Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 17 (24.4.1879)
- Date
- 1879-04-24
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ü:' .wS1' U I lt'; i halten könnten, daß also ihre Kinder Gefahr laufen würden, in einer und derselben Klasse mehrere Jahre sitzen bleiben zu müssen u. s. w., u. s. w. Auf die energischen Gegenvorstellungen der betreffenden Eltern, welche entschieden erklärten, daß sie unter keiner Bedingung ihren Kindern das Schreiben am Sabbath erlauben würden und daß, falls man ans das Letztere bestehen sollte, sie ihre Kinder unverzüglich aus der Schule herauszunehmen gezwungen wären, gab endlich die Direction nach, vielleicht auch aus Besorgniß, von Oben herab einen derben Verweis zu erhalten. Solche Thatsachen, welche offen beweisen, welchen willkürlichen Launen gewaltzwingerischer Directoren israelitische Eltern trotz aller humanen Regierungserlasse dennoch ausgesetzt sind (und welche facta im großen deutschen Reiche nicht vereinzelt dastehen) veranlassen uns, auf eine Schule aufmerksam zu machen in welcher israelitische Knaben solchen unliebsamen Quälereien (und Plackereien) nicht ausgesetzt find. Wir meinen nämlich die vortreffliche Handelsschule zu Miltenberg am Main, in welcher Dr. I. Fiebermann aus Aachen den Unterricht in den neueren Sprachen ertheilt und der auch gerne bereit ist, israelitische Knaben, welche diese Schule zu besuchen gedenken, als Pensionäre zu sich aufzunehmen. Circa 50 Zöglinge, welche in dieser Anstalt ausgebildet wurden, haben bereits das Examen für den einjährigen Militärdienst gut bestanden. Außer den gewöhnlichen Unterrichtsfächern, welche daselbst ebenso wie in jeder Real- oder Höheren Bürgerschule gelehrt werden, können die israelitischen Schüler auch im Hebräischen sich die wünschenswerthen Kenntnisse erwerben. Am Sabbath und Feiertagen wohnen sie dem Gottesdienst in der Synagoge bei; auf Wunsch der Eltern können sie vom Schulbesuch am rQtP ganz dispensirt werden. Die gesunde und reizende Lage Miltenberg's wird außerdem nicht wenig dazu beitragen, daß recht viele israelitische Eltern, deren Herz für die Erhaltung und Bewachung des ächten und unverfälschten Judenthums noch warm schlägt, sich veranlaßt fühlen werden, ihre Kinder der religiösen Erziehung des Herrn Dr. Fiebermann anzuvertrauen. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Bonn, 18. April. Unsere geschätzten Leser werden sich noch unsres Preßprozesses erinnern. Der Redacteur der „Israel. Gemeinde- und Familien- Zeitung" der neu gewählte Rabbiner dahier machte sich seiner Zeit etwas zu lustig über unsere Verurtheilung wegen Beleidigung seiner Person. Er hatte sich gestern umgekehrt wegen Beschuldigung uns beleidigt zu haben, zu verantworten. Trotz seiner Betheuerung, er hätte uns nicht beleidigen wollen, er habe auch nicht gewußt, daß sein Referat über die damalige Verhandlung eine strafbare sei, verurtheilte ihn das Gericht zu einer Geldbuße von 30 Mark, legte ihm alle ergangenen Kosten zur Last und ertheilte uns die Befugniß das Urtheil auf Kosten des Verurtheilten publiciren zn lassen. Bonn. Ein Mitglied des hiesigen Repräsentanten- Collegiums, Herr Alfred Cahn, trat vor Kurzem eine Vergnügungsreise nach dem heiligen Lande an. Bonn. Als Ergänzung zum Berichte über den Ergänzungsbau der Synagoge der isr. Religionsgesellschaft zu Mainz (siehe Nr. 13) möge noch Folgendes erwähnt werden. Das Gotteshaus, das nunmehr seiner baldigen Vollendung entgegengeht, ist in maurischem Style aufgeführt und wird der Stadt Mainz zur Zierde gereichen. Die Synagoge hat einen Hauptschmuck erhalten, bestehend in einem Steine aus dunklem Marmor, der von Palästina bezogen worden ist und die vergoldete Inschrift trägt: im *0: pytn T>pD ntmpn p-wD nsn p»n .urirv» ms» n>n rwn« n» -pm* Dieser aus dem heiligen Lande gebrachter Stein ruft uns aus der Mauer entgegen: „Es lieben Deine Diener ihre (Zion's) Steine und denken ihres Staubes wehmuthsvoll" (Ps. 102, V. 15). Die Festfeier findet kurz vor TVW'Qtt' statt. Bonn, 18. April. Vor Kurzem empfingen wir den zwölften Rechenschafts-Bericht des jüdischen Lehrer- Seminars zu Cöln. Wir werden noch näher darauf zurückkommen. — Die Mörder der Wittwe Mendelsohn und deren Gesellschafterin Smigielska, Gawronski, Ossowski und Dolata, welche vom pofener Schwurgerichte zum Tode verurtheilt wurden, find zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt worden. Bonn. Der B. B. C. schreibt: Wir erhalten ein hier in Berlin gedrucktes, „B." unterzeichntes Flugblatt, betitelt: „Die Judenfrage vor den Rumänischen Kammern", darin wird eingehend nachgewiesen, „daß sowohl die Rumänischen Kammern, als auch das Ministerium Bratiano sich einhellig in dem Wunsche begegnen, die klaren Verfügungen des Berliner Vertrages durch eine falsche Interpretation zu verdunkeln, die Rumänische Verfassung nur in diesem Sinne abzuändern, wodurch die vom Berliner Congreß angegestrebte Lösung der Judenfrage umgangen und die Lage der Juden in Rumänien nach wie vor eine anormale bleiben wird." Bonn. Ein eigenthümlicher Vorfall hat sich, wie der Schles. Pr. berichtet wird, vor Kurzem in einer mährischen Grenzstadt zugetragen. An einem bestimmten Tage sollte die durch Schönheit und Liebenswürdigkeit ausgezeichnete Tochter einer wohlhabenden und geachteten jüdischen Familie verlobt werden. Nachdem sämmtliche Vorbereitungen getroffen waren, stellte sich plötzlich ein ungeahntes Hinderniß entgegen. Es trat nämlich eine alte Bäuerin ins Festzimmer und erklärte den Eltern der Braut, daß sie ihre Einwilligung zu der bevorstehenden Vermählung nicht ertheile. Man glaubte anfangs es mit einer Irrsinnigen zu thun zu haben, doch die Bäuerin beharrte auf ihrer Erklärung und begründete diese wie folgt: „Wie ihr mich nun erkennen werdet, (was auch geschah), war ich vor 20 Jahren bei eurem Kinde Amme. Ich hatte in einer Nacht das Unglück, euer Kind im Schlafe zu erdrücken. Aus Furcht vor Strafe beseitigte ich das tobte Kind und legte an dessen Stelle mein in gleichem Alter stehendes Töchterchen. So wurde dieses, mein eigenes Kind, bis zum heutigen Tage von euch ernährt und wohl erzogen, und ich danke euch dafür; doch da es jetzt verheiratet werden soll, werdet ihr es begreiflich finden, wenn ich als Mutter mein Recht ausübe, nnd somit verbiete ich als gute Christin, das mein in der christlichen Kirche getauftes Kind einen Juden heirathe." Die Bestürzung der Braut, des Bräutigams und bc sonders der Eltern und Geschwister bei dieser Erkll rung der alten Bäuerin kann man sich denken. Vorläufig ist die Begebenheit der zuständigen Behörde zur Untersuchung angezeigt worden. Bon«, 18. April. Vor etwa 3 Monaten erfuhren wir daß Herr Dr. Lazarus, Direetor des jüdisch-theol. Seminars in Breslau > durch eine schwere Krankheit ans Bett gefesselt wurde, was denselben hinderte uns ein Gutachten in Sachen unseres Preßprozesses betreffend Bouillonfrage und *pxr; üV abzufassen. HDS 2N DD» ist derselbe von seinem Leiden ins ewige Leben abberufen worden, n'2'tt'yn Neuß, 20. April. Heute wurde Herr Jsaac Frank zur ewigen Ruhestätte getragen. Der Verstorbene hat sich vielfach durch seine Menschenfreundlichkeit die Liebe und Achtung aller die ihn kannten erworben. Das Leichenbegängniß fand unter zahlreicher Betheiligung von Seiten der hiesigen Einwohner ohne Unterschied der Confession statt. 'rTn'^'J'n Altona. Jüngst fand hier unter Leitung des Oberrabbiners Herrn Dr. Loeb im Versammlungszimmer des jüd. Gerichts eine Ehescheidung unter seltenen Umständen statt, indem der Ehemann dahin aus dem Gefängnisse durch Gerichtsbeamte geführt wurde. Derselbe war, obgleich in England bereits verheirathet, im Auslande eine zweite Ehe eingegangen, ohne jedoch bürgerlich getraut zu sein. Darum konnte er nicht wegen Bigamie verurtheilt werden, sondern er verbüßt die Strafe wegen eines anderen Vergehens. Halberftadt. Ein höchst betrübender Trauerfall ist von hier zu berichten. Ende des vorigen Monats starb die Frau Commerzienrath Leah Hirsch, die Wittwe des unvergeßlichen Joseph Hirsch y'tft. Die Verschiedene war eine echt jüdische, frome Frau, eine große Wohlthäterin. nmb mrot. Freiburg (Baden). Es hat sich hier ein Verein gebildet, der den Namen „Humanität"^ führt. Dieser Verein hat sich u. A. als Aufgabe gestellt, seinen Mitgliedern in der Außenwelt eine würdige Stellung zu verschaffen und dem Wucherthum entgegenzutreten. Dieser letzten Aufgabe wird der Verein dadurch zu genügen streben, daß zunächst seine Mitglieder kein Geld mehr leihen, denn dadurch, daß er den wegen Wuchers Beschuldigten auffordert, entweder den Beweis der Unwahrheit zu liefern, oder den Nachtheil, den er durch sein betrügerisches Handeln dem Anderen zugefügt, wieder gut zu machen, sonst wird das Treiben und der Name des Juden veröffentlicht werden. Anm. d. Red. Auch der berühmte Prediger Dr. Jellinek in Wien wandte sich in einer seiner Predigten in gar scharfen Worten gegen die Wucherer. Er bezeichnete sie als unwürdig, der Menschheit anzugehören, sie hätten keinen Gott, und nur das goldene Kalb, den Götzen Mammon beteten sie an. In Folge dieser Predigt wurde dem Redner ein Drohbrief zugestellt, worin man die Absicht kund gab, ihn nebst seiner Frau, zu ermorden. Die Untersuchung ist eingeleitet und forscht man darnach aufs Eifrigste, die Quelle dieses Schreibens zu entdecken. Jnowrazlatv. Vor kurzem starb Hierselbst der Kaufmann Michael Levy, der Besten und Edelsten einer. Der Verstorbene erreichte das Alter von 73 Jahren. Unsere Stadt verliert in ihm einen treuen die religiöse Festtagsstimmung der Christen durch Lärm und lautes Disputiren zu entweihen." „Das sage ich auch", stimmte Altinger ein, „wir Juden thun immer besser, uns ruhig und still, wie es die Alten thaten, zu verhalten und nicht auf unser Recht zu pochen". Wieder bildeten sich zwei Parteien. Sie waren weniger laut, aber den Platz wollten sie nicht räumen. Die christlichen Landleute, meinte Einer, stehen ja auch umher. Sternheimer, der seine Leute kannte und wußte, daß bei ihnen die Neugierde gar vieles überwog, sagte daher: Leute! die Kirche beginnt bald, und ich schließe meinen Laden. Wollt ihr, zeige ich euch etwas, daran ihr Freude haben werdet; — und ging in sein Haus. Alles folgte ihm eiligen Schrittes nach und er geleitete sie in das abgedachte Hinterzimmer seines Hauses. Er hieß sie niedersitzen und schloß ein Behälterchen auf, aus dem er ein sammtnes Etuis hervorlangte. Und als er's öffnete, zeigte sich den Blicken der freudig Erregten ein neuer köstlich verzierter Pokal, der Allen ein lautes Ah! entrang. „Das ist", sprach Sternhein" r, „de. Pokal, den wir unserem verehrten ReMnec bei seiner nächsten Hierherkunft zn seinem 25jährigen Dienstjubiläum überreichen wollen. Ich habe ihn aus den freiwilligen Gaben der Gemeindeglieder — er selbst hatte nahezu die Hälfte beigesteuert — angeschafft und gestern vom Goldarbeiter erhalten. Man las und besprach die sinnig angebrachte deutsche und hebräische Schrift, welche letztere mit den Worten begann: HP nrOD*) u. s. w. und ergötzte sich im Geiste schon an der Freude des allverehrten Mannes und der Ueberraschung, welche ihm werden sollte. Während dieses Gesprächs bemerkte Einer, daß ein fremdes Gesicht durch das Fensterchen gesehen hatte und sagte es. Fast erschrocken rief Sternheimer: „Wer war es wohl?" „Siehe darnach", wandte er sich an einen Nebenstehenden, der sich sogleich entfernte. Derweil sagte Sternheimer: „Es ist mir allemal ein Schreck, wenn einer aus dem Plebs so etwas bei uns stehet! Sie sind des Neides voll und vergrößern Alles gleich im Unmaß in ihrer Phantasie. Hundert Gulden auf dem Tische werden gleich zu Tausenden und solch ein Becher zu dem allerwerthvollsten Gegenstand." „Sehr wahr! sagte Altinger, ich zähle vor derlei Leuten nie Geld, noch laß ich Werth gegenstände vor ihnen blinken. Der Neid, die Habsucht sind gar groß und ungezähmt, besonders uns Juden gegenüber". Inzwischen kehrte der Hinausgegangene zurück und *) Geschenk. sagte: „Es war nur der Schabbas-Hans, der vorbeiging und im Hofe das Holz aufschichtete." „Der Schabbas-Hans", sagte Altinger, „ist um kein Haar besser. Er steckt voll Neid und Judenfeindschaft und wäre der größte Rosche, wenn er sich helfen könnte. Er trägt seit der Revolution den Kopf viel höher." „Hast nicht unrecht, Altinger", bemerkte Sternheimer, „gerade die von uns leben, sind die schlimmsten, denn sie sehen mehr von unserm Wohlstand und knirschen über ihre Abhängigkeit. Was der Jude hat' könnten ja wir haben! denken ja viele Tausende. In* deß dürfen wir in unserm Urtheil auch nicht zn wei* gehen und hart werden: Wir verfielen sonst in den Fehler, in welchen so viele Christen verfallen, die die braven Juden nur als Ausnahme gelten lassen wollen. Der gebildete, sittlich-religiöse Christ ist so ehrlich, wie der auf solcher Stufe stehende Jude, ja selbst der Plebs ist oft rechtlicher und ehrlicher, als viele von uns meinen." Da vernahm man plötzlich Glockengeläute. „Die Kirche ist aus!" riefen sie durch einander und stürzten hinaus, weil da viele christlichen Landleute zu ihnen in's Haus kommen, theils um Einkäufe zu machen, theils um sich Raths zu erholen. Fortsetzung folgt. ,-M