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Der israelitische Bote · 1876-08-10 · 32 (10.8.1876) · p. [Seite 2]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
2 (1876)
Issue
32 (10.8.1876)
Date
1876-08-10
Page
[Seite 2] (sequence 2)
Language
German
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gekörten Reisegefährten und riefen wiederum begeisterungsvoll und einstimmig aus: Du hast uns getröstet, Akiba! So erkennen wir an der Hand der oben angeführten talmudischen Erzählungen, daß der zweimalige Ausruf: des Propheten neben seiner rhetorischen Schönheit noch eine zwiefache Beziehung enthält, deren eine auf die materielle Lage, deren andere aber auf den geistigen Stand der Dinge in der Zukunft Israels sich erstreckt. Was aber uns Israeliten in der Gegenwart anbetrifft, so sehen wir den ersteren Trostspruch des Propheten und Rabbi Akibas fürwahr bereits zur Wahrheit geworden, denn die tausendfachen Leiden und Gefahren früherer schwerer Zeiten sind von uns gewichen! Nicht mehr werden wir von Land zu Land gehetzt und gejagt, wir brauchen keinen Leibzoll mehr zu entrichten und kein Abzeichen wehr zu tragen. Wir werden in unserer Menschenwürde anerkannt und es werden unsere heiligen Menschenrechte uns zugestanden und dankerfüllt können wir mit den Psalmisten ausrufen: DN 'ww "i "pan naa 'mns" „Wenn ich glaubte: es wanket mein Fuß — deine Huld aber Ewiger stützte mich." Tragen wir eifrige Sorge darum, daß auch der zweite Trostspruch sich an uns erfülle, daß auch wir uns eine Bahn bereiten zu unserem Gotte und einen Pfad uns ebnen zu dessen Lehre, auf daß sich bewahre an uns das Wort: und es wird sich offenbaren, die Herrlichkeit Gottes an Israel, Amen! Dr. H. Tietz. Dir Mich!«, -es JsraeUirii als JJikflcr Cotirs. „Ich wünsche, daß das ganze Volk des Ewigen lauter Propheten würden, daß der Herr seinen Geist auf sie legte. (5. B. M- 11. 29.) III. Theil. Wünschen auch wir, daß das ganze Volk des Ewigen lauter Propheten werden mögen, und daß der Ewige seinen Geist aif uns lege, so ist endlich das Dritte, was wir zu thun haben: Freiheit auszurufen den Gefangenen und den Gefesselten Erlösung! Druck und Knechtschaft von außen her, die eisernen Fesseln der Lebensverhältnisse, der furchtbare Drang der äußern Umstände verhindern das Aufkeimen der Religion und machen das Gedeihen der Gottesfurcht und der Tugend in den Herzen der einzelnen Menschen wie eines Volkes unmöglich. Das Himmlische ist mit dem Irdischen, das Geistige mit dem Leiblichen, die Seele mit dem Körper eng verbunden, so daß eins an des andern Wohlsein und Leiden den innigsten Antheil nehmen muß. Wie und wann soll der Geist in ihm sich erheben, wenn der Körper unter stetem Drucke, unter schwerer Arbeit jeden Augenblick zu erliegen droht? Wie soll er seine Menschenwürde erkennen und schätzen lernen, wenn er dem Viehe gleich und oft noch schonungsloser als dieses von einem Joch ins andere hartherzig gerissen wird, wie kann er Besseres fühlen, Höheres empfinden, Tugend üben, wenn die Religion es ist, die ihn an der Erlangung der vollständigen Gleichberechtigung mit den Bekennern anderer Religionen hindert? O bedauernswerther Zustand, der auch dein Loos, o Israel, gewesen, der du nicht nur in Egypten, sondern noch meinen Landen soll alles nach Recht und Gesetz gehen, die (§ache soll vor die Gerichte kommen, und was die urtheilen verden, das wird geschehen. Es werden ihm sofort alle Schritten abgefordert wecden, eine Commission, vor der er sich zu verantworten hat erwartet ihn in seiner Kanzlei — gch er." „Und nun Eichthal!" wandte sich der Fürst gütig an mich „er hat heute, wie ich ihn kenne, seinem Volke ein chweres schmerzliches Opfer gebracht, geh' er jetzt, damit er das Schlußzebet nicht versäume, mein Wagen fährt ihn rasch zur Synagoge zurück, ... ich bleib' ihm huldreichst gewogen — geh er mit Gott! Eichthal hielt erschöpft inne, die Aufregung des heutigen Tages war eine furchtbare, sein ganzes Wesen erschütternde gewesen. Der Parneß erhob sich nun. „Wie sollen wir Ihnen danken?" rief er im überströmmendcn Gefühle. „Wir, ihm danken?" sprach der greise Raf unter Thränen lächelnd, „er muß uns ewig dankbar sein, denn durch uns ward ihm Gelegenheit geboten eine auszuüben, so groß, so erhaben, so segenbringend — wie dies selten einem Menschen zu Theil werde! -- also nochmals — Gottes reichster Segen über dein Haupt!" Und Gott schüttete das Füllhorn seines Segens über Eichthal, er lebte ein langes, zufriedenes, Ruhiges Leben, und sah glückliche Kinder und Enkel. viel später unter dem Drucke des Glaubenshasses schmachten mußtest, der jede Thätigkeit des Geistes gehemmt, jedes edle Gefühl erstickt und das Licht der Gotteserkenntniß verdunkelt hatte! In die finstere Nacht des Elends gestoßen, in eiserne Fesseln geschmiedet, in;enen Zeiten der Erniederung, da man selbst der nothdürftigen Mittel des Erwerbs sie beraubte und dennoch zu ihnen sprach: „Schaffet die bestimmte Arbeit eines jeden Tagewerks", als man ihnen jeden Weg der geistigen Ausbildung versperrte, daß sie nicht dahin und nicht dorthin konnten und dennoch sie der Trägheit, des steten Stillstehens beschuldigte, als man jeder Menschenwürde sie beraubte, jedes Menschenrecht ihnen verweigerte und dennoch niedrige Denkungsart, unredliches Verfahren ihnen zum Vorwurf machte: da konnte freilich Israel der Stimme des göttlichen Wortes, dem Bestreben nach höher» Kenntnissen der Weisheit und Tugend kein Ohr geben, wegen Kürze des Odems und wegen schwerer Arbeit. — Nur in der Freiheit wird der Mensch zum Menschen und der Zurechnung fähig! Es müssen daher zuerst die innern Fesseln gebrochen werden, der innern Gefangenschaft muß zuerst der Freiheitsmorgen anbrechen. Die Fesseln des Wahns, des Vorurtheils und des unheiligen Glaubenshasses müssen wir selbst schwinden machen. Wir müssen hinwegschaffen den innern Keim, aus dem die Dornen entsprießen, die wilden Gewächse, welche die schöne Kraft des Bodens nutzlos verzehren und das Gedeihen edler Erzeugnisse Hintertreiben; wir müssen schädliche und irrige Meinungen zu 'bekämpfen suchen, gegen verderbliche und früh eingesogene Vorurtheile den geistigen Kampf kühn aufnehmen mit den Waffen der Vernunft und der Religion, auf daß das Reich des Glaubens und der Wahrheit siege. Und wahrlich, sobald wir selbst anfangen, unserm Prophetenleben zu entsprechen, sobald wir unsere gesammte Jugend durch einen geläuterten und zeitgemäßen Religionsunterricht den Glauben in seiner stärksten Stärke klar und lebendig erfassen lassen und somit Freiheit ausrufen den in Finsterniß Gefangenen und den in Wahn, und Aberglaube Gefesselten Erlösung! sobald wir das heilige Wort der Gotteslehre in seiner Reinheit und Erhabenheit im Hause Gottes öffentlich vortragen, auf daß ein Jeder unserer Mitmenschen es höre und sich überzeuge, wie die Wahrheiten unserer Religion mit Bürgerpflichten und Bürgertugenden und Bürgerleben in der innigster Eintracht stehen, dann müssen unsere Feinde verstummen, unsere Freunde lauter für uns das Wort ergreifen, die Fürsten von ihren erhabenen Thronen müssen dann auf... uns HrmWickm vmd eN'chm, daß sie an der Menschheit heiligem Geiste sich versündigen, wenn sie zögerten, echte Mensche n als echte Bürger anzuerkennen! Koblenz. Fried berg. Wördigk Inriikwcisiing einer alten, grundlosen AnUoge. (Schluß.) i (Siehe Nr. 26, Beilage.) Die ganze Gerichtsverhandlung vor Pilatus erscheint überhaupt sehr verdächtig. Pilatus, der Vertreter des Kaisers, erscheint als eine Strohpuppe, wie sie Nom niemals als Consuln in die eroberten Provinzen geschickt, und als welche Pilatus auch bei andern Vorgängen sich nicht erwiesen hat. Eine solche Puppe eignet sich nicht zum Nachtwächter, viel weniger zu einem Landpfleger. Man muß also annehmen, daß der Bericht, der sich in den Evangelien findet, die ja erst nach Jahrzehnten geschrieben sind*), von einem Manne herrührt, der die Juden wegen der Verurtheilung verantwortlich machen will. Nach der Darstellung in den Evangelien, die übrigens unter einander in Widerspruch stehen, will Pilatus I. freisprechen, weil er keine Schuld an ihm findet; aber die anklagenden Juden bestehen auf der Verurtheilung. Um den Haß noch stärker hervortreten zu lassen, muß selbst die Frau des Pilatus, während er auf dem Richterstuhle sitzt, zu ihm senden und ihm mittheilen lassen, daß sie von dem Angeklagten geträumt habe und ihn für unschuldig halte und ihren Gemahl bitte, darauf Rücksicht zu nehmen. Nun stelle man sich einen Richter vor, dem, während er amtlich thätig ist, dessen Frau ihre Träume in der Absicht mittheilen läßt, um damit auf das Urtheil einzuwirken. Da steht nun der oberste Richter des Landes, der Stellvertreter des Kaisers, zwischen seiner Frau die ihm sagen läßt: „Verurtheile nicht, der Mann ist unschuldig," und den anklagenden Juden, welche ein Todesurtheil verlangen, um den Angeklagten los zu werden. Was *) Die ersten drei vor dem Jahre 70 nach Chr., das vierte gar erst in der ersten Hälfte des 2. Jahrh. n. Chr. macht die Puppe? Sie verurtheilt und wäscht sich dann die Hände, als wenn sich ein ungerechtes Urtheil durch Händewaschen in ein gerechtes verwandeln ließe. Die Darstellung des ganzen Vorganges ist augenscheinlich der Ausdruck des Hasses gegen die anktagenden Juden, zu deren gesetzlichem Berufe die Ueberweisung des Angeklagten an die römische Behörde gehörte. Dieser Haß hat sich im Volksmunde immer schärfer ausgebildet, bis zu der Zeit, da die Evangelien geschrieben wurden. Leider sind wir bloß auf die Nachrichten in den neutestamentlichen Schriften angewiesen, denn andere gleichzeitige Schriftsteller haben über den Vorgang nicht berichtet. Er muß also zu seiner Zeit still vorübergegangen sein. Nur von einem einzigen jüdischen Schriftsteller ist er erwähnt, bei Josephus, wo es heißt, daß I. von Pilatus „auf die Anzeige der bei uns einflußreichsten Männer mit dem Kreuzestod bestraft worden sei". Dann noch bei einem römischen, bei Tacitus, welcher sich also ausdrückt: „Der Urheber des Namens „Christen" war Ehr., der unter der Regierung des Tiberius durch den Procurator Pontius Pilatus hingerichtet wurde." . Es ist damit gezeigt, daß die damals lebenden Juden als Volk mit der Kreuzigung I. gar nichts zu thun gehabt haben; von den später lebenden aber sagt es der gesunde Menschenverstand. Aber auch die zeitgenössischen Juden, die wenigen ausgenommen, welche in Jerusalem nach den damaligen Gesetzen gegen ihn einschritten, sind völlig unschuldig an dem Tode I. Das jüdische Volk selbst war überhaupt nicht zur Verfolgung anders Glaubender geneigt. Die Ailschauungen der Pharisäer, Sadducäer und Essäer gingen weit auseinander. Auch das Auftreten I. selbst beweist, daß man dem jüdischen Volke keinen Fanatismus zur Last legen kann. Er ist drei Jahre unangefochten im Lande umhergezogen. Wir möchten wissen, ob er das. was ihm damals im jüdischen Lande gestattet war, in unseren Tagen in jedem beliebigen christlichen ausführen dürfte? Wenn er auf irgend einem Berge eine Rede halten und mehrere Tausend Zuhörer um sich versammeln wollte, müßte er nicht jetzt davon erst der zuständigen Polizeibehörde 48 Stunden vorher Anzeige machen? Und würde er daun Genehmigung erhalten? In welchem Lande würde er jetzt drei Jahre unbehelligt umherziehen und in der Weise wirken können, wie er es damals im jüdischen Laude gekonnt hat? Wollen unsere Leser einmal die Rede lesen, die er nach Matthäus 23 damals gehalten hat und sich vorstellen, er spräche jetzt zu unfein „Schrift-gelehrten", den Hohen- und andern Priestern, als da sind die Cardinäle (vom heiligen Vater zu schweigen), die Erzbischöfe und Bischöfe, die Aebte wld Kanoniker, oder die General- und anderen Superintendenten, die Consistoriat- und Kirchenräthe — in solcher Weise und dazu noch in einer Volksversammlung, wie lange würde ihn wohl der Aussicht führende Beamte reden lassen? Ich hoffe, es geht aus dieser kurzen Fastenbetrachtung, die auf ausführlichere Begründungen, des karg zugemessenen Raumes wegen, verzichten muß, zur Genüge hervor, daß die „Juden I. mcht gekreuzigt" haben, sondern der römische Landpsleger in Folge des Strafantrages der Stadtbehörde zu Jerusalem. Ob und welche Schuld diese dabei t'ifft, ist in Bezug auf unfern Satz gleichgiltig. Das jüdische Volk als solches ist so wenig dafür verantwortlich, als das baierische für die Thaten seines Ministers Abel, oder das preußische für die Manteuffeleien in der Reaetionszeit der fünfziger Jahre. Wenn Hunderte von freisinnigen Männern wegen Anschauungen, die in unfern Tagen zu ehrenvollen gerechnet werden, wenn der edle Wirth in Kaiserslautern, wenn Eisenmann in der Münchener Frohnveste, wenn Kinkel in Naugard und Stargard die Zuchthausjacke getragen und Wolle gesponnen haben, hat dies das baierische und preußische Volk verschuldet und noch dazu so, daß man ihre Urenkel im zehnten Gliede deshalb anklagen darf? Nur blinder Fanatismus hat eine so blödsinnige und gehässige, mit der unparteiischen Geschichte in Widerspruch stehende Anklage erheben tön en. Und daß sie Jahrhunderte unserer Zeitrechnung hindurch aufrecht erhalten worden ist, macht dem christlichen Verstände — die Liebe wollen wir nicht in Rechnung bringen — wenig Ehre. Danken wir Gott, daß eine vernünftige humane Bildung es jetzt soweit gebracht hat, daß Christen und Juden als Mitglieder einer menschlichen Gesellschaft gleichberechtigt neben einander leben, wobei es sich wenig ziemt, dieses Zusammenleben durch gehässige Vorwürfe zu verbittern. Käme es aber auf Erhebung von Vorwürfen und Beschuldigungen an, so könnten die Juden der Verleumdung gegenüber, „unsern Herrn I. gekreuzigt" zu haben, ganze Gebirge von Anklagen gegen die Christen aufführen: denn - r

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