Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 32 (7.8.1879)
- Date
- 1879-08-07
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Napoleon erkannte mit seinem allumfassenden Blicke, welcher Schatz den Völkern gewonnen würde, wenn die Juden sich zur gemeinschaftlichen Arbeit verbänden. Um dieses anzubahnen, berief er das Synhedrion. Für das Streben Napoleons war schon zwei Jahrhunderte hindurch der Boden bereitet worden. In England und Frankreich war die Judenfrage schon geraume Zeit an der Tagesordnung. Werfen wir einen Blick zurück, was auf diesen Zeitpunkt geschehen war. In England nahm die Emancipation ihren Anfang. 1658 unterbreitete Menasse ben Israel dem englischen Parlament seine „Rettung der Juden". Scharf trat der muthige Jude den Gehässigkeiten und Verläumdungen von Dunkelmännern entgegen. Seine Bemühungen hatten nur den Erfolg, daß am Ende des 17. Jahrhunderts die Niederlassung einer geringen Anzahl jüdischer Familien in London stillschweigend geduldet ward. Ein Jahrhundert später faßte das Parlament den immerhin einen Fortschritt bekundenden Beschluß, daß alle Juden, welche drei Jahre hindurch ununterbrochen in England sich aufhielten, die Rechte der Einheimischen genießen sollten. Hohn und Spott war die Antwort des Volkes auf das erste humane Bestreben seiner Vertreter. Es ruhte nicht, bis 1825 das Gesetz aufgehoben ward. Die Emancipationsbestrebungen fanden mehr Nachhall in Frankreich. Die öffentliche Meinung bemächtigte sich mit Wärme der Judenfrage. — Montesquieu forderte bereits 1748 in seinem Werke: „Vom Geist der Gesetze" die Ertheilung der Menschenrechte an die Juden. Aus den Reihen der Bedrängten erhoben sich Stimmen, welche laut die vorenthaltenen Rechte forderten; um 1770 widerlegten portugiesische Juden marranischer Abkunft von Voltaire verbreitete Gehäßigkeitcn, die öffentliche Meinung stimmle ihnen bei. Die Juden des Elsasses beklagten sich in einem von Mendelssohn und Dohm abgefaßten Msmoire über die Härte der Gesetze und machten Vorschläge zur Verbesserung ihrer Lage. Ein Nachfolger Montesquieus im Kampfe für die Juden ward Mirabeau. Die Bewunderung für Mendelssohn, von dessen Wirken er in Berlin gehört, ward der Grund für seine von Rechtssinn und Edelmuth getragenen Schrift: „Ueber Moses Mendelssohn und die politische Reform der Juden." Auch in Deutschland gewann der Kampf der Juden Anhänger. Der Mittelpunkt aller Gleichgesinnten war Mendelssohn. Sein Wesen ward Lessing der Anlaß zum Schaffen seines ^Nathan", des ersten Lichtpunktes im Dunkel der mittelalterlichen deutschen Anschauungen. Im Verein mit dem Kriegsrath Dohm verfaßte Mendelssohn eiu Memoire für die Juden des Elsasses, an den französischen Staatsrath. Dohm gab 1781 eine Schrift heraus „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden". Möge hier eine Stelle Platz finden: „Treue Befolgung der Grundsätze, die man für wahr hält, bestimmt den moralischen Werth eines Menschen, und wer kann es sich versagen, den Juden hochzuachten, den leine Martern bewegen können, zu essen, was er von Gott selbst sich verboten glaubt, und den Nichtswürdigen zu verachten, der nur um niedrigen Vortheils willen von hem ehrwürdigen Glauben seiner Jugend, seinen Verwandten und seinem Volke sich losreißt und den heiligen Glauben der Christen dadurch entweiht, daß er sich zu ihm bekennt, ohne innerste Ueberzeugung seiner göttlichen Wahrheit zu fühlen. Schon allein die Anhänglichkeit an den nralten Glauben ihrer Väter gibt dem Charakter der Juden eine Festigkeit, die auch zu Bildung ihrer Moralität überhaupt vortheilhaft ist." Die erste menschenfreundliche Kundgeburg vom Throne ging von Oestereich aus; 1781 verbesserte dürftigsten Nahrung und Kleidung zufrieden. Am Tage gab er Unterricht und erwarb sich dadurch einige Thaler, Nachts holte er die versäumte Zeit ein, indem er frierend bei einem kleinen Lämpchen saß, um seine Kollegienhefte auszuarbeiten und zu studiren. Er hatte sich der Medizin zugewendet, obgleich er lieber Philologie und Geschichte studirt hätte, da er aber ein Studium ergreifen mußte, das ihm Brod gab und er als Jude auf keine Anstellung im Staate hoffen durfte, so blieb ihm keine andere Wahl. Als er sich dann einmal für die Medizin entschieden und in deren Studium versenkt hatte, fand er auch Interesse daran und erfaßte es nicht nur als Beruf, sondern als Wissenschaft. Im Alter von viernndzwanzig Jahren war er, der als Knabe von dreizehn Jahren nur nothdürftig lesen und schreiben gekonnt, Doctor und Assistenzarzt bei einem Berliner Professor, der als Examinator Gelegenheit gehabt hatte, den Kenntnißreichthum des jungen Mannes kennen zu lernen. Einige besondere glückliche Kuren bei Krankheitsfällen der Athmungsvrgane verschafften ihm Ansehen und Praxis, mehrere issenschaftliche Arbeiten über diesen Zweig derHeilde machten ihn aber zu einer Autorität auf diesem '+‘> und will'" ‘ mn darüber fttf+t und debat- Joseph II. durch mehrere Verfügungen die traurige Lage der österreichischen Juden. *) Nach einem gleichbetitelten Vortrage zum 100jährigen Jubiläum des Lessing'schen „Nathan", gehalten im »Verein zur Verbreitung der Wissenschaft des Judenthums" (Aphike Jehuda) in Prag von Dr. Samuel Back, Rabbiner zu Smichow. Prag 1879. I. W. Pascheles. Die schülerhafte Rathlosigkeit des Hru. Dr. S. Holdheim im Gebiete talmudischrn Wissens. Schreiben des Dr. Auerbach an den Rabbinatscandidaten L. in B. Den 14. Aug. 1845. (Fortsetzung siehe Nr. 30.) Sie sehen also, daß von Vorsichtsmaßregeln gegen die Aufnahme assertorischer Schwüre in D"tJ> D'OinnKI DiJItMn D'ipDISI keine Spur vorhanden — weil die Auflösung einer “DysY PiyiltP, eines Meineides ein non ens heißt — und doch hat Herr Holdheim die Stirne, die Unwahrheit auszusprechen „in allen Compendien" wäre diese Vorsichtsmaßregel gegen die Auflösung gerichtlicher Eide recipirt! Aber am vY'twt nrOn, werden sie sagen, hat doch wohl Herr Holdheim nach seiner zuversichtlichen Sprache eine große Stütze! Denn die n"mn zu Schewuoth 39 bezieht sich ja auf tY'KY welcher allerdings von gerichtlichen Eiden spricht, und doch sagt sie: Km K^p3 'pjnsn K^tr imnrot^ msn ■nnn k^t *o oipsn YTi d. h. er schwört nach dem Gedanken des Gerichts, um mentalen Reservationen vorzubeugen und nach dem Gedanken Gottes, um die Auflösung zu verhindern? Ich antworte: gerade dieser Nachweis bringt Herrn Holdheim in das „verfängliche Dilemma",! entweder seine Verfälschung und Verläumdung des rabbinischen Judenthums offen einzugestehen, oder sich für einen -ns, KJT’H'lfrn flKn ÜV wie man hier zu sagen pflegt, stempeln zu lassen. Wie bereits erwähnt, bezieht sich nn'^n aus ^"KT Da aber tY'KI nur von der wegen Reservationen nöthigen Vorbeugungsformel Y'3 TV spricht (ebenso wie alle K"Tl): wie kommt nun die nYSN dazu, die Formel OlpvN TV zu erklären, von der im Texte nicht nur keine Rede, sondern für welche sogar eine andere recipirt ist? Oder ist es nicht grobe Ignoranz, die Worte der T3 TV inwat^ msn iinn k(h c^pon Y'yi auf eine Person zu beziehen, da ü''m]V'1 der Singular (damit er keine List triebe) aber der Plural (ihr Eid) ist? zumal im tY'K") selbst nur die singuläre Form gebraucht wird iniK DijnstPD iin? Endlich spricht ja der weitere Inhalt der nrDH ausschließlich von Auflösung promissorischer mDln, 1^13S'1 aber nicht ein Iota, nicht ein Sterbenswörtchen von assertorischen, von gerichtlichen Eiden? Es muß darum auch einem KST' TH 2“! *13 einleuchten, daß, obgleich der Anfang der nY'in sich aus die Worte im Rosch: V3 njn bv bezieht und diese (nach Talmud Schewuoth 29a) mit QViyi K^t2> ^15HS3 zu erklären sucht, mit den Worten Dlpsn TV eine neue Discussion beginnt, welche den Zweck hat, die im Texte des Talmuds auf demselben Blatte befindlichen Ermahnungsworte bei dem promissorischen tirte, ob eine Universität den Juden zum Professor berufen werde, könne, dürfe oder solle, brach das Jahr 1848 herein, daß auf alle diese Fragen eine schnelle Antwort zu haben schien. Doctor Ludwig Borchardt, wie er sich jetzt bereits nannte, hatte einen Ruf an die Universität B. er- I halten und sich daselbst schnell eine solche Anerken-! nung, Liebe und Verehrung erworben, daß auch die folgenden Reactionsperiode ihn nicht wieder aus seiner Stellung zu entfernen vermochte. Grundsätzlich sich von aller Politik enthaltend und ebenso den Strom größerer Geselligkeit meidend, lebte er in einem kleinen Kreise von Freunden seit drei Jahren in B., ein! wahrer Priester seiner Wissenschaft, ein aufopfernder! Freund und Helfer der Kranken und dabei der zärt-! lichste, pietätsvollste Sohn. Seit vielen Jahren schon hatte er seine Mutter unterstützt. Je besser sich seine pekuniären Verhältnisse gestalteten, um so behaglicher hatte er auch ihr Leben zu machen gesucht und endlich hatte er die alte Frau nach B. übergesiedelt, wo er ihr eine kleine Wohnung, ihrem Geschmacke und ihren Bedürfnissen gemäß einrichtete und keinen Tag verstreichen ließ, ohne daß er sie besucht und sich überzeugt hätte, daß es ihr an nichts fehle. An iedem Rreitam iedem Schwur der Israeliten:, k^*t im *»3 DlpS 1 pl IPtWQtt^ msn ^ini? (Worte, welche den Commentatoren Raschi und Tosephoth in Schewuoth 29d manche Schwierigkeit bieten) Namens des im*) ^KIDtP aus eine befriedigende Weise mit der Paraphrase: ansy rTlpn D’OD’' k^> 13 zu erklären und nach dem Resultat dieser Erklärung einige damals sehr praktisch gewesenen Streitfragen über msnn zu entscheiden. (Schluß folgt.) *) Herr Oberrabbiner Bamberger in Worms vermuthet mit großer Wahrscheinlichkeit daß dieser tm der bekannte 'Dinn i?V3 D"3t&n sei. Nun findet sich freilich in Schewuoth 39 keine solche Erklärung in Tosephoth, wohl aber Seite 29b, wo Tosephoth das inwattY nnsn iinb kYi npsn Tv nicht als m die Kategorie von w3"> YY TU gehörend betrachtet, sondern nur deshalb für unauflösbar erklären, KD^YI ^KIP ,Y'2pn njH weil vielleicht nach dem Gedanken Gottes schwören eine höhere Potenz habe. Den Grund dieser Potenz giebt nun erst D"ni2Y (nach der lY'PWn mit den Worten) an: k^ 13 DHSy n"npn Gott wird die Auflösung eines nach seiner Meinung geleisteten Gelübdes zu einem guten Zwecke niemals zugeben. „Größer sei die Herrlichkeit dieses Hauses, des andern, als des ersten und an dieser Stätte will ich Frieden geben, spricht der Herr Zebaoth." W r e d i g t gehalten zur Eiuweihungsseier der rejlßurirten Synagoge zu Liegnitz am 23. Mai 1871 von Dr. Moritz Landsberger, Rabbiner. Liegnitz 1879, Max Cohn. Ueber die Feier der Einweihung der restaurirten Synagoge zu Liegnitz haben wir zur Zeit berichtet; ein wenig post festum geht uns die Predigt zu, welche der Ortsrabbiner Dr. Landsberger anläßlich der Feier gehalten. Wir geben einen kurzen Bericht über,dieselbe, mit dem Vorbehalt, einen wörtlichen Auszug in nächster Zeit in unserem Blatt zu publiciren. Nach einem schwungvollen Dankgebet für die Hülfe, welche der Ewige zur Vollendung des Werkes gewährt, dankt der Redner allen, welche die Ausführung unterstützt, und schließlich den städtischen und königlichen Behörden, welche an der Feier theilnehmen; er preist sodann den Prultk des neuen Gotteshauses und geht mit dem Spruch des Propheten Haggai (2, 9) „Größer sei die Herrlichkeit dieses Hauses, des andern, als des ersten, und an dieser Stätte will ich Frieden geben, spricht Herr Zebaoth" zu der Ausführung über. Nur kurz ist die Geschichte der Gemeinde, so führt der Redner aus, doch ist sie „gleichfalls ein Beitrag zu dem Bekenntniß, daß ein Prophet ganz Israel in den Mund legt: Der Gnade Gottes gedenke ich uud fein Lob preise ich nach Allem, was er an uns gethan." Das Edikt Friedrich Wilhelm II!. vom 11. März 1812 öffnete nach langer Verbannung deu Festtagabend aß er bei ihr und verrichtete gewissenhaft die Ceremonien, die dem Oberhaupte der Familie oder dem es vertretenden Sohne zukamen, verrichtete sie mit Ernst und Andacht, obgleich er sich längst von allen Ueberlieferungen der Religion in der er geboren und erzogen, losgemacht, denn er wußte, daß seiner Mutter diese Sabbath- und Festfeier etwas Unentbehrliches war. Obgleich die alte Frau den Sohn jeden Tag sah, benutzte sie doch den Freitag Abend vorzugsweise gern zu ausführlichen Gesprächen mit ihm über Gegenwart und Vergangenheit. Es fiel dem Professor daher auf, daß sie an diesem Abende ganz eigenthümlich schweigsam war. Es schien ihm, als ob sie etwas Besonderes beschäftige und er hatte sich darin auch nicht geirrt. Nachdem die Fische verzehrt waren, der Professor das übliche Dankgebet gesprochen und die christliche Magd die Lichter noch einmal geputzt hatte, nahm die alte Frau in ihrem Lehnstuhl Platz, winkte dem Professor, sich ganz nahe zu ihr zu setzen und sagte, seine Hand ergreifend: „Mein Sohn, Mendel Freund war heute wieder bei mir."