Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 9 (27.2.1879)
- Date
- 1879-02-27
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Darum eben, weil er sich innerhalb der endlichen Grenzen und der menschlichen Schranken zu halten verstand, vermochte er es, die Welt zu erleuchten und über sie eine unendliche Fülle von Segnungen zu ergießen! Allein vielleicht verstand er sich zwar trefflich auf seinen Beruf, erfüllte aber denselben nur aus egoistischen Motiven, vielleicht erwies er sich nicht als einen so hehren Charakter, daß er den unsterblichen Ruhm verdiente! Wer konnte hierüber besseren Ausschluß geben als bas Volk Israel, das von ihm 40 Jahre hindurch regiert und geführt wurde! Kann dieses an ihm aber auch nur die leiseste Spur irgend welchen Makels entdecken? Wo gibt es noch einen Mann, der so sehr alle auszeichneten Eigenschaften in sich vereinigte wie Moses? Was soll man zuerst an ihm bewundern, seine Uneigennützigkeit, welche niemals an den eigenen Vortheil denkt, oder seiner Demuth und Bescheidenheit, welche ihn trotz seiner hohen Begabung ausrufen läßt: „Wer bin ich, daß ich zu Pharao hingehen und das Werk der Erlösung Israels unternehmen soll?" Seine Selbstlosigkeit mit der er spricht: Wenn du o Gott nicht vergeben willst der Sünde Israels, so lösche mich aus dem Buche, welches du geschrieben, oder seine unbegrenzte Menschenliebe, mit welcher er seinem Volke, der Welt, die Güter der Freiheit, der Wahrheit, der Tugend, der zeitlichen und ewigen Glückseligkeit in so unendlicher Fülle gespendet. Fürwahr eine solche Persönlichkeit ist über jeden Angriff erhaben und mit Recht verweist Israel den Todesengkl an Gott, welchem Moses durch sein ganzes Leben hindurch ähnlich zu werden strebte, wofür er verdienter Maßen mit der Krone unsterblichen Ruhmes geschmückt wurde. O, daß alle Führer und Lehrer in Israel sich ein Beispiel nehmen wollten an Mose, o, daß sie gleich ihm ohne Zweifeln und Grübeln das Wort Gottes befolgten und lehrten und wie er uneigennützig und selbstlos, ein Jeglicher in seinem Berufskreise, lebten und wirkten. Fürwahr das thäte unserer heutigen Zeit ganz besonders Roth! Dr. Tietz. Zeitungsnachrichten und Lsrrespondenzen. Deutschland. Bonn. Dem fünften Jahresberichte über die Verwaltung des jüdischen Kurhospitals im Sool- und Seebade Colberg im Jahre 1878 entnehmen wir Folgendes: Das Kurhospital hat mit dem ablaufenden Geschäftsjahre die ersten 5 Jahre seines Lebens und seiner segensreichen Wirksamkeit beschlossen. Mehr als 150 verschämten armen Personen sind die Segnungen ihrer Wohlthaten zu Theil geworden. Um ein Grundkapital zu erhalten, ist um die Erlaubniß zur Ausspielung einer Lotterie nachgesucht worden, und hat die Behörde ihre Genehmigung ertheilt. Das Unternehmen bedarf der Unterstützung aller Menschenfreunde von Nah und Fern. Gilt es ja einer Anstalt, deren Pforten nicht Heimischen, sondern ausschließlich Fremden sich gastfreundlich öffnen. Vom 16. Juni bis zum 15. September ihrer Bestimmung übergeben, hat sie an 1091 Verpflegungstagen unbemittelten Patienten, (14 Männern, 19 Frauen) zum Behufs einer Sool- und Seebadekur unentgeldlich Obdach, Verpflegung und ärztliche Behandlung geboten. Es wurden in der Anstalt 603 Soolbäder verabreicht und in den städtischen Anstalten ist unser heutiger Gottesdienst. Auch er ist ein Opfer jener Umwandlungssucht geworden, auch er ist dem unausgesetzten Bestreben, alles Fremdartige sich zu Eigen zu machen, anheimgefallen. Wie gar selten ist er noch in seiner alten, wahren, ursprünglichen Gestalt anzutreffen. Hier sind der Gebete zu viel. Was thut man? Man streicht eine Anzahl, um nicht so lange im Gotteshause verweilen zu müssen. Es ist ja auch kein Herzensbedürfniß, Gottes heil. Stätte aufzusuchen. Darum sucht man sein Verweilen daselbst so viel als möglich abzukürzen. Aber nicht allein sind gar Vielen der Gebete zu viel, ach, andrerortS hat man sie sogar ihrer ursprünglichen Sprache beraubt, hat die heiligen Laute, die schon den Lippen unserer Urväter entklungen, aus dem heil. Gotteshause gebannt, und so die geweihte Gottesstätte profanirt. Am schmerzlichsten war es mir, wenn ich gewahrte, daß man hier und da, nur um den unjüdischen Gottesdienst nachzuahmen, das Gotteshaus in ein Concerthaus umgewandelt hat, das der Unterhaltung, durchaus aber nicht der Erbauung geweiht ist. Das sind einige meiner schmerzlichen Erfahrungen, die ich noch in meinem hohen Alter gemacht, und zu denen ich, ach, so manche hinzufügen könnte und möchte wenn ihre Anführung mich nicht zu schmerzlich berührte. Wohin soll und muß ein Judenthum führen, daS eine 240 Seebäder genommen, wofür von den städtischen Behörden menschenfreundlich Freikarten zur Verfügung gestellt wurden. Entlassen wurden: 12 Patienten als „geheilt", 20 als „gebessert" und 1 als „voraussichtlich gebessert." Die Einnahmen der Anstalt betrugen 3916 Mark 66 Pfg. — die Ausgaben 3689 Mark 61 Pfg. — Fast die Hälfte der Einnahmen bestand aus laufenden Jahresbeiträgen, die wohlwollende Gönner und Freunde sowohl Gemeinden und Vereine als Privatpersonen, der Anstalt zuwendeten. Wir wünschen der Anstalt eine gedeihliche Entwickelung und möge es ihr an zahlreichen Gönnern und Förderern ihres Zweckes nicht fehlen. Bonn. Eine Erklärung aus dem Staats-Anzeiger für Württemberg. Bei Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend Aenderungen des Landespolizeistrafgesetzes vom 27. Dez. 1871 in der 89. Sitzung der Kammer der Abgeordneten reihte der ritterschaftliche Abgeordnete Freiherr v. Gültlingen an den Ausdruck seines Bedauerns über die nunmehrige Straflosigkeit der Zeugen, welche vor Gericht lügen, eine Bemerkung an, welche nach dem Berichte des Staatsanzeigers vom 9. d. also lautete: „Bald werde man auch den Meineid für straflos erklären, wenn noch länger das hebräische Element bestimmenden Einfluß auf unsere germanische Gesetzgebung übe." Von dem Präsidenten aus die Unzuläßigkeit dieser Aeußerung aufmerksam gemacht, erklärte er, er habe nicht einer anerkannten Religionsgesellschaft und einer Bevölkerungsklasse zu nahe treten, sondern eine Thalsache objektiv anführen wollen. Eine gesunde Logik wird in der ernsten Bemerkung des Freiherrn von Gültlingen nicht sowohl die objektive Anführung einer Thatsache als vielmehr die Aeußerung des Unmuthes über die legislatorische Thätigkeit einiger Reichstagsmitglieder jüdischen Bekenntnisses sinden. Ebenso wird ihr die nachherige Resttriktion dieser Bemerkung nur als eine Anwendung der bekannten Regel erscheinen: si tooisti nega. Das möge übrigens unerörtert bleiben. Dagegen wird der Herr Abgeordnete einem Israeliten wohl die Frage gestatten müssen, worauf seine Befürchtung, daß der Einfluß des hebräischen Elements selbst dem Meineide noch zur Straflosigkeit verhelfen werde, sich stütze. Weiß er aus statistischen Angaben oder hat er die Erfahrung gemacht, daß bei dem hebräischen Elemente der Meineid häufiger vorkomme und dasselbe deßhalb an dessen Straflosigkeit ein besonderes Interesse habe? Nach meinen Erfahrungen auf diesem Gebiete kann das unmöglich der Fall sein. Ich bin 30 Jahre lang — von 1834 bis 1864 — von verschiedenen Gerichten zu Eidesleistungen von Israeliten beigezogen worden und mit Ausnahme verschwindend weniger Fälle machten die Richter wie ich die Wahrnehmung, daß die Schwörenden von dem heiligen Ernste des Eides und der größten Scheue vor dem Meineide durchdrungen waren. Nirgends wird gehört, daß dies seit dem Jahre 1864 anders geworden sei. Es gibt sich hierin fortwährend der bestimmende Einfluß des hebräischen Elements zu erkennen, wie es seinen Ausdruck in 2. Mos. 20,7. 3. Mos. 19,12. Zach. 8,17. Male. 3,5 gefunden hat. Dieses Element kennt auch sehr wohl eine strenge Strafe für den lügenhaften Zeugen (5 Mos. 19, 16—19), dagegen weiß es nichts von Exemtionen, sondern stellt den Grundsatz Eines Gesetzes und Eines Rechtes für Alle auf. Kirchenrath Dr. Wassermann. Bonn.. Ein Mitglied eines der vielen in London existirenden Wohlthätigkeitsvereine starb mit Hinterlassung einer zahlreichen Familie, darunter fünf Knaben, solche Gestalt angenommen, das ein so fremdes Gewand trägt, daß es nicht mehr zu erkennen ist. Wohl werden es meine altersschwachen Augen nicht mehr schauen, aber ich fühle es, das Judenthum geht dem Verfalle mit Riesenschritten entgegen, denn das Heiligste ist ja vor der zerstörenden Hand nicht mehr sicher. So hätte ich denn mein so sehr belastetes Herz erleichtert, dem Ausdruck gegeben, was mein Sinnen täglich erfüllt, und selbst während der kurzen Zeit, die ich hienieden noch zu weilen habe, mit Betrübniß erfüllt hat. Möchte das jetzige Geschlecht doch zur Erkenntniß seines Jrrthumes kommen, möchte es wieder in die rechte Bahn einlenken, die unsere Väter bis jetzt gewandelt! Mit diesem innigen Wunsche schließe ich meine Worte, die einem Herzen entquollen, das eine zu innige Liebe zu den Satzungen unserer Väter hegt, daß es mir gestattete, stillschweigend von dannen zu ziehen und das eine Verehrung für das uns von unseren Vätern Ueberlieferte birgt, die es nicht zuläßt, deffen Verfall unthätig mit anzusetzen. Portiers. (Pater Mortara.) Das in Nr. 4. d. Z. aus Kalisch gemeldete Ereigniß, der Raub eines Judenkindes, um es der katholischen Kirche zuzuführen, bringt uns wiederden Namen „Mortara" in Erinnerung. die regelmäßig jeden Morgen in der Synagoge Ka^ sagten. Der Präsident des Vereins veranstaltete u den Mitgliedern zu Gunsten der Wittwe und h, zahlreichen Familie eine Sammlung, wodurch man Wittwe zunächst auf vier Jahre 2000 Fr. jährlich zu geben im Stande war. Der älteste der Knaben wurde von einem Börsenmakler als Ausläufer engagirt. Als solcher kam er jeden Tag zu einem berühmten Finanzier, um nach Ordres zu fragen, erhielt aber nie solche. Der Finanzmann verlor einen Sohn in der Blüthe seiner Jahre. Während der besuchte er regelmäßig den Gottesdienst in der Synagoge. Dort steht er d.e bezeichneten Waisenknaben und erkennt den Aeltesten derselben. Er erkundigte sich bei demselben nach den Verhältnissen seiner Familie, und von diesem Tag an erhielt der junge Mann zahlreiche Börsenaufträge. Als er im Stande war, seine Mutter und Geschwister zu ernähren, erklärte er dem Präsidenten des Vereins, nachdem er ihm den Dank seiner Familie ausgedrückt, daß^ er der bisher gewährten Unterstützung nicht mehr bedürfe, und nach nicht langer Zeit zahlte der junge Mann die bereits von seiner Familie empfangenen 1850 Fr. mit noch Hinzufügung eines Betrages aus seinem Eigenen an den Präsidenten zurück, und das vorhandene Geld wird nun auf andere wohlthätige Weise verwendet. (Univ. isr.) Altoua. Es besteht hier ein Verein zur Unterstützung hülfsbedürftiger Israeliten, der von jungen Leuten, von denen ein Theil noch im Knabenalter steht, in's Leben gerufen worden ist. Er zählt jetzt schon, trotz dem er erst 8 Jahre besteht, 250 Mitglieder! Alljährlich werden Nothleidende an den hohen Festtagen durch recht ansehnliche Geldunterstützungen erfreut. Der Verein hielt kürzlich eine Generalversammlung ab, in welcher ein Bericht vorgelegt wurde. Aus diesem ging hervor, daß der Verein in stetem Wachsen begriffen ist und eine immer segensreichere Wirksamkeit entfalten können wird. Während im vorigen Jahre 39, wurden in diesem Jahre 43 Nothleidende unterstützt. Wir sprechen den Wunsch aus, daß aller Orten eine derartige Vereinigung der Jugend vor sich gehen möchte, um Werke der Nächstenliebe zu vollführen. Würzburg. Wir nehmen gerne von der sehr erfreulichen Thatsache Notiz, daß daS Merkchen des sel. Bezirksrabbiners S. B. Bamberger jetzt in 4. Auflage erscheint. Dieses Merkchen, die Pflichten der jüd. Hausfrau ausführlich und leicht verständlich behandelnd, hat in kurzer Zeit eine große Verbreitung gefunden. Lübz. (Mecklenburg). Der hiesige jüdische Schächter und Religionslehrer wurde auf Requisition der Behörde zu Osterode in Ostpreußen verhaftet und unter Bedeckung nach dort geliefert. Derselbe wirkte in der kleinen Mecklenburgischen Stadt bereits seit einem halben Jahre, ohne jedoch bis jetzt seine Legitimationspapiere abgeliefert zu haben. Als sich nun die hiesige Behörde dieserhalb schließlich nach Osterode wandte, wo derselbe vorher in ähnlicher Stellung functionirt hatte, traf von dorther ein Schreiben ein, denselben sofort zu verhaften und dorthin zu liefern, da er sich dort eines schweren Sitten- Verbrechens schuldig gemacht haben soll. Außerdem soll er sich in seiner Heimath Russisch-Polen seiner Militärpflicht durch die Flucht entzogen haben. B.Z. Cassel. Aus dem Leben des jüngst verstorbenen Geh. Sanitätsrath Dr. Stilling (siehe Nr. 6.) wollen wir noch Folgendes erwähnen: Der Mortarafall machte im Jahre 1860 ungeheures Aufsehen. Die päpstliche Regierung hatte der jüd. Familie Mortara eiu kleines Kind geraubt und gab vor, die Amme habe es heimlich taufen lassen. Alle Proteste, die von Seiten der Eltern erhoben wurden, blieben resultatlos. Der Papst Pius IX. weigerte sich, trotzdem ganz Europa gegen diese Gewaltthat protestirte, aufs Hartnäckigste, das Kind seinen Eltern zurückzugeben. Dieses Kind hat man behalten, es erzogen und nun einen Jesuiten daraus gemacht. Pater Edgar Mortara, das ehemalige Judenkind lebt gegenwärtig in Frankreich und konnte man ihn während drr Weihnachtsfeiertage in der Kirche Saint-Porchaire predigen hören. Auch der Bischof wohnte diesem Ceremoniell bei. Es war nichtseine rhetorische Befähigung um derenthalben man den jungen Mönch mit der fremdartigen Physiognomie und dem italienischen Dialekt berufen und so viele dem Ceremoniell beiwohnten, vielmehr war es die Neugier, die die Person dieses Paters an sich schon zu erwecken im Stande war. Seine Leistungen waren nichts weniger als staunenerregend. Muß nicht jeden Rechtdenkenden noch heute ein Gefühl deS Unwillens überkommen, wie man die väterliche Gewalt, die Gewissensfreiheit überhaupt die moderne Gesellschaft verhöhnt und ihre Ansprüche verachtet?