Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 2 (1876)
- Issue
- 27 (6.7.1876)
- Date
- 1876-07-06
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sehr gelesenes Blatt angreisen und für sich zugleich Reclame machen! — Wir hoffen jedoch, daß diese unsre Abwehr in der ersten Nr. des 3. Quartals unseres Blattes nur dazu beitragen werde, das bisherige Vertrauen des Publikums nach jeder Richtung zu rechtfertigen. Indem wir uns Vorbehalten, demnächst noch auf diese Angelegenheit zurückzukommen und speciell die Frage zu erörtern, ob ein Rabbiner Herausgeber einer jüdischen Zeitung sein, resp. ob derselbe ein jüdisches Blatt als milchende Kuh betrachten darf, erwarten wir schließlich von der Ehrenhaftigkeit des Herrn Dr. Lehmann, daß er von dem Wesentlichen dieser Erklärung Notiz nehmen werde, sonst müßten wir, zur Wahrung unserer hart angegriffenen Ehre, gegen ibn die Verleumdungsklage einreichen. Tie Redaction und der Verlag des Israel. Boten: Moritz Bau m. Eöln, 5 Juli 1876. Der Talmud und die Frauen. Ein Toast gesprochen den 8. Siwan 5636 von H. G o l d st e i n em. Lehrer in Gleiwitz. Was bei Gebildeten Brauch und Sitte ist, nämlich physische Genüsse, Gaftmähler rc. durch die geistige Reden, Toaste zu würzen und zu veredeln, — ist bei uns Israeliten religiöse Pflicht. Rabbi Simon lehrt: „Drei, die an einem Tische speisen und ihr Mahl nicht durch Lehren vergeistigen, — gleichen denen, die Götzenopfer genießen. (Pirke Aboth III) — Wohl wissen wir, daß zum Werke, das wir ernst bereiten — zum Mahle — sich nicht nur ein ernstes Wort geziemt, sondern daß unsere Arbeit munter fortfließt, wenn gute Reden sie begleiten; allein Letzteres ist nicht Jedermanns Sache. Darum ist bei uns das Tischgebet gesetzliche Pflicht und Anordnung, um so zu sagen den physischen Genuß menschlich zu gestalten, zu vergeistigen. — So Du gegessen hast, und satt bist, sollst Du Gott danken. (V. B. Al. 9. 10). Meine Lieben! Tie Gründung einer Häuslichkeit war immer, und ist heut zu Tage entschieden ein sehr ernstes Werk, und da ist > -n .""'ist:'s Wort am -Prl — ^ck?__beanspruchp darum! für einige Minuten Ihre geneigte Aufmerkf amten. — Die schönen Worte unseres Lieblings-Dichters: „Ehret die Frauen! sie flechten und weben Himmlische Rosen in's irdische Leben, Flechten der Liebe beglückendes Band. Und in der Grazie züchtigen Schleier Nähren sie wachsam das ewige Feuer Schöner Gefühle mit eigener Hand u. s. w. sind sicherlich uns Allen bekannt. Weniger aber dürfte das unübertreffliche Frauenlob, das Salamo, der erfahrungsreiche Frauenkenner, der Würde der Frauen schon vor 1000 Jahren spendete, unserer Jugend bekannt sein Ich erwähne nur als Gegensatz der 1. Schiller'schen Strophe die Schluß- Strophe des 31. Cap. der Sprüche Sal. „Trügerisch ist die Anmuth, Tand die Schönheit — nur ein gottergebenes Weib ist rühmenswerth Aber nicht nur das klassische Alterthum beherzigt die Würde der Frauen und würdigt ihre Verdienste — sondern der so ernste spätere Talmud lehrte dies nicht minder in seinen unzähligen Lehren und Sentenzen. Zur Erhärtung meiner Behauptung führe ich nur den Ausspruch des Rabbi Elasar (Jebamo 63) au. „Der Jude, der sich keines Wei- bis erfreut — ist überhaupt kein Mensch" und beweist dies nach talmudi/cher 'Art mir dem Bibel-Vers: D"IK DDtP *npv) DK-0 mptt -0t Mann und Weib schuf er — sie und nannte sie Adam Mensch — gleich unserm deutschen Sprichworte: „Erst Mann und Weib sind ein Leib. — Ferner erläutert jener Rabbi diesen Vers (I. B. Ai. 2. 18). itjd ivj -fc ntstyx onxn nrrt atarx^ „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei — ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei." — nnt *6 — tmty -Dt Hat er Verdienste, so ist seine Ehehälfte ihm eine Stütze, wenn nicht, so ist sie ihm Leider eine Gegnerin. — Was das edle Weib uns Männern sein kann und wirklich ist — das wird wohl nicht schöner und bündiger gesagt werden können — als es meine beiden Gewährsmänner, die Dichterfürsten Salomo und Schiller ausgedrückt. Gestatten Sie mir aber auch, meine werthen Anwesenden Ihnen einige talmudische Schattenstriche, die das edle Frauenbild natürlich nur verschönern — zu liefern. Als Rabbi 21 sich vom Rabbi Ehijah verabschiedete, gab er ihm als übliches geistiges Souvenir den Wunsch: „Der Himmel wahre Dich vor dem, was schlimmer als der Tod ist." — Der fragesüchtige Talmud-Jüngling zerbrach sich nun den Kops über das. — was eigentlich noch schlimmer als der Tod sei, und richtig fand er die Lösung in der heil. Schrift (Kohd 7) „ich finde noch was schlimmeres als selbst der Tod, und das ist das liederliche Weib." — Dieser Rabbi Rab war in der That ein unglücklicher Ehemann, denn er besaß, wie Sokrates, eine Tantippe zum Weibe. Ein Pröbchen von Bosheit dieser mV dieses weiblichen Beistandes, bewahrte uns der Talmud zur selben Stelle. Sie lautet: „Rab wurde von seiner liebenswürdigen Ehehälfte recht gequält. Wünschte er zu seinem Mittagsmahle, das bei ihm, als Vegeterianer, sehr frugal war, Bohnen — so war er im Voraus überzeugt, daß ihm sein liebes Weibchen ein Linsengericht vorsetzen werde — und umgekehrt. — Das ging leider so fort, bis der aus dieser zwieträchtigen Ehe dennoch hervorgegangene Sproß, der kleine Ehijah, einigermaßen mündig geworden, und den ehelichen Zwiespalt, den Widerspruchsgeist seiner edlen Mama merkte und fühlte. — Der arme Gatte wagte dann gar nicht mehr seine Wünsche seinem schlimmern Ich — seiner schönern Ehehälfe, zu äußern — sondern bekundete dieselben seinem klugen Jungen Ehijah, der nach alter jüdischer Pflicht immer um denVater war, um von ihm vorschriftsmißäg belehrt zu werden: „und Du sollst lehren Deinen Kindern" (V. B. M. 6. 9) — Der geistreiche Knabe aber theilte nun die bescheidenen Wünsche seines frommen Papa's immer entgegengesetzt der zärtlichen Mama mit: „Der Vater wünscht heut Bohnen" und war seiner Sache vollständig gewiß, daß ihr Widerspruchsgeist — Mama bestimmen werde, Linsen zum Mittagsmahle — was Papa eben wünschte — zu bereiten. Unserm Rabbi siel nach einiger Zeit die Liebenswürdigkeit seiner schönen Hälfte auf — und er sagte zu seinem Söhnchen: „Deine Mama hat Gl. gebessert; sie ist nicht mehr so widerharig und widerspruchsvoll." Ei! sagte der Knabe: „ich habe sie umgewandelt," worauf unser Rabbi bemerkte: „das Sprüchwort, die Eier sind klüger als die Hühner," ist schließlich doch eine Wahrheit — Du, der Du von mir stammst, hast m^' *^lehrt. — Ich hätte sie so schon längst behnndoG - v immer das Gegentheil meiner Wunsche za afrn.-. . - und sie würde mir das Gewünschte gegeben yaben. — Du aber, mein Sohn, thue das fürder nicht, denn es heißt (Jerem. 9. 4) sie lehren ihre Zungen lügen. — Hoffentlich genügt ihnen die angeführte Schattenseite eines talmudischen Weibsbildes! Der Talmud bewahrt uns in Hülle und Fülle derartige Schattenstriche, — die wir uns für die Folge sparen. Ich will aber hoffen, liebe R, daß Du meinem guten A. ein "lty eine Lebensstütze und nicht, Gott behüte, das Gegentheil — sein wirst — daß dem so sei und daß mein Albert nicht erst zu rabbinischer List — um seine Wünsche befriedigt zu sehen — greisen müsse, — das ist mein innigster Wunsch — und gewiß stimmen Sie in meinen Wunsch : „Alle edlen Frauen, die wahre Lebensstützen ihrer Männer sind, — sie leben hoch!!! Die Fabeln des „Be» Sirah“ Üb ersetzt und erläutert von H. Lehrer zu S. Tie Maus, der Frosch und die Osnijah. Auf ihrer Reise kam eine Maus an einen Fluß und wäre sehr gerne am anderen Ufer gewesen, wenn nur eine Brücke da gewesen wäre. Ueb erlegend ging sie am Ufer auf und ab, laut mit sich selbst sprechend, wie wohl der Fluß am besten zu überschreiten sei. Ein Frosch bemerkte die peinliche Verlegenheit der Reisenden und erbot sich, sie über den Fluß zu führen. „Komm," sprach der galante Frosch zu ihr, „binde deinen Fuß an den meinen und so werde ich dich ohne viel Mühe an das jenseitige Ufer bringen, denn für einen guten Schwimmer bin ich doch hinlänglich bekannt." Freudig nahm die Maus das Anerbieten des Frosches an, und beide stellten die Verknüpfung her. Der Frosch dachte bei sich: „Unsere Körper sind zwar eng mit einander verbunden, aber unsere Gedanken himmelweit von einander entfernt. — So dachte der hinterlistige Führer, während die Maus ohne Arg blieb. Prüfend sah der Frosch noch einmal nach der Verknüpfung und warf sich alsdann mit seiner Reisegefährtin in den Fluß. Aber kaum hatten sie das Ufer verlassen, als der Frosch der unschuldigen Maus den Tod ankündigte. „Verruchter Räuber," rief die Maus, „ist dies deine Gefälligkeit? Jetzt entspann sich zwischen beiden ein harter Kampf die r Frosch suchte sein Opfer nach unten zu ziehen, während die Maus nach Kräften bestrebt war, sich an der Oberfläche zu erhalten. Diesen Streit bemerkte eine Osnijah, (eine Adlerart) schoß aus den Lüften auf die Kämpfenden herab, faßte sie beide und nachdem sie dieselben eine gute Strecke mit sich genommen, schmetterte sie dieselben gegen einen Felsen, wodurch beide ihren Tod fanden. swn px hhx> „Auf den rollt zurück der Stein, Der des Anderen Mörder wollte sein." Jedes neu entstehende Geschöpf bringt bei seiner Geburt, als eng angeknüpfte Nothwendigkeit, das Gebot mit: „Kämpfe um's Dasein!" Pflanzen, Thiere und Menschen, haben sie nicht, jene einen unbewußten, instinctmäßigen, diese einen wohl bewußten, mit feiner List zu führenden Kampf während ihres Daseins zu bestehen? Die Pflanze muß der Pflanze, dem Thiere Nahrung geben; thut sie es auch nicht immer mit ihrer ganzen Form und Gestalt, so sind es doch die sich von ihr trennenden Stoffe und Atome, die eben durch ihre Trennung den allmähligen Tod ihres Trägers langsam, aber sicher herbeiführen, dagegen aber das Leben eines anderen Wesens fördern und erhalten; dieses hebt sich und lebt, während jene sich auflöst und in (chemische) Bestandtheile zerfällt, die wieder unentbehrlich für ein anderes Geschöpf sind. Ein Entstehen und Sichauflösen (nicht Vergehen, denn Nichts geht in der großen Natur-Werkstätte verloren) ist zur Erhaltung der gesammten Natur von der Pflanzenwelt unbedingt erfordert. aar mj6 *)^m 'pai ipro Was eben noch blühet und sprosset, kann schon im nächsten Augenblicke den Kampfplatz der Natur verlassen yaben, hat aufgehört, ein selbstständiges Geschöpf zu sein, schließt sich aber „als dienendes Glied dem Ganzen wieder an." Denselben Kampf finden wir bei den Thieren. Ihr Kampf unterscheidet sich von dem der Pflanzen nur in der Führung und in den Waffen. Ist auch Jnstinct undNothwendigkeit ihre Haupttriebfeder, so ist doch auch die lieberlegung nicht ausgeschlossen. Betrachtet nur die Spinne, sie lauert auf ihren Feind, schwebt hin und her, immer bereit eine Fliege zu erspähen; hat sich nun eine solche in ihre Fäden verwirrt, wie eilig ist dann die Spinne am Platze, um den Fang noch fester in ihre Fäden zu verwickeln. Sehet die Katze, wie sie sich niederkauert, hin und her lugt und sich die beste und kürzeste Sprungweite ausersieht, das Opfer mit unfehlbarer Sicherheit in ihre Gewalt zu bringen. Aber — -]tstDX nspxn bv — wartet aus Erfüllung. Das gewaltige Raub-Thier, das heute noch der Schrecken des ganzen Waldes ist, liegt morgen, von der Kugel des Jägers durchbohrt, in den letzten Zügen. Der Mensch macht sich die Beute zu vielfachem Nutzen. Jedoch das Thier spürt vielleicht (?!) den Trost: Der Mensch endlich, der sich hoch über das Thier erhaben fühlt, er ist dennoch auch von der Natur ausgestattet mit zum Kampfe hingewiesen. Der Mensch muß kämpfen! Aber wie oft wird dieses Gebot mißverstanden und mißbraucht! wie oft erniedrigt sich der Mensch in dem „Kampfe ums Dasein," so daß er werth erscheint, in der Gesellschaft der Thiere seinen Platz einzunehmcn. Sehen wir nur, wie der Eine über den Anderen sich hermacht, um, sei es nun mit der Waffe der Zunge, der Arglist oder der Faust, den Sieg aus dem Kampfe davonzutragen! Mit dem unbeschreiblichsten Wahne setzt er Alles, was Menschen einigen soll und kann, hintan, wenn es gilt, Sieger zu sein. „Gefährlich ist's den Leu zu wecken, Verderblich ist des Tigers Zahn; Doch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn." Kämpfen sollen und müssen wir, doch mehr mit uns und über uns selbst, als mit der Außenwelt. Unser Dasein zu einem erhabenen Gott gefälligen Wandel gestalten, immer mehr das Irdische und Vergängliche besiegen: das ist der richtige Kampf; wohl das Seinige zu behaupten, das Errungene festhallen aber unseren Nächsten leben lassen mit uns; nicht ihn hindern und zu untertrücken suchen, vielmehr ihm beistehen in Rath und That ihn auf gleiche Höhe mit uns zu erheben. So leben und kämpfen wir, Idaß wir den Ehrennamen „Mensch" nicht verletzen; so sollen wir mit unseren Nebenmenschen verfahren, daß es nur zu seinem Besten und zum Nutzen der großen Gesellschaft Menschenverbrüderung sein kann; dies Hauptgebot ergeht an den Menschen ausnahmsweise: Leben! kämpfen! sterben! leben!