Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 28 (10.7.1879)
- Date
- 1879-07-10
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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\,C Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. ll(t|( Erscheint jeden Donnerstag. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. V. Jahrgang. Leitender Artikel. W e b e zur Feier der Goldenen Hochzeit des Herrn und der Frau - Josef Ritter von Wertheimer am Samstag, den 7. Juni 1879 im Israel. Tempel der Innern« Stadt Wien, gehalten von vr. Adolf IMneK. Nachdruck ohne Erlaubniß des Verfassers nicht gestattet. (Red.) „Licht strahlt dem Gerechten und Herzgeraden Freude." (Pf. 97, 1t.) Nachdem die Stammhäupter und Fürsten des isr. Volkes zahlreiche und kostbare Weihegeschenke auf den ersten Altar Gottes niedergelegt hatten, erging der Ruf an das Haupt des Priesterstammes (Num. 8,2), den goldenen Leuchter anzuzünden, damit dieser Licht 'ausgieße und das Heiligthum aufhelle. Dies war, nach dem Ausspruche der Alten, weniger ein Auftrag als eine Auszeichnung! Du. sprach Gott gleichsam zu Ahron, sollst heute und immerdar Alle überragen, du sollst mein Licht hüten und hegen, das Symbol des Geistes, der erleuchtet und erwärmt, Rath ertheilt, Trost spendet, Muth einflößt, Liebe ausstrahlt siebenfach, jenes Geistes, der allein heiliget und weiht, die Leuchte der Religion bildet, der Anfang und das Ende der Thora ist. Durch dich soll Israel für alle Zeiten lernen, daß nicht der Altar mit seinen Opfern und Geräthen das Fortleben des Judenthums bedingt und bestimmt, sondern der Helle Geist, der Gerechtigkeit, der Liebe und der Treue; daß es daher jene Männer ehre und auszeichne, welche in diesem Lichte wandeln und handeln. Es werden Tage kommen, da wird der Altar umgestürzt, all' das Gold und Silber eine Beute des Eroberers werden, und dennoch wird mein Bund fortdauern durch die Helden des Lichtes und der Liebe, die auf der ganzen Erde für den Sieg des Lichtes kämpfen, im Geiste der Liebe wirken werden. Dies erfahre und beherzige Israel gleich am Anfänge seines weltgeschichtlichen Ganges, gleich bei der Aufrichtung des Stiftzeltes, daß Adonai im Lichte thront, und daß seine echten Priester und Fürsten die Hüter und Träger des Lichtes sind. So lautet das Wort des heutigen Sabbath, das nie in Israel - verstummt ist, das im Munde der Propheten forttönte, in fast all' ihren Reden als Grundton durchklingt. Als der große Prophet Jirmejah die erschütternde Entscheidung über sein Volk Hereinbrechen, Staat und Altar zusammenbrechen sah, rief er aus (Jer. 9.22.23): Im Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. Nachdruck verboten. Es hatte namentlich viel Opfer und Anstrengungen gekostet, den älteren Kindern die gewünschte Erziehung geben zu lassen, während es für die jüngeren in Frankfurt weit leichter ward, und nicht ohne Rücksicht daraus, hatte sie ihren Mann zum Umzuge bestimmt. Moses Löwenthal hatte es nämlich zehn Jahre nach seiner Verheirathung fbereits so weit gebracht, daß er Wagen und Pferde anschaffen und im Lande zu seinen Kunden umherfahren konnte. Nach weiteren fünf Jahren blieb er zu Hause und fuhr nur gelegentlich dahin, wo man ihn bestellt hatte oder wo er ein besonderes vortheilhaftes Geschäft abzuschließen gedachte, abermals nach fünf Jahren zog er nach Frankfurt an der Oder, war Geldwechsler und Produktenhändler und galt für einen sehr reichen aber auch streng rechtlichen Mann, welchen Ruf er von jeher besessen und eifersüchtig bewahrt hatte. Von den sechs Töchtern und zwei Söhnen die er und seine Frau mit nach Frankfurt gebracht hatten, waren bereits vier Töchter und die beiden Söhne der- Wann, 10. Juli 1879 (5639). „Nicht rühme sich der Kluge seiner Klugheit;" der heranstürmende Babylonier macht alle eure politischen Berechnungen zu Schanden. »Nicht rühme sich der Starke seiner Stärke;" das gewaltige Heer Babylon's wirft die Stärksten zu Boden. „Nicht rühme sich der Reiche seines Reichthums;" die nordischen Kriegsschaaren ziehen plündernd einher und vernichten eure Reichthümer. „Nur deß rühme sich der Rühmenswerthe, daß er zur Einsicht und Erkenntniß gelangt ist, daß ich der Ewige Liebe bethätige, Recht und Gerechtigkeit auf Erden übe, daß ich an den Werken der Liebe und Gerechtigkeit allein Wohlgefallen finde," daß in diesen allein die Klugheit, die Stärke und der Reichthum des Menschen fortbesteht. Israel kehrte in die alte Heimat aus Babylon zurück, erbaute von Neuem den zweiten Tempel, und wieder sah ein Prophet einen goldenen Leuchter und hörte als Echo gleichsam des heutigen Sabbath: „Nicht durch Menge und nicht durch Macht sondern nur durch meinen Geist" (Zach. 5.6); der Geist Gottes muß in euch walten, in eurer Mitte leuchten, von erkorenen Männer gepflegt werden. Und auch der zweite Tempel wurde zerstört, auch dieser Altar zertrümmert, und wieder erscholl das Wort eines großen Lehrers in Israel, des Rabban Jochanan ben Saccai: »Verzaget nicht und verzweifelt nicht, o meine Brüder; noch haben wir einen herrlichen Altar, den Altar der erlösenden, befreienden, rettenden und helfenden Menschenliebe; so lange auf diesem Altar das heilige Feuer lodert, Licht und Wärme ausbreitet, findet Gott Wohlgefallen an uns, an unseren Werken, an unseren Friedensfürsten, an unseren Priestern der Humanität, der Liebe, Güte und Gerechtigkeit." (Abot derabi Natan C. 4). So war es und galt es in Israel zu allen Zeiten! Unsere Männer, die wir voranftellen, denen wir einen Ehrenplatz anweisen in der Ruhmeshalle der Geschichte, deren Namen wir kommenden Geschlechtern einprägen, das sind die Männer des Lichtes, welche ihre Mitmenschen erleuchten und erlösen, die Staaten des Edlen und Guten mit ihren Strahlen erwärmen und befruchten, Herzen erleichtern, Seelen befreien, Verlassenen und Verfolgten Schutz bieten, Kummer stillen und Thränen trocknen, Männer des Friedens, des Heils und des Segens, Priester des Guten und Gerechten, Fürsten Gottes, deren Lichtquell aus reiner Menschenliebe entspringt, die alle Hindernisse siegreich bekämpft und alle Zeiten überdauert. Die Völker ertheilen Bürgerkronen, die Fürsten lohnen mit Ehrenzeichen, Israel nennt blos den Namen seiner Männer (Ex. 31. 2), nennt ihn mit warmer Dankbarkeit, voll inniger Anerkennung, in aufrichtiger Verehrung und unerschütterlicher Treue. Darum haben wir uns heute zusammengethan in diesem festlich erleuchteteten Gotteshause, an der Stätte, wo nicht Menschengunst waltet, sondern der Geist der strengen Wahrheit herrscht, um einen Mann zu feiern heirathet. Nur die älteste und jüngste Tochter, die achtundzwanzigjährige Esther und die siebenzehnjährige Hanna, befanden sich noch im Hause und es erregte nicht geringe Verwunderung, daß der in allen Dingen den Gesetzen und Gebräuchen des Judenthums so streng Nachlebende Moses Löwenthal in dem einen Punkte davon abgewichen war und die jüngeren Töchter vor der ältesten verheirathet hatte. Man erzählte sich über die Veranlassung dazu allerlei seltsame Dinge in der Frankfurter Gemeinde, so recht vermochte man aber nie dahinter zu kommen. Die Eltern wagte man nicht zu fragen, Esther selbst hatte etwas Vornehmes, Abweisendes, so daß sie keine vertraute Freundin besaß, die sie zur Mitwisserin ihrer Geheimnisse machte und Mendel Freund, von dem man überzeugt war, daß er alles wisse und dem man deßhalb hier und da mit Fragen scharf zusetzte, machte stets eine wichtige, geheimnißvolle Miene, sagte aber nichts. Der Schadchen war ein alter Bekannter der Löwenthal'schen Familie. Er hatte schon in ihrem früheren Wohnorte aus seinen „Geschäftsreisen" bei ihnen vorgesprochen, hatte sie, wie er sich ausdrückte, sich aufnehmen gesehen und war genau mit ihren Verhälnissen vertraut. Durch seine Vermittlung waren sämmtliche bisher verheirathete Töchter zu wohlhabenden Männern ♦ Inserate: Die Petitzeile oder deren Rau »Zahlbar hier Inserate.werden bis Dien Mo. 28. und im Namen unserer Cultusgemeinde zu beglückwünschen, dem die Vorsehung es vor vielen Tausenden beschieden hat, daß er den 50. Jahrestag seines Ehebundes mit der treuen Gefährtin und Beglückerin seines Lebens in der Mitte der nächsten Woche begehen wird. „Kommst du in mein Haus," spricht Gott, »so komme ich in dein Haus"; weilst du bei mir, so wohne ich bei dir; wirkst du für mich, so werthschätze ich dich; ist dein Haus ein Gotteshaus, wo der heilige Leucht. >. des Edlen und Guten ein halbes Jahrhundert leuchtet, so verwandle ich mein Haus in eine Familienwohnung, wo eine, wo deine Familienfeier an heiliger Stätte begangen wird. Es ist dies die erste solenne Feier dieser Art, nicht blos in unserer Gemeinde, sondern in ganz Israel, und sie gilt und gebührt einem Mannr, der nicht blos mehr denn dreißig Jahre der Führung unserer Gemeinde Zeit, Kraft, Geist und Wissen widmete, sondern dessen Wesen dem heiligen Leuchter gleicht: ein Ganzes, getrieben aus Innen heraus, kein künstliches Schraubenwerk, geziert mit zahlreichen Lebensblüthen, Licht ausstrahlend siebenfach, ein ganzer Mann, ein langes Leben, dem Dienste des Guten, Gerechten und Gottgefälligen geweiht. Darum feiern wir alle mit ihm sein herannahendes, so seltenes Familienfest, zeichnen ihn aus, wie noch keines unserer Häupter je ausgezeichnet wurde, preisen, beglückwünschen und segnen ihn im Namen von Tausenden am heutigen Tage. Wir preisen und beglückwünschen den Sohn unserer Stadt, der er die frische Jugendkraft des Geistes, das erste seiner zahlreichen Werke der Nächstenliebe widmete, indem er ein Jahr nach seiner Vermählung im Verein mit einem edlen Lehrer der Kirche die erste Anstalt für die Obhut der Kleinen in unserer Residenz errichtete und sich dadurch selbst eine große, sich immer erneuernde Familie gründete. O, dieses gute, weiche, bewegliche, erbarmungsvolle jüdische Herz ist ein Kleinod der Menschheit, eine Bundeslade des Herrn! Kein Vorurtheil, kein Ausnahmsgesetz, keine Zurücksetzung, keine Aechtung vermag es abzuhärten und abzustumpfen, mit Groll oder Menschenhaß zu erfüllen. Wie das Licht leuchtet, so muß das jüdische Herz lieben, die Kinder lieben, sich ihrer väterlich annehmen, ihrer mütterlich erbarmen! Vor einem halben Jahrhundert war unsere Stadt schroff, hart, abstoßend gegen ihre jüdischen Kinder — und siehe da, gerade einer ihrer jüdischen Söhne bietet ihren Kindern Schutz und Obhut, weihet ihnen das erste Werk seines Geistes und seines Herzens. Und nochmals preisen und beglückwünschen wir den Sohn unserer Stadt, daß er auch von ihr auf- und annahm all' die Vorzüge, die sie auszeichnen: die edlen Umgangsformen, die Milde und Schonung im Urtheil, die Feinheit und Freundlichkeit im Verkehr, den großstädtischen,, weiten Blick in der Wahl der und die Söhne zu reichen Frauen gekommen. Neuerdings hatte Herr Löwenthal einmal hingeworfen, es sei jetzt nachgerade Zeit, an etwas Passendes für Hanna zu denken, er brachte deßhalb Mendels Erscheinen im Hause sofort damit in Verbindung und fragte seine Frau: „Ich sah Mendel Freund vom Comptoirfenster aus fortgehen. Hat er dir eine Partie geredet? Frau Löwenthal nickte. »Ja, er hat eine Partie für Hannchen." „Nun freilich für Hannchen," warf Herr Löwenthal dazwischen, »für wen denn sonst? Wir haben ja weiter kein Kind mehr zu verheirathen." Seine Frau seufzte. „Gott sei's geklagt! Das ist eine Wunde in meinem Herzen, die nie vernarbt." „Friedchen, thu' mir den einzigen Gefallen und laß die Narrischheiten, du kennst unsere Abrede. Sei gebildet so viel du willst, nur nicht wenn du mit mir redest." „Moses, du verstehst mich nicht! seufzte sie. »Hab' ich dich doch dreißig Jahr verstanden. Sprich deutsch, da versteh' ich dich schon. Was hat Mendel?" fügte er ablenkend hinzu. „Es ist wirklich hübsch von ihm, daß er mit solcher Partie zu uns kommt," begann sie.