Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 18 (1.5.1879)
- Date
- 1879-05-01
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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M"' Jeitungsnachrichlen und (Korrespondenzen. Deutschland. Bonn. Dem „Wiener Israelit" wird geschrieben: Der hebräische Literat Herr Lunz aus D^t^iT der Verfasser des Werkes „D^t£>YTl N12>N2" wurde vor einigen Monaten von einem Augenübel befallen, das ihn nöthigte, nach Wien zu reisen, um Hülfe zu suchen. Die Herren Pränumeranten des erwähnten Werkes werden nun wissen warum sie dasselbe nicht erhalten. Es ist zu hoffen daß Herr Lunz bald geheilt sein wird, und die Herausgabe seines begonnenen Werkes fortsetzen zu können« — Es vergeht fast keine Woche in welcher Herr I. Hoff in Berlin keine Auszeichnung erhält. Nicht nur tausende Private sondern regierende Fürsten richten fortwährend an unseren Glaubensgenossen dankbarste Anerkennungen. Bonn, 1. Mai. Herr M. Rosenwald, Lrhrer in Oestrich, der stets für das Wohl seiner Glaubensgenossen eifert und besonders für verschämte Armen keine Bemühungen, ja selbst keine Opfer scheut, interesstrt sich seit Kurzem wieder für einen würdigen D^n welcher in bedrängte Lage gerathen. (Siehe Spendeliste in Nr. 16 und heutiger Nummer). Wir verfehlen daher nicht, dieses edle Werk einer regen Betheiligung zu empfehlen. Köln, 27. April. Am vorigen Donnerstag hat die hiesige Gemeinde durch das Hinscheiden des Herrn S. M. Frank, nachdem er derselben 20 Jahre als Präses des Vorstandes vorgestanden, einen herben, sehr schwer zu ersetzenden Verlust erlitten. Wer seine liebevolle Persönlichkeit, seine unermüdliche Thätigkeit für die verschiedenen Anstalten auf dem Gebiete der Gemeinnützigkeit und Wohlthätigkeit gekannt, der kann sich den Eindruck vorstellen, den die Schreckenskunde von seinem Hintritt auf viele Tausende der hiesigen Einwohner hervorbrachte. Eine tiefe Trauer spiegelte sich auf allen Gesichtern des unabsehbaren Leichenzuges ab, wie wir noch keinen so zahlreichen hier gesehen. Im Hause fand eine ergreifende Leichenfeier Statt, wonach sich um IO1/» Uhr langsam und feierlich der Trauerzug in Bewegung setzte. Wohl nie sah man ein so zahlreiches Gefolge auf dem Friedhofe in Deutz und kein Auge blbieb thränenleer, als unser Rabbiner, Herr Dr. Frank, in seltener Meisterhaftigkeit das Lebensbild des Entschlafenen vor dem offenen Grabe entrollte. Die tief empfundenen Worte fanden in den Herzen aller Anwesenden die vollste Zustimmung. Das Andenken an den Seligen wird nie aus dem Herzen unserer Gemeindemitglieder schwinden.! ronrA iriDt h. > Berlin In der jüngsten Nummer des „Israelitischen Boten" wurde die Toleranz der badischen Ober-Schulbehörde gelobt, welche die jüdischen Schüler vom Besuch der Schulanstalten an Sabbath und Festtagen entbunden hat. Diese Mittheilung gibt zu erkennen, daß vielfach Unkenntniß herrscht in Betreff der Berücksichtigung der jüdischen Konfession in den Schulen. In Preußen besteht ein Schulgesetz, nach welchem es den jüdischen Schülern anheim gegeben ist, an Feiertagen wie am Samstag die Schule zu besuchen. Ferner kann kein jüdischer Schüler gezwungen werden, am Samstag zu schreiben. — Der Badener Correspondent bemerkte auch noch, daß den Schülern mosaischer Confession der Besuch der Bethäuser an Festtagen gestattet ist. Obligatorisch gilt diese Einrichtung für ein bekanntes Erziehungs-Institut; das Paedagogium Ostrowo bei Filehne. Der Direktor der genannten Anstalt, Dr. Beheim Schwazbach, hat bereits vor drei Jahren den jüdischen Religionsunterricht als obligatorischen Leh gegenständ in den Lehrplan aller Klassen ausgenommen; die Ertheilung desselben ist dem Gemeinde-Rabbiner in Filehne übertragen worden. W. Berlin AugeMicklich sind hier angesehene rumänische Juden anwesend, um die Vermittlung des Fürsten Bismarck anznrufen, damit die vom Berliner Congreß angestrebre Lösung der Judenfrage nach den klaren Verfügungen des Berliner Vertrages in Rumänien zur Ausführung gelange. Breslau. Der am 23. März 1829 gegründete Verein zur Ausstattung armer israelitis er Mädchen feierte jüngst das Jubiläum seines 50jährigen Bestehens. Der Verein, oer mit den bescheidensten Mitteln ins Leben getreten ist, hat während der Zeit seines Bestehels einen erfreulichen Aufschwung genommen. Sein Zweck ist, unbescholtenen Mädchen bei ihrer Verheirathung Baarmittel zu gewahren. An der Spitze des Vereins steht der schon 26 Jahre als Präses wirkende Kaufmann Herr Hey mann Fränkel. Halberstadt. Die hiesige große und prachtvolle Synagoge, die im Jahre 1712 vollendet worden ist, bedarf jetzt, also nach 167 Jahren der Renovirung. Man ist darum, ttumi auch nach langem Zögern, dai zu geschritten, die aus bessernde Hand an das altehrwürdige Gotteshaus zu legen. Bei dem am 17.Febr. startgehabren feie, lichen Auszuge sprach Herr Rabbiner Dr. Auerbach v 3 irgreifende Abschiedsworte. Wie die 62 Thorarollen hmausgetragen wurden, blieb auch kein Auge tränenleer. Altona. Der Lehrer der hiesigen Gemeindeschule, Herr M. Deut s chländ er hielt jüngst einen Vortrag über den Talmud und seine Pädagogik. Der Redner hob hervor, daß viele Grundsätze der heutigen Pädagogik schon im Talmud ausgesprochen wurden. Die Neuzeit habe darum aus diesem Gebiete mehr reproducirt als wirklich Neues geschaffen. Auch nahm der Redner Veranlassung den verschiedenen neuesten Schmähungen des Talmud entgegenzutreten und sie als Ausflüsse eines Judenhasses hinzustellen, der von jenen, die den Talmud gar nicht kennen auf diese Weise zum Ausdruck gebracht wird. Der Redner erndtete reichen Beifall und wird auf allseitiges Verlangen der Vortrag in dem Veremsorgane der„SchlesW. Holst. Schulzeitung", veröffentlicht werden. Detmold. In letzter Session ist eine Gesetzesvorlage zur Regelung der Eultus-, Schul- und Gemeindeverhältnisse der Israeliten des lippischen Landes durchgegangen, welche Bestimmungen enthält, die auch weiteren Kreisen des Interessanten darbieten. Nach diesem neuen Gesetze ist jeder jüdische Bewohner des Fürstenthums Lippe verpflichtet, sich einem Synagogenverbande anzuschließen. Dieser Pflicht unterlagen bisher nur lippische Unterthanen, während die aus anderen Staaten eiugewanderten Juden nicht gezwungen werden konnten, sich an eine Gemeinde anzuschließen. Die Kinder jüd. Eltern sind zum Religionsunterrichte anzuhalten, und ist auf Antrag des Referenten des Justizausschusses, welchem die Vorlage behufs Vorberathung Vorgelegen hat, des Obergerichtsraths Overbeck, vom Landtage eine Subvention aus Staatsmitteln zur Beschaffung des Religionsunterrichts in den mittellosen Gemeinden bewilligt worden. Es ist dies gewiß eine höchst erfreuliche Thatsache. Steinheim. (Priv.-Mitth.) Am 7. d. M. feie^ Herr Lehrer Blumenthal Hierselbst das Jubiläum seiner 25jährigen Wirksamkeit in hiesiger Gemeinde. Dem Jubilar wurden von allen Seiten Beweise der herzlichsten Theilnahme dargebracht. Rexittgen (Württemberg). In der hiesigen Synagoge ist jüngst ein Diebstahl verübt worden. Sämmtliche drei Opferbüchsen wurden ihres Inhaltes beraubt. (Aus Baden.) Nachträglich wollten wir noch zu der in Nr. 17 des „Jsr. Boten" enthaltenen Notiz über die Handelsschule in Miltenderg a. M. bemerken, daß außer Hrn. Dr. Fiebermann auch noch ein anderer israelit. Lehrer an dieser Schule sungirt, nämlich Herr Maßenbacher, welcher den Unterricht in der tsraelilischen Religion, im Hebräischen, in der Mathematik, Physik und im Rechnen ertheilt. Briefen, 22. April. In der Stadt Schönsee ist ein Mord an einer 60jährigen jüdischen Frau begangen worden. Die Frau des Handelsmannes Kiewe aus Gollub war dem Rufe ihrer in Schönsee von einem Knaben glücklich entbundenen Tochter gefolgt. Vor der Stadt stieg die Frau aus dem Omnibus, um den Weg zum Hause ihrer Tochter zu Fuß zurückzulegen. Hier erwartete man sie jedoch vergebens. Man wurde ängstlich und hielt Nachforschungen; da fand man dann die Frau ermordet vor auf dem unweit der Stadt gelegenen Torfbruch. Am Halse der Leiche bemerkte man Spuren, welche auf ein Erwürgen schließen lassen. Wie man hört, soll die Frau in ein Gasthaus dicht bei der Stadt eiugekehrt sein, um den Wohnort ihrer Tochter zu erfragen. Hier soll sie umgebracht und nach einigen Tagen aus den besagten Bruch hingeschafft worden sein. Der Gastwirth und seine Frau sind des Verbrechens verdächtig und bereits verhaftet. Die Frau hatte nur 12 Mark bei sich. Diese waren ihr abgenommen, ebenso die Ohr und Fingerringe. Neben der Leiche fand man ein Töpfchen mit Gemüse und einige Matzen, welche die Frau ihrer Tochter mitbringen wollte. (D. Z.) Holland. Amsterdam. Dem berühmten Advokaten Godefroi, dem Repräsentanten Amsterdams in den Generalstaaten, ist von den Studenten eine goldene Feder als Andenken an seinen Antrag überreicht worden, durch welchen das alte Athenäum Amsterdam zur Universität erhoben wurde. Oesterreich. Prag. Am 17. März fand die Beerdigung eines allseitig verehrten und hochgeschätzten Mannes, des Vorsitzenden des Prager Gemeinde-Rabbinats, Hirsch Tew eles, statt. Der Verstorbene ist im Jahre 1805 geboren und widmete sich schon frühzeitig talmudischen Studien. In seinem 24. Lebensjahre genoß er den Ruf eines bedeutenden Schriftgelehrten. — Die Bestattung fand in einfacher Weise statt. Bei derselben hatte sich auch Sr. Excellenz der Statthalter von Böhmen, Freiherr v. Weber eingefunden. Außerdem gaben sämmtliche Prager Rabbiner und eine unabsehbare Menschenmenge dem Verstorbenen das letzte Geleite. Derselbe hatte vor seinem Tode die Bestimmung getroffen, daß der 'piK von dem Tische gemacht werden solle, an welcher er gelernt und Tag und Nacht in der min geforscht hat. Jede Leichenrede war auf Wunsch des Dahingeschiedenen unterlassen.! 7,22^71 ■i K . J Ä ■: HM , t. ». wüthenden Pöbel. Da erschien ihnen ein Helfer in der Noch. Der bekannte Verteidiger Dr. Alexandrof erbot sich, die Vertheidigung zu übernehmen. Und er hat seine Aufgabe in glänzender Weise gelöst. Ihm zur Seite stand Kupernick. Im Verlaufe der Verhandlung stellte es sich heraus, daß das Mädchen in Wirklichkeit ertrunken war, wie auch die hinzugezogenen Aerzte behaupteten und daß hier durchaus kein Mord vorliege. Auch ergab die Verhandlung, daß verschiedene Zeugen falsch ausgesagt hatten, und wurden diese infolge dessen in Haft genommen. Trotzdem der Staatsanwalt beantragte, die Juden für schuldig zu erklären, bewirkte die Vertheidigung ihre Freisprechung. Als das Unheil verkündigt wurde, weinten die Angeklagten, die nun bereits ein ganzes Jahr in Untersuchungshaft schmachteten, vor Freude und küßten den Vertheidigern die Hand. Die Freigesprochenen wurden gegen Caution aus der Haft entlassen; der Staatsanwalt hat die Appellation angemeldet. Aus Freude über den so günstigen Ausgang dieser Affaire wurde nun von den jüdischen Bewohnern der Stadt Kutais beschlossen, ein russisch-jüdisches Verbrüderungsfest zu veranstalten, das am 11. d. M. gefeiert wurde. Sämmtliche christl. Einwohner waren dazu geladen. Es wurde auf das Wohl des Geschworenengerichts und besonders auf das des Verteidigers Dr. Alexandrof, getrunken. Dieser erhob das Glas auf die Gerechtigkeit und sagte dabei, daß er nicht der Entlohnung wegen die Vertheidigung der armen Juden übernommen habe, sondern weil er im Innern von ihrer Unschuld überzeugt gewesen sei, und er es nicht dulden wollte, daß sie unschuldig verurtheilt wurden!" (Bravo!) Als Gegensatz zu dieser frohen Feier wird aus dem benachbarten Satschkeri ein grauenhafter Vorfall gemeldet. Die Freigesprochenen, soeben heimgekehrt, saßen mit ihren Angehörigen in freudiger Stimmung beisammen, als ein bewaffneter Haufe eindrang und unter den Wehrlosen ein Blutbad anrichtete. Sechs Personen wurden getödtet, die andern erhielten theils leichte, theils schwere Verwundungen. Wollen die Greuelscenen denn gar kein Ende nehmen? Ist denn kein Recht da, das dieser bestialischen Mordlust, die unschuldige Menschen wie Vieh dahinschlachtet, steuert, besteht kein Völkerrecht, das Jeglichem Schutz angedeihen läßt? Wahrlich, man sollte zu dem Glauben kommen, europäische Civilisation ist nur eine Chimäre! Eine andere Affaire desselben Genres wird aus Samara berichtet: Dort war neulich einer Arbeitersfrau ihr ungefähr l^jähriges Söhnchen verschwunden. Alles Suchen nach dem vermißten Kinde war erfolglos.!luf der Straße spielende Kinder erzählten schließlich, >aß ein Mann mit einem Kinde aus dem Hause fort-;egangen sei, wobei sie auf eine nahegelegene Materialvaarenhandlung deuteten, die einem Juden gehörte. Logleich sprach man die Vermuthung aus, der Jude jabe das Kind gestohlen, und wolle es als Sühnopfer chlachten. (!) Nun drang daS erregte Volk in die Wohlung des Juden und durchsuchte Alles, wobei Manhes gestohlen wurde. Alles Betheuern seiner Unschuld lützte dem Unglücklichen Nichts. Plötzlich gewahrte nan in der Küche eine zinnerne Schüssel, an welcher inige Blutstropfen hafteten. Nun drohte die Sache ür den Juden gefährlich zu werden. Sein Betheuern, n der Schüssel seien Hühner gerupft, nützte nichts, das Volk verlangte unter Verwünschungen das Kind und nan begann schon mit Thätlichkeiten. Da erschienen in rieser bedrohten Lage einige Polizisten als Retter, die nit großen Anstrengungen den Bedrohten der wüthenren Menge entzogen. Die Nachforschungen ergaben, >aß das Kind von seinem eigenen Vater, der von einer Frau getrennt lebte, geholt worden war, weil :r seiner Frau das Kind nicht lassen wollte. Fortsetzung folgt. m.