Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 2 (1876)
- Issue
- 32 (10.8.1876)
- Date
- 1876-08-10
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hunderttausende von ihnen sind in Spanien, in Deutschland und Italien dem Wahne von Christen geopfert oder, da Verbrennen nicht mehr opportun, bis in die neuesten Zeiten herab, einzeln wie Mortara, unter dem milden Pontificate des ehemaligen Freimaurers Pius IX., der bekanntlich lieber segnet als stacht, ihren jüdischen Ellern „ad majorem Dei gloriam“ geradezu geraubt worden, um für die „allein selig machende" Kirche erzogen zu werden. Ja, muß denn ein Christ, der einen Blick in die Geschichte dieser entsetzlichen Judenverfolgungen gethan hat, nicht erröthen bei dem Gedanken, was alles im Namen des „Christenthums" gesündigt worden ist? Aber wir trauen unsern jüdischen Mitbürgern in Stadt und Land so viel gesundes Urtheil zu, daß sie die jetzigen Christen nicht für das verantwortlich machen, was in frühern Jahrhunderten das christliche Volk, fanatisirt durch dessen Pfaffen, und was solche heute nochmals thäten, wenn nicht, uns zum Heil und ihnen zum Verdruß, der „Kanzelparagraph" und die „Maigesetze" hindernd im Wege ständen. Vergl. den Syllabus und die Encyclica! Wir schließen aber auch diese Fastenbetrachtung mit der Mahnung, die Vernunft und das von der „Rheinpfalz" so sehr bemängelte maurerische Princip, die Humanität, zur Grundlage unserer und unserer Kinder Bildung zu machen. Miimssimchrichiell uud CorresM-niM. Deutschland. Köln, 1. August. Aus Galizien wird uns eine Geschichte berichtet, die einen österreichischen Popen wohl zu einer neuen Variation des berühmten Lockenraubes begeistern Hunte. Ein westgalizischer Jude war über die Weichsel nach Rußland gezogen, um dort, wie schon oft, seinen kleinen Handel zu treiben. Nun existirt ein russischer Ukas, welcher den polnischen Juden die bei diesen übliche Lockentracht strengstens verbietet. Der galizische Jude ist vor diesem Ukas, trotzdem er österreichischer Uuterthan ist, keineswegs behütet. Doch blieb unser Jude, als er auf russischem Gebiete einem Gendarmen begegnete, ziemlich gleichmütig. Hatte er ja schon oft die anmuthig von den Schläfen herunter baumelnden Seitenlocken durch ein kleines Lösegeld geschützt, und so hoffte er, das Herz des russischen Gendarmen auch diesmal zu rühren. Allein, war die Forderung zu hoch, die Arm' und Aug' des Gesetzes diesmal erhoben, oder spielte sonst ein tückisches Schicksal mit, der Gendarm ließ sich nicht erweichen, zog eine Scheere, die er für solche Fälle immer bereit hält, aus der Tasche und stutzte dem österreichischen Juden Bart und Locken so kurz, daß der Geschorene jetzt einem freien russischen Unterthan ziemlich ähnlich sah. Seufzend schritt der Jude weiter. Wie sollte er in seiner Heimatsgemeinde ohne den herrlichen Lockenschmuck sich zeigen dürfen, wie sollte er den Zorn des Weibes und den noch heiligern Zorn des competenten Ortsrabbi ertragen können? Da durchzuckte ein rettender Gedanke sein gequältes Gehirn: der zierliche Spitzbart war nicht mehr zu retten, aber er kaufte sich künstliche Locken und befestigte sie so geschickt unter der kleinen Sammtkappe, daß nur das sehr geübte Auge eines „denkenden Künstlers" die Täuschung hätte entdecken können. Während der Jude fröhlich wieder nach Oesterreich zieht, begegnet er plötzlich dem furchtbaren Gendarmen mit der lockenmordenden Scheere. Der Mann des Gesetzes ist verblüfft über die formidable Raschheit, mit welcher dem polnischen Juden die Locken nachgewachsen sind; allein er erklärt sich das Phänomen mit der bekannten Fruchtbarkeit dieser Race und macht sich sofort daran, die neuen Schößlinge kurzweg abzuschneiden. Der Jude aber stellte sich diesmal auf die Hinterbeine, wies den fictiven Charakter seines Haarschmuckes nach und behauptete, der Ukas könne sich nur auf wirkliches, nicht aber auch auf redlich gekauftes Haar beziehen. Der Gendarm war der gegentheiligen Ansicht und unterstützte seine juristische Ueberzeugung durch bedrohliche Bewegungen mit der ominösen Scheere. Da hatte der Jude ein Einsehen, griff in die Tasche und gab dann dem Gendarmen einen herzlichen Händedruck, worauf der Gendarm seinerseits die Hand in die Tasche steckte und dabei so süß lächelte, wie es nur ein russischer Gesetzeswächter vermag. Der Jude wurde in Gnaden unter der Bedingung entlassen, daß er auf russischem Gebiete die falschen Locken in die Tasche steckte und dieselben erst auf heimathlichem Boden wieder an's Tageslicht fördere, was auch pünktlich befolgt wurde. Gegenwärtig schweben übrigens diplomatische Verhandlungen zwischen Wien und Warschau, um den österreichischen Juden die freie Wahl ihrer Tracht auch auf russischem Boden zu ermöglichen. Köln, 6. August. Schon leider zu häufig ist durch Unvorsichtigkeit mit Petroleum Lichtern Unglück entstanden, und leider haben wir heute wiederum einen höchst traurigen Unglücksfall hierüber zu berichten. In Siegburg fiel eine Frau, Mutter von drei Kindern, am Eingänge der Küche mit einer derartigen Lampe, welche zerbrach und sofort explodirte; sie wurde von den Flammm ergriffen und erhielt so schreckliche Brandwunden, daß sie am folgenden Tage unter furchtbaren Leiden starb. Dem Begräbniß schloß sich die ganze Stadt, sowie die ganze Umgegend ohne Unterschied der Confession an. Die Verstorbene war ein im vollsten Sinne des Wortes, war allgemein beliebt und als tüchtige Geschäftsfrau bekannt. Auch hier sah man heute einen Trauerzug, der Jedem den Gedanken bringen mußte, daß die Verstorbene, Frau Jacob Levy, sehr geachtet war. Noch vor wenigen Wochen sahen wir die Frau in voller Blüthe und Lebenskraft ihrem Beruf und Geschäft emsig vorstehen. Der Richter über Leben und Tod möge den Hinterbliebenen Linderung ob des herben Verlustes zu Theil werden lasten! "E"Y'rP"31 1 Sülj, Kreis Gebweiler. (Priv.-Mith.) Am hiesigen Real-Gymnasium ertheilt nunmehr Herr Rabbiner S. Levy den Religions-Unterricht, und zwar auf Anordnung des Herrn Ober-Präsidenten. Aus Mestjchaleu. Wenn ich Ihnen, hochgeschätzter Herr Nedacteur, längere Zeit nicht geschrieben, so hat das seinen Grund darin, daß ich einige Zeit bei meinem Verwandten im Fürstenthum Lippe-Detmold verweilt, Ihrer und des lieben Boten aber nicht vergessen habe. Von hier aus wäre so manches über die jüdisch-religiösen Zustände mitzutheilen, was für die geehrten Leser Ihres Blattes Interesse hätte, und doch habe ich zu meiner größten Verwunderung in demselben noch keine Correspodenz aus angeführtem Ländchen zu Gesichte bekommen. Darum und in Erwägung des '*21 ’pNty D'pftD. erlaube ich mir, für heute das Neueste mirzutheilen. In Folge der wegen vorgerückten Alters erfolgten Pensionirung des bisherigen Lehrers und Rabbinatsverwesers boi'l'TinD, der von Detmold zu seinem Schwiegersöhne, dem Lehrer der jüdischen Gemeinde zu Duisburg, übergesiedelt ist, hat die fürstliche Regierung vor Kurzem aus eigener Initiative, eine Versammlung der jüdischen Deputirten der Gemeinden des Landes in der Hauptstadt Detmold abhalten lassen, um über die Wahl eines. Rabbiners,.. resp. RabbinatsverweCrs! zu berathen. Nach eingehender Debatte und nach langem Hin- und Herreden — die Einen wollten blos einen Lehrer des Landes dazu ernannt wissen, die jüdischen Neligionsschulen zu inspiciren, resp. die zu prüfen, die Andern, und diese waren nur sehr wenige, wünschten einen Doktor mit pj*mn mnn zum Rabbiner, und wieder Andere stimmten aus financiellen Gründen — für gar keinen Rabbiner. Daß die Versammlung resultatlos auseinander ging, läßt sich aus dem Angeführten schon errathen. Dazu gesellte sich aber noch der Umstand, daß man sich über die Person für den ,in Rede stehenden Posten nicht einigen konnte. Die Abgeordneten Detmolds brachten ihren Lehrer, wenn ich nicht irre, heißt er Plaut, zum Schul- Jnspector der Religionsschulen des Landes in Vorschlag, die aus der Stadt Lempo ihren Prediger und Lehrer Dr. Klein, und viele Andere wollten, wie schon bemerkt, sich auf gar nichts einlassen. Ueber den weitern Verlauf dieser Angelegenheit werde ich s. Z. zu berichten nicht verfehlen. Oestrich. Lehrer Rosenwald. Gießen. (Priv.-Mitth.) Der Vorstand der israel. Gemeinde hat den jüdischen Begräbnißplatz mit dem christlichen vereinigt und die bisherige Trennungsmauer entfernen lassen. (Anm. der Red.) Wir wünschen allen Mitgliedern der Gießener isr. Gemeinde ein recht langes Leben, damit während der Zeit es gelänge, einen andern Vorstand zu bekommen, der andere und zwar echt jüdische Gesinnungen hegen möge. Frankfurt, 2. August. (Privat-Mitth.) Am Sonntag versteckte sich nach dem Gottesdienste ein polnischer Schnorrer in die unteren Räume der Synagoge der israelitischen Religions-Gesellschaft, wurde aber von dem Synagogendiener entdeckt und aus seinem Schlupfwinkel hervorgezogen. Bei seiner Visitation fand sich eine Menge Sperrwerkzeuge bei ihm vor. Der Ertappte soll schon einmal in Metz in einen Tempel eingebrochen sein und die Absicht, dasselbe hier zu vollführen, bereits eingestanden haben. Stuttgart, am 14. Juli. Ich habe ein freudiges Factum Ihnen mitzutheilen. Auf Anregung des Herrn Banquicrs Nordlinger wurde hier eine min DHDn gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht, Lei Sterbefallerr jene Arbeiten zu verrichten, die bisher in Ermangelung jüdischer Theilnehmer von Nichtjuden für Geld versehen wurden. Der Verein ist schon ziemlich reich an Mitgliedern, und ist seine Mitgliederzahl in stetem Wachsen begriffen. Meine Mittheilung dürfte in frommen Kreisen mit um so größerer Fceude vernommen werden, als man sich nach den heutigen Verhältnissen einer solchen von jüdischem Sinne zeigenden Einrichtung kaum versehen hätte. Stuttgart hat mit diesem Schritte selbst manche orthodoxe Gemeinden übertroffen. Leider vermissen wir in vielen größeren Kehilles eine den Bedürfnissen der Sterbenden und Gestorbenen zugewandte Ausnierksamkeit. Daß aber mit Geld bezahlte Arbeiter den nach dieser Richtung gestellten Anforderungen nicht immer oder nur selten entsprechen, hiervon uns zu überzeugen haben wir leider nur zu oft Gelegenheit. (Ohne die eine oder andere Gemeinde im Ange zu haben, wünschen wir, daß diese Einrichtung in Stuttgart allenthalben Nachahmung finde- D. R. Mckebrirg, 26. Juli. (Priv.Mitth.) Der bish rige Lehrer an der hiesigen Elementarschule, Herr I. Bomwitt, ist nunmehr definitw zum Lehrer an unserer Bürgerschule' ernannt. Berlin, 26. Juli. Ein bedauernswerthes Unglück hat sich hier zugetragen. Die Schwägerin eines hiesigen bekannten Banquiers, des Herrn Michael L., von der Bankfirma Volkmar u. Bendix, eine junge unverheirathete Dame, ist vorgestern, indem sie einen Kahn losmachte, in einen kleinen, zu dem Besitzthum ihres Schwagers in Französisch- Buchholz gehörigen See gefallen und dort ertrunken. Die Dame hatte den Kahn los gemacht, um die Kinder des Hrn. L., welche sie eben herbeirufen wollte, nach dem inmitten des Sees befindlichen Badehaus zu fahren. Dabei verunglückte sie, wie erwähnt, und wurde ihr Verschwinden e"st eine ganze Zeit später bemerkt. Die Familienmitglieder sind, wie wohl nicht erst gesagt zu werden braucht, von dem Unglücke tief erschüttert. Berlin. Die Traube'fche Bibliothek. Die überaus reiche und mit der größten Sorgfalt gesammelte medizinische Bibliothek des verstorbenen Professors Dr. Traube wird, wie nunmehr endgiltig entschieden ist, leider nicht in ihrem Bestände erhalten bleiben. Dieselbe ist vielmehr in den Besitz der Hirschwald'schen Buchhandlung übergegangen, und soll in Bälde ein vollständiger Kataloa. über dieselbe veröffentlicht werben. Königsberg. An der vom Herrn Rabbiner fDr. Bamberger geleiteten Religionsschule dahier, erhalten 236 Zöglinge Unterricht und zwar 112 Knaben und 124 Mädchen. England London. Ein Insasse des „Handin Hand-Asyls," Heinrich Rossel, feierte jüngst seinen 100sten Geburtstag. Derselbe ist im vollständigen Besitze aller seiner Sinne; er betet iu der in diesem Asyle sich befindenden Synagoge an Sabbath- und Wochentagen vor und dies ohne Brille. (Jew. Ehr.) Oesterreich-Ungarn. Wien. Aus Galizien wird über großartige Wahlagitation in zu der im Herbst stattfindenden Landtagswahlen berichtet. Die Juden werden dabei viel umworben. Ruthenen und Polen überbieten sich in Versprechungen und wird wie es scheint, die Mehrzahl der Israeliten mit den Ruthenen gehen, (selbstverständlich. Red.) denen sie schon wegen ihrer deutschen Bildung näher stehen. Köln. (Nachschrift.) Herr Baruch Werber, Nedacteur des „Jwri Onauchi", ist am 31. Juli gestorben, beweint und betrauert von Jedem, der den edlen Todten gekannt, geht er in die Pforten des Paradies. Friede seiner Asche! .n"2^3n ' Vermischtes. Der „Figaro" erzählte vor einigen Jahren von einem Streit eines Erzbischofes mit dem Baron von Rothschild. Bei einer Etikettenfragc wollte der Erzbischof dem Baron den Vorzug geben. Dieser weigerte sich jedoch, diesen anzunehmen, bis der Erzbischof den Streit zu Ende brachte mit den Worten: „Ich glaube an I. Chr., Sie an Moses," was der Baron bestätigte. Darauf begann der Erzbischof: „Ihre Religion ist älter als die meinige, folglich gebührt Ihnen der Vorzug." Nach dieser Beweisführung weigerte sich der Baron nicht mehr, den ihm vom Erzbischof eingeräumten Vorrang anzunehmen. B.