Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 4 (23.1.1879)
- Date
- 1879-01-23
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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jtttt. Wie das Iewish Chronicle erfährthat Bismarck als Kanzler des Deutschen Reiches und ^maliger Präsident des Europäischen Congresses, welcher den Berliner Vertrag schuf, seine Absicht kundgegeben, den Vorschlag des Rumänischen Ministeriums, daß die Emancipation der Rumänischen Juden hinausgeschoben werden solle, nicht zu sanctioniren. Berlin. Der jüdische Prediger Dr. Nascher, welcher auch längere Zeit als erster Präsident des Ungar-Vereins thätig war, ist geistig erkrankt und hat einer Heilanstalt übergeben werden müssen. Es ist dies der dritte Anfall dieser Art, der die Aufnahme des Bedauernswerthen in Heilanstalten nothwendig macht. ' B. B. C. Berlin, 16. Dec. Zu unserer Notiz über den Einbruch in die Liebermannffche Synagoge geben wir noch folgende nähere Details. Wie wir schon bemerkt, sind die Diebe von der Polizei ermittelt worden. Der Verdacht derselben hatte sich aus einen Bäckergeselle gerichtet, der vor Kurzem bereits wegen Diebstahls und Hehlerei aus dem Gefängnisse entlassen worden ist. Als nun mehrere Kriminalbeamte in seine Wohnung traten um ihn zu verhaften, versuchte er sich durch einen Sprung durch das Fenster der Verhaftung zu entziehen. Ehs er jedoch fein Vorhaben ausführen konnte, wurde er ergriffen und nach dem Gefängnisse gebracht. Bei der Vernehmung sagte er aus, daß er die That mit mehreren andern Getrosten ausgeführt habe. Obschon er die Namen seiner Komplicen angab, sind sie leider bis jetzt noch nicht ermittelt worden. Die meist werthvollen silbernen Sachen, deren Erhaltung den Mitgliedern der Synagoge sehr erwünscht gewesen wären, sind von den Dieben zum Theil zusammengeschlagen und durch Hehler an eine hiesige Gold- und Silberwaarenfabrik verkauft, welche das Silber hat einschmelzen lassen. Der aus der Schmelze hervorgegangene Silberbarren ist von der Polizeibehörde in Beschlag genommen worden. N. Berlin, 15. Jan. In unserer der religiösen Praxis entwöhnten Zeit sind es fast nur noch die Speisegesetze, die sich der Achtung der jüdischen Glaubensgenossen erfreuen. Ein nach rituellen Grundsätzen eingerichtetes Restaurant unter Leitung eines braven Mannes, der zuverlässige Garantier« sür's Gesetzliche bietet, ist zumal in großen Städten ein unabweisliches dringendes Bedürfnis. Besonders ist dies in Berlin der Fall. Man denke an die beträchtliche Zahl israelitischer Passanten, die Tag für Tag die ReichLhauptstadt besuchen und der alten Lebensweise noch ergeben '/sind; man denke an Berliner Familien selbst, die oft nicht in der Lage sind, zu Hause zu speisen und die Restauration aufsuchen wollen, um sich zu laben! Wie peinlich für den gesetztreuen Juden, wenn er kein zuverlässiges Restaurant findet, wo er dem leiblichen Bedürfnisse genügen kann! Schreiber dieses wird zu dieser Betrachtung durch die Nachricht veranlaßt, daß der bekannte Herr Elkan seine viel besuchte, den modernsten Ansprüchen genügende Traiterie in der Burgstraße 13. zum bevorstehenden Quartal ausgiebt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ein Fachmann als Nachfolger des Herrn Elkan in den eleganten Räumen ein sehr einträgliches Geschäft machen kann, vorausgesetzt freilich, daß er auf rvnt£0 hält und es wie sein Vorgänger versteht, seine Gäste nach allen Seiten hin zufriedenzustellen. Wir machen unternehmungslustige Männer, die sich die nöthige Fähigkeit Zutrauen, auf die vacant werdenden Lokalitäten aufmerksam, damit sie die günstige Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Berlin. Den deutschen Aerzten, welche während des russisch-türkischen Krieges in rumänischen Lazarethen thätig gewesen sind, hat der Fürst Karl von Rumänien eine Anerkennung zu Theil werden lassen, und zwar in Form eines am roth und schwarzem Bande zu tragenden eisernen Kreuzes. Den mit diesem „Donaukreuz" Bedachten ist einstweilen jedoch nur die kaiserliche Genehmigung zur Annahme, nicht aber die zum Tragen desselben ertheilt worden. Begründet ist dieser Bescheid damit, daß die staatliche Selbstständigkeit Rumäniens Seitens des deutschen Reiches nicht eher anerkannt werden könne, bis dasselbe auch die im Interesse der Juden aufgenommene Bestimmung des Berliner Vertrages erfüllt habe. Breslau, 25. Dec. (Verein der israelitischen Lehrer in den Provinzen Schlesien und Posen.) Im kleinen Saale der „Gesellschaft der Freunde" vrrsammelten sich heute um 11 Uhr etwa vierzig israelitische Lehrer aus den Provinzen Schlesien und Posen, um über die Begründung eines israelitischen Lehrer-Vereins für die beiden Nachbar-Provinzen zu berathen. Es ist das Verdienst des Gymnasial-Lehrers Dr. Badt-Breslau und des Predigers Dr. Cohn-Oels, zuerst auf die Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeit einer solchen Organisation hingewiesen zu haben. Im November d. I. forderten sie mittelst Circulars zu der heutigen Versammlung auf und stellten als Zweck des zu gründenden Vereins „die Förderung der geistigen und materiellen Interessen des israelitischen Lehrerstandes" hin. Dr. Badt begrüßte die Erschienenen und theilte mit, daß der deutsch-israelitische Gemeinde- Bund in Leipzig diesem neuen Bestreben sein volles Interesse entgegenbringe und zum Ausdruck desielben das hiesige Mitglied seines Ausschusses, Dr. Honigmann, beauftragt habe. Der letztere gab in kurzen Zügen ein Bild der vielseitigen Thätigkeil des Gemeinde-Bundes. Er betonte, daß derselbe es sich zur Aufgabe gemacht habe, das Gemeindelebeu nach allen Seiten hin gleichmäßig zu pflegen, daß er sich jedoch principiell von jeder confessionellen Parteinahme strengstens feruhalte. Er habe seit einer Reihe von Jahren seine Aufmerksamkeit auch den bereits bestehenden Lehrer-Pensions-, resp. Wittwen- und Waisen-Kassen zugewendet und alle in gleicher Weise urch Maßgabe des Bedürfnisses und der vorhandenen Mittel unterstützt. Er begrüße mit Freuden auch dieses neue Unternehmen, und Redner meinte die begründete Hoff« nung aussprechen zu dürfen, daß der Bund auch diesem Vereine event. seine Hülse nicht versagen werde. Nachdem Rabbiner Dc. Joel die Wahl zum Vorsitzenden der Versammlung abgelehnt hatte, wurd.r Dr. Samuelsohn zum Vorsitzenden, Dr. Badt und Dr. Cohn-Oels zu Beisitzern und Dr. Braun zum Schriftführer gewählt. Nach längerer Debatte wurde auf den Vorschlag des Dr. Honigmann beschlossen, in der heutigen Versammlung nur die grundlegenden Prineipten für den gründenden Verein nach dem von Dr. Badt vorgelegten Statuten-Entwurf zu discutiren, die Ausarbeitung des Statuts für die mit dem Verein zu verbindende Wittwen- und Waisen-Unierstützungs Kasse,! welche die größte Vorsicht erfordere, dem zu wähleui den Vorstände zu überlassen. Nachdem sich daraus i der Verein der israelitischen Lehrer in den Provinzen i Schlesien und Posen couftituirt hatte und sämmürM : Anwesende ihm beigetreten waren, wurden die Grund i zöge des Statuts unter mehrfacher Modisication des ' vyrgelegten Entwurfs wie folgt festgesetzt: Der Zweck i des Vereins ist: 1) die gegenseitige Förderung auf! fachwissensch.-.ftlichem Gebiete, 2) Wahrnehmung der j Jnteressett der israelitischen Schule und des israelitischen f Lehrerstandes, insbesondere durch Gründung einer i Unterstützungs-Kasse für israelitische Lehrer, deren! Wittwen und Waisen. Mitglied kann jeder Lehrer \ und jede Lehrerin jüdischen Glaubens werden, welche an einer von einer öffentlichen Schulbehör> einer Synagogen-Gemeinde beanfsichtigtet Schlesiens oder Posens thätig sind. Der trag beträgt 3 Mark, in vierteljährlichen Raterü merando zahlbar. In der alljährlich stattfindenden General-Versammlung erfolgt die Rechnungslegung des Kaffirers, gelangen Mittheilungen und Vorträge über die im ß 1 (Zweck des Vereins) sub 1 und 2 bczeichneten Gegenstände zur Erörterung und wird die Wahl des Vorstandes für das folgende Jahr vorgenommen. Demnächst wird aus Antrag des Rabbiners Dr. Joöl beschlossen: Die weiteren Bestimmungen des Statuts werden von dem heute zu wählenden Vorstande unter Mitwirkung des Delegirten des deutschisraelitischen Gemeinde-Bundes, Dr. Honigmann, festgestellt und der nächsten General-Versammlung zur endgültigen Beschlußfassung vorgelegt. Bis dahin tritt der verlesene Entwurf provisorisch in Kraft. Auf Grund dieses Entwurfes, dessen wesentliche Bestimmungen bereits wiedergegeben sind, besteht der Vorstand aus sieben Mitgliedern, von denen drei ihren Wohnsitz am Vororte (diesmal Breslau) haben müssen. Es wurden gewählt: Dr. Samuelsohn, Dr. Badt, Dr. Brann-Breslsu, Rabbiner Waffertrilling-Bojanowo, Prediger Blumenfeld-Schweidnitz, Prediger Dr. Cohn-Oels und Lehrer Herbst-Liffa (Posen). Dr. Cohn-Oels theilt mit, daß außer den Erschienenen noch etwa fünfzig College» ihren Beitritt sicher zugesagt hätten. Demnach zählt der Verein augenblicklich etwa 90 Mitglieder. Weitere Beitrittserklärungen sind an den Schriftführer des Vereins, Dr. Brann (Neue Oderftraße 8o.), zu richten. Nachdem der Vorsitzende dem deutsch-israelitischen Gemeinde-Bunde für das warme Interesse, welches er dem neuen Unternehmen entgegengebracht, und Dr. Honigmann persönlich für die thätige Miihülse bei der Berathung des Statuts gedankt hatte, erhebt sich die Versammlung zu Ehren der Einberuser. Schluß der Sitzung 3 Uhr. Brombo. Zta. Posen, 10. Januar. Großes Aufsehen erregt gegenwärtig in der polnischen Grenzstadt Kalisch ein Fall, wie er in unseren Tagen fast für unmöglich gehalten werden sollte. Die achtjährige Tochter eines dortigen israelitischen Einwohners, Rosalia Honisen, hatte sich öfters im Hause eines gewissen Beamten, Namens Szajkowski, aufgehalteu, wo sie durch den Verkehr mit den Hauskindern katholische Gebete lernte und an Kreuzen, Medaillons und Rosenkränzen Gefallen fand. Wahrscheinlich wurde sie auch gefragt, ob sie der katholischen Kirche angehören wollte, worauf das Kind in seiner Naivität eine bejahende Antwort gab. Dies veranlaßt^ einige katholische Eiferer zu dem Entschluß, die betreffende Rosalia Honisen aus dem elterlichen Hause zu entführen, sie über die Grenze zu schaffen und in irgend einer östreichischen geistlichen Anstalt taufen und erziehen zu lassen. Mit der Ausführung des Vorhabens wurde eine durch „Frömmigkeit" hervorragende Frau aus Kalisch betraut und zu diesem Zwecke mir Geld und Kleidungsstücken für das Mädchen versehen. Am Sonnabend vor Neujahr langte nun jene Frau mit dem entführten Mädchen in der preußischen Grenzstadt Ostrowo an, wo sie sich zmn Morgeugottrsdienst in die dortige katholische Kirche vegab. Durch das auffällige Benehmen der F'.-an. welche vor dem Mnttergottesöilde von Czenstochau laut zu beten und dem jüdischen Mädchen die .Geheimnisse der Geburt Christi zu erklären begann, wurde der gerade im Beichtstuhl befindliche Vikar Prinz Edmund Radziwill aufmerksam gemacht. Von dem fürstlichen Vikar über die Herkunft des Kindes befragt, gab Me Frau über Alles Auskunft und erklärte, daß sie das Mädchen gegen den Willen seiner Schon war die Nachricht von seinem Sieg zu ihr I gedrungen und hatte sie mir der frohen Hoffnung j baldigen Wiedersehens erfüllt. Aber der Winter verz ging, und Kasimir kam immer noch nicht zurück.! Stundenlang blickte sie jeden Tag nach dem Schloß, bald hoffend, bald fürchtend. An einem heiteren Frühlingstage gewahrte sie auf dem Thurm des Schlosses die wehende Fahne, welche die erfolgte Rückkehr des König verkündete. Der erste wonnige Eindruck dieses Anblicks war noch nicht vorüber, als sie einen Reiter nach ihrer Hütte heransprengen sah. Ihr Herz schlug lebhafter, denn es! sagte ihr, noch ehe ihre Augen ihn erkennen konnten, j daß Kasimir es sei, der Herr von Polen und Roth-! reußen. Sie eilte ihm entgegen vor der Thür und j kniete vor ihm nieder. Kasimir sprang vom Pferd,! hob sie auf und drückte sie an sein Herz. Sie sank! in seine Arme und beide hielten sich sprachlos um- 1 schlungm, wonnetrunken sich einander in die Augen sehend und die ganze Welt außer sich vergessend. Seit dem ersten halb ausgesprochenen Geständr iß der Liebe hatten sie sich nicht wieder gesehen. Aber obwohl durch den Raum getrennt, waren sie in Gedanken beisammen gewesen, Besorgniß und Freude theilend. Jetzt warfen sie jeden Zwang bei Seite und dachten nur j das Glück, beisammen zu sein. Der große Abstand! zwischen beiden war verschwunden. Hier waren nicht! König und Unterlhamn, sondern zwei Liebende, welche < ihren lange zurückgehaltenen Gefühlen freien Laus - ließen. Esterka raffte sich indeß bald aus diesem süßen! Traume auf. Sie bedachte, was sie dem König und j sich selber schuldig sei. Sie entwand sich sanft seinen Armen erröthete und schlug die Augen niever. In dieser j Bescheidenheit fand der König sie noch reizender. Er; wollte sie in ihre Hütte führen, aber Esterka vertrat j ihm den Weg zur Thür. Kasimir glaubte, es sei ein! lästiger Zeuge in der Hütte, und wußte es dem Mäd-; chen Dank, daß sie dafür sorgte, mit ihm allein zu : bleiben. Rings um die Hütte herrschte Einsamkeit! und Stille unter den knospenden Bäumen. Allein der 1 König täuschte sich über den Beweggrund seiner Ge- : liebten. In der Hütte war Niemand, aber es wäre j eine Demüthigung für sie gewesen, den König die , Aermlichkeir des Inneren dieser aus zwei Zimmern - mit zerbrochenen Fenstern bestehenden Wohnung sehen! zu losten, deren Geräth aus zerbrochenen Stühlen,! schadhaften Gefäßen und dem Sabbathleuchter bestand. Den Palast und die Schätze Salomo's hätte sie bei sitzen mögen, um vor dem König zugleich im Glanze! der Schönheit und des Reichthums zu erscheinen. Aber da sie ihn durch letzteren nicht blenden konnte, so wollte sie ihm wenigstens den widrigen Anblick ihrer Armuth ersparen. Konnte sie nicht vor ihm auftreten/als Königin von Saba, welche Schätze vor einem großen König ausbreitete, so wollte sie lirber wie eine Blume des Feldes vor chm stehen, umgeben von der Pracht der Natur und von dieser neue Reize borgend. Hätte Ben Josef sie in diesem Augenblicke gesehen, so würde er geseufzt haben: sie schämt sich der väterlichen Wohnung! sie erröthet über die ehrenvolle Armuth Ben Himmels! Es war einer der schönen Frühlingstage, welche nach einem langen polnischen Winter doppelt reizend sind. Die ersten Strahlen der Maisonne hatten kaum die Erde erwärmt, und schon prangten die Bäume im Schmuck zarter Blätter, und die Blüthenknospen begannen aufzuspringen. Aus den Wiesen stand das Gras frisch und dicht, untermischt mit vielfarbigen Blumen. Die Lust war erfüllt mir süßen Duften. Die lachende Landschaft ringsum war belebt durch das Gezwitscher der Vögel, die in Schaaren aus dem Süden zurückkamen und sich in dec heimathlichen Sonne wärmten. Die kleinen Sänger schienen sich ihre Reiseeindrücke zu erzählen. An dem User der Weichsel sah man Eisschollen liegen, welche, an den kaum vergangenen Winter erinnernd, die Annehmlichkeit des warmen Frühlings doppelt fühlbar machten. Fortsetzung folgt.