Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Bote · 1879-07-24 · 30 (24.7.1879) · p. [Seite 2]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
30 (24.7.1879)
Date
1879-07-24
Page
[Seite 2] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9620169-9625151-9624088--213-9624090
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

wurde.*) Auch unsere Jugend findet in diesen beredten Zeugen des schöpferischen Genius unserer Väter einen reichen Stoff der Belehrung und Erhebung, und es gehört zur Aufgabe der Religionsschule, dieselbe mit dem Character und Inhalt dieser Dichtwerke vertraut zu machen. Die Zionslieder Gabirols und Jehuda Hallewis, müssen sie nicht unser Herz mächtig begeistern für die nunmehr entschwundene Pracht der Gottesstadt und ihres erhabenen Tempels? Welcher Israelit, der in seinem Leben, Denken und Fühlen den Faden zwischen der nationalen Vergangenheit' und Gegenwart noch nicht zerrissen und von der Hoffnung auf die dereinstige Auferstehung unserer nationalen Selbstständigkeit durchdrungen ist, fühlt sich nicht durch die begeisterten und begeisternden Lieder Jehuda Hallewis hingezogen zu dem Ort, wo dereinst der Tempel gestanden. „O könnte ich küssen Deinen Staub, die Schollen, süß wie Honig dem liebenden Verlangen!" Mit heißer, inniger Herzensgluth und unaussprechlichem Verlangen seiner reinen Seele sehnte er sich nach dem Anblick der Stätte, wo der Tempel Gottes, „das liebliche Reis, die Wonne der Welt," nunmehr in Trümmern liegt, wo dereinst die Propheten mit ihren Feuerworten gelebt und gewirkt, und es war ihm gegönnt, diesen heißesten und innigsten Wunsch seines Lebens erfüllt zu sehen oder wahrscheinlich dem Ziele seiner Sehnsucht sehr nahe zu kommen.**) Als ihn einer seiner Freunde von diesem Vorhaben abzubringen suchte, nach dem heiligen Lande zu wallfahren,. fragte er ihn, ob denn die Borfahren mit ihrer besonderen Anhänglichkeit und begeisterten Liebe für den Boden so unvergeßlicher geschichtlicher Offenbarungen bloße Thorheit geübt hätten; wo denn im Ost und im West eine so hoffnungsreiche Stätte zu finden sei, wie jenes Land, das voller Pforten, die zum Himmel führten, all die Orte, wo die Herolde des göttlichen Willens, die Propheten geweilt. (Diwan No. 4.) Ueberall in diesen lieblichen, unnachahmlichen Gedichten finden wir das sehr suchtsvolle Harren auf die Stunde der Erlösung seines Volkes, von dieser unverbrüchlichen Zuversicht ist jede Regung seines empfindungsreichen Herzens getragen und von dieser Glaubensfreudigkeit begeistert. Gegenwart und Vergangenheit verknüpft der Dichter durch seine überzeugenden, hinreißenden Lieder und trägt sie auf kühnen Schwingen seiner Phantasie in die lichtvolle, hoffnungsreiche Zukunft. *) Vgl. hierüber besonders die trefflichen Bemerkungen meines hochgeehrten Lehrers Salomon Plessner in sein pK. **) Vgl. Luzzato Betulath batt Jehudah, nach welchem er wahrscheinlich unterwegs in Egypten starb. (Schluß folgt.) Orig.-Bericht des Vereins israel. Elementarlehrer für Westfalen und Rheinprovinz. (Fortsetzung und Schluß.) Der Vortragende schildert das Unterrichtsverfahren unseres Lehrers Mose, wie dieser die ihm von Gott gegebenen Lehren Aron vortrug, dann in Gegenwart Arons den Aeltesten und zuletzt im Beisein der Vorgenannten dem ganzen Volke. In den Zeiten der Richter, wo ein Jeder that, was ihm wohlgefiel, mag der Unterricht der Jugend und des Volkes überhaupt im Argen gelegen haben. Besser wurde es zur Zeit Samuels: In den Prophetenschulen wurde Religion, Dichtkunst und Gesang, auch Musik gepflegt. David war ein Dichter ersten Ranges und erfahren in der Musik, Salomo ein Kenner der Natur und Philosoph. Durch die gegenseitigen Reibungen der beiden Reiche Juda und Israel, wird die geistige Bildung keine Fortschritte gemacht haben. Die Prophetenschulen bestanden jedoch noch. Zur Zeit des Königs Giskia muß eine Art Academie eingerichtet gewesen sein. Unter seinem Nachfolger zerfielen alle religiösen und cultuellen Institutionen. Der Redner führt aus, daß man zu allen Zeiten sehr viel Gewicht ans das gute Beispiel der Eltern und Lehrer legte, spricht nur vorübergehend vom babylonischen Exil, von den Kämpfen der Mackabäer, die nicht förderlich sein konnten für Erziehung und Unterricht. In Alexandrien nahmen die Juden griechische Bildung an. Das apokryphische Buch Sirach enthält ganze Capitel Paedagogik. Zur Zeit der Römerherrschaft waren viele Schulen in Palästina. Die berühmten Schulen in Jamnia und Tiberias. Die Mischna enthält manche Vorschrift über Erziehung und Unterricht. Später errichtete man die berühmten Schulen in Babylon. Ref. führt einige Bemerkungen aus der babyl. Gewara über Erziehung und Unterricht an. Die Schüler saßen nach orientalischer Sitte aus der Erde, gewöhnlich im Halbkreise um den Lehrer, der auf einem erhöhten Platze saß. Gegenstand des Studiums war das Gesetz. Die Methode war heuristisch. Der Vortragende bespricht die Zeiten der jüd. Hochschulen, der Jeschiboth. Der Rabbi bildete mit einigen Assessoren ein Beth-din, die Schüler hießen Bachurim. Bedeutende höhere Talmudschulen waren zur Zeit Raschi's in Frankreich. Die spanisch-gebildeten Rabbinen waren außer der talmudischen Wissenschaft der Philosophie und Medicin zugethan. — Berühmte Jeschiboth in Deutschland waren: Prag, Fürth und Frankfurt. In Polen wurde das Talmudstudium sehr betrieben. Ref. schildert dann das sog. Chederwefen. Die Lehrer waren größtenteils eingewanderte Polen, die die hebr. Grammatik wenig verstanden und in der deutschen Sprache unbewandert waren. Das Lokal war eben ein Chederein gewönliches Zimmerer dem von Pulten, Schultafeln u. s. w. nichts zu sehen war. Nur Hebräisch wurde gelehrt, wobei der Baculus eine Hauptrolle spielte. Die Zeit Mendelssohns. Mendelssohn hatte wegen seiner Bibelübersetzung von orthodoxer Seite grobe Anfeindungen zu erfahren. Wahres Judenthum und wahre Bildung sind durchaus keine Gegensätze. Ref. zählt die Hülfswiffenschaften auf, die neben dem Hauptsache, der Religionskenntniß, bei den Juden geübt wurde, als Schreiben, Geographie und Topographie, Mathematik, Astronomie Anatomie Zeichnen, Psychologie, Logik und Rechtswissenschaft. Errichtung von Seminarien. Der Ref. stellt folgende Thesen auf: 1. Das Judenthum hat zu allen Zeiten auf die Erziehung und den Unterricht der Jugend sein Hauptaugenmerk gerichtet. 2. Das Judenthum wurde gehoben durch die Blüthe seiner Schulen und sank mit deren Verfall. (Diese Fassung ist vom Collegen Kaufmann). 3. Die jüd. Schulen müssen daher erhalten, gepflegt und gehoben werden. 4. Das jüd. Element verdient gleiche Berücksichtigung wie die übrigen Disciplinen. An diese Thesen knüpfen sich sehr lebhafte Debatten. Blumenfeld (Essen) führt aus, es sei ein Verdienst der Juden, auf die religiöse Bildung viel Gewicht gelegt zu haben, bedauert, daß die Kinder jetzt den Voksschulen zu früh entzogen werden und der Religionsunterricht an den höhern Schulen sich auf wenige Stunden beschränken müsse, daß die Zeit mit ihrer materiellen Richtung die jüd. Familien lau und intereffenlos für die Religion unserer Väter gemacht. Es sei ihnen gleichgültig, ob ihre Kinder die Religionsschulen besuchen oder nicht. Er betont nachdrücklich: „Der jüdische Religionsunterricht muß obligatorisch werden", indem er die Schlußfolgerung zieht: Ist der Religionsunterricht ein integrirender Theil des Unterrichts bei den Christen, so ist er es auch für die Juden. Blumenfeld schlägt vor, einen besonderen Sabbath- Nachmittags-Gottesdienst für die Kinder herzustellen, um das religiöse Gefühl derselben zu beleben. — Es werden nun Themata zu den Vorträgen der nächsten Conferenz bestimmt. Kronenberg's Vortrag: „Wie ist den Vorurtheilen gegen Juden wirksam entgegenzutreten? kommt wieder auf die Tagesordnung. Seminarlehrer Treu (Münster) übernimmt das Thema: Die Wechselwirkung zwischen Schule und Haus in Beziehung aus Unterricht und Erziehung. Nachdem College Cahn in warmen Worten als Ort der nächsten Conferenz Hagen empfohlen, giebt die Conferenz ihre Zustimmung. Der Herr Vorsitzende giebt in seinem Schlußwort ein kurzes Resume der Verhandlungen und dankt dem Vorstande und den Repräsentanten der Synagogen- Gemeinde Steele für die Gastfreundschaft, die den Collegen in so hohem Maße zu theil geworden. Löb (Cöln) dankt dem Vorsitzenden für die umsichtige Leitung der Conferenz und wünscht, daß der Vorstand derselben noch lange Jahre in seiner jetzigen Gestalt bestehen möge. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde hatte die Freundlichkeit, die Lehrer am folgenden Tage zu einer Excursion nach dem nahen Jsenberge, von wo aus man die schönste Aussicht nach dem Ruhrthale genießt, einzuladen. Leider war der Ausflug, woran sich der Vorstand der Gemeinde mit Familien und ca. 12 Lehrer betheiligten, nicht vom schönsten Wetter begünstigt. In dem Bewußtsein, inmitten unserer Collegen einen herrlichen, segensreichen Tag verlebt, geistige Anregung empfangen zu haben, zerstreuten wir uns nach den vier Himmelsgegenden auf ein freudiges Wiedersehen in Hagen. Die Schriftführer: I^eri (Neuss), Spanier (Solingen). Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Bonn. Man sollte glauben, es herrsche jetzt eine Manie, jeder hervorragenden Persönlichkeit einen jüdischen Ursprung nachzuweisen. Es erinnert an eine Gerstückersche Erzählung, in welcher ein Irrsinniger behauptet, das gesammte Menschengeschlecht komme von Nürnberg. Co haben neuere Forschungen ergeben, daß Gambetta der Urenkel eines jüdischen Händlers aus dem Elsaß Namens Gamberle gewesen; von der jüngst verstorbenen Gräfin Waldegrave eine Notabilität der englischen Aristokratie berichten Londoner Blätter gleiche falls: Ihr Vater war ein Jude, Namens Braham kürzung von Abraham), der sich seiner Zeit durch hübsche Stimme eine gewisse Berühmtheit erworoD hatte und in englischen Spielopern die Rolle des ersten * o D O traurigen, allgemeinen und nationalen Verluste bewegen, um den gehörigen Ehrentribut und die gebührende Achtung dem Andenken des Freiherrn Lyonel de Rothschild, des frommen und außerordentlichen Menschenfreundes, zu erweisen. S. Ehrw., Herr Oberrabbiner Dr. N. Adler, war wegen Krankheit verhindert, von Brighton nach London zu kommen. Um so mehr fühle ich in dieser Stunde meine Schwäche, weil, wenn das Herz vor Gram überfließt, die Sprache gewöhnlich ihre Dienste versagt, um unseren innersten Gefühlen den geeigneten Ausdruck zu verleihen. Aber wahre Hochachtung und aufrichtige Hochschätzung der edlen Charactergröße des Dahingeschiedenen, wahrhafte Verehrung seiner unzähligen Tugenden, machen es mir zur Pflicht, an dieser Stätte ein, wenn auch nur schwaches Zeugniß abzulegen von den vielen vortrefflichen Eigenschaften des Entschlafenen, welcher unaufhörlich bemüht war, das Loos seiner Mitmenschen zu bessern, dessen Hand und Herz gegen Alle offen war ohne Unterschied des Bekenntnisses, und der ganz insbesondere seine Zeit, seine Mittel, seine Ta- "^uffd seine Geduld aufopferte für die nationale ^7 Glaubensgenossen. 0 —ete geduldig und ausharrend an der Er- /er Rechte als treue und loyale Brittische ' ■< und in diesem edlen Bestreben nicht nachlasfend, bis seine Anstrengungen und Bemühungen mit dem gewünschten Erfolge gekrönt waren. All' die ausgezeichneten und edlen Eigenschaften des^ erlauchten Hingeschiedenen aufzuzählen ist mir unmöglich, und selbst wenn ich danach streben wollte, wäre dies vergebene Mühe. Aber das kann ich mit Wahrheit behaupten, daß, als Sprößling einer alten und frommen Familie die Religion seiner Väter seine Freude war. Er arbeitete ruhig und ohne viel von sich selber reden zu machen für die Besserung unserer sozialen, häuslichen und politischen Wohlfahrt, aber seine allgemeine Wohlthätigkeit lief gewöhnlich geräuschlos durch die Kanüle der Gesellschaft wie ein bewässerndes und befruchtendes Bächlein, in die Wohnungen der Dunkelheit des Elends und der Armseligkeit Trost bringend, Licht und Fröhlichkeit verbreitend. Mit vollem Fug und Recht dürfen wir daher des Propheten Wort auf ihn anwenden, das da lautet: „Deine Gerechtigkeit wird Dir vorangehen, die Herrlichkeit des Herrn wird Dich aufnehmen!" (Jesaia VIII, 8). So hat der fromme vortreffliche Mann sich verdientermaßen die Achtung, die Liebe, die Verehrung und die Bewunderung der Welt im Großen erworben. Auf edle und gewissenhafte Arr erfüllte er die Pflichten eines Verwalters des ihm vom Schöpfer anvertrauten Gutes. Er, von dem man tagtäglich in allen feinen Zirkeln sprach, den die Welt bewunderte, das Haupt und der Sprecher in den Berathungen von Börsenfürsten, er, dessen Rath von Staatsmännern erbeten wurde, hielt es nicht unter seinem Rang, ruhig dem Elenden und Betrübten zuzuhören, dessen Wunden er so edel zu heilen bestrebt war. Ja! er gab mit voller Hand und freudigem Herzen. „Der Gerechte zeigt Gnade und giebt fröhlich" (Psalm 21, 21). Er hielt sich für verpflichtet, ohne Unterbrechung,- unaufhörlich zu geben durch die Gebote der Vernunft, der Religion, der Menschlichkeit. Solch adelige Characterzüge finden wirklich ihres Gleichen nicht mehr in der Geschichte der Humanität. Seine Fahne der Wohlthätigkeit trug keinen gewöhnlichen Stempel; sie war nach dem Höheren gerichtet, indem sie den göttlichen Attributen nachahmen wollte. Sein Herz war offen für Alle, jede Sphäre der Gesellschaft umfassend; er war Allen zugänglich, mit Allen mitfühlend; eine Tugend, die man selten antrifft. Viele von denen, welche seine Schwelle überschritten mit schwerem und betrübtem Herzen, verließen sie wieder mit einem Herzen voller Freude und Dankbarkeit. Das gewann ihm die Segenswünsche seiner Mitbrüder, die Fürbitte der Bedürftigen, und so hoffen wir auch, die Krone der Herrlichkeit im ewigen Leben. (Schluß folgt.) D

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.