Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 32 (7.8.1879)
- Date
- 1879-08-07
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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Leitender Artikel Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen V V. Jahrgang. M S Israelitische Bote. Erscheint jeden Donnerstag. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. Inserate: Die Petitzeile oder deren SlamnflO’W. sZahlbar hier. Inserate'werden bis Dirnstag erbeten. Wann, 7. August 1879 (5639). Mo. 32. V- ,(Von Dr. A. Ehrentheil.) .«j 2 nnX 1 nnvSn 'n -j-n ))S nznöa xmp hp wphxh nboü nmn tw (Fortsetzung und Schluß). Wohl — sage ich dir, mein Bruder! — ist die Thora selbst der Weg 'zu Gott, aber du mußt dir, .wie ich ja schon oft in diesem Buche gesagt, die Thora nicht als bloße Wissenschaft vorstellen, die Thora ist das Leben; „7>m xm *0“ „sie ist dein Leben" heißt es von ihr, du magst immerhin lernen aus dem Buche der Thora, immerhin dich versenken in ihre Tiefen; wenn du nicht wirkest in ihrem Geiste, wenn dein Leben nicht Zeugniß gibt von dem Geiste der Thora, der dich erfüllt, stehst du noch immer nicht auf der Höhe des jüdisch-religiösen Lebens; — in deinen Handlungen mußt dn sie bekennen, die Lehre Israels: und wenn du auch als ungelehrt, geleitet vom Geiste der Nächstenliebe und des Wohlthuns durch edle Werke ein schönes, löbliches Beispiel gibst, so bauest du Straßen zu Gott, ebnest die Wege des Herrn und verdienst den reichen Lohn, den das Bewußtsein erfüllter Pflicht und der Anblick geschaffener, edler Werke gewährt, wie ja der Prophet sagt in der heutigen Haftorah: mx vom nm„ „YOsb m^ysi „Der hat seinen Lohn bei sich, der seine Werke vor sich hat." — Ja! in edler Werkthätigkeit besteht unsere Lehre, nicht in bloßem Worte, nicht in der bloßen religiösen Wissenschaft. So sagt ein weiser weltkundiger Mann, der edle Rabbi Jose, im Talmud: )^DX mm X^X HX IDlXn “*6 HX mm „Wer da sagt er habe bloß die Lehre als Wissenschaft in sich ausgenommen, der hat fürwahr, weil er die Werkthätigkeit ausschließt, auch die Lehre nicht erfaßt, denn — sagt er weiter — es heißt in der Schrift: „Lernet und handelt X"lp "!ÜX„ mtm bs onwi omoh Wer da werkthätig ausübt die Lehren, der hat gelernt mit Geist und Herz, n^t^ys ’mxtP "PlTO^n I^X wer nicht zu handeln weiß nach dem Sinne der Thora, hat auch nicht gelernt, wie man Thora lernen soll." — Zeigt dir denn, mein Bruder! das Leben nicht alltäglich die Wahrheit dieser Behauptung? Sage mir, mein Leser! welchen Vorschub leistet der über seine Bücher, und wären sie auch sämmtlich heiligen Inhaltes, brütende Gelehrte der Gesellschaft, wenn er nicht durch die That bezeugt, daß er aus dem Borne des Gotteswortes geschöpft? wie hat er auf diese Weise die „Wege des Herrn" gebahnt? was hat er gewirkt? Seht! Moses, unser großer unsterblicher Lehrer, er hat nicht nur gelernt aus dem Munde Gottes, er hat auch gelehrt, er hat aber nicht bloß durch das Wort, er hat durch die That, durch das Beispiel gelehrt, er lehrte Versöhnlichkeit und verzieh seinen Feinden, betete für die Sünder u. s. w.; er lebte für die Mitmenschen im Geiste der Thora, er schaffte und wirkte in ihrem Sinne, er bahnte in der Wüste die Wege des Herrn, denn fürwahr, wüste war's in den Herzen und in den Geistern Israels, als er es aus Egypten, als er es durch die Wüste führte, und so könnte man mit den Worten der Schrift, in der dieswöchigen Sidra sagen: "Nim,"! NXN„ „Dies ist die Thora", dies die wahre Gotteslehre, wie wir sie erfassen müssen; ^2 ’OS^ ntro Dt? iwx„ was Moses geschaffen hatte, "Dt£> *ltt|X„ was er gewirkt und geleistet hatte für Israel, die Wege, die er geebnet für göttliche Lehre, die Straße zu Gott, die er dem Volke gemacht durch werkthätige Belehrung, durch wohlthätiges Beispiel, das ist Thora, das ist Gotteslehre. — Was dem edlen Moses im großen Maßstabe gelungen, kann in verjüngtem Maßstabe auch uns gelingen, auch wir können es, wenn wir den festen Willen dazu, und die wahre Begeisterung dafür haben; giebt uns doch Moses selbst die Versicherung in der heutigen Sidra in den Worten: "wrn 1^2 mm ns n^X unitf“ „Wir sind hier heute alle lebend." Abgerissene, unzusammenhängende Worte scheinen dir dies, mein Leser! Aber sieh, so du fragst: „Können denn auch,'wir, die Laien, heute, in der Zeit des Unglaubens, Alle, gelehrt und ungelehrt, hier, wo auf dem Felde der Religion so große Strecken wüste sind, die Aufgabe erfüllen und dem Herrn Wege bahnen? so sagt dein Lehrer Moses dir: *ün3X Ja, wir alle können hier unserer Umgebung, "mm,, heute in dieser von so manchen Frommen arg verketzerten Zeit noch Großes und Edles wirken, können "lypbx^ n^DÖ„ Straße zu Gott bahnen; aber die Hauptbedingnng ist "mm„ durch das Leben, das Wort Gottes muß zur lebendigen That werden.— "mmn nxfl« Dies ist die Thora! Agrarier und Jude». II. In dem ersten Artikel habe ich dem Verfasser der judenfeindlichen Schrift ein Vergehen wieder die Logik nachgewiesen. Heute gehe ich in ein anderes Feld. Einen Fehler mag ich verzeihen, eine Unduldsamkeit verdient Verachtung. Der Verfasser führt aus: „Es frägt sich zunächst, ob die Juden zu ihrem Verlangen ein Recht haben, ein Recht, Deutsche zu regieren, denn so heßt jetzt eigentlich die Phrase von der Judenemanzipation in richtiger Uebersetzung. Um ein solches geltend machen zu können, müßten sie billigerweise offenbar Nachweisen, entweder, daß sie im Stande und bereit seien, auch ihrerseits sich ganz einem deutschen Staate hinzugeben, wie dieser sich ihnen hingeben soll, oder, daß sie durch Tradition eine thatsächliche zur activen Betheiligung am Staate besitzen. Es liegt aus der Hand, daß die erste Alternative unmöglich, weil mit dem Judenthume unverträglich sei, und die zweite nicht zutreffe, weil sie nur auf dem Rechte des Unterdrückers beruhen könnte. Wir meinen „es liegt nicht so ganz und gar auf der Hand^, daß die Juden weder im Stande noch bereit sind, sich dem Staate hinzugeben. Das beweist der Agrarier Furcht vor der Gleichberechtigung der Juden; für das Zweite gibt die Geschichte Zeugniß. An den Kämpfen dieses Jahrhunderts haben die Juden nicht minder regen Antheil genommen, als die christlichen Staatsbürger. Auf den Schlachtfeldern fanden Juden den Tod „für König und Vaterland", wie der Agrarier, der für die Heimat focht, in welcher sein Urahn einst Kaufleute beraubte, und Bauern peitschen ließ, — treu dem König, —war der Jude selbst in Zeiten, da der Landesherr ihn „allergnädigst" mit Füßen stieß. In Oesterreichs bösen Tagen traten Juden freiwillig ins Heer ein. Die Staatsgesetze mißachtet zu haben, kann nur der blinde Haß den Juden vorwerfen. Der dritten Pflicht des Staatsbürgers, der Steuerzahlung genügt der Jude' nicht minder, als der Christ. Der Pflichten hat, hat auch Rechte zu beanspruchen. Ein historischer Nachweis ist bei rein logischen Dingen überflüssig. Die „Tradition", welche nns eine thatsächliche Berechtigung zur activen Betheiligung am Staate zuspricht, ist uralt — es ist der gesunde Menschenverstand. Doch der existirt nicht im Wörterbuch der Agrarier. Das Syrrhedrion unter Napoleon und die ersten Emauzipationsbeftrebnngen. i. Die Männer, welche berufen waren, die Welt in neue Bahnen zu lenken, waren Förderer der Judenemancipation. Als Cäsar von Mörderhand fiel, trauerten die Juden Roms; da der große Corse auf der einsamen Insel im Weltmeer sein Auge schloß, weinten die Juden Deutschlands und Frankreichs. ■4 Im Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. _ Nachdruck verboten. Wenn aber schon für den unbefangenen Zuschauer das Aeußere des jungen Mannes einen Gegensatz geboten hätte zu der Umgebung, in der er sich befand und zu der Andachtsübung, der er sich hingab, so würden seine Bekannten, seine Kollegen, seine Schüler und die Patienten, welche von nah und fern zu ihm kamen, nicht weniger verwundert gewesen sein, den Professor Ludwig Borchardt, den berühmten Arzt und Universitätslehrer, in streng orthodoxer Weise den Freitag Abend feiern zu sehen. Was ihn dazu vermochte, war auch keineswegs die Ueberzeugung, sondern die Kindesliebe und Pietät. Ludwig Borchardt war eine jener Erscheinungen, wie sie das jüdische Leben namentlich in der Provinz Posen häufig hervorgebracht. Was er konnte und war^vexdankte er, seiner glänzenden Begabung, seinem den Namen, den er trug und berühmt machte, hatte er sich selbst gegeben, denn in seinem Heimathstädtchen in der Provinz Posen hatte man ihn nur als Löb Baruch gekannt und noch heute nannte ihn die Mutter Löb und nicht Ludwig. Er war das jüngste einer langen Reihe von Kindern gewesen, die seine Eltern unter Noth und Entbehrungen aller Art aufgezogen hatten, und es gehörte wirklich der diesen Leuten eigene naive Glaube an die Willfährigkeit, ja an die Verpflichtung der reicheren Glaubensbrüder zur Unterstützung der ärmeren dazu, um sie in ihrem kleinen polnischen Neste und in ihren Verhältnissen auf den Gedanken kommen zu lassen, aus dem Knaben, der bei dem was man ihn lehrte, eine gute Begabung bewies, einen Gelehrten zu machen, worunter man nichts Anderes verstand, als ihn zum Rabbiner zu erziehen. Auf einem seiner Streifzüge, die der Vater alljährlich nach Deutschland unternahm, theils in Handelsgeschäften, theils aber auch, wenn es damit nicht glücken wollte, um die Mildthätigkeit in Anspruch zu nehmen, hatte ihn Löb begleitet. Der Vater wollte ihn nach Berlin, dem gelobten Lande aller polnischen Juden, bringen, wo zahlreiche Wohlthätigkeitsanstalten glieder der Gemeinde alljährlich ja so Vielen halfen und also nach dem Raisonnement des alten Baruch auch seinem Sohn zu helfen verpflichtet waren. Er hatte durch die zahlreichen Besuche, die er der preußischen Hauptstadt abgestattet, sich eine recht hübsche Lokalkenntniß erworben und war überzeugt, schon die dazu nöthigen Wege aufzufinden, konnte jedoch nichts weiter thun, als den Sohn nach Berlin führen. Kaum dort angelangt, wurde er von einer plötzlichen Krankheit ergriffen, die ihn nach wenigen Tagen dahinraffte. Der verwaiste Knabe fand Wohlthäter, die ihn in die Schule schickten und für seinen Unterhalt sorgten, es war aber doch ein fast verzweifeltes Unternehmen für den armen, unwissenden, weltfremden polnischen Judenknaben, sich zuerst die nöthigen vorbereitenden Kenntnisse für ein Universitätsstudium anzueignen und dann ein solches zu absolviren, besonders, da er einige einflußreiche Wohlthäter dadurch verletzte, daß er von dem Studium der jüdischen Theologie, für das er bestimmt gewesen war, abging. Er setzte es jedoch mit der seinem Stamme eige Zähigkeit durch, das Ziel, das er sich gesteckt ' zu erreichen. Von Hause nus^nicht verwöhn' - . . 1—V fWM 1V1 U*