Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 10 (6.3.1879)
- Date
- 1879-03-06
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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.ne Vernichtungsdeeret bestätigt; unsere bejammerns- ,erthen Vorfahren sahen ihrem unvermeidlichen Untergänge entgegen. Und was für Gründe hatte Haman, daß er diesen fürchterlichen Plan in's Werk setzte? Keine anderen als Ehr- und Ruhmsucht waren es, die ihm solche Rachegedanken eingaben, als Eigendünkel, der sich besser und höher glaubte, als alles um ihn, und sich einbildete, alles Andere sei nur seinetwegen da und müsse sich ihm beugen. — Hamander früher am königlichen Hofe keine allzubedeutende Nolle gespielt haben mochte — die Schrift sagt ausdrücklich: inj »der König erhob ihn," brachte ihn zu Würden war jetzt nächst dem Könige der erste Mann im Staate, und diese Erhebung war' es, die ihn stolz machte. Kann man ja noch heute so oft die Beobachtung machen, daß der vorhin unbemittelte und unbeachtete später aber zu Reichthum und Ehren gekommene Mann so ganz seinen früheren Stand vergißt und stolz und übermüthig wird. Der Mensch kann alles vertragen, nur keine Reihe von glücklichen Tagen, sagt der Dichter. So war es auch bei Haman. Die übliche Ehrerbietung, die ihm, dem ersten Beamten des Königs, gewiß Niemand verweigerte, genügte ihm nicht; war er doch der allmächtige Minister, und der König selbst hing mit großer Verehrung ihm an. Gewiß, da dachte der Emporkömmling: Die Ehre, die mir mein König erweiset, können mir seine Unterthanen in noch höherem Maße erweisen, — und wirklich wußte er es dahin zu bringen, daß der König ein Gebot erließ, das D^nntPDI WD lautete. Alles, von Groß bis Klein erwies dem Ehrsüchtigen die Ehre, nur Mordochai nicht. Und weshalb nicht! Ja, sagen da die Spitzfindigen, auch der Mordochai war ein eingebildeter Mensch, der sich um nichts weniger dünkte als Haman, weil seine Pflegetochter Ester, Gemahlin des Königs war, und weil er selbst eine hervorragende Stellung unter seinen Glaubensgenossen einnahm. Durch diesen Eigendünkel hätte Mordechai ja zum indirekten Mörder von vielen Tausend Menschen werden können; durch sein eigenthümliches Benehmen setzte er das Leben von so vielen Unschuldigen gewissenlos auf's Spiel. Zu dem war es ein königliches Gebot, und mußte daher von jedem befolgt werden nach dem talmudischen Grundsätze JOT KJ VT Das Staatsgesctz Reifet jr. .-^-.-V"-W-lVü, so—jrnjt man weiter, wäre auch kein Königsgebot erfolgt, so war schon jedermann von selbst verpflichtet, vor Haman niederzuknieen. Ist denn aber wirklich Mordechais Handlungsweise eine derartige, daß sie eine leichtsinnige und stolze genannt werden kann? Wir müssen diese Frage entschieden verneinen. Mordechai handelte als ein wahrer mrp Durch sein Benehmen tritt fein Vorbild uns in ein noch helleres Licht. Dies wollen wir in Folgendem beweisen. 1) Merken wir genau auf den Wortlaut des königlichen Gebotes; es heißt: W1NNLD1 D^JTD. Die Ausdrücke DV,nn^D1 W1D Niederknieen und Niederwerfen aber sind Bezeichnungen für die Verehrung, die wir nur unserem hochheiligen Schöpfer zu erweisen haben. Sagen wir doch täglich mehr als einmal DHD1 DvmrtPDT D^TD TJnJKI r/'lpn „Und wir, wir beugen uns und werfen uns nieder und beten an vor dem König der Könige, dem Heiligen, gelobt sei Er!" — sagt doch der Prophet (Jes. 45, 23) Spa ^2 JTDn *6 ’O „Nur mir beuge sich jedes Knie!" — singt doch der Psalmist (Ps. 95,6.) "7 nnnj nnan mnntw wa. „Kommet, daß wir uns niederwerfen, uns beugen und niederknieen vor dem Herrn, unserm Schöpfer!" — Hiermit ist zur Genüge erwiesen, daß die Ausdrücke Bezeichnungen für die Verehrung Gottes sind. Nach dem zweiten Gebote ist es uns aber streng untersagt, irgend einem Wesen die Verehrung zu erweisen, die nur einzig und allein unserem Gotte gebührt, und wir würden in der Erweisung einer solch« Verehrung einer Verleugnung unseres Herrn und unserer Heilgen Religion uns schuldig machen. Run aber ist T"y ein Verbot, das niemals übertreten werden darf, selbst wenn auch unser Leben dieserhalb bedroht wäre; denn von diesen Verboten heißt es: Jini TQP. Gieb lieber dein Leben hin, werde lieber zum Märtyrerals daß du solches Verbot übertrittst! — Ja, auch Haman verlangte göttliche Verehrung für seine Person; dies bezeugen auch die Worte Raschi's, unseres größten Bibelerklärers, in dem dieser sagt: rw Er (Haman) machte sich zu einem Gotte. Nun aber frage ich Dich, geliebter ^Leser: Konnte und durfte Mordochai, den die heilige «Lchrift einen iTlIT nennt, und den sie uns als Muster und Vorbild eines echt frommen und gottergebenen Mannes darstellt, konnte und durste er anders handeln? Würde er, der eine so hohe, einflußreiche Stellung unter seinen Glaubensgenossen einnahm, nicht die Grundprinzipien des Judenthums verleugnet und so dessen Bestand gefährdet haben? Verletzte dieses Gebot Hamans nicht seine innerste Ueberzeugung? 2) Aber noch eines anderen Grundes wegen mußte Mordochai das Gebot 2^12 unerfüllt lassen. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal dasjenige, worauf Haman es in Wirklichkeit abgesehen hatte. Es wird kein Schriftkundiger je in Abrede stellen wollen, daß der Bedränger der Jehudim nicht allein die Judenheit, sondern auch mit ihr das Judenthum, unsere angestammte Religion aus der Welt schaffen wollte. Dies bezeugen seine eigenen Worte. (Esther 3, 8.) .ÜV 22Ö DmnTI DrTOPlb „Ihre Gesetze sind verschieden von denen anderer Nationen.. und dem Könige bringt es keinen Nutzen, wenn er diese bestehen läßt." Eine Zeit aber, in der mc... es auf Vernichtung ft-ftnrrt rt --TD^n eine Zeit allgemeiner Religionsverfolgung genannt, und in einer solchen Periode darf man am allerwenigsten von irgend einem göttlichen Gebote, und wäre es auch das allergeringste, abweichen, obschon wir sonst bei t2>2J HlpS, bei vorhandener Lebensgefahr alle (?) Ge- und Verbote übertreten dürfen, zur Zeit jedoch, in der man uns unserer Religion wegen verfolgt, dürfen wir nicht einmal — nach dem Ausspruch der Weisen — rrwn ttirö um ein Haar breit von den ni¥D jv-in abweichen. — Nun frage ich wieder: Konnte und durfte Mordochai, den die Schrift einen HIPP nennt, anders handeln? Wäre nicht durch die entgegengesetzte Handlungsweise den übrigen Jehudim ein schlechtes Beispiel gegeben? Was war es also anders, alS die Liebe und Treue, als die innige Anhänglichkeit an Gott und seinem Wort, die dem wehr- und waffenlosen Mordechai einen unbeugsamen Muth und eine unbezwingliche Stärke gab, und ihn aufforderte, sich zu erheben, während sich alles um ihn her so tief demüthige! Es war der Glaube, die innigste Ueberzeugung von der Erhabenheit und Bedeutsamkeit der Lehre Israels, die als köstliches Kleinod aus dem Wirrsal gerettet und geschützt werden „Ja, Ben Joses," sagte der König, „Esterka hat Recht. „Ich werde mich bemühen, Polen reich, glücklich und blühend zu machen. Die Fremden, welche es besuchen, mögen sich daran ein Beispiel nehmen. Das ist Alles, was ich für die Welt thun kann." „Gewiß wird Polen glücklich sein, so lange Ihr lebt," erwiederte der Jude. „Aber wie wird es nach Euch?" „Wenn Gott mir keinen Erben gibt, wird mein letzter Wille das Glück meines Volks sichern." „Werden die eifersüchtigen Nachbarn Euer Land in gedeihlicher Ruhe lassen?" „Sie sollen es wagen, mich anzugreifen! Wenn ich mein Schwert ziehe, sollen sie an die Siege Boleflaw des Tapfern erinnert werden." „Aber könnt Ihr glauben, daß die Polen stets einen tapferen, von seinem Volk angebeteten Fürsten an ihrer Spitze haben werden? Glaubt mir, es gibt kein dauerndes Glück für die Nationen, bevor sie nicht in einander verschmolzen sind, und bevor die Welt durch einen Eroberer zur Einheit gebracht ist; um nach dem Gesetze Gottes regiert zu werden. „Geht, geht, Ben Josef!" unterbrach Esterka. „Anstatt zu einem nutzlosen Krieg und zur Bekämpfung unbekannter Feinde zu rathen, unterstützt lieber den König in seinen Unternehmungen zum Besten seiner Unterthanen. Unsere Glaubensgenossen sind nicht mehr unglücklich; helft es nun, sie ganz glücklich machen." „Ja, Ben Josef," sagte Kasimir, „das ist meine Meinung. Ihr habt sters Zutritt bei mir. Ich werde Euch anhören und Euch behülflich sein, daß Eueren Brüdern Recht werde. Aber sprecht mir nicht mehr von Euerem Messias unb von Euerer Welteroberung. Ich will meine Schuldigkeit thun als König von Polen. Die Andern mögen desgleichen thun, so wird die Welt glücklich sein." Kasimir stieg von seinem Thron und begab sich in sein Arbeitszimmer. Esterka wollte ihm folgen, aber Ben Josef hielt sie zurück mit der Frage: „Esterka, unsere Glaubensgenossen sind nicht mehr unglücklich?" „Ich denke," antwortete sie, erschrocken über seine Bläffe und seinen grimmigen Blick. „Sie sind glücklich, denn die Väter sterben und verfluchen ihre Kinder." „Was meint Ihr?" „Ich meine, Ben Himmel ist gestorben und hat den Fluch geworfen auf seine Tochter, welche, mit der Krone auf dem Haupt, den Greis vergeffen hat, der sie vierhundert Stunden Wegs weit getragen, um sie dem Meffer der Mörder zu entziehen!" mußte. Und was waren die Waffen jenes Helder Nicht tödtliche Geschosse, nicht gefährliche Mordinst mente waren es — nein Gebet und unerschütterlich- Vertrauen auf Gott „der den schwachen Kraft giebt und dem Ohnmächtigen Stärke wachsen läßt." Denn Mordechai kannte und beherzigte die Worte des königlichen Sängers (Ps. 20, 8, 9.) '21 22*12!"6k. „Sind auch diese mit Wagen und jene mit Rossen, fo rufen wir den Namen unseres Herrn Gottes an; dann müssen jene niederstnken und niederfallen, wir aber stehen aufrecht und halten uns." Und wie herrlich ist dies Vertrauen belohnt worden! Der Dränger der Jehudim, der sich schon ganz nahe am Ziele geglaubt, wurde plötzlich von seiner Höhe geschleudert, mußte dem frommen Duldner den Steigbügel halten, ihm den Platz räumen, um dann in die Grube zu fahrendie er selbst gegraben. nasa l'orwi '*r "pav,# b rnw p imiaja Aurich, den 20. Febr. 1879. B. Wolff. Predigt gehalten von A. A. Wolff, Dr. und Prof., Oberrabbiner. Fortsetzung u. Schluß. (Siehe Nr. 5.) Wenn ich nun auf diese lange Vergangenheit einen Blick zurückwerfe, so rufe ich aus mit bewegtem Herzen: „Meine Seele preise den Herrn und vergiß keine feiner WohlthatenU) Sollte ich nicht mit Dankbarkeit und Liebe aller derer gedenken, welche Werkzeuge in der Hand Gottes waren und die in Seinem Namen diesen Posten mir anvertrauten; die durch ihren Rath und durch ihre Mitwirkung mich in der Erfüllung der Pflichten meines heiligen Berufes unterstützt und gestärkt haben, in dem sie mich bei meiner Arbeit ermuthigten und ermunterten; und vor Allem auch derer, die bei meiner Ankunft Hierselbst, mir mit einem seltenen Wohlwollen entgegenkamen, mir den fremden Boden in ein theures Heim gestalteten und mir elterliche Zärtlichkeit bewiesen! Ach! Viele von ihnen haben längst schon das Zeitliche gesegnet, aber ihre Namen bleiben in meinem Herzen in unvergeßlichen Zügen eingravirt. Ganz insbesondere ist es der sel. König Friedrich VI. dessen Anvenren tc£) yeme mir einem tiefen Gefühl von Dankbarkeit zu ehren mich verpflichtet fühle; er war esder mich auf diese Stelle berief und mir zugleich das dänische Bürgerrecht verlieh; so daß ich mit vollem Recht auch den heutigen Tag als Jahrestag feiern kann, an dem ich dänischer Bürger wurde. Ich danke allen denen, die durch ihren regelmäßigen Synagogenbesuch, durch ihre ununterbrochene Aufmerksamkeit, mich mit Begeisterung erfüllt haben für die Verkündigung des göttlichen Wortes, allen denen, die an meinen Freuden wie an meinen Leiden Antheil genommen haben, mich tröstend mit ihrer liebenswürdigen Zuvorkommenheit. Ja! ich danke Euch insgesammt, Euch meine Mitarbeiter im Weinberge des Herrn und im öffentlichen Gottesdienst, Euch, Mitglieder der Gemeinde und Mitglieder des Lehrercollegiums. Wenn ich auf der einen Seite in meiner Freude die Ueberzeugung auszudrücken wage, daß alle diese Personen mir das Zeugniß geben werden, daß ich während der langen Zeit meiner Amtsthätigkeit, niemals danach getrachtet habe, mich über sie zu erheben, sondern daß ich stets bemüht war, zu ihrem Glück soviel wie möglich bei- 1) Ps. 103, V. 1—2. Zweiunddreißigstes Kapitel. Der Einsiedler. Tage, Wochen, Monate vergingen, nnd Niemand bekam Ben Josef zu sehen, oder hörte, wo er wäre. Seit seiner letzten Unterredung mit Kasimir war er verschwunden. Seine Glaubensgenoffen wurden von ihren Rabbinen angewiesen, die sorgfältigsten Nachforschungen nach ihm anstellen; aber keiner wußte das Geringste über ihn in Erfahrung zu bringen. Man rieth hin und her. Die Einen meinten, er sei in's heilige Land gepilgert, die Andern, er habe sich umgebracht. Man hielt ihn endlich allgemein für todt und lange Zeit ertönten in den Synagogen Klaggesänge zu feinem Gedächtniß. Nach einigen Jahren, als die Juden, frei von jeder Verfolgung, den steigenden Wohlstand Polens unter Kasimir mitgenoffen, vergaß man allmählig den geheimen Oberen, dessen Rathschläge und dessen Hingebung jetzt minder Bedürfniß zu sein schienen. Die Juden widmeten sich ganz den Gewerben und dem Handel, bauten Städte und führten neue Geschäftszweige in Polen ein. Fortsetzung folgt.