Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 2 (1876)
- Issue
- 26 (29.6.1876)
- Date
- 1876-06-29
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Vierteljäh p Abonnement: ) 2 M., Allsland vierteljährlich'vZ M. 50 Pf. '-..lgen nehmeb alle Postallstalten entgegen. Erscheint jeden Donnerstag. Inserate: Redacteur und Herausgeber Moritz Baunl in Cöln, Die PetitzeiLe oder deren Raum 10 Pfg. Wiederholungen mit Nrba Humboldtstraße Nr. 4. Inserate werden bis Montag erbeten. Expedition: Humboldtstraße 4. II. Jahraana. Cöln, 29. Juni 1876 M 26 Am 6. Iu li 1876 erscheint die erste Nummer des III. Quartals. Wir erlauben uns, die geehrteu Abonnenten darauf aufmerksam zu machell, daß ll a m e n t l i ch bei der Post dasMonnemeut frühzeitig erneuert werden muß, damit in der Versendung keine Unterbrechung Statt finde. Zur Bequemlichkeit liegt ein Bestellzettel anbei; wir erwähnen jedoch, daß für Bestellungen nach dem 1. Juli seitens der Postbehörden 10 Npfg. mehr als besondere Schreibgebühren erhoben werden. Leitartikel. Me Apione des Mejlens. Zur Abwehr der neuesten Juden- und Talmudhetze. Von Dr. H. Zirndorf. Proprium 63t goneris humani odisse quem laederis. Tacitus. (Fortsetzung.) II. Die folgenden Epochen werden durch die kleinlichen Nadelstiche der Plackerei in Satzung und Sonderrecht, der Beschränkung in Verkehr und.Gewerbe ausgefüllt. - Das Hochwild der europäischen Gesellschaft, „Jude" genannt, erfreute sich zuweilen einer kurzen Schonzeit, auf daß die vornehmen wie die geringeren Pöbelleidenfchaften hernach um so ungestörter ihr Treibjagcu an stellen können. Wir können eben keinen großen Ailfwand a'n Geist und erfinderischen Mitteln in dieser zweitausendjährigen Judenhetze der christlich-germanischen Welt entdecken. Es ist immer wieder das alte Stichwort, unter dessen Wiederhall mit wenig Witz und viel Behagen der süße Pöbel seinen periodischen St. Veitstanz durchzuwirbeln pfl gt. „Jude, Jude! so ertönte schon Börnes Zornruf. das ist der letzte rothe Heller aus der Sparbüchse ihres Witzes." Doch es liegt ja nicht in meiner Absicht, eine Geschichte des Judenhasses zu schreiben; nur ihre vornehmsten Stationen und Wandlungen will ich mit schnellen Pinselstrichen umreißen. Wir sind mittlerweile mit unseren Betrachtungen auf> fordern, weil wir physisches und geistiges Kapital genug dem bunten Weltmärkte der Neuheit gelandet. Ja tm Kampf eines halben Jahrhunderts um Gleichstellung, um Menschen- und Bürgerrechte, um freie Stellung im freien Staate ist gegenwärtig eine Art Nnhepunkt eingetreten. Unverstanden blieb dieser Kampf von allem Anfang an den augenverdrehenden Frommen und Stillen im Lande, ihnen, die ja stets die Allerletzten sind, das Schöne, das Wahre, das Echtmenschliche zu begreifen. Kann man es doch heute noch täglich in heiligen Magazinen und Erbauungsbüchern lesen, daß die Juden von Gotteszorn und Gottesrache schwer bedrückt, besitz- und länderlos unter den Menschen umherirren. Nun denn, unsere Bleichröder, unsere Nothschilde sollen sich bei diesem Gotteszorn gar nicht übel befinden: wohlgemerkt, das „unser" ist hier lediglich als ein Terminus der Speeles zu fassen; denn die Religionsgemeinschaft war noch nie eine Gemeinschaft der Güter, und diese Glücklichen verkehren auf der einsamen Höhe ihrer Villen und Schlösser meistens nur mit der nichtjüdischen Vortrefflichkeit des Geistes und der Kasse. Was aber unsere Armen und Darbenden betrifft, so gab ihnen der Gott zu der Bürde der Nothwendigkeit, was er vielen unserer Gegner und Verächter versagt hat: einen klaren Blick für den Beruf des Menschen und Bürgers, ziemlich viel Geduld und Lebenshumor und einen unversiegbaren optimistischen Glauben an das Gute, welches nach den edelsten Zeugnissen der Menschheit zu urtheilen, endlich siegen wird. Unglaublich aber wahr, es gibt auch arme Juden, trotzdem daß Alban Statt, dch 4er Pab.röHmrKLassi^ und Volks, wirthe von ähnlicher Fassungskraft'täglich in die Welt hinausschreien: „Die Juden haben das Geld!" Wie dem nun sei, reich oder arm, begabt oder belastet, beglückt oder enttäuscht, auf den Höhen oder Niederungen des Lebens, wir wollen nicht besser aber auch nicht schlechter sein als unsere Mitmenschen, und das eben ist der Schlüssel zu unserer Stellung innerhalb der großen Zeitfragen, das ist es eben, was Rom und seine Sachwalter niemals begreifen werden. Mit unserem ganzen Selbst sind wir in die Weiten der Menschheit eingetreten; wir haben ein Vaterland, weil wir den sittlichen Muth besitzen, Antheil an dasselbe zu mitbringen, uns nichts schenken zu lassen. Warum langweilet ihr uns und auch selbst mit dem Nationalitätsprinzipe, an das ihr in dieser Fassung selbst nicht glaubet? Ihr werdet damit nicht weit reichen, und euer geistesarmcr Haß wird unserer Sache Vernünftigkeit und Gerechtigkeit nicht besiegen. Wenn uns dieser Heimathsboden unserer Bestrebungen als ein süßeöst theures Heim willkommen ist, was geht es euch an? warum wollet ihr an unsere Genügsamkeit närgeln? Fraget doch die Zeugnisse der Geschichte, wer früher da war als Pionier europäischen Fleißes und wachsender Gesittung: der erobernde Germane, der gewandte Romane, der sremdblickende Sclave, oder die Handvoll bestverleumdeter Semiten. Allein ihr betrachtet den Juden auch jetzt noch mir Mißtrauen, und ihr wisset es ja selbst am besten, das böse Gewissen eurer Geschichte ist der einzige ersichtliche Grund für dieses Mißtrauen. So traget doch endlich dieses unpraktische Denken zu Grabe. Der Jude war nicht der einzige unterdrückte Stamm, der in euerer Mitte weilte. Ihr habt Schauspieler, Literaten, Ketzer, Bauern, Leibeigene, Schulmeister, Fabrikarbeiter, Ungarsklaven und endlich auch Zigeuner, — in den Geographiebücher mit uns aufs schmeichelhafteste zusammengepaart — ihr habt sie alle, wie das Bedürsniß herantrat - und die Frage spruchreif wurde — emancipiren müssen: und wären sie sämmtlich gleich böse und gleich gefährlich gewesen: der Ritterschlag der Befreiung — ein verpöntes Wort in euerem Wörterbuch — würde sie doch Alle geläutert und geedelt I babru. : .^ Wiederholetalso mit weniger Pathos die nagelneue Wahrheit, daß Jerusalem zerstört und daß kein Stein aus dem anderen geblieben ist. Selbst für die Osterpredigten einer Bonner Reichszeitung hat sich dieses Phrasenspiel längst abgenützt. Es ist überhaupt hohe Zeit, daß ihr neue Stichwörter, einen neuen Redeapparat erfindet, neue Gedankenbilder ins Gefecht führt; denn was ihr vom christlichen Staate und christlicher Vollkommenheit uns zu sagen habet, das läßt die Welt im Ganzen und Großen unendlich kalt. Die Oesfentlichkeit erhebt überhaupt Ansprüche, welche euere Traktütleinsprache bei weiten: nicht befriedigen kann; Feuilleton Ein Jom Kipur i» Milchen. Erzähtt von S.'Kohn, Verfasser des Gabriel. Fortsetzung. Wo Stocknach eifrig gesäet, konnte sein Schwager- Pater Eusebius leicht ernten, und so konnte es dem Letzern gelingen, dem Kurfürsten im Beichtstühle das Versprechen abzunehmen, die Juden aus Bayern zu vertreiben. Ihr kennt Rabbi, den eigenthümlichen Charakter unseres Fürsten. Mißtrauisch gegen Fremde, besitzt er unumschränktes Vertrauen gegen jene, die er liebgewonnen, und zu diesen zählen leider der Sekretär und der Beichtvater. Leicht erregbarläßt er sich, während er manchmal in ungeheuerer Zähigkeit an einer vorgefaßten Meinung sesthält, in Momenten der Aufregung zu allem Erdenklichen bestimmen. — Zu den besonderen Eigenthümlichkeiten des Knrfür sten gehört auch, daß er eigentlich ein entschiedener Judenfeind ist, in mir nur eine Ausnahme sieht, und blos mir zu Liebe Nachsicht zu übeu glaubt, wo er nur gerecht handelt. Er will gerecht sein, aber seine Anschauungen sind nicht richtig, er ist Despot, ohne es zu wissen, gewiß, ohne es zu wollen. Es hätte mir unter normalen Verhältnissen, bei dem leicht geweckten Nechtlichkeitsgesühl des Fürsten keine Schwierigkeiten geboten, seinen Entschluß rückgängig zu machen, aber er war durch ein Versprechen gebunden — und obwohl der Fürst selbst eingestandenermaßen seine Uebereilung bereute, lag es denn doch nur in der Hand seines Beichtvaters, ihn unaufgefordert seines Versprechens zu entbinden. Ich sann lange vergeblich darüber nach, in welcher Weise eine günstige Lösung herbeige führt werden sollte, endlich entwarf ich einen Plan, der auch vollständig gelang. Der Kurfürst hatte dem Geheimsekretär sein Bedauern über das vorschnell gegebene Versprechen ausgedrückt, und erklärt, fein Wort vom Beichtvater nicht zurückzusordern. Dieser erfuhr durch seinen Schwager den Stand der Dinge. Ich zähle unter meinen Freunden bei Hofe auch einflußreiche Personen, die in intimen Verkehr mit dem Puter Eusebius stehen, und ich veranlaßte einen derselben, ihm unter der Maske der Freundschaft zu rathen, dem Kurfürsten sich gefällig zu zeigen, und ihn seines Wortes zu entbinden, aber bei dieser Gelegenheit mir irgend einen schweren, vielleicht vernichtenden Schlag zu versetzen. Der Beichtvater, der in erster Linie mich treffen wollte, ging in blinder Wuth auf diesen Plan ein, und der Kurfürst sagte mir vor einigen Tagen, der Stocknach habe sich illls Mittel gelegt, die Sache werde zu Gunsten meiner Glaubensgenossen beigelegt, aber ich werde mich zu einem großen Opfer entschließen müssen, zu welchem, wisse er selbst noch nicht. Ich erkannte sofort den Zusammenhang, der Pater hatte das Wort des Fürsten, und er durfte Bedingungen stellen; da er wußte, daß das Wort Marmilian Josef unverbrüchlich sei. Ich glaubte, daß man mit hohen materiellen Forderungen, etwa zu Gunsten kirchlicher Zwecke an mich herantreten würde, — aber heute empfing ich dieses kurfürstliche Handschreiben — lest es, prüft es, und sagt mir, was ich zu thun habe. — Es ist dies die härteste Probe, die Gott mir, dem glaubenstreuen Juden, auferlegt. — Aber Abraham hat seinen Sohn Jsak dem Höchsten zum Ofer bringen wollen — Daniel lieh sich in die Löwengrube werfen — auch mir soll für meine Glaubensbrüder kein Opfer zu schwer sein — wenn ich es nur bringen darf. Dies zu entscheiden vermag ich nicht. — Entscheidet Ihr, Euch will ich gehorchen!" Der Rabbi überflog das kurfürstliche Handschreiben. Einen Augenblick überzog Leichenblässe sein Antlitz, zwei große Thränen flössen über seine Wangen, er legte segnend seine Hände auf Eichthal's Haupt. „Gott segne Dich, und erleuchte mich! — Komme morgen Nachts wieder, ich werde mit Gottes Hilfe das Rechte gefunden haben." IV. Und es war Jom Kipur! Die Münchner Synagoge war vollgedrüngt von Gläubigen. Ein Bethaus am Versöhnungstage bot zu jener Zeit einen eigenthümlichen Anblick. Alle verheirateten Männer waren mit weißen Sterbegewänder gekleidet, und in ihren Talesim eingehüllt. An dem Almemor, mitten in der Synagoge, brannten dicke weiße und gelbe Wachskerzen. Obenan neben der heiligen Lade stand der Rabbiner, neben ihm der Hofbanqier Eichthal. Die Stimmung der versammelten Beter war heute eine eigenartige. Neben den heiligen Festtagsgefühlen, welche den gläubigen Juden an diesem Tage in so hohem Grade beseelen, waren die Gemüther auch anderseits in die höchste Spannung versetzt worden. (Fors. folgt.)