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Der israelitische Bote · 1879-04-03 · 14/15 (3.4.1879) · p. [Seite 3]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
14/15 (3.4.1879)
Date
1879-04-03
Page
[Seite 3] (sequence 3)
Language
German
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stanz. Hier trat ein Jude, um sich zu retten, zum Christenthume über, bereute aber bald seinen Schritt und zündete sein Haus an, um mit den Seinigen von eigener Hand zu sterben. In Basel wurden alle ergriffenen Juden in einem großen Fasse dem Rhein übergeben und dann dasselbe angezündet. Nur die Kinder hielt rnan zurück, um sie zu taufen. In andern Städten der Schweiz wurden alle Inden gerädert und enthauptet. Von der Schweiz zog der Unsinn nach dem Elsaß. Der Magistrat zu Straßbmg weigerte sich, unschuldig Vlut zu vergießen; der Pöbel zwang ihn zur Abdankung, und sogleich wurden 2000Juden aufdem Markte verbrannt (14. Febr. 1349). Die Reihe kam nun an die älteste jüdische Gemeinde Deutschlands, an Worms. Die Juden steckten ihre Häuser selbst in Brand und verbrannten sich darin (1. März 1349.) Die Aufzählung aller Städte, worin diese Greuel verübt wurden, würde zu viel Raum erheischen. In Erfurt allein erschlug man dreitausend und die Greuel in Nordhausen hat Reinhard in seinem «Der Tanz zum Tode" (Leipzig, Otto Gülker, 1875) ergreifend geschildert. In Schwaben waren es besonders Ulm und Eßlingen, deren jüd. Gemeinden aufgerieben wurden. In letzterer Stadt verschlossen sie sich in die Synagoge und zündeten sie selber an. Endlich, nachdem viele Tausende der Raserei und Raubsuchlftmn Opfer gefallen waren, erließ Kaiser Karl IV. strenge Befehle, dieser Wuth zu steuern und ergriffen mehrere Fürsten, worunter auch Graf Eberhard II. von Wünemberg, gemeinschaftliche Maßregeln, um der Verfolgung enr Ziel zu setzen. Ueberall benützte man Märchen, wenn man auch nicht daran glaubte, als gute Gelegenheit, der Naubsucht und dem Judenhasse zugleich zu fröhnen. Das einzige Rettungsmittel für die Verfolgten war die Taufe; aber nur wenige griffen darnach und so blieben nach dieser schrecklichen Verfolgungszeit wenig Juden mehr in Deutschland übrig. * Wir nehmen hierbei Veranlassung, einen Vortrag zu erwähnen, den Herr Pnvatdocent Dr. Wvlfsberg,! der Sohn eines früher hier in Bonn amiireuden isr.! Religionslehrers, am 20. Febr. dss. Jahres im hiesi--! gen „Bildungsverein" „Ueber die Pest" hielt. Der! Vortrag, der — einer unserer Mitarbeiter hat sich der Mühe unterzogen, es auszurechnen — über 65000 Worte zählte, betonte in klarer Weise die Maßregeln, die man zur Abwehr der Pest getroffen hat. Zum Schluffe sagte der Redner: Unzweifelhaft ist das in den letzten Jahrhunderten immer vereinzelter, immer weniger heftig gewordene Auftreten der Pest auf europäischem Boden zu allermeist der höheren Civilisation, der rationelleren, hygienischen Grundsätzen besser entsprechenden Lebensweise der Völker zu verdanken. Und hierauf begründet sich unsere Eingangs ausgesprochene Zuversicht gegenüber etwaigen Einschleppungen der Pest. Aber es wäre höchst verkehrt, uns in Sicherheit zu wiegen, weil wir besser sind als jene elenden Fischer j des südöstlichen Rußlands. Auch bei uns ist der jammervollsten sanitarischen Mißstände die Hülle und Fülle; Diphtherie und Typhen, häufige Cholera-Epidemien, bedeutende Kindersterblichkeit, um wenige Einzelheiten zu nennen, geben dafür ein deutliches Zeugniß. Auch die Pestepidemie kann, wenn die örtlichen und zeitlichen Bedingungen sich erfüllen, auch bei uns wiederum eine Stätte finden. Halten wir daher wohl im Auge, was uns am besten schützen kann, Hebung der Volks -B i ldung, des V o l k s w o h l st a n d e s, Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege. Vierter Rechenschafts-Bericht der Takmud-Hhora-Schuke zu Bargprrppach für das Jahr!878. (Fortsetzung) Ju dem Schuljahre 1877/78 wurde in 2 Cursen in den verschiedenen Disciplinen folgender Unterricht ertheilt: A. Hebräisch. а. Grammatik, in beiden Cursen Lehrer Ehrmann I. Curs, die Lehre vom Sch'wa, Dagesch; das Hauptwort, das Pronomen und das regelmäßige Zeitwort. II. Curs: Die Lehre von den Tonzeichen, das Zahlwort und die unregelmäßigen Zeitwörter. d. Pentateuch 1. Curs, die wöchentliche Sidrah Lehrer Neu mann. 2. Curs, dasselbe Lehrer Ehr-! mann. Rabbiner Hirsch an jedem Sabbathe die ' Sidrah mit Erklärung.! c. Raschi: Exodus von Schemoth bis Teruma! Rabbiner Hirsch. cl. Propheten: Nefiim Rischonim sämmtliche Abtheilungen mit Erklärung nach Malbim. Rabbiner Hirsch. б. Ritual (Chaje Adam) in 3 Abtheilungen. I. Abtheilung: Hilchoth, Berachoth, Zisis, Tefillah Lehrer Neumann. II. Abtheilung: von Abschnitt 1—24. Lehrer Neumann. III. Abtheilung: von Abschnitt 1- 60 Lehrer Ehrmann. I. Mischnajoth in 3 Abtheilungen. I. Abthl. Megillah, Sukkoh und Rösch Haschono Lehrer Neumann. II. Abthl. Sabbath, Pesachim und 5 Absch. v. Erufin Lehrer Neumann. III. Abthl. ganz Seder, Seraim Rabbiner Hirsch. g. Talmud l. Curs Tractat Sucka, den ganzen 1. Abschnitt. II. Curs Tractat Chulin, ebenfalls den 1. Abschnitt mit den meisten Tosefoth. In beiden Cursen Rabbiner Hirsch. B. Deutsch a. 1) Deutsche Sprache: I. Curs Wortlehre; der einfach nackte und der einfach erweiterte Satz. Lehrer Neumann. II. Curs Repetition der Wortlehre; die ganze Syntax nach Marschall 1 Theil Lehrer Ehrmann. 2) Aufsatz: I. Curs Erzählungen, Uebertragung poetischer Stücke in Prosa, Beschreibungen. Lehrer Neumann. Leitender Artikel. Bonn. Einer unserer würtemb. Korrespondenten entnimmt der „Würtemb. Landesztg. einen „die Pest und die Juden" betitelten Artikel, der höchst interessant ist. Er zeigt wie der „schwarze Tod," der heute wieder alle Gemüther erregt, Veranlassung gibt, zurückzublicken in die Vergangenheit. Wir lassen den Artikel unverkürzt hier folgen. Schon in mehreren Artikeln dieser Zeitung ist anläßlich des an der äußersten Ostgrenze Europas erschienenen unheimlichen Gastes auf die Zeit hingewiesen worden, in welcher dieser Würgengel gegen 25 Millionen Menschen sich zum Opfer erkor. Der „schwarze Tod,"der 1348—50 diese große Verheerung in Asien und Europa anrichtete, bietet besonders den Juden ein trauriges Andenken, da er fürste eine doppelte Heimsuchung war, indem nicht nur die Pest, sondern noch weit mehr der Wahn des beihörten Volkes zahlreiche Opfer unter ihnen forderte. Der schwarze Tod hatte auch jüdische Opfer gefordert, doch verhältnißmäßig weniger als von den Christen, wahrscheinlich wegen größerer Mäßigkeit und besserer Pflege, und deshalb entstand der Verdacht, daß die Juden, um die Christen zu vertilgen, die Brunnen und die Luft vergiftet hätten. Dieser Wahn zeigte sich bloß in Europa, während er in den von der Pest heimgesuchten muhammedanischen und mongolischen Völkern nicht auftrat. Die Entstehung dieses Planes, die Juden als Urheber der Pest hinzuschlachten, entstand in der spanischen Stadt Toledo. Das wahnbethörte Volk machte einen Toledaner Juden namhaft, der das Gift befördere. Jakob a Paskate aus Toledo habe sich in Chambery (Savoyen) niedergelassen und sende von da aus eine ganze Schaar Giftmischer nach allen Ländern und Städten. Das Gift sei bald aus Vasiliskenfleisch, bald aus Spinnen, Fröschen und Eidechsen, bald wieder aus Christenherzen und Hostienteich bereitet gewesen. Es sei in kleinen ledernen Beutelchen vertheilt Worden und sei nach einigen von rother und schwarzer, nach einigen von grüner und schwarzer Farbe gewesen. Trotzdem die Juden durch die geschicktesten Aerzte konstatiren ließen, daß das Wasser nicht vergiftet sei und das Uebel als eine wirkliche Pest zu betrachten sei, wurden diese Märchen von Unwissenden und Böswilligen, von niederen und höheren Ständen geglaubt, von der erhitzten Phantasie vergrößert und übertrieben. Die Gerichtstribunale beschäftigten sich auch ernstlich damit, hinter die Wahrheit zu kommen, wendeten aber die Mittel an, welche das Mittelalter zur Bestätigung eines Verdachtes mit besonderer Virtuosität gebrauchte, — die Folter. Die ersten Verfolgungen gegen die schuldlosen Juden fanden in Spanien statt, in Barcelona, Cervera, Tarega (6. Juli 1848). Papst Clemens VI. trat für die unschuldig Verfolgten ein und erließ eine Bulle, worin er bei Androhung des Kirchenbannes untersagte, sie ohne richterliches Urtheil zu tödten, zur Taufe zu schleppen oder ihre Güter zu rauben. Von Spanien verpflanzte sich die Verfolgungswuth nach Savoyen. Ein Land lernte vom andern. Von der Genfer Gegend kam das Gerücht in die Schweiz. Bald brannten Scheiterhaufen in Bern (Sept. 1348), Zofingen, Zürich (21 Sept.), St. Gallen, Lindau, Ueberlingen, Schaffhausen, Kon¬ oder: Der Zauberspiegel. (Unberechtigter Nachdruck ist nicht gestattet.) Zur näheren Kennzeichnung dieses Namens sei uns erlaubt, noch einige charakteristische Vorfälle aus seinem Leben hier anzugeben. An einem Sabbat-Nachmittag wollte einmal der Parnoß — wir werden diesen Mann im nächsten Kapitel näher kennen lernen — in sein, im Hinteren Theile des Hauses befindlichen Zimmer gehen, wo er an diesen Tagen gewöhnlich etwas „zu lernen" und sein Mittagschläschen ungestört zu halten pflegte. Nach gewohnter Weise und um zu sehen, ob Alles darin in Ordnung sei, warf er erst durch das in der Thüre angebrachte Fensterchen einen Blick. O siehe, da lag der Schabbas-Hans in seinem Lehnstuhl, auf dem Tische vor ihm einen Talmudfoliant, auf dem sein Haupt schlafend ruhte. Geweckt, erklärte er, wie er seit langer Zeit an Schlaflosigkeit leide. Da habe er schon oft gesehen, wie der Herr Parnoß auf diesem Buch immer so sanft eingeschlafen sei und daher habe er sich auch dieses Mittels, um schlafen zu können, bedient. Wir setzen bei, daß sein Glaube bei lange nicht gehabten Schlaf, ihm geholfen und der Talmudfoliant darum seine erwartete Wirkung gethan hatte. Ein andermal — dies soll seine Kapazität in anderen Dingen kennzeichnen — zechte er im Wirthshaus mit dem laugen Geigenfritz, der am selbigen Tage seinen Wochenlohn eingenommen hatte und ihn auf alle Fälle verjubeln wollte, im Wirthshaus zum Bären. In diesem Protektor-Verhältniß nahm sich Jener heraus, den Schabbas-Hans zum Besten zu haben. «Du Schabbas-Hans!" sagte er höhnisch, «was willst denn Du sagen, deiner Mutter Kuh Bruder ist ein Ochs gewesen!" «Was? fuhr Jener auf, Du willst meine Mutter und mein Vater schimpsiren? Der ist ein Ochs gewesen! Gleich gehe ich auf's Gericht!" Dabei schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser umfielen und zerbrachen, und er würde die ärgsten Händel angefangen haben, wenn ihn nicht der Wirth eines Andern belehrt! O, nein! dafür hatte er heute kein Verständniß, wenn er ihn nicht zur Thür hinausgeschoben hätte. Schabbas-Hans betrachtete sich übrigens selbst in allen Beziehungen zur jüdischen Gemeinde gehörig. So fand zum ersten Mal die öffentliche Prüfung der israelitischen Schule statt. Mitten in der Arbeit, klopfte es ganz laut an der Thür, und auf ein: Herein! trat der Schabbas-Hans in seinem langen Sonntagsrock, mit seinem Felbel in der Hand, in's Zimmer und stellte sich in die Reihe der Zuhörer und versäumte es nicht, öfters den Schülern bei guten Antworten seinen Beifall durch Kopfnicken und Zulächeln zu erkennen zu geben. Ebenso stellte er sich jedesmal, wenn sein Geschäft an diesem Tag es eben erlaubte, als Zuhörer in der Synagoge ein, wenn der zuständige Rabbiner sich zum Predigen von Zeit und Zeit in Lobheim eingefunden hatte. Dem brachte er nUi blos die Hochachtung entgegen, welche das christliche Volk vor seinem Seelenhirt hat; er hatte noch einen besonder» Respect vor jedem Rabbiner, weil er in ihm eine Art Zauberer und Hexenbauer rc. erblickte, und dies war darauf begründet. Sein Großvater, mütterlicher Seits, war in dem nicht weit entfernten Dorfe Muhr in gleicher Eigenschaft wie er, placirt gewesen. Der hatte ihm nun gar oft erzählt: Wie er einmal mit einer Anfrage wegen einer geschlachteten Kuh an einem Festtag zu dem Rabbiner nach Zungenhausen geschickt worden sei, habe er schon deutlich gehört, wie der Rabbiner drinnen im Zimmer laut zu seinen Scholaren gesagt habe: „Das Kühle von Muhr ist trefa." Da sei er gar nicht in das Zimmer, sondern straks wieder heimgegangen und habe zu dem Auftraggeber gesagt: «Ihr habt aber ein Mann von Rabbiner!

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