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Der israelitische Bote · 1876-06-29 · 26 (29.6.1876) · p. [Seite 2]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
2 (1876)
Issue
26 (29.6.1876)
Date
1876-06-29
Page
[Seite 2] (sequence 2)
Language
German
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sie fordert auch vom Hasse täglich neue Weisungen, eine frische farbige Waffenpracht; denn nur die Wahrheit genießt das Privilegium, ewig einfach, nur die Liebe das Vorrecht, ewig ueu zu sein/ Dem Vernünftigen, dem Nechtliebenden ist und war die Freiheit und Rechtsgleichheit niemals ein Eldorado des Reichthums und Ueberflußes, ein Schlaraffenland bequemer Genüsse und kindischer Machtgelüste. Welches Maß von Bescheidenheit und Unterordnung der Kampf um die Existenz von dem ruhigen Bürger fordert, das lehrt den Juden schon sein solider. Fleiß, seine tägliche Berührung mit der Welt uud sein reger Familiensinn, den drei Jahrtausende an ihm gelobt haben. Es ist wahr, daß wir unsere Söhne in großer Zahl auf die Mittel- und Hochschulen senden, welches uns der BonifaciuS-Scribent gewaltig übel nimmt; allein wir verbinden damit keineswegs die Erwartung zu Kanzlern unb Ministern vorwärts zu schieben. Freier zu athmeu, ungenirter ju leben, naturgemäßer unsere Kräfte zu brauchen, als es im Staate Jnnoceuz III. gestattet war, als es in der Welt des kanonischen Rechtes möglich wäre: das allein ists, was wir wollen und begehren. Und darauf hin haben wir uns häuslich niedergelassen am Herde der Gesittung und sind gerüstet, unser gutes Recht in den Waffen des Geistes, den edelsten von allen, zu verfechten. Forts, folgt. lirtljfilc -rr friniMschcii Presse über deutsche Meraiur- Merke. Es mehren sich fortwährend die Anzeichen dafür, daß der bis noch vor Kurzem so leidenschaftliche Haß der Franzosen gegen alles Deutschthum, speciell gegen deutsche Kunst, Literatur und Wissenschaft im Schwinden begriffen ist. Die Einsicht von der Solidarität der geistigen Interessen, die keine beengenden nationalen Schranken kennt, scheint allmälig auch in der französischen Tagespresse zum siegreichen Durchbrach zu kommen. Einen schlagenden Beweis für diese unsere Behauptung liefern die neuesten Journal-Stimmen jenseits der Vogesen über die Werke unseres rühmlichst bekannten Landsmannes, des Herrn Redacteurs der „Düsseld. Ztg.", Dr. Adolph Kohut. Diese Urtheile sind in vielfacher Hinsicht so interessant, daß wir uns veranlaßt sehen, einige derselben hier wiederzugeben. So äußert ück z. B. das in dem einst von den Deutschen so hart belagerten Belsorr erjchernende Blatt „Le Liberal De L’Est“ (Der Liberale von Westen) in Rr. 397 bezüglich der bekannten kirchenpolitischen Schrift des Dr. Adolph Kohut: „Was lehrt die Bibel über den Gehorsam gegen Staat und Obrigkeit?" wörtlich wie folgt: „Im Augenblicke, wo der Ultramontanismus in allen Ländern mit allen modernen Ideen einen Kampf bis auf's Messer führt und keine andere Autorität als diejenige des Papstes, kein anderes Gesetz als das des Syllabus anerkennt, ist es interessant, zu wissen, was die Bibel über den Gehorsam gegen die Gesetze und gegen die mit deren Ausführung betrauten Obrigkeiten lehrt. Der altkatholische Bischost Reinkens hat bezüglich dieses interessanten Punktes die Lehren des Evangeliums beleuchtet. Herr Dr. Kohut hat sich bestrebt, uns zu zeigen, wie der Gesetzgeber der Israeliten und die Propheten in ihren im Alten Testament befindlichen heiligen Schriften über diesen Punkt dachten. Durch sorgfältig aus gewählte und mit Genauigkeit übersetzte Anführungen beweist Herr Dr. Kohut, daß die Bibel den Unterthanen anempsiehlt, dem Staatsoberhaupte zu gehorchen, nenne er sich König oder erster Beamter der Republik; ebenso wie sie den Staatsoberhäuptern anempfiehlt, von ihrer Macht maßvollen und einzig und allein zum Wohle der Völker Gebrauch zu machen. Die Bibel verlangt gleichfalls den Gehorsam gegen die mit der Ausführung der Gesetze beauftragten Behörden; sie verlangt noch ganz besonders, daß wer es auch sein mag und auf welche Stufe der gesellschaftlichen Macht er auch gestellt sei, sich vor der Majestät des Gesetzes mit Achtung beugen solle. In einer aufgeregten Zeit, wie diejenige ist/ in der wir jetzt leben, und wo für Viele die Gesetze nur dann Werth haben, wenn sie mit ihren Ideen, ihren politischen und religiösen Meinungen und auch mit ihren Leidenschaften übereinstimmen, ist es nützlich, daß man uns lehrt, daß das Buch, welches von den Anhängern aller bestehenden Religionen in Europa verehrt wird, woraus die geistigen Führer aller Confessionen ihre Eingebungen schöpfen, fordert, daß die Unterthanen den durch die Volksvertreter zu Stande gekommenen Gesetzen in demselben Maße wie den religiösen Gesetzen gehorchen und daß der Liebe Gottes die Liebe zum Vaterlande an die Seite gestellt werden muß." — Angesichts der französischen Eulturkampf-Debatte, die am 3. d. zu solch' interessanten dialektischen Kämpfen von hüben und drüben Anlaß gegeben, ist diese freimüthige Sprache des französischen liberalen Organs von doppeltem Interesse! — Außer der oben genannten Schrift werden auch die übrigeil Werke des Herrn Dr. Adolph Kohut von beit neuesten Pariser Blättern besprochen. So äußert sich z. B. das Journal „Archives Jsraelites" in Rr. 11 vom 1. d. Mts. über vier Werke Adolph Kohuts — „Unsere drei Dichterheroen und das Pfaffenthum," „Herder und die Humauitütsbestrebuugen der Neuzeit," „die Erlebnisse und Huldigungen des Herrn Cultusministers Dr. Falk während seines Aufenthaltes am Rhein," „Die goldenen Worte der Bibel" u. s. w. u. A. wie folgt: „Herr Dr. Kohut, zur Zeit Chefredacteur der „Düss. Ztg.", hat, obgleich erst 27 Jahre alt, bereits eine große Anzahl Werke verfaßt. Wir bitten unsere Leser um Erlaubuiß, sie einen Augenblick mit denjenigen, deren Titel oben bezeichnet ist, zu beschäftigen. Das erste ist eine Zusammenstellung alles Dessen, was Schiller, Göthe und Lessing gegen das Pfaffenthum geschrieben haben. Zu dieser interessanten Zusammenstellung hat der Verfasser eine scharfe Vorrede geschrieben, wovon er indessen einige Punkte, wenn er sie noch einmal machen sollte, verändern würde; denn man kann unmöglich mehr, ohne die Augen zu verschließen, das heutige Frankreich als den Vorkämpfer des Ultramontanismus bezeichnen. Herr Dr. Kohut liebt den Ultramontanismus nicht und mit sichtbarer Genugthuung verzeichnet er in seinem Buch: „Die Erlebnisse und Huldigungen" die Kundgebungen, deren Gegenstand der Cultusminister Preußens während seiner Reise durch die Rheinprovinz gewesen. Es wird nothwendig sein, dieses Werk zu Rathe zu ziehen, wenn man sich einen Begriff von dem Zustande der Anschauungen, die in Preußen über den Kampf zwischen Kirche und Staat obwalten, machen will. Wir lesen in der Schrift, daß Herr Dr. Falk in gewissen Städten auch die Synagogen besucht hat; es ist dies ein Fortschritt, den wir mit Genugthuung wahrnehmen. Die Israeliten in Deutschland sind mit den Anhängern anderer Confessionen noch nicht ganz gleichgestellt, indessen hat sich ihre Lage gebessert, und es ist jjü. vujj^jify - te vr-rwrrkrtr^roe»:, damit die letzten, durch 'ben Fanatismus aufgethürmten Schranken fallen sollen! Herder hat gegen die Unduldsamkeit gekämpft, und man liest mit ungeheurem Interesse die Aussprüche, welche Herr Kohut von dem berühmten Verfasser des „Geistes der hebräischen Poesie" citirt, und in welchen die Israeliten und ihre Religioir aufs Wärmste vertheidigt werden. Ungeachtet der Anstrengungen Herders und anderer berühmter Denker sind die Vorurtheile noch nicht erloschen. Man behauptet auch heute noch gern, daß es das Neue Testament sei, welches zuerst gelehrt habe, daß Gott für uns ein zärtlicher und erbarmungsvoller Vater sei, und daß die Menschen sich untereinander wie Brüder lieben sollen. Diese Vorurtheile sind es, die verschwinden müssen ZHerr Dr. Kohut hat dazu beigetragen, dieses Ziel zu erreichen und er schrieb „die goldenen Worte der Bibel." Mit Sorgfalt ausgewählte und mit Geschmack übersetzte Auszüge beweisen, daß die vernünftigsten Begriffe über Gott und über das Verhültniß, das zwischen ihm und den Geschöpfen besteht, sich schon im Alten Testament vorsinden, daß alle Tugenden bereits darin gelehrt werden, daß es uns den besten Wegweiser sür's Leben und die Tröstungen, deren wir im Unglück bedürfen, darbietet. Es ist ein ausgezeichnetes Buch, welches wir ganz besonders der Aufmerksamkeit unserer Leser empfehlen. Es wird wohl nicht überflüssig sein, hinzuzufügen, daß dieses Buch, so schön durch seinen Inhalt, „eines der reizendsten Prachtwerke durch seine schöne Ausstattung ist." Es ist ein hosinüngsvolles Zeichen für den endlichen Sieg des Liberalismus in allen Ländern, daß nunmehr auch die französische Presse, die mit dem Ultramontanismus so auffallend liebäugelte, sich von dieser düstern Partei energisch lossagt und derselben sogar den Krieg ankündigt. Das Gebäude des Clericalismus schwankt und wankt gar bedenklich, nur noch einige gewaltige Windstöße, und das einst so stolze Rom zerschellt am Felsen des Zeitgeistes, der Bildung und Humanität! fitcrarifdjre. Der Pentateuch, übersetzt und erläutert von S. R. Hirsch, Rabbiner der israelitischen Religionsgcsellschaft in Franksurt a, M. Z. Kauffmaun, Frankfurt a. M. . A Als Lessing mit seinem „Nathan" wie ein „Patriarch der Geistesfreiheit," ja als ein wie mit prophelischer Weihe begabter Verkünder der Humanität gegen alle Engherzigkeit und kastenartige Exclusivität eines gewissen Theologen-Kreises auftrat, wußte er seinem in das Triebwerk des gesellschaftlichen Lebens so bedeutungsvoll eingreifenden Werke keine bessere Devise zu geben, als das geflügelte Wort jenes alten Weisen: Introite . . . „Tretet ein, auch hier walten göttliche Wesen!" — Der Haßerfüllte, der wie ein „Teufelsankläger" auftretende Judenfeind, der blindlings Alles, was von Juden kommt, was von Juden wohlwollend spricht, Alles was von jüdischem Geiste zeugt, was aus jüdischen Herzensakt hinweist, blindlings verdammt und verbannt, blindlings aus dem Bereiche alles Bürgerthums, ja aller Urbanität ausgestoßen uud ausgestrichen wissen will — dieser Hasser und Hetzer trete ein, lajse dieses Drama vor seinem Geistesauge sich ausrollen, und sein umkrustetes Herz den Lichtstrahlen der hier aufgehenden Sonne reinen Menschenthums aussetzen, um seinen wahnbethörten Sinn — für Wahrheitsliebe, sein krankes Gemüth für gesunde Lebensanschauung uud sein ganzes, von Vorurtheilen krampfhaft eingeengtes Wesen für? vorurtheilssreien, nur Segenbringenden Brudersinn zu befähigen. — Einen ähnlichen Ruf möchten wir vorweg an alle Diejenigen richten, die vom Parteigeist irregeleitet oder vom' Preßbureau gegenseitiger Lob es Versicherung beeinflußt, nicht etwa mit purer Voreingenommenheit an obiges Werk gehen, sondern im Gegcntheil aus purer Voreingenommenheit gegen Alles, was nicht von der Redaction jenes Preßbureaus, des „unparteiischen Organs für alles jüdische Interesse" dringend empfohlen' wird, nicht daran zu gehen gedenken: „Tretet her, denn auch hier waltet ein guter Genius, ein freischaffender Geist mit einem' rein menschlich pulsirenden Herzen!" — Sonst dem negativen Pot des Nihilismus den positiven des traditionellen Judenthums entgegensetzend, und so den elektrischen Strom seiner Gott- und Weltanschauung auf unö einwirken zu lassen, sehen wir ihn in seinem Pentateuch-Commentar nicht mit den Batterien seiner Polemik arbetten; wir gewahren bier vielmehr einen der genialsten Deuter unserer Zeit in seinem ruhigen ForjuM au bu; ältesten uud heiligsten Urkunden des Menschengeschlechts, um hier die Höhen der Gottesidee des Judenlhums mit uns zu ersteigen, dort sich in die Tiefen des Völker- und Menschenlebens zu versenken und die verschlungenen, dunkeln Gänge darin, so viel wie nothwendig, zu erleuchten. Nehmen wir irgend einen der erschienenen vier Bände zur Hand, und überlassen wir uns für einen gewissen Ferngang seiner Führung, so wird sich uns vor Allem das Eine bald aufdrängeu, daß wir es hier mit einem selbstbewußten, überzeugungsstarken, das Lebcnsgebiet mit Kraftsülle umspannenden Führer zu thun haben, nie wir' dessen in den Wirrsalen und Zerfahrenheiten unserer Zeit wohl bedürfen, aber ihn selten finden. Hier finden wir keine Phrasen uud Pleonasmen, um den Commentar auszuöauschen uud als einen umfassenden erscheinen zu lassen, ebensowenig homiletische Anmerkungen für Theologen," eine Pastorale Sprache für die der „Tröstungen der Religion" Bedürftige oder gar deeor a tive Mittel, um, den Kunstsinn des Lehrers erschließend, ihn auch für das Kunstdrehwerk einerTextverbesserung zu gewinnen und ihm gleichsam eine Prämie für die geduldig zurückgelegte Wüsienreise zu bieten, wie es denkscheuen Lesern wohl auch hie und da willkommen sein mag; sondern der Freund des Denkens stößt hier auf eine Bibel- Exegese, die, auf die Hülfswissenschaften der Sprache und Geschäftsphilosophie gestützt, populär genug ist, um jeden gebildeten Leser zu fesseln und dengelehrten ahnen zu lassen, daß hier neue Bahnen in der Bibelforschung eröffnet werden. An den heiligen Urtext sich getreulich anlehnend, ergeht sich sonach unser Pentateuch-Commentar, bald eingehend etymologisch, bald halachischender religionsgesetzlich, bald naturwissenschaftlich, religions- oder geschichtsphisophisch, überall nothwendig anregend, durch den Geist auf das Herz einwirkend durch bedeutende Sprachgabe und Macht der Sprache interessirend, mit wissenschaftlichem Ernst auf das Sachliche eingehend und ein klares ruhiges Licht auf dunkle Partieen erbreitend und bietet derart eine erschöpfende Erklärung seines Gegenstandes, daß wir uns leicht mit dem Jdeenkreise des Commentators befreunden und selbst da, wo wir mit demselben nicht übereinstimmen zu können glauben, wir uns doch nicht ganz unbefriedigt oder gar entzweit von ihm

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