Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 28 (10.7.1879)
- Date
- 1879-07-10
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mittel, Menschen und Zwecke — Vorzüge, welche im öffentlichen Wirken Schwierigkeiten ebnen, Schroffheiten ausgleichen, Gegner entwaffnen, Widersacher in Anhänger und Freunde verwandeln. Im Alterthum und im Mittelalter prüfte man den Stand der Gestirne bei der Geburt eines Menschen, um dessen Kern und Entfaltung zu ergründen; in Israel galt der Spruch: „DerOrt entscheidet". Befrage nicht den Himmel sondern die Erde, den Ort, wo ein Mensch geboren wird, die Umgebung, in der er aufwächst, die gesellschaftlichen Zustände, Sitten, Einflüffe, die auf ihn einwirken, und es erschließen sich dir die geheimen Zugänge und die verborgenen Windungen seines Seelenlebens. Wir preisen und beglückwünschen den Sohn unserer Gemeinde. „Unserer Gemeinde" — ist diese Bezeichnung eine richtige? Gab es eine israelitische Cullusgemeinde in Wien, als unser Jubelpaar vor einem halben Jahrhundert den Bund der Ehe einging? Ach nein! Man kannte Juden und Vertreter der Juden in Wien, anerkannte aber mit Nichten eine Gemeinde. Diese half er erst schaffen, auf- und einrichten, entwickeln, ihr Stellung, Ansehen und Einfluß erringen, ihre Institutionen, Lehranstalten und wichtigsten Vereine begründen und befestigen. Er war nie der Sohn, sondern ist der Vater unserer Gemeinde, ihr Haupt, ihr Führer, Freund und Fortbildner; er ist der Sohn und Nachkomme jener uralten Wiener Gemeinde, die Wohlthun und edles Wirken voranstellte, deren berühmtester Lehrer unfern Festtext zum Titel und Wahlfpruch seines großen Werkes gewählt hatte. Ja, „0r LAeua", Licht strahlt, Licht wird ausgesäet und ausgestreut, Licht und Thaten des Lichtes werden verbreitet weit hinaus über die Linien und Wälle der Stadt. Das ist der Wahrspruch, das die Frömmigkeit, das die Gerechtigkeit unserer Gemeinde vor Gott! Wir preisen und beglückwünschen den Sohn unseres Volkes, der für die Ehre des jüdischen Namens, für die staatsbürgerliche Stellung der Brüder, für die Gleichberechtigung der Glaubensgenossen, für die fortschreitenden Veredlungen und Verbefferungen in Cultus und Schule mit der Begeisterung der Jugend erglühte, mit der Vollkraft des Mannes kämpfte, mit dem Ansehen eines ruhmvollen Alters fortwirkt, der kampfbereit zu jeder Zeit mit der heutigen Parascha (Num. 9.7) hinausrief: Warum sollen wir geringgeschätzt und zurückgesetzt, in unserm Rechte verkürzt, mit unseren Ansprüchen zurückgewiesen werden, warum sollen wir nicht mit allen unseren Mitbürgern das große Passah der Freiheit feiern, wir, die uralten Träger der Bundestafeln, die zum Weltgesetze geworden, wir, die Verkünder und Verbreiter der Liebe in der Menschenwelt, wir, der Mund Gottes in der Weltgeschichte für alle Culturvölker auf Erden? Heil dem Manne, dem Gott es beschieden hat, den ersten Tag seiner Vermählung mit der 50. feierlichen Wiederkehr desselben in dieser Weise vergleichen zu können. Damals, vor einem halben Jahrhundert, schwere Schatten, dichte Dunkelheit, tiefe Finsterniß über Israel in ganz Europa, mit Ausnahme des großen, edlen Frankenreiches — und heute der hellstrahlende, goldene Leuchter der Freiheit und Rechtsgleichheit im Lager aller Religionsbekenntnisse, angezündet und genährt von Freiheitspriestern und edlen Vorkämpfern aller Nationen und Confesstonen, unter denen ein mächtiger Geistesfürst und Meister der Rede für die Rechtsgleichheit in Oesterreich hoch emporragte, dessen Lebensfunken am Beginne dieser Woche erloschen ist.*) Heil dem Manne, an dem das Wort des Psal- *) Dr. Karl Giskra. misten sich erfüllt (Ps. 92): O, seht, wie der Gerechte gleich der Palme gedeiht, wie sie beide, Gatte und Gattin, nach einem halben Jahrhundert feierlich in das Gotteshaus verpflanzt werden, wie sie noch frisch sprießen im Greisenalter und mit munterem, muthigem Herzen der Kinderwelt fürsorgend sich zuwenden. Heil dem Manne, der dem jüngern Geschlechte als glänzendes Vorbild dienen kann. Wie die Olive, gepreßt und gedrückt, köstliches Oel fließen läßt, das in helles Licht sich verwandelt, so hat der Druck vergangener Tage Männer in Israel hervorgebracht, welche das Licht des Geistes leuchten ließen, um ihre Brüder zu beleben und zu erheben, .aufzuklären und zu belehren, zu erlösen und zu befreien, für die Ehre des Judenthums in Wort und Schrift einzustehen, und dies als die höchste und heiligste Aufgabe ihres Lebens betrachteten. Mögen die jüngeren Söhne der Freiheit ihre Dankbarkeit gegen die ergrauten Kämpfer dadurch bekunden, daß auch sie den Angelegenheiten Israels ihre Theilnahme und ihre Mithilfe freudig widmen, ein Ehrenamt in der Gemeinde, eine That für die Gemeinde mindestens so hoch achten wie in anderen nichtjüdischen Kreisen. Ehren wir uns vor allem selbst, bevor wir Ehre und Anerkennung von Anderen verlangen. «Die mich ehren, ehre ich auch", spricht Gott (Sam. 2, 30), ich ehre sie auch mit einer Krone, mit der „Krone des guten Namens", die siebenfach wie der goldene Leuchter strahlt und glänzt. Heil und Segen dem Ehepaar, dessen herannahendes Jubelfest wir heute vor Gott feierlich begehen. Segen dem Gatten, der ein Segen seiner Vaterstadt, ein Segen seiner Gemeinde, ein Segen seines Volkes, ein Segen der Unmündigen, ein Segen der Verwaisten, ein Segen der Bedrängten und Bedrückten. Segen der Gattin, der armen Schulkinder Hort, der kleinen Kinder Huth, der Waisenkinder Hilfe, des Mannes treue, theilnehmende, thätige Gefährtin und Mithelferin. Gott segne das Jubelpaar, wie es selbst reichen Segen stiftete und immerfort verbreitet, schütze und hüte es zu seiner und unserer aller Freude. Amen. Gott lasse dem Jubelpaar sein Antlitz leuchten, wie es selbst mildes, wohlthätiges Licht spendete und immerfort aussendet, und begnadige es mit neuer Lebenskraft und Lebensfülle. Amen. Gott wende dem Jubelpaar seinen freundlichen Himmelsblick zu, und gebe ihm den reinsten, heitersten Seelenfrieden als Lohn für ein halbhundertjähriges edles, leuchtendes und gottgefälliges Wirken: das ist unser Aller Gebet, das unser Aller Glückwunsch, das unser Aller Jubelgruß, darauf sprechen wir Alle, Alle: Amen, Amen! (Original-Bericht). des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen. (Fortsetzung.) Diese Thatsache habe eine allgemeine Bedeutung. Man könne ihre Wucht nicht vermindern mit der Rede, so handle die Jugend im Sturm und Drang überschwänglicher Gefühle, da ja selbst sonst hochgebildete Männer, Aerzte Juristen u. s. w. in dieser Beziehung sich in einem Zustand der Wehrlosigkeit befänden. Einzelne Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Aber solle man die Zweifel in das Gemüth der Jugend tragen? Solle schon die Schule zum Schlachtfelde der Meinungen werden, die sich in der wissenschaftlichen „Hübsch! Hast du gesehen. Warum hübsch? Kriegt er nicht sein Schadchones?"*) „Ja, aber ein solcher Mann." „Spaß! Ein Rothschild wird's doch nicht sein." „Es ist gar kein Geschäftsmann." „Ich will aber einen Geschäftsmann; einen ordentlichen, fleißigen Geschäftsmann, weiter brauche ich nichts." „Du brauchst nichts weiter, aber deine Kinder brauchen mehr. Die sind gebildet, die brauchen Bildung." Er trat hastig mit dem Fuße auf. «Friedchen ich sage dir, ich wünschte, alle Bücher wären verbrannt, ehe sie dir und deinen Töchtern in die Hände gekommen wären. Die Bildung ist meine Strafe. Aber sag' nur schon, wer's ist." «Der Professor Borchardt in B." Frau Löwenthal sagte es nicht ohne Zagen, denn sie kannte ihren Mann genug, um zu wissen, daß sie einen wahren Sturm heraufbeschwor. Der ließ denn auch nicht auf sich warten. Herr Löwenthal erklärte, auf solchen neumodischen Schwindel lasse er sich nicht ein, er wäre ein Handels- *) Schadchones — die Bezahlung für die Heirathsvermittlung. mann, alle seine Vorfahren wären Handelsleute gewesen und dabei sollte es bleiben. Als kluge Frau ließ sie ihn austoben und rückte dann mit ihrer Entgegnung vor, wobei sie sich genau der Gründe bediente, die Mendel Freund ihr an die Hand gegeben hatte und noch einige andere von ihrer eigenen Erfindung dazu. «Der Schadchen hat dir dein Stückchen gut gesetzt, Friedchen, du sprichst es vom Blatt", sagte ihr Moses endlich lachend. „Die Hauptsache hast du aber vergessen, nämlich wie schön es klingt, wenn du sagen kannst: «Meine Tochter, die Frau Professorin." «Und klingt es nicht etwa eben schön, wenn du mit deinem Schwiegersohn zur Synagoge gehst und er wird mit der Maureine*) aufgerufen?" fragte sie dagegen. — „Spaß," wehrte Herr Löwenthal ab, sie sah ihm aber doch an, daß dieser Grund nicht ganz ohne Eindruck auf ihn geblieben war und verfolgte den errungenen Vortheil weiter, indem sie auf das Kapital der Frömmigkeit übergehend sagte: *) Aufrufen heißt so viel als aufgefordert werden, beim öffentlichen Gottesdienst einen Abschnitt aus der Thora vorzulesen. Die Maureine ist ein einem Gelehrten gebührender Ehrentitel. Welt bekämpfen? Keiner, der nur einen Funken pädagogischen Takt besitze, werde solches wollen. Jndeß die Zweifel, die der Lehrer der Jugend nicht sagt, soll er selbst kennen; er lehre positiv, aber so, daß er künftigen Zweifeln begegne, künftige Einwürfe abstumpfe. Die Frage sei nicht so wichtig, als sie scheine, ob der Lehrer freisinnig oder orthodox sei — dieses letztere Wort habe überhaupt auf jüdischem Boden keinen Sinn — jedoch von entschiedener Wichtigkeit sei es, daß er warm für seine Religion sei. Wenn auch nur in einem verborgenen Winkel im Geiste des Lehrers ein Rest von Carl Vogt oder Büchner stecke, so sei er verderblich. Es nützt nichts, wenn der Lehrer eine Art von doppelter Buchführung einführe und sein privates Denken von dem trennen will, was er öffentlich lehrt. Niemand sei so scharfsichtig wie die Jugend. Darum gilt es: «Ihr Lehrer, seid achtsam auf Eure Worte!" Der Lehrer muß „vertraut sein mit dem wissenschaftlichen Geiste der Gegenwart, wenn auch keine speciellen Studien von ihm gefordert werden könnten. Nicht Alles was sich Wissenschaft nenne, sei es darum wirklich. Der Materialismus z. B. sei wissenschaftlich völlig überwunden. Kein ernster Mann rede heute von Vogt und Büchner als von philosophischen Köpfen. Aber der Vorzug der Deutschen, ihre Fähigkeit sich zu vertiefen, habe auch Schattenseiten. Der Deutsche verfällt leicht in Mystik und fühlt sich wohl in einer Art von Denknebel. In Deutschland allein könne es Vorkommen, daß ein sonst ganz gescheidter Mann sagt: er glaube nicht an einen persönlichen Gott, aber er glaube an das Ideal, er habe eine begeisterte Hingebung an das All. Diese schönen Worte haben alle nur einen Sinn, wenn wir den Glauben an Gott voraussetzen. Wer in Frankreich und England so redete, der würde sich dem allgemeinen Gelächter preisgeben. Darum komme die jüdische Klarheit und beleuchte die deutsche Tiefe und leite die Jugend so, daß sie sich in diesen Nebeln nicht verliere. Der Redner beschränkte sich nicht auf allgemeine Bemerkungen, sondern wies an einzelnen Beispielen nach, wie der Lehrer positiv unterrichten und dennoch Zweifeln Vorbeugen, sie im Voraus entkräften könne. Wir können die Fülle der geistvollen und anregenden Betrachtungen nicht erschöpfen. Wie einst Mose, so schloß der Redner, Holz in die bitteren Wasser geworfen habe, daß sie süß wurden, so könne der Lehrer, wenn er anders vom rechten Holze sei, schon durch seinen Unterricht die bitteren Einflüsse materialistischer Ideen aufheben. Rauschender Beifall lohnte den Redner, der durch diese Ansprache, obgleich er nicht in Talar und Barett dastand, dennoch der Versammlung die priesterliche Weihe gegeben hat. Bei der nunmehr vorgenommenen Neuwahl des Vorstandes erhielten Dr. Brann — Breslau 43, Dr. Badt — Breslau und Dr. Cohn Oels —je 42, Dr. Samuelson —Breslau 41,H erbst Lissa (Posen) 37, Wassertrilling — Bojanowo 31, Blumenfeld — Schweidnitz 30 Stimmen. Die übrigen zersplitterten sich. Der Vorstand des vorigen Jahres ist somit wiedergewählt und nahm dankend die Wahl an. Durch Acclamation wurden die bisherigen Vertrauensmänner von den aus den einzelnen Regierungsbezirken erschienenen Mitgliedern wieder ernannt.' Es folgte die Berathung des Statuts der Unterstützungs-Kasse. Beim Eintritt in die General-Debatte machte Dr. Badt (Breslau) darauf aufmerksam, daß der vorliegende Entwurf das Ergebniß langwieriger und anstrengender Arbeit sei. Erst nach eingehendem Studium der Statuten der bereits bestehenden Lehrer- Unterstützungs-Kassen und nach reiflicher Erwägung der in den Provinzen Schlesien und Posen obwalten- „Du weißt am besten, daß Fränkel und Rosenblatt, unsere Schwiegersöhne, die frommen Juden nicht sind, für die du sie gehalten hast." «Gott soll's vor sich nehmen!" seufzte er, das Käppchen zurückschiebend, „nein, aber ste nehmen sich wenigstens in meiner Gegenwart in Acht; so ein Professor aber wird mir beweisen wollen, das ganze Judenthum habe sich überlebt, ich kenne die Sorte." „Wenn er das dächte, hätt' er sich ja können taufen lassen", wandte seine Frau ein. „Geh Moses, thu' mir den Gefallen, weis' die Sache nicht gleich von der Hand, red' mit Mendel, der wird dir gewiß das Alles anseinandersetzen können, und dann kannst du dich auch erkundigen." „Ewadde*) werd' ich mich erkundigen. Meinst du, ich geh' allein auf Mendel?" „Er hat uns immer gute Partien geredet." „Das hat er, aber erkundigen muß man sich doch. Selbst ist der Mann." „Mendel kommt morgen srüh." „Warum nicht lieber heute Abend? du hast wohl Furcht, der Professor läuft dir davon? Ich sag' dir, die Sache will mir noch nicht in den Kopf." *) Ewadde — gewiß.