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Der israelitische Bote · 1879-03-13 · 11 (13.3.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
11 (13.3.1879)
Date
1879-03-13
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Donnerstag. ♦ Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. Zahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbeten. v. Jahrgang. Sonn, 13. Wärz 1879 (5639). Mo. 11. Leitender Artikel. Von der Kanzel. * Der jüdische Stolz. Aus einer Predigt von Rabbiner H. B. F a f s el in Är. Kanischa. Nicht jeder Stolz ist Sünde, und nicht jede Demuth Tugend. Kriechen, Unterwürfigkeit, sich wie ein Wurm krümmen, ist nicht Demuth, ist keine Tugend, sondern eine Entweihung der Menschenwürde. Selbstvertrauen, Selbstachtung, warmes Fühlen des innern Menschenwerthes ist nicht Stolz und Hochmuth, ist keine Sünde, sondern vielmehr die Stütze der Tugend. Wenn der Mensch, seinen guten Ruf beachtend, einen gewissen Stolz darauf fühlt, ist das Sünde? Umgekehrt, es ist eine Stütze der Tugend, bemt ein solcher wendet alles Mögliche an, seinen guten Ruf zu erhalten. Wenn der Unbemittelte doch seine Menschenwürde fühlt, und lieber Noth leidet, als bettelt, lieber Mangel erduldet, als durch Betrug sich zu entwürdigen, ist ein solcher Stolz schädlich? Und wenn der Israelit ein selbstzufriedenes Bewußtsein fühlt, daß er den Namen Gottes trägt, und lieber Alles hinopfert, nur nicht den Namen Gottes; Alles hingeben und sich trennen kann von Vermögen, Heimath, Freiheit, ja vom Leben sogar, nur nicht von der göttlichen Religion, die sein einziger Stolz ist, heißt das Hochmuth? Umgekehrt, wollte Gott, daß es mir gelänge, einen solchen Stolz in der Brust jedes meiner Zuhörer zu entflammen! denn ein solcher Stolz ist höchst nützlich und die Quelle alles und Edlen. v Schon im grauen Alterthume gibt die Prophetin Deborah die Ursache des Verfalles in Israel an: „Freisinn fehlt in Israel, es fehlt" (Nicht. 5, 7); und wo Freisinn, das ist der eigentliche Stolz auf die edle Israels würde, fehlt, da ist an der wahren Wiedererhebung des Jsraelitenthnms noch nicht zu denken. Mit unerhörter Ausdauer und Tapferkeit haben die Juden für ihre h. Stadt gekämpft, aber sie wurden unter den Streichen des gewaltigen Roms zusammengebrochen und gänzlich gestrichen aus der Reihe der Nationen. Und da sprach man unter den Völkern: Diese werden wir nicht mehr zu fürchten brauchen (Kl. Lieder 4, 15); doch der Glaube der Väter ist nicht untergegangen, diesen heiligen Schatz haben sie auf die lange Wanderschaft mitgenommen. Seit damals, bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, haben die Juden erduldet, was keine Nation je auf Erden so lange erlitten hat. Was Grausamkeit, Hohn, Verachtung, Verfolgungssucht und Blutgier ersinnen konnte, wurde zu vielen Zeiten gegen die Juden in Anwendung gebracht; aber den Glauben der Väter hielten (AuS der Deborah.) wir fest und aufrecht; alle Hiebe der Gewalten konnten den Stein unserer Religion uicht zerschmettern. Aus den Marterkammern, von den Blutgerüsten und Scheiterhaufen herab tönte das Glaubensbekenntniß Israels: Gott, der Herr ist der einig-einzige Gott! Ausgestoßen wurden die Juden aus der Gemeinschaft anderer Menschen. Fort, Unreiner, rief man ihnen zu, fort, fort! Berühret nichts! (das.) Berühret gar nichts! Berühret den Boden nicht, solcher darf Euer Eigenthum nicht werden. Berühret die Gewerbe nicht, mit solchen dürft Ihr Euch nicht beschäftigen Berühret die Menschen nicht, diese wollen Eure Brüder nicht heißen. — Und da mußten oft die Juden von Land zu Land flüchten, und wo sie Aufenthalt fanden und wohnen durften, eingezwängt und eingepfercht in abgelegenen, dunkeln Plätzen, da drückte sie noch Knechtschaft nieder und der Fluch der Verachtung umschwebte sie; aber die göttliche Religion wurde doch nicht erschüttert. Ein Wort der Verleugnung hätte uns von allen Leiden befreiet, wir haben es nicht ausgesprochen; der Glaube galt uns mehr als alles Weltliche und als das ganze irdische Leben. Wahrlich, auf eine so unendlich theuer erkaufte Religion darf man stolz sein. Ich kann mich nicht enthalten, Euch Worte eines christlichen Gelehrten, eines vaterländischen, ungarischen, Menschenfreundes, anzuführen: „Mehr als irgend ein Volk der Weltgeschichte haben es die Juden bewiesen, wie sehr sie einer höhern Idee Gut und Blut, Leib und Leben zu opfern im Stande sind. Wären sie von diesem h. Geiste nicht immer beseelt, wie leicht würde es ihnen werden, ohne alle Mühe und Anstrengung ihre Lage zu verbessern,und von allen ihren Qualen im Nu rein gewaschen zrl werden. Es gibt Tausende unter ihnen, denen in ihres Lebens Wüste die Herrlichkeit der Welt gezeigt und verlockend zugerufen wird: „Dies alles will ich Dir geben, so Du niederfällst und anbetest," die aber erwidern: „Hebe Dich hinweg von mir, Satan, denn es stehet geschrieben: Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen." (Freiherr von Eötvös im Jahre 1841.) Ja, dieses Jahrhunderte lange Leiden ist der Probirstein unseres geheiligten Glaubens. Märtyrer hat jede Religion aufzuweisen, selbst bei den alten Heiden gab es Manche, die ihr Blut für ihren Götzendienst verspritzten. Aber eine ganze Nation Ketten und Fesseln tragen, und Jahrhunderte hindurch, während das Wort der Glaubensverleugnung ihre Kerker gesprengt, ihre Banden gelös't, und ihnen den Weg gebahnt hätte zu jedem weltlichen Genuß, und dieses Wort nicht ausgesprocherij sondern sich lieber von der schweren Bürde der Verachtung und Ausstoßung Niederdrücken lassen als Bekenner des väterlichen Glaubens, als ein freier Staatsbürger zu werden durch Verleugnung des Glaubens, ein solches herzerhebendes Beispiel von einer ganzen Nation während vieler Jahrhunderte gegeben, hat die Menschengeschichte nur ein einziges aufzuweisen, und das im Judenthume. Im Talmud heißt es: „Hätte man Chananja und Michael und Asarjah geschlagen, vielleicht hätten sie sich vor dem Götzen des Nebukadnezar gebückt" (Kethuboth 33. b.), d. h. die drei Gefährten des Daniel, die sich dem Feuertode für den Glauben Preis gaben, haben noch immer nicht gezeigt, daß sie Alles für die Religion zu erdulden im Stande seien; denn wer weiß, wenn man sie fort und fort gemartert und gepeinigt hätte, ob nicht ihr Glaubensmuth gesunken wäre. Was ist der Tod gegen immerwährendes Leiden? was ein schnelles Hinscheiden gegen lange nicht endende Qualen? Wir Juden aber haben auch diese Proben ausgehalten, haben so viele, viele Generationen hindurch Schmach, Schande, Bedrückung, Verfolgung, Verachtung und Knechtschaft ein ganzes Leben lang für die göttliche Religion erduldet und erlitten, und wahrlich, wir dürfen auf unsere Religion stolz sein. Wie der Baum auf der geräumigen Flur grün und voll stehet, und seine blüthenreichen Zweige weithin ausbreitet, einen großen Kreis beschattend, aber so er in einen schmalen Raum geengt und gezwängt wird, zu einem zwerghaften Gestrüppe zusammenschrumpft, so verflacht auch der Mensch, welcher sonst zu etwas Großem berufen sein könnte, wenn er gebannt wird in die geisttödtenden Schranken der Knechtschaft. Sind je unter Sklaven große Männer aufgewachsen? Erglühet Vaterlandsliebe in ihrer Brust? oder entzündet sich nicht vielmehr bei ihnen ein unauslöschlicher Haß gegen ihre Unterdrücker? Wird Tugend und Redlichkeit unter ihnen aufgefunden? oder ist nicht vielmehr Knechtschaft die Quelle aller Verderbtheit, welche die Moralität und die Menschenliebe untergräbt? Dieses haben auch unsere Alten erkannt. Man fragte sie, warum am Feste des Auszuges aus Mizraim das Hallelgebet gesungen wird und nicht am Purimtage, wo die Juden vom Tode gerettet wurden? und sie antworteten: p# w'N'lwklX — Wir blieben ja fort Knechte des Achaschwerosch (Megila 14, b.), d. h. der Auszug aus Mizraim hat die Israeliten zu freien Männern gemacht, aber durch das Wunder zu den Zeiten Mordechai's und Esther's ist blos ihr Leben gerettet worden, aber geknechtet blieben sie, wie früher; und Druck und Ausstoßung bringen unendliche Leiden dem Körper, und große Gefahr der Seele. Aber welch ein Zeugniß giebt dieses unserer geheiligten Religion! Was wären Andere geworden unter einem solchen Jahrhunderte langen Drucke, den die Judenheit in allen Theilen der Welt und in allen Schichten der Gesellschaft zu ertragen hatte? Suchet unter Sklaven der fernen Gegenden, welche tiefe Entartung sich da herausgebildet hat. Betrachtet jene Horden, die in unfern Gegenden umherziehen, ausge- Der Kauernkönig und dir Jüdin. (Von Johann Czynski.) Die Edelleute und die Priester nahmen keinen Anstand, sich in das Tuch und die Leinwand zu kleiden, welche die wegen ihrer Geschicklichkeit und ihres Reichthums von ihnen gehaßten Juden bereiteten. Und die Juden vergaßen ihre Wünsche, und dachten nicht mehr an den Messias und an Jerusalem. Das Unglück erzeugt Glauben und Hoffnung. Im Wohlstand verliert sich leicht die Sorge für die Zukunft, indem man sich blos um den Genuß der Gegenwart bekümmert. Man sprach am Ende so wenig mehr von Ben Josef, als ob er nie gelebt hätte. Ben Josef hatte nie daran gedacht, sich zu tödten. Auch hatte er sein Geburtsland nicht verlassen. Aber getäuscht in seinen Hoffnungen, und genöthigt, seinen großen Plänen zu entsagen, welche der Zweck, der Gedanke und die Poesie seines Lebens gewesen, hatte er sich von der Welt getrennt und floh die Menschen, welche ihn nicht verstanden und denen er nicht mehr nützen konnte. Unglücklicher, als ein gestürztes Parteihaupt — denn er war das Haupt eines ganzen Volkes gewesen, unglücklicher, als ein von seinen Unterthanen vertriebener König — denn er war der Abgott seiner Stammgenossen gewesen —, mehr enttäuscht, als ein großer Geist, der sein Jahrhundert nicht versteht — denn er betrachtete sich schon als Messias der wiedergebornen Menschheit —, betrachtete er die Welt wie ein von Leichen bewohntes Grab, — die einst in seinen Augen so wundervolle Welt, wo er bei jedem Schritt den Finger Gottes gesehen hatte. Die Menschen kamen ihm jämmerlich vor wenn er sie mit Arbeit um das tägliche Brod beschäftigt fand, während er sie zur Eroberung der Welt führen wollte, auf daß der Welt allgemeiner Wohlstand und ewiger Friede gesichert würde. Am Fuß der Karpathen, zwischen unzugänglichen Felsen, in welche die muthigsten Gebirgsleute sich nicht wagten, am Froschsee, hatte Ben Josef sich einen Ruhesitz oder vielmehr ein Grab ausgesucht. Die Bibel und einige Bücher gelehrter Rabbinen, ein Brett, welches ihm als Tisch und zugleich als Bett diente, ein Baumstumpf, welcher die Stelle eines Stuhles versah, ein Messer und ein Veilchen waren seine einzige Habe. Er lebte von Wurzelgewächsen wie die Thiere des Waldes. Ganz von den Menschen getrennt, brachte er seine Tage mit Lesen und Nachdenken hin, und erwartete für seine Schmerzen kein anderes Ende als das seines Lebens. Nur ein Mensch wußte, wo er verborgen war, und besuchte ihn zuweilen, nämlich Gregor. Der ehemalige Jäger des Pan von Wola machte alle ersinnlichen Versuche, in seiner Seele ein Strahl der Hoffnung leuchten zu lassen, in ihm den Wunsch zu erwecken, sich Andern nützlich zu machen oder selber glücklich zu sein, und ihn so aus seiner Einsamkeit herauszulocken. Er schilderte ihm die Wunder der Regierung Kasimirs, den Wohlstand und die Macht Polens, den Schutz, dessen sich jeder Glaube erfreute; aber Alles vergebens. Ben Josef, düster, wortkarg und bitter, sah in diesem künstlichen Wohlstand, in dieser willkürlichen Duldung nichts Dauerhaftes. Wenn Gregor ihm das Entstehen von Städten, die Blüthe des Handels und der Gewerbe, die Freiheit und das Glück der Bewohner Polens schilderte dann lächelte der Jude mitleidig, al8 wollte er sagen: „Geduld! Wer's erlebt, wird's sehen." So vergingen Jahre. Gregor war nicht müde, seinen Freund zu trösten und zu versuchen, ihn seinen Glaubensgenossen und seiner Heimath wiederzugeben. Ben Josef blieb taub gegen seine Vorstellungen, und wollte den Ort nicht verlassen, der öde und trübselig war, wie sein Inneres. Einst kam Gregor in aller Eile in die Einsiedelei und rief seinem Freund schon von weitem zu: „Ben Josef, gute Nachrichten! Ben Josef sah kaum auf und

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