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Der israelitische Bote · 1879-03-06 · 10 (6.3.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
10 (6.3.1879)
Date
1879-03-06
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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4 S-~ Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark» Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Psstanstalten entgegen. Erscheint jehey Donnerstag. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Pesersstratze Nr. 8. V. Jahrgang. AM», K. März 1879 (5639). Leitender Artikel. Zu Purim. Mitten im Rausche der Freude die Mahnung an den Ernst geheiligter Aufgaben! Am Purimfeste liegt uns eine dreifache religiöse Pflicht ob und zwar 1) das Lesen des Buches Esther N"!pD 2) die Veranstaltung eines zwar solennen^ aber doch zum Zwecke der religiösen Erhebung bestimmten Festmahles m^Ö HTOD und 8) das gegenseitige Zusenden von Speisegenüssen und das Vertheilen von Almosen mjnDl JYüD rfttPÜ. Daß dies grade die drei charakteristischen Merkmale des Festes sind, darf nicht als ein bloßes gedankenloses Spiel angesehen werden, vielmehr muß man der Begründung desselben Nachdenken! Wir vermögen dies, wenn wir das Buch Esther mit Verständnis lesen und den Bericht unserer Tradition, welche dem Zeitalter der Entstehung des Festes weit näher stand als wir, zu Hülse nehmen. Interessant dabei ist, daß die Resultate, welche stch aus einigem Nachsinnen ergeben, einen ausfallenden Vergleich jener alten Zeit mit der unstigen hinsichtlich des allgemeinen Standes dir Äigiöstn Dinge zulasten. Kaum glaublich aber doch wahr ist es, daß unter unseren persisch-medischm Verfahren die religiösen Zustände nicht minder zerfahren waren, als sie es heutzutage bei uns sind. Düs Buch der Lehre wurde, wie uns unsere Weisen berichten, im Wf*™ Grade vernachlässigt. Man hielt es nicht der Mühe Werth, sich mit dem Studium desselben zu befassen und aus ihm die Jugend zu unterweisen. Durch diese Trägheit senkte sich das Gebälke und durch diese Schlaffheit der Hände troff es in's Haus." (Koh. 10. 18.) Auch setzte man sich damals so gut wie heute schon vielfach über die fundamentalen Speisegesetze hinweg, welche von jeher den Geist der Nüchternheit und Mäßigkeit in Israel erhielten und als bewährte Mittel zur Gesinnungsheiligkeit und Lebensweihe galten. Leichtfertig nahm man Theil an den Festmählern des Königs Achaschwerosch und ließ die verbotenen Speisen sich wohlschmecken, indem die befriedigte Eitelkeit, Theil nehmen zu dürfen an der vornehmen Tafel, alle religiösen Skrupel überwand. Durch diesen Niedergang echt jüdischen Strebens und Lebens wurde auch das Band der Zusammengehörigkeit innerhalb der israelitischen Gesammtheit in bedenklicher Weise gelockert und eine der Kardinaltugenden der Juden, die Nächstenliebe und Wohlthätigkeit, bedeutend herabgestimmt. Wir ersehen dies ganz deutlich aus den bezeichnenden Worten, mit denen der Erzjudenfeind Haman seine von teuflicher Bosheit triefende Brandrede einleitete, welche letztere als der Urtypus aller nachfolgenden gegen die Der Bauernliönig und die Jüdin. (Von Johann . Czynski.) „Wie?" fragte der König lächelnd, „Ihr wollt, ich soll das Schwert ziehen, um wider Völker zu streiten, die ich nicht kenne, und die mir nie etwas zu leid gethan haben?" Da würde ich ja die ganze Welt wider mich in Harnisch bringen, viel Tausendmal Tausend wider eine Handvoll Tapferer!" „Freilich ist sie groß, die Zahl der Völker vom Aufgang bis zum Untergang, von Mitternacht bis zum Mittag. Aber überall gibt es unterdrückte Knechte und unschuldig Verfolgte, jene außer Stand, Weib und Kind mit ihrer schweren Arbeit zu ernähren, diese ohne ruhige Zufluchtstätte. Was sind die Mächtigen der Erde im Vergleich zu den tausendmal Tausenden, welche leiden und seufzen? Euer Adel nennt Euch spottend den Bauernkönig. Das ist der rühmlichste Titel eines mächtigen Herrschers. Macht ihn zur vollen Wahrheit, werdet der König der Bauern der ganzen Welt, aller Derer, welche arbeiten und dulden; und die Schlösser werden bei Eurer Annäherung Zusammenstürzen, und die Städte werden ihre Thore öffnen, und die Völker werden kommen, wie die Rußniaken, die Kronen zu Euren Füßen niederzulegen. Die Prophezeiungen sagen, daß es zwei Messias geben würde, von denen der eine im Kampfe umkäme. Dieser Eine will ich sein. Ich will mein Leben aussetzen und den Tod suchen, um dem Befreier der Welt seinen Triumph zu bereiten, dessen Folge die Einheit der Welt und der ewige Friede sein wird. Werst einen Blick auf die Wüsteneien, auf die undurchdringlichen Wälder, auf die unzugänglichen Berge und aus die verpestenden Sümpfe. Sprecht ein Wort, habt den Glauben, und auf Eure Stimme wird die Welt sich verwandeln. Die Wüsteneien werden sich bevölkern, die Haiden werden sich mit Saaten bedecken, aus den geöffneten Eingeweiden der Berge werdet Ihr unermeßliche Schätze ziehen, und ihr werdet die Erde mit Palästen bedecken, in welchen alle Geschöpfe Obdach finden, in Frieden leben und sich in Gott freuen werden. Die ganze Welt wird ein Schauplatz des Glücks werden, und Ihr werdet dem Menschen geholfen haben, seine Bestimmung zu erfüllen." „Bei meiner Krone!" erwiederte Kasimir, „es fehlen nur Spielleuts, um dies herrliche Gedicht mit ihren lieblichen Klängen zu begleiten. Ihr macht mir so prächtige Schilderungen, daß ich bedauere, nicht einen geschickten Schreiber zur Hand zu haben, der Eure | Worte zum ewigen Gedächtniß aufzeichnete." Juden gehaltenen Hetzveden angesehen werden kann. Diese lauten: T13D1 1NX llp D’toyn- Es ist dich Judenvolk zwar ein Volk, allein es ist zerstreut unter den übrigen Völkern und die Wenigen, welche züsammenwohnen, sind von einander im Geiste und ftt der Gesinnung, im Denken und im Handeln völlig getrennt. Offenbar sollte damit gesagt sein, daß dieser Mangel anZusammenhang und gegenseitiger Geneigtheit die Juden daran hindert, einem ihnen drohenden nationalen Unglück mit vereinten Kräften zu begegnen; ebenso sollte damit dem anfänglich gegen die Hlden ebenso feindlich gesinnten Achaschwerosch bedeutet' werden, daß endlich der Tag als gekommen anzusehen sei, an welchem dem jüdischen Volke der Garaus gemacht werden könne. Als nun der tobende Sturm losbrach und der reißende Strom alle Dämme zu durchbrechen drohte, als sich unsere unglücklichen Ahnen unrettbar verloren glaubten und somit der entsetzliche Plan Hamans beinahe als bereits verwirklicht gelten mußte, da schlummerte und schlief nicht nur nicht der Hüter Israels, indem er jegliche Gefahr von den schwerbedrohten Israeliten abwandte, sondern er fügte es roch durch eine wunderbare Verkettung der Dinge also, daß das Loos, welches unseren Ahnen zugedacht wurde, dasjenige ihrer Hasser und Feinde wurde. Während sich nunmehr an den denkwürdigen Tagen dieser wunderbaren Rettung in der Mitte Israels die wwzwiisklte Sorge in überspmdelnden Frohsinn, und die tiefste Trauer in die gehobenste Feststimmung um wandelte, gedachten die Werkzeuge dii spr llmtnnr.bf'*'**••** bfS Dankes, welchen nnm dem BUgüügen für—stüLs. Rettung schulde und glaubten denselben dadurch auf die würdigste Weise zum Ausdruck zu bringen, daß sie die Pu,imtage ols ewige Fesistage erlffchten, an denen die gesammte Judenheit mitten im Rausche der Freuden auch noch daran gemahnt werde, das^Gebälke des Judenthams in seiner alten bewahrten Festigkeit zu erhalten und das innere deffrlben vor den ätzenden und zersch-nden Einflüssen jeglicher Zeiten zu bewahren. Sie setzten daher s.st, daß am Punm die Megilla gelesen werde und zwar als Ersatz für die Beschäftigung mit der Lehre, in welcher tiefer zu forschen, die überwiegende Freude des Tages uns hindert. Sie bestimmten ferner, daß an diesem Tage ein solennes religiöses Mahl veranstaltet werde, um Israel daran zu mahnen, daß die Lebensgenüsse für uns keine schrankenlose, vielmehr von dem Religionsgesetz streng abgegrenzte seien. Sie geboten endlich zur Feier des Tages die gegenseitige Zusendung von Speisegenüffen und die Vertheilunz von Almosen, um unter uns den Geist der Brüderlichkeit, die Tugend der Wohlthätigkeit immer von Neuem zu beleben. Alles dieses ordneten Mordechaj und Esther an, um uns mitten im Rausche der Freude noch an dm Ernst unserer uns obliegenden Jjnse'r'ate: Die Petitzeile «der deren Raum lf Zahlbar hier. - j|F Inserate towben dir Dttnjw# Uro. 10. Aufgaben zu erinnern, welche darin bestehen, daß wir uns zu allen Zeiten in Lehrk und Leben, in Gesinnung und That als wahrhafte Juden erweisen, denn nur als solche vermögen wir es, den uns eigenthümlichen Werth uns zu erhalten! Dr. H. Tietz. Zum Purimftstc. Es ist erstaunlich, mit welcher Spitzfindigkeit obscure Köpfe oft Vorgehen, um selbst die Geschichten unserer nfimpn min der schonungslosesten Kritik zu unterziehen und deren Erzählungen zu entstellen, zu verdächtigen; wie solche Leute sich oft nicht scheuen, Personen, die die heilige Schrift als edel und musterhaft darstellt, unlautere Motive für ihr Thun und Lassen beizulegen; ja, wie sie sich nicht selten erdreisten, bei erhabenen Großen Schlechtigkeiten durch die Zeilen zu lesen, Schlechtigkeiten, an die der glaubenswarme Mann nie denken würde. Solch' Verfahren aber verdient, öffentlich gerügt, an den Pranger gestellt und die Haltlosigkeit derartiger Behauptungen die schlagendsten Beweise festgestellt zu werden; geschieht dies nicht, so wird gar bald das mt der unlautere Funke zu einem verzehrenden Feuer werden und seine zerstörenden Wirkungen ausüben aus Jung und Alt. Besitzt doch der gewöhnliche Mensch zu sehr die Neigung, das Schlimme, Boshafte, weit gläubiger aufzunehmen, als Gute und Edle und Verdächtigungen als positiv TXVtinr mu einer Mocdechai unlautere"Absichten und ein hochmüthiger Sinn in Betreff seiner Handlungsweise gegen den ersten Minister des Königs Achaschwerosch, gegen Haman, ausgebürdet wird. Das Grundlose dieser Verdächtigung zu constatiren, habe ich mir jetzt als Aufgabe gestellt. Der geehrte Leser wird gewiß entschuldigen, wenn ich, bevor ich zur Lösung dieser Ausgabe schreite, etwas weit zurückgreise und Thatsachen wieder gebe, die wohl hinlänglich bekannt sein dürften, allein zur Beleuchtung der Sache vorausgeschickt werden müssen. Der persische König Achaschwerosch beherrschte das unermeßliche Gebiet von 127 Landschaften. In seinem Reiche hatten unsere Vorfahren, wie es scheint, während des baty'omschen Exils ganz zufrieden gelebt und stch des Segens fdner Negierung erfreut. Allein dies sollte nicht gar zu lange dauern. Der Amalekite Haman trat gegen das “DSDl "U22 ÜV gegen das „zerstreute und versprengte Volt" aus und suchte es zu vernichten. Er sprach mir dem Könige, der ihm Gehör schenkte, und durch das ITOttn mDH, durch das „Siegelringabnehmen" war das harte und grau- Den Juden überlief es eiskalt. „Wehe mir!" ries er, „wehe Israel! wehe der Welt! wenn Kasimir meine Wünsche für Träumereien hält, wenn er meine in langen kummervollen Nächten überlegten Worte für die Sprache einer verirrten Einbildungskraft nimmt!^ „Aber," sagte der König, „könnt Ihr denn im Ernst glauben, ich würde der Welt den Krieg erklären, würde die User der Weichsel verlassen, um Abenteuer am Berg Sinai aufzusuchm? — Esterka, was meinst Du? Soll ich zu Pferd steigen und zur Eroberung der Welt ausziehen?" „Ach nein, Kasimir! Bleibe bei mir; wir sind so glücklich!" „Was?" ries Ben Josef. „Das Schicksal und der Ruhm Israels sind Euch gleichgültig?" Esterka hatte die ganze Zeit über mit der Kette Kasimir's gespielt, und rollte auch jetzt noch die Ringe derselben zwischen ihren Fingern. „Ben Josef," erwiderte sie, „der Eifer verblendet Euch. Der Messias soll erst dann erscheinen, wenn die Kinder Abrahams im tiefsten Unglück sind. Sind sie nun aber jetzt nicht glücklich unter der Regierung Kasimir's? Das Gesetz erkennt ihr Recht an und der König beschützt sie. Was wollt Ihr mehr? Mein Kasimir wird in Krakau bleiben, beschäftigt mit dem Glück der Völker, die Go' ihm anvertraut hat."

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