Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 26 (26.6.1879)
- Date
- 1879-06-26
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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-es französischen Central-Consistoriums im Widerspruch zu der großen Masse der einzelnen Departemens-Conststorien). Lassen wir noch vorsichtiger als bisher sein, damit unsere Gegner auch nicht die leiseste Spur von Anklage finden können, bedenken wir, daß es allerdings sich um Gesundheit und Leben unschuldiger Kinder handelt, halten wir uns streng an die obrigkeitlichen Gesetzebemühen wir uns zugleich, sorgfältig in dieser Sphäre alle falschen Anklagen und Verdächtigungen zu entkräftigen und zurückzuweisen, dann aber lassen wir uns nicht irre machen, uns nicht einschüchtern, erklären es offen den frommen Gemeinden Israels und allen Gläubigen, vaß Gefahr man fälschlich vorgemalt, daß vorgenommen nach alter Vätersitte, integrirender Theil der JTHl sei, daß endlich n*6 pnnyö >6*1 plX iKPl. Herr Dr. Frankel fordert zum Schluffe die heutigen Rabbinen auf, zu erklären, daß man die unterlasse, und wer sie dennoch ausübe, nicht mehr beschneiden soll. Der Talmud lege ihnen, nach seiner Meinung, eine solche Verpflichtung auf. Möge dies geschehen. Aber wir erlauben uns auch einen Vorschlag. Jene treuen Hüter Israels, Wächter seiner wahren Lehre, sind uns nicht mehr fremd, haben uns gezeigt, daß sie zu reden wissen, wo es an der Zeit ist. Mögen sie diesmal nicht schweigen. Mögen durch sie dem bisherigen Schwanken, der furchtsamen Halbheit in Bezug auf Fragen, wie und andere, bald ein Ende gemacht werden. Die Rabbinen Deutschlands, Frankreichs, Englands, Hollands und Ungarns, die Rabbinern Palästina's u. f. w. müßten es offen und einstimmig erklären, n6 pniVD >6*1 pW jeder bmö, der nicht die gehörige vornimmt, darf, wie es diexiv) über ihn verhängt, nicht mehr beschneiden. Ich brauche es nicht zu erwähnen, tausenden und abermals tausenden frommer Israeliten wird ein solcher Ausspruch das sein, was er sein soll: Verdollmetschurig eines göttlichen Gesetzes, kein Jrrthum, keine Täuschung wird ferner in dieser Beziehung obwalten, und das Bundeszeichen des Herrn ganz wird es am Fleische unserer Kinder vollführt werden, auf daß auch sie einstens ganz eintreten in den Bund der Väter, ein Herz, ein Gedanke, ein Wort, eine That, Söhne Gottes, Kinder des lebendigen Vaters, ohne Schein, ohne Heuchelei, treu und bewährt, ganz und volkommen. Der geschichtliche und literaturgeschichtliche Unterricht in der Religionsschule. Von Dr.D.Barnaß, Berlin. (Fortsetzung, stehe Nr. 24. Da, wo der Jude in Folge der Ungunst der Verhältnisse vom politischen Schauplatz ausgeschlossen war, in der Zeit, wo es in außerjüdischen Kreisen an jedwedem wissenschaftlichen Streben fehlte, weil die Gelehrsamkeit sich in crasse Mystik verloren hatte, und ihren Scharfsinn auf Befehdung der jüdischen Religion und ihrer Bekenner richtete, da war es das Gesetzesstudium, welches den jüdischen Geist gegenüber der allgemeinen Abstumpfung frisch erhielt und ihn vor der Gefahr schützte, der Misere der Zeit zu unterliegen und in banger Verzweiflung sich den wilden Schlägen ihrer Bedrücker zu fügen. Daher sehen wir allüberall Heroen jüdischer Wissenschaft sich zugleich auf den verschiedensten profanen Wissensgebieten mit Verständniß und Erfolg bewegen, sehen sie dem Studium der Philosophie, der Medicin, der Mathematik und Astronomie ergeben, so daß die Culturgeschichte aller Völker, besonders des Mittelalters, in ihnen eine starke Stütze fand und es ihnesi zum großen Theil verdankt, daß die Keime der Cultur und Gesittung, die in den Völkern, zum Thm unbewußt, schlummerten, zur vollen Reife gelangten. Dem Studium des Talmud allein verdankt es das Judenthum, daß es jetzt, wo eine freisinnige Politik der Staaten ihnen die engen Schranken öffnet, in die es Jahrhunderte lang gezwängt war und die Sonne der Freiheit auch in die Hütten Israels leuchtet, rüstig und erfolgreich Theil nehmen kann am Culturleben des modernen Jahrhunderts und durch geistige Thätigkeit sich vielfach Achtung und Bewunderung errungen hat. Nach diesen Ausführungen ist es klar, daß es von hohem pädagogischen und religiösen Interesse ist, der Jugend eine genaue Kenntniß über das Wesen des Talmuds und über die geistigen Produkte jener Männer zu verschaffen, die wir als Träger der talmudischen Literatur zu achten und zu verehren gewohnt sind. Im Lichte dieser Bestrebungen und solcher hervorragender geistiger Schöpfungen lernt sie die Aufgaben der Gegenwart klarer erkennen und läßt auch ihre eigene Thätigkeit vom heiligen Hauche, der solchen Werken entströmt, durchwehen. Das Gottesgesetz, das in jenen mit allen Vorzügen des Geistes und Herzens ausgestatteten Männern begeisterte und verehrungsvolle Ausleger und Dollmetscher gefunden, und das im öffentlichen und privaten Leben Jener die gewissenhafteste Bethätigung und Beobachtung erfahren, er scheint so vor dem verständnißvollen Blicke der Jugend verklärt durch den Abglanz des erhabenen und allweisen Gesetzgebers. Neben diesem Talmudstudium, oder vielmehr neben der Behandlung und dem Ausbau der durch die mündliche Lehre tradirten Gesetze eröffnet sich jetzt, nachdem der Tempel und mit ihm die Autonomie der jüdischen Nation durch göttliche Fügung den Angriffen der römischen Soldateska erlegen waren, ein neues Literaturgebet, in welchem der Character der Zeit, ihre Stimmung und ihre Bedürfnisse ausgeprägt erscheinen. Die ersten Zeiten waren noch vom schmerzlichen Beben der aus ihrem lebendigen Zusammenhang gerissenen Glieder durchzuckt; die noch klaffende Wunde schmerzte zu tief, und es war die erste Sorge, das religiöse Leben, das seiner Heimath entrückt und seines das gesammte Volksleben eng umschließenden Charakters beraubt war, neu zu begründen nnd gegen den Andrang äußerer Einflüsse zu Mützen. Alles, was als, wohlbekannte Weise, als Lieblingsmelodie aus entschwundenen Zeiten herübertönte, wurde als unumstößliche Satzung und feste Norm des Volksgeistes anerkannt und setzte sich um so sicherer und inniger im Volke fest, als es jeden äußern Zusammenhanges beraubt war. *) Dies sind die Anfänge der Midraschliteratur, in welchen sich eine neue Quelle der religiösen Lyrik unprophetischen Heilsverkündigungen mit ihrem tief ernsten, ethischen Character, ein neues Gebiet der Bibelauslegung eröffnet, des Midrasch, der im Anschluß an das göttliche Bibelwort, als die Alles erleuchtende, erwärmende und befruchtende Sonne, die volksthümliche Belehrung, die Erbauung und Erhebung des Geistes in der Gemeinde zum Ziele hatte. Daß die Vertrautheit mit dieser Literaturepoche, sowie einzelne Proben aus diesem reichhaltigen Schriftthum ein wirksames pädagogisches Mittel zur Kräftigung des religiösen Bewußtseins bei der Jugend sein muß, ist anläugbar. Der Jüngling erhält hier gewissermaßen eine lebendige Illustration von dem mischnaischen Ausspruch TO TO "]Sm to -jsn,**) daß das biblische Wort alle Verhältnisse und Stimmungen unseres Lebens wiederspiegeln, daß wir aus ihm Trost und Erhebung, Hoffnung und Zuversicht, Muth und Kraft für unfern Beruf schöpfen können. Sein geistiger Blick öffnet sich hier über die enge Schranke der elementaren Bibelbehandlung hinaus und ergötzt sich an der lieblichen, gemüth- und geistvollen Auslegung des Schriftwortes. *) Vgl. Sachs, relig. Poesie S. 141 ff. **) Aboth 5, 25. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Bonn. Herr Rabbiner Samuel Hermann in Gilang (Australien) ist im Alter von 99 Jahren gestorben. Der Verstorbene war ein nK’TD’l TOITO Mehrere von demselben verfaßte talmudische Werke liegen noch ungedruckt. Pi"2tf"yTl Jüd. Lemberger Ztg. Bonn. Der „Wiener Israelit" berichtet über eine Judenverfolgung in Widdin (Bulgarien), welche vor Kurzem am Sabbath während des Gottesdienstes stattfand. Polizei-Soldaten zu Fuß und zu Pferde umzingelten das Gotteshaus und selbst ein Angestellter beim Oesterreich-Ungarischen Consulate, ein hochangesehener Jude, wurde furchtbar zugerichtet. Der Berichterstatter spricht die Hoffnung aus, Europa werde eine strenge Untersuchung einleiten. Auch in Galizien kommen noch derartige hübsche Geschichten vor. Der Bürgermeister von Tarnopel ließ Plakate anschlagen des Inhalts, daß die Juden während der Kirchenfeier nicht mit Kopfbedeckung auf der Straße sein dürften. Der Vorsteher der israelitischen Gemeinde, Herr Gehlbart, reiste sofort nach Lemberg zum Statthalter um sich über diesen Eingriff in ihrer bürgerlichen Freiheit zu beklagen. Herr Graf Potocki gab sofort Befehl, die Plakate zu entfernen. Bonn, 24. Juni. Deutschland scheint noch nicht reichlich genug mit jüdischen Zeitschriften versehen zu sein. Obwohl nicht allein die Herausgeber selbst, sondern auch wir jedem derartigen guten Unternehmen das beste Gedeihen gewünscht, sind die meisten nach kurzem Bestehen wieder von der Bühne verschwunden. In jüngster Zeit erschienen: a) ein „jüdisches Jllustrirtes Familienblatt", Herausgeber Herr Rector A. L. Herzberg in Briefen (Westpr.), derselbe und Herr Dr. Friedländer, Rabbiner in Kanitz (Mähren sind die Redakteure. Die Ausstattung des Blattes ist recht schön und scheint uns durch die illustrirten Bilder ein sehr kostspieliges zu sein. Der Inhalt spricht für die heil. Religion Israels und stellt sich die Aufgabe den confessionellen und nationalen Frieden aufs Gewissenhafteste zu wahren, ohne auf Polemiken einzugehen. (Abwarten); —Zum Beweise wollen wir hier bemerken, daß die in Buchformat erscheinende „Israelitische Jugendzeitung", welche wir auch vor wenigen Monaten angezeigt, trotzdem dieselbe weniger auf dem journalistischen Gebiete sich bewegt, dennoch eine Polemik mit dem Redakteur der „Allg. Ztg. des Judenthums" in ihrer jüngsten Ausgabe gehabt, in welcher sie demselben „Greisinn und alte Dame" nennt, d) Am 15. Juni erschien die erste Nummer, Titel: Der „Jüdische Kantor" rc., Herausgeber Herr A. Blaustem, Kantor in Bromberg. Es ist die Zeit zu kurz gemessen, eine ausgedehnte Besprechung folgen zu lassen, doch wollen wir hier noch hervorheben, daß der Jn- „Jdealisch! Ich sage Ihnen kolossalisch!" betheuerte Mendel Freund. „Ihre Esther ist doch eine Gelehrte." Frau Löwenthal winkte abwehrend. „Sprechen wir nicht von Esther. Sie ist das Kind meines Grames." „Liebe Madame Löwenthal, nehmen Sie mir das nicht übel", fiel der kleine Mann eifrig ein, „aber mit der Esther, is das 'ne Marotte. Ich hätte Ihnen bringen können die brillantesten Partien, ja ich könnt sie Ihnen bringen heute noch, wenn sie auch schon is unbeschrieen, unberufen, in 'ner guten Stunde soll ich's reden, dreißig Jahr. —" „Achtundzwanzig," unterbrach ihn Frau Löwenthal. „Achtundzwanzig," verbesserte sich Mendel schnell, maschken*) achtundzwanzig, maschken dreißig. Ich bring' Ihnen heut' noch Partien für Esther und kein Mensch fragt nach der dummen Geschichte." „Aber mein Mann fragt darnach, er ist ein Fels im Meere," seufzte Frau Löwenthal, Mendel, Sie haben doch zu Niemand davon gesprochen." „Gesprochen, Mendel Freund soll gesprochen haben? Wann hält' ich schon gesprochen, was nicht zur Sach' gehört. Ein schöner Schadchen**), der sprechen wollt'." „Hier in Frankfurt weiß Niemand um das verhängnißvolle Geheimniß." *) gleichviel. **) Heirathsvermittler. „Kein Mensch," betheuerte Mendel. „Man wundert sich nur, warum sie die jüngeren Töchter vor der ältesten verheirathet haben." „Reden Sie auch mit meinem Mann nicht davon, die Geschichte mit Esther ist für Moses die Höhle des Schweigens." „Ich geh' nicht in die Höhle, Madame Friedchen, mein Wort darauf. Nu, was sagen Sie zu dem Herrn Professor? kam er nach dieser Versicherung ganz plötzlich auf den eigentlichen Gegenstand der Unterredung zurück. Dabei sprang er so heftig von seinem Stuhle auf, daß ein hinter ihm stehender, mit allerlei Nippessachen besetzter Tisch in ein bedrohliches Schwanken gerieth. Erschrocken eilte die Besitzerin all dieser Herrlichkeiten hinzu, brachte den Tisch wieder in's Gleichgewicht und sagte, wie um den Ungestüm des Schadchens zu beschwichtigen: „Ich werde mit meinem Manne reden." „Reden Sie mit ihm, Madame Friedchen," schaltete Mendel ein und begleitete seine Worte mit bedeutsamem Kopfnicken. „Ich fürchte nur, er wird keinen Professor wollen." „Keinen Profeffor wollen!" wiederholte Mendel, die kleinen Augen gen Himmel werfend, als wolle er Herrn Moses Löwenthal dort ob solch eines Frevels anklagen; „keinen Professor, was will er denn?" „Moses hat kein Verständniß für das Romantische. —" „Liebe Madame Friedchen, wenn ein Geschäftsmann auch keine Romane liest, ich les' auch keine, darum weiß er doch, was ein Professor is. Wo kann ihm sein Geld so sicher sein wie bei 'nem Professor? Spekulirt ein Professor? Hat er zu fragen, was die Woll' kost' und wie die Papierche stehen? Hat er zu fragen nach de Getreidepreise? Hat er Konjunkturen? Die Studenten kommen in die Vorlesungen, es mag theure oder wohlfeile Zeit sein, und Kranke gibts immer, denn Sie müssen wissen, er konsoldirt. Wenn Sprechstunde is, stehen die Leut' bis auf die Gaß, und er streicht seine Lujedorche ein. Wo kann das heutzutage ein Geschäftsmann? Er sank wie von der Wucht seiner Beweisgründe niedergedrückt in seinen Stuhl. „6m Professor kann aber nicht fromm sein", wandte Frau Löwenthal ein, „und mein Mann —" Wie von einer Feder emporgeschnellt, fuhr Mendel wieder auf und pflanzte sich vor sie hin. „Meine liebe Madame Löwenthal, wie kann eine gescheidte Frau, wie Sie sind, solche Stuß reden. Was ist heutzutage ein frommer Jude? Wo finden Sie einen frommen Juden unter der jetzigen Welt? Herr Moses Löwenthal verlangt, daß seine Schwiegersöhne am Schabbes den Laden zu haben."