Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 32 (7.8.1879)
- Date
- 1879-08-07
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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T.’äTT- ■vf:- ..*T 'fi Juden die Thore von Liegnitz. Ein Decennium ging dahin, bis nach mannigfachen Kämpfen die jüdische Gemeinde in's Leben trat; schwierig war es die drei wichtigsten Anstalten einer israelitischen Cultusgemeinde: gemeinschaftlichen Gottesdienst, Friedhof und Jugendunterricht einzurichten und nach langer Wanderschaft eine gesicherte Stätte zu gründen. In der Zeiten Drang änderte sich die Lage der Juden, welche auch in bürgerlicher Beziehung viel zu wünschen übrig ließ. Nach einem Vierteljahrhundert genügten die Mittel der Gemeinde zur Erbauung des nunmehr restaurirten Tempels, welcher in herrlicher Pracht an geeignetem Orte prangt. Der neue Bau ist auch ein Zeichen des Fortschritts in socialer Beziehung. Der geächtete Jude, dem der Aufenthalt im Orte nicht gestattet war, sitzt heute im Rathe der Väter der Stadt — in der gesammten civilisirten Welt ist das erlösende Wort der Judenernancipation zur Wahrheit geworden und hat Gutes geschaffen. In diesem Sinne gilt das Wort des Propheten: Größer sei die Herrlichkeit dieses Hauses des ersten u. s. w. Dr. Landsberger erklärt sodann den Widerspruch der anscheinend in den Textworten liegt. Es ist bekannt, das der zweite Tempel dem salamonischen an Herrlichkeit der äußeren Schmuckes nachstand, doch „herrlicher an innerer Wirksamkeit", meinte der Prophet „herrlicher an dem Glanze, mit welchem der Gott dieses Tempels in der Seele des Volkes wiederstrahlen sollte." Im Anschluß hieran fordert der Prediger seine Gemeinde auf, zahlreich zu erscheinen am Sabbath und Festtag, zum täglichen Gebet im Hause des Herrn, um auf eine kurze Spanne Zeit Sorge und Mühe des Tages zu vergessen und der höheren Bestimmung des Menschen sich bewußt zu werden. Mit herrlichen Worten weiht der Seelsorger am Schluß den Tempel unb seine Gerüche für ihren zusünftigen Dienst. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen- Deutschland. ' Bonn. Der christliche Klerus Ungarns hat seit langer Zeit sich an dem politischen Treiben im Sinne des Fortschritts und der religiösen Freiheit betheiligt. Nunmehr macht sich ein gleiches Streben bei der jüdischen Geistlichkeit bemerklich. Der Oberräbbiner von Krakau, -S t e r u, kandidwte Zür-^den-^teichArath^im Wahlkreise Kolomea. In der engeren Wahl erhielt Stern die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Es wäre gut, wenn auch unsere Rabbiner ihre Reserve gegenüber den politischen und socialen Treiben aufgeben würden. Die ungesunden jüdischen Gemeindeverhältnisse sollten die Herren nicht abhalten, ihrer Pflicht als Leiter der Gemeinde nachzukommeu. Ihre Amtstätigkeit beschränkt sich jetzt auf die Begutachtung ritueller Fragen und monatliche Predigten. Sie umfaßt nicht die gesammten Pflichten ihrer Stellung. Die Sinecure, welche das Rabüinat ist, muß zu einem Amt dauernder Thätigkeit im Interesse der Gemeinde sein. Der Geistliche hat die Pflicht, die Intelligenz seiner Gemeinde zu heben; dies geschieht nicht ausreichend durch Tempelpredigten; gemeinverständliche Vorträge aus allen Gebieten, welche zur Hebung der Bildung beitragen, sind ein bewährtes Mittel, die minder gebildeten jüdischen Kreise mit der zeitgemäßen Intelligenz auszurüsten, und in ihnen die Erkenntniß ihrer staatlichen und gesellschaftlichen Stellung wachzurufen. Die sociale Ausschließung der Juden, welche trotz aller Humanität im Deutschen Reiche an der Tagesordnung ist, macht die bezeichnet Einwirkung den Rabbinern zur besonder» Pflicht. Bonn, 5. August. (Neueste Nachrichten.) Die von einem officiofen Berliner Organ in den letzten Tagen Rumänien, oder eigentlich der rumänischen Revisionskammer wegen der Frage der Juden-Emancipation ertheilte Verwarnung hat auch in Wien ein lebhaftes Echo erweckt. Die österreichischen Ofsiciösen schließen sich ihren Berliner College« an und erklären man werde energisch darauf bestehen, daß Rumänien seine Vertragspflicht erfülle. Wir haben schon früher betont, daß, obgleich Oesterreich in Folge der von ihm bereits ausgesprochenen Anerkennung der rumänischen Unabhängigkeit zunächst auf einer andern Linie als die anderer Großmächte in dieser Sache sich bewege, es prinzipiell doch genau auf dem gleichen Standpunkte wie die andern stehe. Ueberdem erinnerten wir daran, daß Oesterreich die rumänische Unabhängigkeit nur gegen die formelle Zusage des Bukarester Cabinets, die Emancipation durchzuführen, anerkannt hat. Geschieht das Letztere nicht, so liegt eben ein rumänischer Wortbruch Oestereich gegenüber vor, und das Wiener Cabinet hätte dann hinreichende Veranlassung, seine scheinbare Sonderstellung in der Judenfrage aufzugeben und sich den andern Großmächten anzuschließen. Die Stellung Oesterreichs in dieser Angelegenheit ist übrigens noch von einem andern Gesichtspunkte aus zu beurtheilen. Es ist ein Axiom der Wiener Politik, Fragen, deren sich die deutsche Reichsregierung energisch annimmt, entschieden zu unterstützen, und wenn auch in irgend einem Momente die Neigung in Wien vorhanden geweisen sein mag, bei der rumänischen Judenfrage einige Zurückhaltung zu beobachten, dürfte man doch davon wieder abgekommen sein, als es sich zeigte, daß von Berlin aus diese Frage nach wie vor energisch urgirt wird. Uebrigens wiro es sich zunächst doch nur um die principielle Anerkennung des § 44 des Berliner Vertrags seitens Rumäniens handeln, und diese Anerkennung wird, wie man glaubt, auch erfolgen. Bochum, im August. Unserem verehrten Sanitätsrath Herrn Br. Würzburger wurde von Sr. Majestät dem Kaiser Wilhelm der rothe Adlerorden IV. Elaste verliehen. Stuttgart, 4. August. Gegenüber mehrfachen Berichten in der „Franks. Ztg." über die sociale Behandlung der Juden in Württemberg und Baden, besonders darüber, daß im ganzen württemb. Armeecorps noch kein Jude Reserveoffizier geworden sei, berichtet die „Württ. Landesztg." daß diese Mittheilungen durchaus unrichtig seien. Rumänien. Aas Bukarest schreibt die „B. V. Z.": Das Journal „Pressa" fordert die Israeliten aus, Gesuche um Ertheilung des JndigenatS sofort an die Kammern zu richten. Die Kammer werde unzweifelhaft unmittelbar nach erfolgter Aushebung des Art. VII der Verfassung die Gesuche prüfen und dadurch Europa die Loyalität ihrer Absichten und den ernsten Charakter ihrer Beschlüsse beweisen. Türkei. Konftantinopel. Vor einiger Zeit verbreitete sich hier die Nachricht, daß im Konak Sadyk Beys in Sirkedjy-Jskelessi ein junger Israelit Namens Aako ermordet und beraubt worden sei. Die Nachricht erwies sich als richtig und der Mörder, Namens Abdullah, Reitknecht Sadik Beys wurde verhaftet und die Untersuchung gegen ihn eingeleitet. Dieser Tage fand die Verhandlung gegen Abdullah vor dem Criminalgerichtshofe statt, welcher nach Vorschrift der neuen Strasprozeßordnung zusammengesetzt war. Es ist dies die erste Verhandlung, welche seit der Reconstruction des Gerichtsverfahrens geführt worden ist. Dcr dem Mörder beigegebene Vertheidiger Tinghir-Zade Simon Effendi plaidirte sehr beredt für mildernde Umstände. Nach seiner eine Stunde währenden Rede zog der Gerichtshof sich zur Berathung zurück. Abdullah Agha wurde einstimmig zum Tode verurtheilt. In Ortakioi sind mehrere hundert hauptsächlich von Juden bewohnten Häuser durch eine Feuersbrunst zerstört worden. England. London. Salysbmy empfing ciae israelitische Deputation und erklärte derselben, er könne über die Lösung der israelitischen Jüdenfrage noch keine bestimmte Auskunft geben, weil dieselbe sich gegenwärtig noch in der Krisis befinde. England habe, seitdem über diese Angelegenheit verhandelt werde, in herzlichem Einvernehmen mit Deutschland, Frankreich und Italien gewirkt. Er glaube nicht, daß die Mächte davon ablassen würden, an dem feierlichen Akte festzuhalten, den sie in Berlin vollendeten, indem sie die Anerkennung Rumäniens von einer Abänderung innerer Gesetze dieses Landes abhängig machten. Rumänien verdanke seine Unabhängigkeit schließlich Rußland an erster Stelle, aber auch England, Frankreich und Italien vermöge des Krimkrieges. Rumänien würde einen Akt der Thorheit begehen, wenn es die Bedingungen des Berliner Vertrages nicht erfülle; denn bei jeder neuen Umwälzung werde seine Existenz nur abhängen von strikter Beobachtung der internationalen Verträge. („Württemb. Landes Ztg.") Briefkasten der Redaetion und Expedition. Nachdem schon die Vorkehrung zu einer Beilage zur vorigen Nummer getroffen war, mußte die Fertigstellung wegen Unwohlsein des Setzers unterbleiben. Der Schluß des leitenden Artikels befindet sich auf der ersten Seiten Strodtmann. Selten prangt nur der Name eines Christen auf den Todtenlisten jüdischer Journale —. wahrlich nicht unsere Schuld ist es, denn der Dankbarkeit Tugend ist dem Juden eigen, wie wenigen. Geschieht es dennoch, so hat der Verblichene unter den Kämpfern für Freiheit und Recht seinen Namen einen herrlichen Klang geschaffen. Jüngst ist ein solcher Mann heimgegangen; Adolf Strodtmann ist jvon Freunden und Verwandten zu Grabe getragen worden. Auch der Juden Pflicht ist es, ihm Worte. des Dankes nachzurufen. Er, der evangelische Predigerssohn, hat in Lied und Schrift für uns gestritten. Seine „Sulamith," das Klagelied einer nicht geduldeten deutschen Jüdin giebt Zengniß von des Dichters Menschenliebe und von seinem Groll wider unsere Bedrücker. Strodtmann singt: Sie war ein Kind aus Judas Stamme, Sie trug mit Stolz der Christen Groll; Es blitzt aus ihres Auges Flamme Ein Zürnen groß und würdevoll. Ihr dunkles Auge scbwamm in Thränen Weil für die Liebe Haß ihr lohnt, So lang' des Glaubens finstres Wähnen, Ein Alp im Kreis der Menschheit thront. Sie sprach : „Was Hab' ich denn begangen? Daß ihr die Herzen mir verschließt, Und rings, soweit die Städte prangen, Bon jeder Schwelle mich verstießt? In Liebe möcht' ich Euch umfassen, Als Schwester theilen euer Loos. Ihr lehrt mich meine Menschheit hassen, Verfluchen meiner Heimath Schooß! „Habt ihr mir Fehde zugeschworen, Weil südlich braun mein Wangenpaar? Auch mich hat Deutschland ja geboren, Ob nächtig schwarz mein Lockenhaar! Bin schuldig ich der Frevelthaten An eurem Gott, der Völker Hirt, Der täglich neu von euch verrathen, Verrathen und zekrenzigt wird?" „Ihr sagt: ,,O Jüdin, laß dich taufen, Dann lohnt dich unsrer Liebe Sold!" — Ich bin zu stolz, mich zu verkaufen, Wenn ihr mich frei nicht lieben wollt! Eh' will ich leiden nnd entsagen, Verhüllen stumm mein Angesicht, Bis einst die Stunde mir geschlagen, Die meines Volkes Ketten bricht!" So sprach das Kind aus Judas Stamme, Und trug mit Stolz der Christen Groll; Es blitzt' aus ihres AugeS Flamme Ein Zürnen groß nnd würdevoll. Ihr dunkles Äuge schwamm in Thränen, Weil für die Liebe Haß ihr lohnt, So lang' des Glaubens finstres Wähnen, Ein Alp, im Kreis der Menschheit thront. (Gedichte. Leipzig, Reclam) Vermischtes. — Man schreibt aus Berlin: Von einer feinen „Postnase'^ ist in jüngster Zeit oft die Rede gewesen, allein der Fall, der jetzt von hiesigen Blättern mirgetheilt wird, dürfte denn doch alles Dagewesene übersteigen. Ein Brief, der aus Polnisch-Lissa richtig an eine Handelsfirma unweit Magdeburg gelangt ist, trägt folgende Aufschrift „Nenuelle meschugge Beheme we-Chavriisse.“ Die Postanstalt wandte sich an einen israelitischen Gelehrten und dieser enträthselte die Briefaufschrift wie folgt: Neuuelis — Ruh, meschugge — toll, Beheme — Vieh, we-Chavrusse — u. Co., also ist der Brief gerichtet an die Firma Rudolphi u. Co. Die Annahme hat sich in der That als richtig erwiesen; es wäre aber sehr wünschenswerth, daß die „Findigkeit unserer Post" nicht durch derartige kindische Experimente auf die Probe gestellt würde. Bonu. Kurz vor Schluß der Redaktion empfingen wir einen Bericht aus Trier betreffend Rabbinats- Antritt des Herrn Rabbiners vr. Ehrmann. Näheres hierüber in nächster Nummer. "rp"K. Wie wir vernehmen, so sagt unser Corr. weiter, soll von den Repräsentanten der Hauptgemeinde, Herr Br. Holländer, Rabbiner in Wreschen, gewählt worden sein, nachdem Herr Br. Kroner die Bestätigung nicht erhalten. Wie es mit dieser Neuwahl nun ergehen wird, steht abzuwarten. FWin Kaufmann der seit 20 Jahren ein Cigarrcngeschäft betrieben hat, wünscht in einer Cigarren- Fabrik Stelle als Reisender oder Agent. Beste Referenzen stehen zur Seite und kann aus Verlangen Caution stellen. Näheres ertheilt 243? Dav. Rothenberg, in Cöln a. Rh., Eintrachtstraße 1