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Der israelitische Bote · 1879-03-13 · 11 (13.3.1879) · p. [Seite 2]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
11 (13.3.1879)
Date
1879-03-13
Page
[Seite 2] (sequence 2)
Language
German
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.oßen von der menschlichen Gesellschaft, mit Verachtung belastet, zu welcher Rohheit und Verwilderung eben diese Ausstoßung und Verachtung sie gebracht hat. Und nun schauet Euch das Judenthum an, betrachtet es selbst in den Zeiten der krassesten Unwissenheit; hat je Gattentreue und Eltern- und Kindesliebe aufgehört? Ist je die Mild- und Wohlthätigkeit gewichen? Blieb Keuschheit und Sittenreinheit nicht stets heimisch? Tiefe Schrammen der Feigheit hat die Bedrückung den Juden aufgedrückt, sie flohen vor dem Geräusche eines fallenden Blattes, und blieben doch Helden, kühn dem Tode entgegentretend, wo cs sich darum handelte, den väterlichen Glauben zu erhalten. Mit einem groben Schmutze des Eigennutzes mußte die Ausschließung von allen soliden Lebensgeschästen sie überziehen, und doch konnte sie für eine einzige Satzung ihre ganze Habe wegwerfen (Orach Chajim 656 und Jore Deah 157). Die Bücher des Schulchan Aruch sind in den finstern Zeiten geschrieben, wo ein gewaltiger Druck auf den Juden lastete und sogar Religionsverfolgungen nichts Ungewöhnliches waren, und doch wird in diesen Ritualbüchern Betrug, Diebstahl und Raub gegen Nicht-Israeliten auf's schärfste verpönt; geboten, die Armen der Nicht-Israeliten zu speisen, ihre Kranken zu besuchen, ihre Todten zu bestatten und ihre Trauernden zu trösten; und nachdrücklichst zur Pflicht gemacht, für die Landesregierung zu beten, das Wohl des Vaterlandes zu fördern und die Gesetze des Staates heilig zu halten. Auch hat es in Israels Mitte zu gar keiner Zeit einen solchen unmenschlichen Pöbel gegeben, wie man ihn unter anderen Völkern zu vielen Zeiten angetroffen hat. Solches vermochte unsere Religion, sie hat uns stets die bittere Gegenwart mit angenehmen Hoffnungsbildern versüßt, uns bei jedem Ungemach; einen Becher aus dem Strome der verheißenen Zukunft gereicht, die Israels Würde mit nie verlöschenden Zügen in unsere Brust gegraben, und uns immer geschützt vor Entmenschung und gänzlicher Verflachung des Geistes; und wahrlich, wir dürfen aus unsere Religion stolz fein, daß wir den Namen Gottes tragen. Der persönliche Stolz ist verabscheuungswürdig und thöricht; verabscheuungswürdig, weil er von Gott gehaßt wird, denn er entfernt den Menschen von Gott und entfremdet ihn seinen Mitbrüdern; der Stolze verachtet und geringschätzt ja seine Mitmenschen, er erhebt sich ja über sie und will vor ihnen bevorzugt sein, und „stolze Augen und ein hochmüthiges Herz kann daher Gott nicht ertragen". Der persönliche Stolz ist auch thöricht und lächerlich. „Der Mensch, wie Gras sind seine Tage, wie Blumen des Feldes, so blühet er; denn ein Hauch ziehet an ihm vorüber und er ist nicht mehr, und es kennt ihn seine Stätte nicht mehr" (Ps. 103, 15, 16), worauf hätte er nun Ursache, stolz zu sein? Ein Schatten, ein Erdenwurm, welcher heute prangen und morgen in Staub zerfallen kann, sollte hochmüthig sein? Aber der Stolz auf die göttliche Religion, der Stolz, Jude zu heißen, ist nicht thöricht, denn das Judenthum ist ewig und unvergänglich; und auch nicht sündhaft, sondern nützlich und die Quelle alles Guten. Wen das Bewußsein, Jude zu heißen, erhebt; wer stolz aus seinen Glauben ist, der wird sich bestreben, das Judenthum zu verherrlichen, und durch edle Thaten, reine Sitten, milde Spendungen, durch Liebe und Wohlwollen es vor allen Menschen zu erheben, und wird sich gewiß hüten, seinen Charakter zu beflecken, weil dadurch die Religion in den Augen der Welt entweihet wird; mit einem Worte, er wird sich gewiß bemühen, den Namen Gottes, worauf er stolz ist, nicht umsonst zu tragen. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Bonn. Die Unterstützungskasse des Vereins israelitischer Elementarlehrer für Westfalen und die Rheinprovinz veröffentlicht den Jahresbericht für 1878. Dem Vorworte dieses Berichtes entnehmen wir Folgendes. Zunächst drückt der Vorstand seine Zufriedenheit über die Resultate des Jahres 1878 aus. Es heißt dann weiter: ,,Mit Freuden heben wir hervor, daß die Zahl der Gemeinden und Gesellschaften, welche durch feste Jahres-Beiträge ihr Interesse für unsere Unterstützungskasse bekunden, im Wachsen begriffen ist. Zur Zeit sind es im Ganzen 30 Gemeinden oder Vereine mit einem jährlichen Gesammtbeitrage von Mark 787,50. Mehrere Gemeinden haben für die Folge eine Erhöhung ihrer Beiträge in Aussicht gestellt. In anderen Gemeinden haben Sammlungen mit sehr erfreulicher Betheiligung stattgefunden. Neben der Freude aber, mit welcher wir diese größere allgemeine Betheiligung begrüßen, und für welche wir allen freundlichen Gebern wärmsten Dank sagen, erfüllen uns zwei Punkte mit Betrübniß; zunächst, daß in dem Gabenverzeichniß der Unterstützungskasftz gerade die größten und reichsten Gemeinden fast gänzlich fehlen, obwohl ihren Vorstehern, Rabbinern und Lehrern unsre Berichte und Aufforderungen regelmäßig zugehen, und dann, daß so viele Lehrer, ihr eigenes Interesse verkennend, der Unterstützungskasse noch nicht beigetreten sind. Hier müssen wir übrigens einem Mißverständnisse, — insofern es als ein solches betrachtet werden kann, — begegnen, welches in neuerer Zeit mehrfach laut geworden ist und nach welchem in der Bestimmung der Statuten, daß diejenigen Lehrer, welche nicht rechtzeitig dem Vereine beitreten, von der Zeit an, wo sie die Mitgliedschaft hätten erwerben können, die Beiträge nachzuzahlen haben, — eine große Härte liegen soll. Als die fragliche Bestimmung am 8. Juni 1870 in das Statut ausgenommen war, wurde den Lehrern eine Frist bis zum 1. Jan. 1872, also von über 18 Monaten gewährt, innerhalb welcher sie ohne Nachzahlung dem Vereine hätten beitreten können. Die dieses dennoch trotz aller öffentlichen Bekanntmachungen und. Aufforderungen verabsäumt, haben unsers Erachtens nicht das Recht, sich über Härte zu beklagen, vielmehr ist ihnen in dem Umstande, daß der für die ganze Dauer der Mitgliedschaft zu leistende Jahresbeitrag nicht etwa von dem Alter in der Beitrittszeit, sondern so berechnet wird, als ob die Mitgliedschaft rechtzeitig erworben wäre, (so daß beispielsweise ein 35jähriger Lehrer, der 10 Jahre nachzuzahlen hat, nicht als 35jähriger mit einem Beiträge von 9 Mark (§ 7 der Statuten) sondern als 25jähriger nur mit 6 Mark jährlich herangezogen wird) — ein wesentlicher Vortheil eingeräumt, indem sie, wenn Zinsen in Betracht kommen weniger zahlen als diejenigen Lehrer, welche rechtzeitig beigetreten sind und das Kapital, welches zur Zeit nahezu 36000 Mark beträgt, mit Mühen und Opfern haben ansammeln helfen. Wir glauben nicht, daß man das Entgegenkommen weiter treiben kann, gestatten uns aber, an dieser Stelle noch darauf hinzuweisen, daß keine der uns bekannten öffentlichen oder privaten Unterstützungskassen den geringen Beiträgen der Mitglieder gegenüber eine solche Gegenleistung zu bieten im Stande ist, wie die unsrige, blieb auch gleichgültig als Gregor weiter erzählte: „Die gefährlichsten Feinde der Leibeigenen und Deiner Brüder sind nicht mehr am Leben. Der Pan von Wola und der Priester Martin haben endlich ihren Lohn empfangen. Der Prior hat die Keckheit gehabt, dem König mit dem Banne zu drohen, wenn er nicht Esterka aus seinem Palast entfernte, denn es sei eine Todsünde, öffentlich mit einem Weib aus dem gottesmörderischen Geschlecht zu leben. Der König ließ ihn greifen und man fand eine von ihm und dem Pan von Wola Unterzeichnete Schrift, in welcher sie im Namen der Kirche und der Nation die Absetzung Kasimirs aussprachen. Dies Mal verzieh ihnen der König nicht. Er ließ den Priester in die Weichsel werfen und den Edelmann in einen Kerker, wo er Hungers sterben mußte. Tausende von Menschen haben dem schwimmenden Leichnam des Mönchs nach gesehen, und der Pan von Wola ist gestorben, indem er um einen Bissen Brod und einen Tropfen Wasser flehte." Gregor war erstaunt, daß diese Nachricht so gar keinen Eindruck auf Ben Josef machte. „Nun was sagst Du dazu?" fragte er. „Zwei Schurken weniger, das ist Alles'" erwiderte der Einsiedler. „Aber sie waren die hartnäckigsten und gefährlichsten Gegner der Leibeigenen und der Juden." „Die unvorsichtigsten, aber nicht die gefährlichsten. Als ich dem Pan von Wola die Freiheit wiedergab, um die Deiner Frau zu erlangen, da wußte ich, daß er früher oder später umkommen würde, wie er es verdient hat." Die beharrliche Freundschaft Gregor's vermochte nichts über das Gemüth des Einsiedlers. Aber er gab nicht die Hoffnung auf, daß die Zeit ihm einen Umstand herbeiführen würde, welcher den Starrsinn seines Freundes zu brechen geeignet wäre. Eines Tages vereinigte sich der Klang der Glocken und der Trompeten in Krakau mit dem Volksjubel zu einem solchen Getöse, daß es bis in die Karpathen hinübertönte. Es dauerte nicht lange, so sah der Einsiedler seinen Vertrauten kommen. Gregor war heiterer als gewöhnlich, denn dies Mal hoffte er, seinen Freund auf andere Gedanken zu bringen. „Höre," sagte er; „ich muß Dir mein ganzes Herz öffnen. Ich konnte früher die Juden nicht leiden, weil ich sie für habsüchtig und abergläubisch hielt, und Das, was bei ihnen Folge der Unterdrückung ist, aus ihrem Glauben herleitete. Als Du mir ihre Leiden anfgezählt hast, habe ich angefangen, sie zu bemitleiden. Als Du mir zeigtest, daß wir nicht das Recht haben, uns Christen zu nennen, so lange es bei uns Herrn und Sklaven gibt, übersättigte Große und vor Hunger sterbende Arme, und daß bis jetzt noch jede der von uns unterstützt Familien im ersten Jahre schon weit mehr an Unt stützung erhalten hat, als die Summe der Gesamm. Leistungen des betreffenden Mitgliedes betrug. Möge der Segen des Allgütigen auch ferner unser Unternehmen begleiten! Bonn, 3. März. Aus Brüssel erhalten wir aus zuverlässiger Quelle die Mittheilung, daß die Nachricht in Nr. 8 in der A. Z. d. I. in Betreff der Friedhofsfrage verfrüht sei. (Möge jedoch die verf. Nachricht sich bald bewahrheiten.) Man siehet hieraus mit welchen unsicheren Berichten der Raum der genannten Zeitung oft gefüllt wird. So brachte nns die Nummer 9 der „Jsr. Wochenschrift" (betreffend Eonsistorial-Oberrabbinat Bonn) dem in der A. Z. d. I. darüber Mitgetheilten gegenüber — eine richtige Darstellung des Sachverhalts, worauf wir gelegentlich noch zurückkommen werden. — Die Amerikanische Freiheit ist dahin. Zwei Kinder, die ihren Vater suchten, wurden auf der Straße in Toledo (Amerika Ohio), von einem städtischen Waisenhirten zu sich genommen, welcher sie taufen ließ. Der Rabbiner aus Toledo reclamirte durch die Gerichte die getauften Kinder. Das Salomonische Urtheil dagegen lautete: der Waisenhüter wäre dazu berechtigt gewesen. (Wir appelliren. Red.) Bon«. Aus dem Wien. „Jsr." Das frisch gebackene Fürstenthum Bulgarien hat schon einen Schandfleck aufzuweisen. Am selben Tage, an welchem die Eröffnung der neuen Bulgarischen Kammer (ein Rabbiner ist Kammer-Mitglied) stattfand, wurden Grausamkeiten gegen die Juden begangen. Eine Depesche meldet: die Bulgaren in Kirkkilissa überfielen die Juden und verübten schändliche Barbareien. Ausführlicher Bericht fehlt. — Die Nachrichten aus ’pX lauten noch immer sehr betrübend. Der Regenmangel steigert die Armuth. (Um Hülfe wird aller Orts flehendlichst angegangen, wer sein Scherflein dazu beitragen möchte, gebe und sammle, womit man seine vergrößere. Die Red.) Berlin. Herr Professor von Treitschke hat jüngst eine Aeußerung gethan, die viel besprochen wird, und die erkennen läßt, daß der gelehrte Publicist nun einmal wieder seine giftigen Pfeile auf das Judeuthum schleudert. Herr von Treitschke sprach nämlich über die Entwicklung der deutschen Verhältnisse zur Zeit des Regierungantrittes Friedrich Wilhelms IV. und hob hervor, daß dieser Fürst oft verkannt wurde. Auch gedachte er des schleppenden Ganges, welcher das Bundeskriegswesen innegehalten hatte, und daß die Kriegsgelder gar nicht ihrer Bestimmung gemäß verwendet wurden, vielmehr bei dem Bankhause Rothschild verzinst lagen. Hierauf hin sagt Herr von Treitschke: „Um eines Judenhauses willen, das die Schattenseiten seiner Race sichtbar zur Schau trägt, wurde ein großes Volk, dessen edelste Söhne mit ihrem Blute das Geld dem Feinde abgerungen hatten, 25 Jahre lang an der Nase herumgeführt." Durch diese nicht gegen die Juden als solche, sondern nur gegen eine bestimmte jüdische Familie gerichtete Aeußerung fühlte sich denn auch in der Thal ein jüdischer Zuhörer verletzt und richtete an v. Treitschke ein Schreiben, worin er um die Bestätigung jener gehörten Worte bat. v. Treitschke nahm nun Veranlassung, in einer seiner nächsten Vorlesungen auf den Vorfall zurückzukommen, um zu erklären, daß er mit der Weiber, die sich aus Elend preisgeben, und kleine Kinder, die ausgesetzt werden, — als Du mir alle diese menschlichen Verkehrtheiten zeigtest, da war ich geneigt, Dir im Namen Christi zu folgen, wenn Du sie im Namen Mosis bekämpfest. Wir würden für dieselbe Sache und im Namen desselben Gottes gestritten haben, denn unser Meister und der eurige sagt, oaß wir Alle Brüder sind und daß der Augenblick kommen wird, wo nur ein Hirt nnd eine Heerde sein wird. Ich habe bedauert, daß ich nicht die Macht Kasimir's besitze, um Deine Wünsche zu verwirklichen, die er für Träume genommen hat. Und doch, glaube ich jetzt, daß Du Unrecht gehabt hast und Kasimir Recht. Du wirst es selber gestehen; wenn Du mich angehört hast." „Rede; ich höre," erwiderte der Einsiedler. „Sind die Jubeltöne aus Krakau bis zu Dir gedrungen?" „Ja, und ich habe an die Schafe gedacht, die auf der grünen Wiese herumspringen und sich nicht träumen lassen, daß sie morgen zur Schlachtbank geführt werden." Fortsetzung folgt.

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