichtisraelitischen Mitbrüdern mit verächtlicher Miene bedachtet; kaum gönnt man uns den Namen eines Mitbewerbers zu tragen, klagen die, welche den höheren Studien sich weihten. Und wir, so klagt eine andere Parthie, wir haben mit aller Kraft und Thätigkeit ein nützliches Gewerbe ergriffen, ein Handwerk erlernt, auch Meisterschaft uns darin errungen, und dennoch müssen wir in Rücksicht derer, die gleichen Standes sind, zurückstehen; wir gelten in ihrer Gesellschaft noch immer nicht ein ebenbürtiges Glied. Soll denn diese Scheidewand ewig nicht fallen? Soll all unser Streben hierin fruchtlos bleiben? Wohlwollende Gesinnung von oben hat uns die ehemals uns verschlossenen Schranken geöffnet, wenigstens in unsrem geliebten Vaterlande zum Theile eröffnet, aber indem wir uns dieser Huld würdig zu zeigen trachten, indem wir in die geöffnete Schranke treten, wollen uns unsre Brüder die freundliche Hand nicht reichen, ja die freundliche wandelt sich zur feindlichen um sobald wir denselben Weg betreten, den sie eingeschlagen haben, und so stehen wir als einzelne Bruchstücke mit Erkenntniß, Wissenschaft, Kunst und Gewerbe unter der zahllosen Menge. O sie ist bitter diese Klage, aber je bitterer desto wahrer. Denn hat der Mensch einmal seinen Werth, seine Würde kennen gelernt, kennen gelernt, wie uns wozu er seine Kräfte gebrauchen kann, dann fühlt er jede Zurücksetzung um so mehr, dann wird er um so empfindlicher für jede Geringschätzung. Laßt aber nur einmal die reden, welche sich in dieser Lage befinden, sicher werdet ihr keinen vernehmen, der nicht eine Klage vorzubringen hätte. Für diese Klagen hat man auch eine Ausflucht. In sich selbst will ja der Mensch niemals das Gebrechen finden, und so sucht man es in der Religionsverschiedenheit. Diese, sagt man, ist die Gränzscheide, und in ihr liegt es, wenn selbst die thätigften, geschicktesten in ihrem Berufe nicht diejenige Ehre eimrndten, die sie verdienen. Würden dies nun Männer sagen, die eines andern Glaubens sind als wir; so könnten nicken begleitet, denn Frau Löwenthals jüngere Tochter war herangetreten und hatte der Gebieterin Charlottenbrunns ihren Knix gemacht, während Esther in einiger Entfernung zurückblieb und sich mit einer stummen Verneigung begnügte. - Die Frau Commerzienräthin wollte sich den Anschein geben, als ob sie sie gänzlich ignorirte, dies gelang ihr aber sehr wenig. Esthers ruhiges, stche- Auftreten, das sich weder von ihrem seidenen Kleide, res noch von ihrer Kette, noch von ihren beiden Kammerjungfern imponiren ließ, ärgerte sie um so mehr, als sie von dem Gedanken erfüllt war, den Juden eine große Ehre durch ihren Umgang zu erweisen und Frau Löwenthal ihr auch zeigte, wie sehr sie sich dadurch geschmeichelt fühlte. Um dem hochmüthigen Dinge einen recht eklatanten Beweis ihrer Nichtachtung zu geben, hieß sie die Kammerjungfern zusammenrücken und bol der Mutter und Hanna einen Platz auf der Bank an. Ein leises, kaum merkliches Lächeln umspielte Esthers Lippen als ihre Mutter mit Danksagung den angebotenen Sitz annahm und gleichzeitig doch ängstlich, wie abbittend, zu ihr hinübersah. Als habe sie die Absicht der Commerzienräthin gar nicht bemerkt, nahm sie den Arm ihrer jüngeren Schwester und setzte mit! ihr die Promenade fort.

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