Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 17 (24.4.1879)
- Date
- 1879-04-24
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der I Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. Erscheint jeden Donnerstag. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. / Zahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbeten^ v. Jahrgmg. Leitender Artikel. Aus der Real - EncyKlopädie für Bibel und Talmud. Heft 4 von Dr. I. Hamburger, Landesrabbiner zu Strelitz in Mecklenburg. (Fortsetzung.) Das Judenthum, die Wiedergeburt des Mosaismus, erhob sich, als der Staat von Juda und Israel nicht mehr war; es mußte sich ohne denselben entwickeln und begründen. Es hatte nicht mehr den Staat, aber dafür das Volk zu seinen Trägern gewonnen, es wurde das lebendige Wort, der wahrhafte Ausdruck des jüdischen Bewußtseins. „Judenthum" ist von da ab die Gotteslehre und das Gottesgesetz, die nach Abstreifung ihres staatlichen Leibes im Volke weiter zu leben suchten; es war ein Aufleben des Geistes nach dem Absterben des Leibes. Wir unterscheiden in dieser Restauration des Mosaismus bis zu seiner inneren Befestigung sieben Perioden: a. die vorexilische, die der Anfänge des Wiedererwachens, des Anbaues und der Restaurationsversuche; b. die exilische, der Läuterung und der Vorbereitung; c. die nachexilische, der Anbahnung zur Wiederbegründung des jüdischen Staates in Palästina; ä. die Zeit der vollen Wiederanerkennung und der wirklichen Wiedereinführung des Mosaismus; e. die der griechisch-syrischen Herrschaft, der Kümpfe mit dem Griechenthum; f. die hasmonäische, der inneren Kämpfe und Entwickelung; g. die herodäisch-römische bis zur Auflösung des Staates, der weiteren Entwickelung, der Reinigung und Ausscheidung; b. die nachstaatliche unter der römischen Herrschaft, der weiteren Ausscheidung und Entwickelung und innern Befestigung. Wir beginnen mit: a. der vorexilifchen Periode, vom I. 950—680 v. Dieselbe umfaßt die Zeit der Anfänge, des Wiedererwachens und der Restaurations- Versuche. Vier Könige des Reiches Juda: Assa, Josaphat, Joas und Hiskia stehen an der Spitze der Gesetzestreuen und erheben den Mosaismus wieder zur Staatsreligion. Diese Wiedererhebung rief eine hohe Begeisterung bei dem edlern Volkstheile hervor; Männer von Intelligenz und tiefem Seherblick redeten ihr das Wort, weihten ihr ihre Thätigkeit. Das Prophetenthum, das bis dahin mehr durch Wunderwerke und auffallende Thaten (s. Elia und Elisa) als durch das Wort gegen den Abfall gekämpft hatte, erhielt eine Umgestaltung, die von den heilvollsten Wirkungen für die Wiedergeburt Israels Lehre und Der Schabbas-Hans oder: Der Zauberspiegel. So stritten sie lange. Die älteren und bedächtigen Männer konnten sich nickt in dem Gedanken der Erlösung von allem Druck durch Revolution finden, sie fürchteten, daß sich dir erwachte Macht des Volkes gegen sie kehren würde. Die jüngeren Männer aber freuten sich des neu angebrochenen Tages, der das Vaterland frei und sie selbst zu weltberechiigten Bürgern desselben machen werde. Der Refrain ihr^s Wortführers Strauß, der seine Lehrzeit als Kaufmann in Frankfurt zugebracht, wo er vorher durch die Güte eines reichen Onkels die dortigen Schulen besucht hatte, war immer: „Wir schreiben jetzt 1848!" Eben, als die Unterhaltung etwas überlaut geworden war, trat aus dem schönen Haus mit der goldenen Tafel ein hochgewachsener Mann heraus und auf die Truppe zu. Er war in einem langen schwarzen Hausrock gekleidet, ein gesticktes Servicekäppchen auf dem schönen großen Kopf, der von in's Graue spielenden Monn, 24. April 1879 (5639). Gesetz gewesen. Das Feuerwort, die Lehre und die Mahnung wurden nun die Mittel, wie die Propheten die Gemüther für Israels Gotteslehre und Gottesgesetz wieder zu gewinnen suchten. Es waren die Propheten: Joel. Amos, Hosea, Sacharin und Jesaia, die ersten des umgestalteten Prophetenthums, die dem großen Werke der Restauration ihr ganzes Leben widmeten. Der Mosaismus in seiner Lehre und seinem Leben, Die Einheit Israels und Judas unter einem Daviden (s. Messias), Jerusalem, als die Gottesstadt und Mittelpunkt des wieder zu errichtenden alten davidischen Reiches, der Tempel auf Zion als Stätte der Lehre und der Gottesverehrung mit ihren Organen: den Priestern, Leviten, Propheten und Richtern. —, Alles das, was durch die Theilung des Reiches theils aufgehoben, theils unwirksam geworden, wieder zu einem heiligen Gemeingut des ganzen Volkes von Juda und Israel zu machen, ergriff sie mächtig und begeisternder hoben sich ihre Reden dafür. In demselben gingen sie weit über die Arbeiten der Restaurationsnummer hinaus. In dem Kultus begnügten sie sich nicht mit einer äußern Herstellung des Gesetzes, sondern drangen auf eine Verinnerlichung desselben. „Keine äußereFröm migkeit ohne innere; der äußerlichen Bekehrung folge die innere" — war ihr Loosungswort. Die Religion, ihre Lehre und Gesetz, soll nicht blos in den Werken gegen Gott, sondern auch in denen gegen Menschen bestehen: nicht nur den Menschen für Gott und den Himmel, sondern ihn auch für den Staat und die Gesellschaft bilden (s. oben). „Jerusalem und der Tempel, die Stätten der Gotteslehre und der Gottesverehrung werden ihrck- Wirksamkeit weit über Israel hinaus erstrecken, die ganze Menschheit ist der Boden für ihre heilige Saaten; Zion wird das Heiligthum wahrer Gotteserkenntniß, nach dem die Völker sich sehnen. Der Davide, der König dieses hergestellten Gottesreiches, ist voll der Weisheit und des Gottesgeistes, unter dessen Szepter die Gotteserkenntniß, das Recht, der Friede und der Segen herrschen und sich über die Länder weithin ausbreiten werden." Es ist dies die ideale Darstellung der Bestimmung des Mosaismus, die weitere Entwicklung und Verwirklichung des in 2 M. 19. 6. bezeichneten Berufes Israels und seiner Lehre: „Ihr sollet mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk!" So hofften die Propheten das Werk der Wiedereinführung des Mosaismus bleibend zu machen; die Israeliten werde die hohe Aufgabe ihrer Religion begeistern und sie für deren Erhaltung und Verbreitung auf immer bestimmen. Ist Ihnen dieses auch nicht ganz gelungen, und mußten sie immer wieder den Rückfall des Volkes betrauern, so haben sie doch eine herrliche Gottessaat ausgestreut, einen guten Grund zum geisti- Locken umrahmt wurde. Wir müssen unserem oben gegebenen Versprechen gemäß den Mann, Pinehas Sternheimer, genauer bezeichnen, ehe wir ihn sprechen lassen. Tief in den Fünfzigen schon, stand er mit seinen Lebensanschauungen so zu sagen zwischen der alten und neuen Zeit, und sein gesunder Sinn verstand es, sie entsprechend zu vermitteln. Nach der Weise würdiger Männer der alten Zeit, wie sie selten waren und immer mehr verschwinden, war er gern Allen Alles und beanspruchte für sich gar nichts. Er war nicht blos ein Vater den Armen und Helfer den Bedrängten, denen er mit vollen Händen gab, sondern jedes gemeinnützige Streben in Israel fand in ihm warme und thalsächliche Unterstützung. Er gab fürstlich und knickerte nie. Seine Anspruchslosigkeit und Einfachheit aber kennzeichnet ein einziger kleiner Zug mehr, als tausende von Worten es vermögen. Ein Geschäftsfreund, der mit ihm einen weitaussehenden Plan zu einem Fabrikunlernehmen besprechen wollte, erwartete ihn auf dem Bahnhof zu Augsburg. Lange sah er nach ihm aus. Da stieg er vor ihm aus einem Coups dritter Klaffe, in Gesellschaft einiger armer Juden seines Ortes. Verwundert fragte jener ihn: Warum fahren Sie dritter Klasse? „Weil es keine Wagen vierter Klasse giebt", antwortete er lakonisch. Mo. 17. gen Bau des Judenthums gelegt. Von ihren hierher gehörenden Reden bringen wir erst die, welche jede Halbheit und Werkheiligkeit in der Religion bekämpfen. Dieselben waren wohl gegen die Schwachen, Halbfrommen und Scheinheiligen gerichtet, deren ganze Religion die äußere Frömmigkeit war, die im Innern keinen Halt hatte und mit den Werken gegen den Nebenmenschen, mit ihrer Bedrückung des Rechts re. im Widerspruch stand. „Der Herr spricht," heißt es in einer solchen Prophetenrede *), da dieses Volk sich mir mit seinem Munde nähert, nur mit seinen Lippen mich verehrt, aber sein Herz von mir fern hält, daß seine Furcht vor mir ein angelerntes Menschengebot geworden. Darum fahre ich fort, dieses Volk auffallend zu machen; verloren geht die Weisheit seinen Weisen, und die Vernunft seiner Vernünftigen ist nicht mehr." Fortsetzung folgt. ') Jesaia 29. 13. 14. Aus Bade» Sie kennen wahrscheinlich hochgeschätzter Herr Redakteur den Erlaß des humanen und liberal-gesinnten Großherzogl. Oberschulraths vom 10. Juli 1877 an die Direktoren und Vorstände der Mittelschulen, der höheren Mädchenschulen, sowie an die Gr. Kreisschulvisitaturen, also lautend: 1) „Israelitische Schüler sind auf Verlangen ihrer Eltern vom Schulbesuche zu befreien: an den beiden Tagen von n""b am am 1. und 7. Tage nDS, am 1. Tage rnyiitP, am 1. und 8. Tage N12O; 2) An anderen israelit. Festtagen und an Sabbathen sind die israelitischen Schüler zum regelmäßigen Besuche der Schule anzuhalten; doch sind dieselben soweit thunlich, an Sabbathen während der Zeit des öffentlichen Gottesdienstes auf Verlangen ihrer Eltern oder Fürsorger von der Verpflichtung zum Schulbesuche zu entbinden. Keinesfalls aber sollen israelitische Schüler oder Schülerinnen an Sabbathen und Festtagen gegen den Willen ihrer Eltern oder Fürsorger zum Schreiben, Zeichnen oder zur Fertigung von Handarbeiten ungehalten werden." Nun ist es leider! im Badischen Ländchen und auch in anderen deutschen Staaten schon hier und da vorgekommen, daß ein inhumaner Direktor einer höheren Bürgerschule israelitischen Eltern förmliche Drohbriefe zusandte, in welchen dieselben ernstlich darauf aufmerksam gemacht wurden, welcher erhebliche Schaden und Nachtheil ihren Kindern aus dem Nicht- Schreiben an Sabbathen und Festtagen entstehen würde daß sie gar nicht mit der Klasse gleichen Schritt Dieser Mann trat auf die Gruppe zu und, trotz der Hitze, in die sich die Parteien hinein geredet hatten, schwieg doch Alles und hörte auf seine Worte, als er sprach: „Leute! wie oft Hab ich euch schon gebeten, Euch nicht in solchen Kränzen auf der Gasse zusammenzustellen und da Eure Händel miteinander auszumachen? Jft's doch ein Aergerniß für unsere christlichen Miteinwohner und noch dazu heute am Sonntag und kurz vor dem Gottesdienst! Ihr werdet nicht ruhen, bis gegen Euch, wegen Störung der Sonntagsfeier von der Polizei eingeschritten werden wird." „Herr Sternheimer!" sagte Strauß mit gemilderter Stimme. „Das ist jetzt auch anders. Man läßt sich durch solche Rücksichten nicht mehr bestimmen. Die Christen geniren sich vor unserm Feiertag auch nicht. Mau schreibt jetzt 1848." „Wenn auch, lieber Strauß!" entgegnete Jener. „Faktisch bestehen noch alle Gesetze, wegen der bevorzugten Sonntagsfeier und es wird auch nicht leicht dahin kommen, daß wir in dieser Hinsicht gleich gestellt werden, wenn wir's auch politisch werden. Wir bilden überdies eine kleine Minorität im Staate und müssen uns in diesem Stücke der Majorität fügen. Aber selbst, wenn wir auch berechtigt wären, würde es meinem religiösen Gefühl widerstreben, das, was einem andern Menschen heilig ist, zu mißachten und