Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 2 (1876)
- Issue
- 23 (8.6.1876)
- Date
- 1876-06-08
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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In dem Maße, wie jeder Mensch den innigsten Wunsch im Herzen tragt, von seinen Mitmenschen geliebt, d. h. menschenfreundlich und menschenwürdig behandelt zu werden, in demselben Maße muß es aber auch das Bestreben des Menschen sein, sich dieser Liebe würdig zu zeigen. Und wodurch anders könnte der Mensch die Erfüllung dieses Wunsches am schnellsten und vollkommensten herbeiführen, als durch sein liebevolles Betragen gegen den Nächsten. -pDD "jsnb ronKi Nicht verlangt dieses Gebot von uns, daß wir Jedem um den Hals fallen, ihn lieben und küssen das nicht mein l. Leser, die Person kömmt hierbei nicht in Betracht, sondern -,71- (das Besitzanziehende h) liebe das, was deinem Nächsten ist, liebe seinen Charakter, ehre seine guten Eigenschaften und suche, ihm zu Liebe und zu Nutz, die schlechten Eigenschaften, wenn er solche hat, und gewiß besitzt er solche, denn kein Mensch ist „vollkommen gut"; ihm zu nehmen. mir kann die ganze Menschheit der Vollkommenheit näher gebracht werden. Den Nebenmenschen also dem Göttlichen nähern, ihn für alles Gute, Wahre, Rechte und Nützliche empfänglich machen, das ist ein großes Stück des Satzes: -pDD -nb ransi Ein anderer Theil ist, den Nächsten gleichsam als ein Theil seines eigenen „Jch's" zu betrachten. Dahin gehört besonders, den Nächsten von jeder drohenden Gefahr zu erretten, ihm in der Noth hülfreiche Hand zu leisten und sein Leid und seinen Schmerz zu lindern. Zur Genüge ist dies Alles uns im 3 Buch M. Cap. 19 geboten. Durch die Befolgung dieser Satzungen können und werden wir auch diesen Menschen-Frieden auf die ganze Natur erstrecken und es wird sich erfüllen, was Jesaia Cap. 11 Vers 6—10 verheißen ist. Dann wird sich auch erfüllen der Satz: ins iMi irus 'n nvv Kinn ovn Zlltilngsimchrichtrn imd lorrtspnknp. Deutschland. KM. Ende Mai. Das vielbesprochene „Gesetz, betreffend den Austritt aus den Syn a g 0 g e n g e m e i n d e n" ist nach r a f ch auf einander gefolgter dreimaliger Lchwg im preußDcherr Ab gLvrdne^üyc.use angenommen worden. Bier Redner traten auf, welche die verschiedenen Ansichten über dieses Gesetz repräsentirten. Es waren dies die^ Herren Marburg, v. Sy b el, Laster und j Hirsch. Die Verhandlungen, in fast allen öffent> liehen Blättern mit größerer oder geringerer Ausführlichkeit enthalten, als bekannt voraussetzend, beschränken wir uns darauf, den Wortlaut des Gesetzes, sobald dasselbe gesetzliche Kraft erlangt in einer besonderen Beilage unfern Lesern mitzutheilen. Köln. Am zweiten Tage des Schowuoth-Festes, fand in unserer Synagoge zum ersten Male eine, auf Vorschlag unsres Rabbiners Dr. Frank von den Gemeinde-Collegien genehmigte, „Todtenfeier" statt, die künftig am Versöhnungstage, am achten Tage des Peßachsestes, am Schlußfeste und am zweiten Tage des Wochenfestes, wie dies schon in den meisten Gemeinden- Deutschlands der Fall ist, regelmäßig wiederkehren soll. Nach unserer Wahrnehmung brachte diese Feier eine tiefe, andächtige Stimmung bei den Besuchern der überfüllten Synagoge hervor. Tie Chorgesänge waren passend gewählt und wurden mit seltener P r ä c i s i 0 n und wahrer Empfindung vorgetragen; es lag eine höhere Weihe über der zahlreichen Versammlung und es herrschte eine feierliche Ruhe bis das letzte Amen verklungen war. — Wir begrüßen die Einführung dieser „Todtenfeier" in unfern Gottesdienst als ein die Erhebung und Andacht förderndes Moment. Die Predigt am ersten Tage behandelte vor einem zahlreich angesammelten Publicum die Worte in trefflichster Weise; sie erläuterte die Doppelpflicht des Israeliten, die Gebote Gottes zu üben — 712^2 — und ihre Bedeutung zu erforschen, sie zu verstehen — —, zeigte, wie beide Momente, That und Verständniß sich durchdringen und ergänzen müssen. „Tie That ist die Frucht an dem sittlichen und religiösen „Lebensbaum des Menschen, die Gedanken sind die Blätter „an demselben, und sowie die Blätter die Frucht schützen, „so sollen auch die Gedanken dr: That davor bewahren, „daß sie. kein leeres Werk äileib'." Besonders wies die Predigt darauf hin, daß ma-' mit der Ausübung der Gottesgebote nicht warten solle, llls n.an sich von ihrer Nützlichkeit, Zweckmäßigkeit überzeugt habe, sondern im Vertrauen auf Gott, der mit der ( rtheilung der Gotteslehre der Menschen irdisches und e Ms Wohl bezweckte, solle der Israelit in Demuth und Bc chewenheit, ohne allzugroßes Selbstvertrauen auf seine eigne Vernunft, dem Gottesworte gehorsamen Sinn entgegenbrurgen. Die, eine Stunde lang währende und durch treffende Mid:aschstellen beleuchtete, Predigtreihte sich den Vorangegangcnm würdig an, und wir hörten viele Bemerkungen des Beifalls and der Bewunderung.— Zu diesen Tagen wurden dem hiesigen „Jsr. Asyl für Kranke und Altersschwache" von einem edlen Geber, der seinen Namen nicht genannt ^aüen will, 6000 Mark zur Stiftung eines Krankenbettes überwiesen. der letzten Hälfte des vorigen Monats stattgesundenen Abge^ ordneten-Wahlen zum Provinzial-Landtag für den Verband der Städte der Kreise Schneidemühl und Charnikau und für den Verband der Städte der Kreise Samter, Obornik, Buckund des Landkreises Posen sind zwei Juden gewählt worden sind. Der erste Verband wählte nämlich den Dr. med. Davidsohn aus Schneidemühl, der andre den Kaufmann Hermann Wolfsohn in Neustadt bei Pinne, so daß sich im Provinziallandtag nunmehr fünf Abgeordneten jüdischen Bekenntnisses befinden. — Ebenso wurde bei der am 15. dieses Monats zu Filehne abgehaltenen Stadtverordnetenwahl ein Mann jüdischer Confesfion, der Kaufmann Mayer E. Struck, gewählt. Es befinden sich nun mit Einschluß dieses neu gewählten Herren unter den neun Männern, denen das Wohl der Stadt Filehne anvertraut ist, vier Juden. W. I. B . . . . r Köln. Als ein Beweis f -mimen, religiösen Gehalts unserer Gemeinde möge hervo.'gehoben werden, daß an dem verflossenen r\)V^ Abend, wie es von jeher Brauch ist, an 4 bis 5 Orten gelernt wurde, und die Versammlungen zahlrekcher als in den anderen. Jahren besucht waren. Auch der Besuch des Gottesdienstes war an den verflossenen Festtagen ein außerordentlich zahlreicher. Die Hauptfynagoge war überfüllt und konnte die Anzahl der Besucher kaum fassen; außerdem wird noch an drei andern Stellen Gottesdienst abgehalten, der ebenfalls, dem Raum entsprechend, viele Theilnehmer hatten. Durch Pen ununterbrochenen Zuzug aus der Umgebung wächst die Gemeinde zusehends, und schon jetzt werden Stimmen nachdemBedürfniß einem neuen sehr großen Gotteshause laut. Ferner theilen wir mit, daß auch der Herr Rabbiner Dl Frank in seinem Hause einen Talmud Schiur Abends angeführt hat, in welchem mit einigen tüchtigen Talmudgelehrten unserer Gemeinde, die sich an einem ähnlichen Schiur bei dem sel. Dr. Schwarz - betheiligten, mDJ und gelernt wird. Köln. Vergangene Woche begab sich eine Commission bestehend aus Mitglieder des Vorstandes der Repräsentanten der Beerdigungscommisfion sanier dem Herrn Rabbiner und dem Vorsteher von Deutz, H nach Deutz, um daselbst eine c rrn Dülken, zum Friedhof -.'eignete Stelle ausfindig zu machen, zur Errichtung einer Fmedhofsballe, an welcher seit Jahren, befond-rsK MMstM Witterung, Bedürfniß ist. Man einigte sich, dieselbe an der Stelle aufzurichten, wo bereits ein provisorisches Wächterhaus steht. Auf Veranlassung des Herrn Dülken, wurde von einem Zimmermeister in Deutz ein Plan ausgearbeilet, der demnächst dem Plenum der Commission zur Berathung vorgelegt werden wird. Wir hoffen, daß in nicht langer Zeit, noch vordem Eintritt der ungünstigen Jahreszeit, die Halle ihrer Bestimmung wird übergeben werden können. Aus Württemberg. Nach dem Ergebnisse der Volkszählung vom I.Dec. 1875 zählt Württemberg 6432 männz liche und 6449 weibliche, zusammen 12,881 Israeliten oder j 0,68 pEt. der Gesammtbeoölkerung. Verglichen mit der j Zählung von 1871 hat die evang. Bevölkerung um 3,8, die katholische um 2,5, die der Israeliten um 5,2 pEt. zugenommen. Die Zahl der Israeliten hat sich also in ziemlich stärkerem Verhältnisse als die Gesammtbeoölkerung vermehrt. Die Residenzstadt Stuttgart hat unter 107,000 Einwohnern 2318 Israeliten. — In La up he im verstarb am 10 Mai d. I. der pensionirte israel. Lehrer Tannenbaum. Derselbe wurde im August 1790 in Mergentheim im Stammhause Ludwig Börne's, dessen naher Verwandter er war, geboren und lebte j dort mehrere Jahre mit Börne gemeinschaftlich, auch später in j Frankfurt a. M. Die Börne'sche Familie entstammte aus i Oedheim, Oberamts Neckarsulm, und siedelte nach Mergentheim über, wo Jakob Börne Finanzagent des Deutschmeisters wurde. Mit diesem Lehrer-Nestor ist der letzte Sprößling eines Nebenzweigs der Börne'schen Familie in Württemberg zu Grabe getragen worden. — Die durch die württ. Synagogenordnung von 1831 hergestellte Gleichmäßigkeit in der Gotteödienstordnung besteht seit der Einweihung der Stuttgarter Synagoge nicht mehr. Wir haben nun in Württemberg dreierlei Gebet- Ordnungen, in der Mehrzahl der Gemeinden die alte, in Stuttgart, Ulm, Buchau, Göppingen, Kcaisheim die Stuttgarter und in Rottweil und Buttenhausen die Geiger'sch e Gebetordnung. B. ch. r. Aus der Provinz Posen, 22. Mai 1876. In der Provinz Posen mehren sich die Wahlen von Juden zu öffentlichen Ehrenämtern von Tag zu Tag. Bei den in Kerlin. Die „Trib." enthält folgende Mitteilung über eine dieser Tage von dem Vorstande der jüd. Gemeinde entdeckte ruchlose Veruntreuung. Das genannte Blatt schreibt: „Nach beendigter Eeremonie, welche auf dem Friedhofe der betreffenden Gemeinde bei Beerdigungen beobachtet werden muß, tritt an jeden Einzelnen aus dem Trauergefolge der mit der Einsegnung der Leiche betraute Cultusbeamte mit einer verschlossenen Büchse heran, in welche man eine Gabe für die Armen zu legen pflegt. Seit mehreren Jahren hatte der betreffende Beamte die vorgeschriebenen Gebete declamirt und, nachdem sich das Grab über dem Sarge geschlossen, den Obolus für die Armen eingesammelt. Bald darauf pflegte er sich dann in der Wohnung des ihm Vorgesetzten Gemeinde-Vorstands-Mitgliedes einzufinden und die verschlossene Büchse abzuliefern. — Seit einiger Zeit nun war es dem inWede stehenden Vorsteher aufgefallen, daß die Kirchhofsspenden in Widerspruch zu dem bei der israel. Gemeinde sehr regen Wohlthätigkeitssinn wesentlich spärlicher flössen, ja zu den früheren Resultaten in gar keinem Verhältniß standen. Er beschloß der Sache auf den Grund zn kommen. Vor einigen Tagen wurde ein Kaufmann beerdigt; der betr. Vorsteher hatte vorher 50 harte Thaler die er mit einem Zeichen versah, vertheilen lassen und dafür gesorgt, daß sie sämmtlich nach beendigter Ceremonie in die Armenbüchse geworfen wurden. Wie immer erschien bei ihm schon nach kurzer ZW der fromme wiami imo überreichte die verschlossene Büchse. Der Vorst, öffnete und fand nur einige dreißig der gezeichneten, Thaler vor. Natürlich sagte er dem ihm gegenüberstehenden Manne auf den Kopf zu, derselbe habe die Armen bestohlen. Anfänglich versuchte der Biedermann zu leugnen; aber angesichts eines so überführenden Beweises bequemte er sich doch zu dem Bekenntniß, daß er schon seit Jahren einen Nachschlüssel benutzt und auf diese Weise stets eine Tantieme von den Armen und Hülfs losen erhoben habe. Kein Wunder, daß der ausreichend besoldete Mann, der früher Lehrer in Märk. Friedland war> so manche Summe auf seine Hypotheken ausgeliehen hat. Kerlin, 21. Mai. Wie aus einer dem „Journal des Dcbats" entnommenen und in Nummer 119 von Sonnabend den 20. Mai des deutschen Reichs- und königl.-preußischen Staatsanzeigers mitgetheilten Depesche, welche die tunesische Negierung an den General-Consul Frankreichs gerichtet hat, hervorgeht, ist am Freitag den 5. Mai in dem Bazar zu Tunis ein Israelit von einem Muhamedaner ermordet ''worden. Der Thäter wurde verhaftet. In Folge dieses Mordes verbreitete sich eine große Aufregung unter der jüdischen Bevölkerung, die der tunesischen Regierung bedenklich erschien. W. I. B . . . . r. Gesterrkich-Nnzar». Das Wiener Amtsblatt veröffentlichte eine Verordnung des Cultusministers, wonach die sämmtlichen Lehrer und Lehrerinen an den Volks- und Bürgerschulen angewiesen werden die Lehrstände derart zu vertheilen, daß auf Samstag weder Schreiben noch sonst eine körperliche Arbeit falle. Ja, dort Oben wird die Religions- und Gewissensfreiheit eben anders alsj in dir Sanctionirung der Religionszerfahren- und Zerrissenheit bekundet. In Wallachisch-Mezerits (Mähren) gerieth am 3. dieses ein christliches Mädchen in momentanem Verlust, da Selbes aber früher bei dem dortigen jüdischen Gastwirth gesehen wurde, so erschien die Mutter des betreffenden Mädchens in Begleitung von Gensdarmes, um eine Haussuchung bet dem Juden vorzunehmen. Zum Glücke kam die Gesuchte des Morgens zurück, denn sie hatte nämlich der Tante einen Besuch abgestattet. Und da spricht man noch von eineus gebildeten Volkes