Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 2 (1876)
- Issue
- 32 (10.8.1876)
- Date
- 1876-08-10
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Abonnement: Vierteljährlich 2 M., Ausland vierteljährlich 2 M. 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Posta'nstalten entgegen. Erscheint jeden Donnerstag. Redacteur und Herausgeber Moritz Banm in Cöln, Humboldtstraße Nr. 4. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg. Zahlbar hver. Wiederholungen mit Rabatt Inserate werden bis Montag erbeten. ll. Jahrgang. Expedition: Humboldtstraße 4. Cöln, 10. August 1876 (5036). : M 32 An unsere verehrten Kölner Abvnnentln. Es ist uns noch immer ein Räthsel, daß mehrere Leser unser Blatt die vorige Woche nicht erhalten haben; wir haben dieserhalb bei der hiesigen Post Recherchen angestellt; übrigens sind wir gerne bereit, ^die Nr. 31 nachzuliefern falls wir darum ersucht werden, da wir nicht wissen können, wem dieselbe nicht zugekommen ist. Tie Expedition. Der zwiefache Trostsxruch. (Schluß.) Versetzen wir uns in die Zeit, in welcher die Neise dieser Gelehrten stattsand, so ist es zweifelsohne die des blutdürstigen und äußerst judenfeindlichen Kaisers Domitian, unter welch m die Israeliten unendliche Leiden zu erdulden hatten. Die lästige Judensteuer wurde mit der den Flaviern eigenen berüchtigten Geldgier eingetrieben; der jüdische Glaube wurde gehöhnt und die Anhänger desselben in ihrer Menschenwürde gekränkt. Die römische Spionage stand in höchster Blüthc und wehe dem, der gegen den Kaiser auch nur angeblich ein unehrerbietiges Wort hatte fallen lassen; er wurde erbarmungslos hingerichtet. Ja, eine jüdische Quelle berichtet, daß der Kaiser einen Senatsbeschluß durchgebracht hätte, des Inhalts, daß sämmtliche Juden, insoweit sie in den Rom unterworfenen Ländern wohnten, binnen 30 Tagen vertilgt werden sollten., Tie Kunde hiervon wäre,Auch,, nach, Judäa gedrungen, in!. Folge deren die in den obengenannten Erzählungen erwähnten Gelehrten ihre Reise nach Rom Behufs Abwendung der drohenden Gefahr unternommen haben sollen! Angesichts dieser großen Gefahren und furchtbaren Leiden - verloren selbst die besten Denker und Dulder den Muth ■ und den Glauben an eine bessere Zukunft. Und so sind j Feuilleton Ein Jom Kipur in München. *) Erzählt von S. Kohn, Verfasser des Gabriel. (Schluß.) „Wie wurden Sie dort empfangen," unterbrach der Parneß. „Ihr könnt Euch vorstellen, meine Freunde," fuhr Eichthal fort, „in welch' furchtbarer Aufregung 'ich ins Schloß kam, nur der Gedanke, recht zu thun, eine schwere Pflicht zu erfüllen, verlieh mir Kraft. Man führte mich sogleich in den kleinen blauen Saal, in welchem sich der Kurfürst, die Grafen Fugger und Traunskirchen, der Beichtvater und der Sekretär Stocknach befanden. Der Fürst war sehr ernst und empfing mich ungemein huldreich. „Er ist also doch gekommen," sprach er, — „er hat Recht, vollkommen Recht! — Setzen wir uns." Man setzte sich an einen ovalen Tisch, der Kurfürst obenan, die beiden Grafen rechts und links ihm zur Seite, neben Grafen Fugger kam ich, neben Grafen Traunskirchen der Beichtvater zu sitzen. Stocknach stand hinter dem Lehnstuhle des Fürsten. — Dieser erhob sich. „Vor allem trinke ich auf das Wohl aller meiner treuen Diener und Unterthanen, wer mich liebt, der leere sein Glas." — Ich fühlte, wie aller Blicke auf mich gerichtet waren, das Glas schwankte in meiner Hand und, meiner Gewohnheit folgend, — mit bebender bleicher Lippe — die Benediction sprechend, leerte ich dasselbe. — Auf einen Wink des Fürsten brachten die Lakaien kalte Speisen und Brod. „Lassen wir heute alle Etiquette," sprach der Kurfürst und jeder esse, was ihm beliebt. — Wie ich ihn kenne, Eichthal, wird er wohl nichts als ein Stückchen Brod nehmen wollen." Der Diener reichte mir den silbernen Brödkorb,' ich nahm ein Stückchen und aß es. — Weiter wurde ich nicht zum Essen genöthigt. — Es waren offenes in unserer Erzählung jene trefflichen Tanaim, welche ihrer Schwermuth und Verzweiflung Ausdruck geben in dem Thränenftrom, welchen sie, sobald sie jener über Israel Verderben bringenden, selbst aber so glücklichen Weltstadt ansichtig wurden, vergossen. Nur Rabbi Akiba blieb standhaft und leitete gerade aus dem Glauben an die Liebe und Gnade Gottes durch welche selbst die tyrannischen Heiden sich eines so großen Lebensglückes erfreuen, auch den Glauben an eine glücklichere Zukunft Israels her! Es befindet sich mit dieser Reflexion in Uebereinstimmung mit dem redegewaltigen Jesajah, welcher ebenfalls aus der Menge der Leiden, welche uns getroffen, auf die endliche Abwendung derselben schließt und den ersten Trostruf DN2 des Weiteren mit den Wororten erläutert: Redet zum Herzen Jerusalems und rufet ihm zu, daß erfüllt ist die Leidenszeit, daß gesühnt ist die Schuld, denn es hat empfangen das Doppelte für alle seine Sünden! Den gottersüllten Gefährten leuchtet diese Jdeenverbindung ein und sie gewinnen wieder frischen Muth und rufen begeisterungsvoll wie aus einem Munde aus! „Du hast uns getröstet, Akiba!" Und als nun diese edle Reisegesellschaft von der verhängnißvollen Reife zurückkehrte, nach der heiligen Stadt und von der Stelle her, an welcher das Allerheiligste ehedem gestanden, einen Schakal daherlaufen sah, gab ihr dieser Umstand wiederum, ein anderes gewichtiges Moment der! Vergleichung an die Hand. Das Unglück des Krieges, die Wuth der Tyrannen, hat die heiligste Stätte, die nur einmal des Jahres der Hohepriester betreten durfte, in eine | trauervolle Einöde Verwandeltest der jetzt die Raubthiere des Waldes Hausen; werden nicht die unsäglichen Leiden des jüdischen Volkes in gleicher Weise dessen Allerheiligstes, nämlich das innerste Heiligthum des Herzens, die heiligste Ueberzeugung von der Wahrheit des Gottesglaubens und des Gotteswortes zerstören und verheeren, so daß sich auf diesem heiligsten Gebiete des Geistes die Schakale der Unbar auch die beiden Grafen von allem unterrichtet. Alle Anwesenden aßen sehr müßig. — Nach einer kurzen Weile begann der Fürst: „Der hochwürdige Pater sieht, daß die Bedingung erfüllt ist, unter welcher er mich meines Wortes entbindet. — Eichthal, seine Glaubensbrüder können in Bayern bleiben, aber sie sollen brav sein, — die Guten unter Euch müssen auf die Schlechten Einfluß nehmen . . . Ich muß ihm sagen, er hat mir heute ein großes Vergnügen gemacht, er ist ein wackerer Mann, und fein Glaube kann kein so verwerflicher sein, wie mir's manche gerne zu Gemüthe führen wollten, wenn sich schon ein so frommer Mann, wie er es ist, entschließt, zur Rettung bedrängter Menschen einmal das höchste Ceremonialgesetz zu übertreten; — ich bleibe sein Freund, und bitt ihn, Eichthal, auch mein Freund und treuer Diener wie bisher zu bleiben, und mir mein heutiges Begehren zu verzeihen — ich, sein Fürst, bitt' ihn darum." „Ihm, hochwürdiger Herr!" wandte er sich dann mit strenger Miene zu dem Pater, „danke ich für die Mühe, die er sich mit meinem Seelenheile genommen — aber von heute ab werde ich mir einen andern Beichtvater besorgen — wir haben noch würdige Geistliche genug in Bayern.— Er scheint den Weg der Jesuiten zu wandeln, und mich nicht das Rechte gelehrt zu haben. So lange ich angenommen habe, daß er die Ausweisung der Juden aus religiösen Bedenken zum Schutze des KatholiciSmus und seiner Bekenner forderte, konnte ich glauben, daß er Gutes in seinem Sinne beabsichtige; aber daß ein Jude an seinem höchsten Fasttage essen soll, — das hat weder mit dem Landeswohle noch mit den katholischen Interessen etwas zu thun, — das hätte ihm ganz gleichgiltig sein sollen. — Pater Eusebius! Sein blinder Haß war diesmal stärker als seine vielgerühmte Klugheit, — das war nicht Feuereifer für das allgemeine Beste, — das war Privathaß . . . Ter hochwürdige Herr wissenheit und des Unglaubens tummeln und es in eine trostlose und freudlose Wüste umwandeln, in welcher kein edler Pflanzentrieb keimt, in der der größte Fleiß dem unfruchtbaren Boden keine dankenswerthe Gabe abzuringen vermag, wo man sich nicht über des Lebens Kämpfe und Mühen zu erheben vermag zu der lichtvollen Höhe der Begeisterung für das Ewige und Göttliche? Alle brachen ob dieser Erwägung in ein heftiges Weinen aus, nur Rabbi Akiba blieb standhaft und argumentirte: Um deswillen eben, daß der Pflug über Zion gezogen wird, bin ich der festen Zuversicht, daß wieder die Zeit kommen wird, in welcher Gott zurückkehrt nach Zion und die Greise, d. i. die in dem Gotteswort Erfahrene (N22N rDptP nt ]p1) wohnen in Jerusalem! Die Leiden, sie werden auf den religiösen Geist des Volkes nicht zerstörend, sondern versöhnend, ausgleichend und läuternd wirken! Mit dieser trostvollen Ansicht harmonirte der zweite segensreiche Ausspruch des begeisterten Propheten, welcher lautet: Eine Stimme ruft: „In der Wüste ebnet den Weg des Ewigen, ebnet in der Wüste eine Straße unserem Gotte. Jedes Thal erhebt sich und jeder Hügel senkt sich rc. Und es wird offenbart die Herrlichkeit des Ewigen, d. h. mit andern Worten: die Schule der Leiden, sie wird auch bewirken, daß in der Wüste und Qede! des Herzens und Gemüthes eine Straße gebahnt wird, welche zu Gott und zu seiner Lehre führt, so zwar, daß da, wo die Thaltiefe der Unwissenheit Platz gegriffen, sich diese zur religiösen Erkenntniß erheben wird und dort, wo sich ein berghoher Wifsensdünkel, der einzig und allein im Zeitlichen und Vergänglichen sein Endziel erblickt," emporgethürmt hat. sich dieser «mit besonnenen Gottesbewußtsein wieder ausebnen wird. Und wann gekommen ist dieser herrliche Tag, wird sich wiederum offenbaren die Herrlichkeit Gottes an Israel wie ehedem! Mit freudiger Spannung folgten die aushorchenden Freunde dem Gedankengange ihres wird wohl am besten thun, wieder in sein Kloster zurückzukehren und dort zu bleiben für immer .... er ist ents lassen!" Zitternd erhob sich der Pater und schlich aus dem Saale! — „Und nun zu ihm, Stocknach," fuhr der Kurfürst flammenden Blickes fort; der Angefprochene wurde erdfahl und zuckte zusammen. „Er ist mir schon lange verdächtig geworden, aber ich habe geglaubt, daß ihn bloß Neider aus meinem Vertrauen drängen wollen, denn, daß weiß Jeder, wen ich für meinen treuen ergebenen Diener halte, der steht fest in meinem Schutze — aber diese letzte Affaire hat mich schwankend, mich irre an ihm gemacht; da habe ich nichts von Treue und Anhänglichkeit an mich und den Staat vermerkt, da schien es mir, daß er persönlichen Vortheil und Eigeninteresse über Alles setze .... und da habe ich nun das, was ich bisher für Verleumdung hielt, etwas ernster geprüft. . . . Nun. Stocknach, er weiß, ich habe ihm stets das unumschränkteste Vertrauen bewiesen, — sag er mir, hat er es nie mißbraucht-?" „Allergnädigster Herr!" stammelte Stocknach, aber der Schreck lähmte seine Zunge, er konnte nicht weiter sprechen. „Sieht er," fuhr der Kurfürst fort, „er kann's — nicht sagen; — so will ich es denn für ihn thun. Schändlich gemißbraucht hat er mein Vertrauen, er ist . . . ein Schelm." Der Kurfürst hatte sich bei diesen Worten im höchsten Grade erregt von seinem Stuhle erhoben. „Er hat meine Geheim- Correspondenz dem Berliner Hofe verkauft, die Zweibrücker ■ Abmachung war früher dort als meinen eigenen Ministern bekannt." [ „Der Geheimsekretär warf sich verzweifelnd auf's Knie - und wollte sprechen." „Schweigen!" donnerte der Kurfürst, „den Tod am ) Galgen hat er reichlich verdient, und wär ich wie mancher t andere Fürst, so hätt' er ihn auch erlitten; — aber, in *) Nachdruck verböte«.