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Der israelitische Bote · 1876-07-06 · 27 (6.7.1876) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
2 (1876)
Issue
27 (6.7.1876)
Date
1876-07-06
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Abonnement: Vierteljährlich 3 M., Ausland vierteljährlich 2 M. 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstaltm entgegen. II. Jahrgang. Leitartikel. Zur Abwehr! Herr Rabbiner Dr. Lehmann in Main; hält sich noch immer für den Generalpächter der Orthodoxie; als hätte er allein das Recht, „ein streng religiöses", auf dem Standpunkte der Ueberlieferung und des echten Judenthums stehendes Blatt hcrauszugeben, fällt er mit wahrhaft unqualificir° barer Wuth über Jedermann her, der es wagt, auch seinerseits ein Scherflein zur Hebung des religiösen Lebens unserer Glaubensgenossen durch die periodische Presse beizutragen. Wir Israeliten dürfen es uns zu ganz besonderem Vorzüge anrcchnen, daß wir keine gegliederte und herrschende Hierarchie haben; uusereRabbiner haben keineMacht, sie können und dürfen nicht die Geißel schwingen über die ihnen anvertrauten, resp. ihrer seelsorgerifchen Führung unterstellten Gemeinde-Mitglieder. Wenn auch unsere Hirten sein sollen, so sind wir Laien doch keine Heerde, die sich geduldig scheeren und obendrein nnttb ntPD zur Schlachtbank führen lassen. Herr Rabbiner Dr. Lehmann macht eine Ausnahme von ' ieser Regel Mit einem an die päpstliche Unfehlbarkeit erinnernden Absolutismus fällt er über alle Diejenigen her, die in seinen Augen nicht als vollkommen orthodox gelten und wehe dem Herausgeber und Redacteur einer Zeitschrift, der zwar aufs Strengste festhaltend an seinem religiösen StMdp'.E, m der 'ODD HttW robn, sich vor persönlichen Schmähungen, unwürdigen Verdächtigungen und Verleumdungen der Gegner hütet! Herr Dr. Lehmann ist gleich bei der Hand, um als Großinquisitor über denselben zu Gericht zu sitzen und ist es gewiß nicht seine Schuld, wenn die betreffenden Zeitungsherausgeber noch nicht durch ein Aate-da-fe als Ketzer verbrannt wurden! Wer nicht Lehmannaner ist, muß verbrannt werden! Nachdem Herr Dr. Lehmann mit fast allen Collegen von der jüdischen Presse angebunden, hatte er uns bekanntlich, aus Anlaß unserer Artikel über die Rabbinerwahl in Cöln, gleichfalls in rücksichtsloser Weise den Fehdehandschuh hingeschleudert. Wir hatten denselben im Bewußtsein unseres Feuilleton Ei« Jom Kipur in München. Erzählt von S. Kohn, Verfasser des Gabriel. Fortsetzung. Der Rabbiner, die höchste Autorität auf religiösem Gebiete und in Synagogen - Angelegenheiten, hatte angeordnet, daß man heute einige Piutim auslasse, da es nothwendig sei, daß man das Minchagebet um 3 Uhr beendet habe, da vielleicht eine anderthalbstündige Pause nothwendig würde. — Ein solches Vorkommniß war buchstäblich noch nie dagewesen. Eine Unterbrechung des Gebetes an dem heiligsten Tage des Jahres — an einem Tage, der ausschließlich und vollständig der religiösen Betrachtung, der erhebenden Weihe gewidmet war! — Was sollte während dieser Pause geschehen? — Diese Anordnung war am Vorabende am Kol Nidre in der Synagoge publicirt worden, und hatte wohl den Meisten eine gedankenschwer durchwachte Nacht gekostet. Es liegt in der Natur des Menschen, daß er dasjenige, das er am allerwenigsten kennt, am meisten befürchtet; — „es wird vielleicht eine anderthalbstündige Pause am Jom Kipur nothwendig werben," wenige Worte wahrhaft unerklärlichen Sinnes! — Das der Rabbiner und Eichthal beide sich in höchster Aufregung befanden, mußte Jeder erkennen. Ersterer, trotz seines hohen Alters noch immer rüstig, pflegte sonst am Jom Kipur dm ganzen Tag zu stehen, aber heute zitterte er aussällich am ganzen Körper und mußte sich bald niedersten. Eichthal hielt sein Gesicht ostwärts gewendet, er Erscheint jeden Donnerstag. Redacteur und Herausgeber Moritz Baum in Cöln, Humboldtstraße Nr. 4. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg. Zahlbar hier. Wiederholungen mit Rabatt Inserate werden bis Montag erbeten. Expedition: Humboldtstraße 4. Cöln, 6. Juli 1876 (5636). M 27 Rechts und unserer guten Sache aufgehoben und Herrn Lehmann den Standpunkt klar gemacht, resp. die Stellung des „Israelitischen Boten" gegenüber dem Mainzer „Israelit" in's richtige Licht gestellt. Unsere ruhigen und sachgemäßen Auseinandersetzungen in Nr. 35 des verflossenen Jahrgangs dieses Blattes haben bei allen wahren religiösen Israeliten und speciell bei allen anständigen Orthodoxen gefallen und uns von vielen einflußreichen jüdischen Koryphäen der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens unfern Bestrebungen billigende und ermunternde Zuschriften eingebracht. Da der „Israelit" auf diese Artikel nichts zu antworten wußte, schwieg er bis heute und ließ uns auch in der That seitdem unbehelligt. Schon dachten wir, daß der Gebrannte das Feuer scheuen und uns für die Zukunft in Ruhe lassen werde, da explodirte auf einmal, urplötzlich, der, wie wir vermuthen, seit Monaten angesammelte Zündstoff. Da Herr Dr. Lehmann mit offenen Mitteln nichts gegen uns ausrichten konnte, versucht er es nun mit versteckten resp. hinterlistigen Angriffen, so fällt er aus dem Hinterhalt über uns her. Wie Liethen auf dem Buch. In Nr. 26 bringt der „Jsra.elit" nämlich aus der Feder seines Eigenthümers und Redacteurs, des wahrheitsliebenden Herrn Rabbiners " bmann, einen Artikel, der uns des literarischen >stahls bezichtigt. Es heißt daselbst u. A. wörtlich: „Eine andere Zeitung, die sich desselben Vergehens (des literarischen Diebstahls) schuldig macht, ist der „Jsraelitsche Bote", herausgegeben von Moritz Baum in Cöln, früher in Bonn. In Nr. 18 des genannten Blattes ist die Erzählung aus Nr. 13' des „Israelit", „Das Grab des Märtyrers", abgedruckt, eine Orginal-Erzählung, die uns unser gutes Geld gekostet hat." Und weiter heißt es in dem kleinen, aber giftgeschwollenen Artikelchen: „Wir werden künftighin unser Eigenthum durch die Gerichte schützen lassen und den literarischen Diebstahl zur Bestrafung bringen; für heute mögen sich die Herren Annectirer an der Warnung genügen lassen!" Hierauf haben wir dem Herrn Rabbiner der israelitischen Religionsgenossenschaft zu Mainz folgendes zu erwiedern. Sie, mein Herr Rabbiner, irren sehr, wenn Sie Ihren Lesern plausibel machen wollen, wir hätten einen literarischen Diebstahl begangen d. h. wir hätten Ihre Zeitung nöthig, um unsere Spalten damit zu füllen. Ihre Behauptung ist eine Unwahrheit,», z. eine wissentliche Unwahrheit. Wir haben das betreffende circa 90 Zeilen umfassende Feuilleton aus dem in Lemberg erscheinenden „Schomer Israel" entnommen und darunter auch die Quelle (Schomer Israel) gesetzt, wie Sie sich aus Nr. 18 d. I. überzeugen können. Wir citiren nie ohne Quellenangabe und erachten es als die Pflicht eines jeden Achtung beanspruchenden Blattes, das Gleiche zu thun. Wohl sind uns schon nachweislich zahlreiche Artikel ohne jegliche Quellenangabe nachgedruckt worden, ohne daß wir deshalb gleich Zeter und Mordio geschrieen, wegen literarischen Diebstahls denuncirt und wie wüthend uns geberdet hätten. Wir haben uns darüber kein graues Haar wachsen lassen, noch soll dies für die Zukunft geschehen. Im Gegentheil sind wir stolz darauf, daß ältere bereits bewährte, gute jüdische Zeitschriften dieselben zu „annectiren" — um den, Ausdruck des Herrn Dr. Lehmann zu gebrauchen — für gut befanden. Auch verschiedene andere jüdische Zeitschriften sehr jungen Datums, die erst nach dem „Israelitischen Boten" das Licht der Welt erblickten, haben manche Artikel ohne Weiteres unserem Blatte entlehnt, aber wir haben uns dennoch gehütet, gegen die Herausgeber, resp. Redacteure derselben in solch' ehrenrühiger Weise öffentlich aufzutreten. Am 4. Mai d. I. war das ca. 90 Zeilen umfassende Feuilletönchen im „Israelitischen Boten" abgedruckt und erst beinahe nach 8 Wochen, am 28. Juni, fanden Sie sich, Herr Dr. Lehmann, bemüssigt, gegen uns aufzutreten. Erst in der letzten Nr. des zweiten Quartals wollten Sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen; unser weit verbreitetes und gerade in orthodoxen und conservativen Kreisen schluchzte bei den Gebeten' convulsivisch und drohte zusammenzubrechen. Eine entsetzliche Angst hatte sich Aller bemächtig. — Langsam schlichen die Stunden dahin, Dank den Auslassungen war um drei Uhr das Minchagebet zu Ende. Jeder blickte erwartungsvoll auf den Rabbiner, man glaubte, er werde vielleicht die Kanzel besteigen. Es geschah dies nicht. Endlich ermannte sich der Synagogenvorsteher und frug: „Rabbi, was soll jetzt geschehen?" — „ Nichts, wir müssen warten," antwortete jener dumpf. Im weiten Raume herrschte tiefe Stille, man hörte nichts als die schweren Athemzüge der tiefbesorgten Männer. . . . Die Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten . . Plötzlich hörte man einen raschen Schritt auf dem Estrich der Vorhalle erdröhnen, in der offenen Thüre zeigte sich ein kurfürstlicher Leiblakai, der sich schnell durch die^erschreckteMasse bis an das oberste Ende der Synagoge drängte. Hier blieb er bei dem Sitze Eichthal's stehen, zog devot den Hut ab und sagte vernehmlich genug, um von allen Umstehenden gehört zu werden: „Durchlaucht lassen den Herrn Hofbanquier fragen, ob Sie kommen wollen; der Wagen steht draußen." Eichthal legte das Sterbegewand ab, und zog die bereit gehaltenen Kleider an, dann senkte er vor dem Rabbi das Haupt, und der Rabbiner legte segnend seine Hände auf dasselbe — und einiae Minute später fuhr der fromme Eichthal am heiligen Jom Kipur zum Kurfürüeu! — Alle Ordnung in der Synagoge war aufgelöst, alles drängte sich an den Raf heran, um Näheres zu erfahren, die Frauen eilten aus der Frauensynagoge herab, um zu hören, was es gäbe; der Ras antwortete: Hoffen wir auf Gott! Volle anderthalb Stunden verflossen, eine martervolle leidensschwere Zeit — was sollte während dieser Zeit geschehen? Beten? — sollte man nicht! — Denken? es gab keinen vernünftigen faßbaren Gedanken, die erregte Phantasie schuf Möglichkeiten, die, wie Schaumgebilde entstehend eben so rasch wieder zerrannen. In den sechsziger Jahren des letzten Jahrhunders war alles möglich, alles denkbar. — Man wußte, daß der Kurfürst Maxmilian Joses die Religiösität seines Hofbanquiers kannte, und stets geachtet hatte, — und nun war er am Jom Kipur aus dem Gotteshause plötzlich abgeholt, zu ihm befohlen worden! — Es war zur jener Zeit in Deutschland nichts Ungewöhnliches, daß ein Günstling plötzlich ohne Angabe des Grundes, der Ursache, auf die Festung gesandt wurde . . . Sollte Eichthal in Ungnade gefallen sein? — das wäre das Schrecklichste gewesen! Zu der warmen Theilnahme für den edlen Menschenfreund und treuen Glaubensbruder gesellte sich bald die Angst um das eigene Schicksal — wer sollte die Juden vor den Angriffen ihrer fanatischen Feinde schützen, wenn Eichtha selbst denselben erlegen,war?.... Die Aufregung hatte den höchsten Grad erreicht, es schlug auf der nächsten Thurmuhr halb fünf, als man wieder das Rollen eines Wagen hörte ... er hielt stille — und Eichthal kam in die Synagoge zurück. Der Raf eilte ihm, so rasch er konnte, entgegen, auf dem Almemor begegneten sie sich . . . „Wie ist'S?" frug der Raf mit bebender Stimme. „Wir bleiben, ich habe ge . . . ." (F. f.)

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