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Der israelitische Bote · 1876-06-08 · 23 (8.6.1876) · p. [Seite 4]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
2 (1876)
Issue
23 (8.6.1876)
Date
1876-06-08
Page
[Seite 4] (sequence 4)
Language
German
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Aus Böhmen, 20. Mai. Heute frühe gegen 8 Uhr brach rine fürchterliche Feuersbrunst aus in dem deutsch-böhmischen Städtchen Neustadtl unweit Marienbad. Die Flammen, non starkem Ostwinde angeweht, verbreiteten sich mit reißender Schnelligkeit; Haus um Haus flackerte empor, und da die vom Winde getragenen Feuerflocken und Brände in den Schindel- und Strohdächern nur zu entzündbare Objecte fanden, so brannten oft vom Herde des Feuers entferntere Häuser lichterloh, bevor man an Rettung denken konnte. Dieser Umstand, sowie der empfindliche Wassermangel, vereitelte die regsten Anstrengungen zum Löschen. Die Pfarrkirche und eine Annex-Kirche, ebenso das Pfarrhaus, das ganze Judenviertel kurz, nach geringster Schätzung %, nach Anderen gar des Städtchens sind abgebrannt; die Beschädigten haben meistens nur das nackte Leben gerettet, da das Feuer zu schnell um sich griff. Wir haben hier ein Brand-Unglück, dessen Proportionen weit über den Brand von Hamburg hin aus greifen, denn von dieser Stadt verbrannte ja kaum \/Der edle Fürst Karl von Löwenstein, zu dessen böhmischen Herrschaften das Städtchen Neustadl gehört, und der eben zum Glücke im nahen Haid restdirt, schickte alsbald Nachmittags eine große Fuhre Brod an die Verunglückten und bereitet andere großmüthige Gaben vor. Nasche und ausgiebige Hilfe ist den Aermsten zu gönnen; da gerade viele Israeliten unter den Beschädigten besonders sich befinden. Wir sind gern bereit, Gaben für die Unglücklichen entgegenzunehmen, sie an ihren Bestimmungsort zu befördern und die Quittungen in diesem Blatte zu veröffentlichen. Wie wir unterrichtet, wäre hier ein Verein unter dem Namen t&Hn" im Entstehen begriffen, der Förderung ungarisch-jüdischer Cultur zum Ziele hätte. U. I. (Ned.) Großbritannien London. Auf das in Nr. 14/15 mitgetheilte Rundschreiben des Dr. Engelbert in Betreff der Schechitah hat sich der Chef-Nabbi an den Professor Zohn Gamgee, eine Autorität in der Thierarzneikunde, gewendet und von diesem folgendes, im „ Jew. Ehr." mitgetheilte Gutachten erhalten : „Ich kenne die Boutrole und alle anderen für das Lödten des Schlachtviehes anempfohlenen Systeme sehr gut, ich bleibe jedoch bei meinem d. d. 20. Januar 1876 abgegebenen Votum stehen, daß die jüdische Schlachtmethode ebenso schmerzlos und wenigstens ebensogut ist, als irgend eine andere in England oder sonstwo übliche!" London, im Mai. Laut einer der Redaction in diesen Tagen eingesandten Zuschrift der „Anglo-Jewish Association" ist das Memorial derselben betreffs Aufhebung aller früheren die Ausübung des jüdischen Cultus in Spanien untersagenden Gesetze, von dem BaronLionel v. Rothschild dem Ministerpräsidenten in Madrid überreicht worden. Derselbe versprach in entgegenkommender Weise, das Memorial Sr. Majestät dem Könige zu unterbreiten. Abschriften der erwähnten die wichtige Angelegenheit in eingehenster und umfassendster Weise erörternden Eingabe wurden zu gleicher Zeit dem Botschafter Spaniens am Hofe von St. »James und dem Staatssecretär des Aeußern, Carl v. Derby, zugesandt, welcher letztere eine Abschrift derselben an Ihre Majestät Minister zu Madrid übermittelte. Die oben genannte Gesellschaft, welche nicht allein die Interessen der israelitischen Bevölkerung Großbritaniens mit Eifer und warmer Hingebung vertritt, sondern auch ihre edle und wohlwollende Wirksamkeit in ersprießlicher Weise nach den entferntesten Welttheilen hin ausdehnt, erhielt vor Kurzem den betrübenden Bericht über eine von einem Mohamedaner an einem Juden, Namens Abraham Nataf in Sfax in Tunis, verübten Mord. Obwohl der Schuldige mit seinen Complicen in Haft genommen und in die Hauptstadt der Regentschaft transportirt wurde, sandte die „Association", nach über diese Angelegenheit mit. kr „Alliance" geführten Correspondenz, an die Negierung Ihrer Majestät eine Eingabe mit dem Ersuchen, dem Vertreter Englands in Tunis aufgeben zu wollen, den bevorstehenden Proceß mit Aufmerksamkeit zu verfolgen. Rumänien. Bukarest. Der Judenhaß rumänischer Blätter zeichnet sich, obgleich die Presse verschiedener Länder in diesem Artikel recht starke Proben liefert, doch noch durch ganz besondere Toures de force aus. So greift der „Nomanula„ nach Ealisornien und China hinüber, um Anhaltspunkte für Judenhetze zu sinden. Tie Gesetzgebung Californiens, sagt er, hat Maßregeln gegen die Einwanderung kranker, blödsinniger, taubstummer u. s. w. Chinesen ergriffen — warum wehren wir nicht die Einwanderung des „jüdischdeutschen: Proletariats" in Rumänien? — Hierauf entgegnen ein Jude: „Ihr schließt ja die Juden überhaupt aus, und wäre es ein Rothschild oder Camondo. Ihr schließt sie nicht aus, weil sie dem Staate zur Last fallen könnten, sondern im Gegentheil, weil sie fleißig und intelligent sind. Wie könnt ihr von stldischem Proletariat reden? seht ihr denn Juden überall ans der Straße euch anbetteln, geben nicht die Juden überall den Armen ohne Unterschied der Confession? — Diese Entgegnung, aus der wir hier nur den Hauptinhalt gegeben haben, hat jedoch im „Romanula" keine Aufnahme gefunden. (Nach Arch. Jsr.) lifrkd. Lonstaütiuopel. Bakur Esfendi Aschkenasi, ein Israelit, ist zum Mitglied des obersten Gerichtshofes der Türkei ernannt worden. (Jew. Ehr.) Tunis. Auf Vorschlag seines Vicepräsidenten H. L. Elmilik hat das Bezirkscormte von Tunis den Ankauf eines, im Mittelpunkte der Stadt belegenen, großen Gebäudes beschlossen, um dasselbe zum Schulhause einzurichten, und hat mit Ausführung dieser Maßnahme 4 Mitglieder beauftrkgt. Auch hat H. Elmilik bei Sr. Ex. dem Premierminister durchgesetzt, daß H. Elie Semama zum offiziellen Vertreter der tunesischen Negierung für diese Angelegenheit ernannt worden ist. Samarost. Die unter der Direction einer jungen deutschen Lehrerin provisorisch.eröffnete Mädchenschule wird von mehr als 100 Zöglinge besucht werden können, wird aber gegenwärtig erst von 35, worunter nur 10 zahlende, besucht das Schulgeld beträgt 550 Fr. p. a. gegen eine Ausgabesumme von 1500 Fr. (Gewalt der Lehrerin 800 Fr., 1 Hebr.-Lehrer 400 Fr., Schulmaterial für arme Zöglinge 150 Fr., allgemeine Kosten 150 Fr.); das Deficit von950 Fr. soll durch eine Subvention der Alliance gedeckt werden. H. Daffa würde, da die Lehrerin sich nur mit dem Unterricht in weiblichen Handarbeiten befassen könnte, unentgeltlich den Unterricht im Rechnen und Französischen übernehmen. Aß'«. Aleppo. Die von H^H. Ritter M. v. Picciotto, General- Consul von Oesterreich-Ungarw und dessen Bruder, Schulinspector Jllel und Picciotto, haben bei dem Besuch, den sie neulich der dortigen Schule gemacht, die Zöglinge in den meisten Unterrichtsgegenständen geprüft und sich über das Resultat dieser Prüfung befriedigt gezeigt. — Die Alliance und die Gemeinde von Aleppo haben soeben durch den am 19. Febr. erfolgter: Tod des dortigen Consuls des deutschen Reiches, H. R. I. Picciotto, Präsidenten des Localcomites und der Schulcommission, einen großen Verlust erfahren; der Verstorbene, der von der ganzen Bevölkerung bedauert wird, war Jedermann: stets zu Diensten und eines der geachtetsten Mitglieder der Gemeinde. Nkmischtks. Die Zahl der in ganz Europa lebenden Juden wird auf ungefähr 5 (fünf) Millionen geschätzt, wovon die Hälfte allein auf Rußland-Polen kommt, 1,376,000 auf Oesterreich- Ungarn und 512,000 auf das deutsche Reich. In Rumänien leben 208,000, in den Niederlanden 68,000, inGroßbritanien 46,000, in Frankreich 45,000, in Italien 36,000, in der Schweiz 7000, in Spanien 5000 rc. Im Sommerhalbjahr 1875 wurden die 228 Gymnasien des preußischen Staates von 66,029 Schülern der Gymnasial- und 9719 der Vorschulclassen, zusammen von 75,748 besucht. Davon waren auf den Gymnasien 45,114 evangelisch, 14,651 katholisch, 11 dissidentisch, 6253 jüdisch; in den Vorschulen 7736 evangelisch, t858 katholisch, kein dissident, 1125 jüdisch. Ein moderner Graf von Gleichen. Im Gou vernement Kowno, in einem Städtchen an der kurländischen Grenze, verheiratete sich vor mehreren Jahren, so erzählt die „Trib.", ein armer Schneider mosaischen Glaubens mit einem Mädchen, welches der Jahre 10 mehr zählte als er. Schon nach Jahresfrist kam der Mann auf die Idee, nach Königsberg überzusiedeln, wohin er auch behufs Vorbereitung reiste, die Frau in gesegneten Umständen zurücklassend. Vergebens wartete diese Monate lang auf die Zurückkünft ihres Mannes und mußte, da sie gar keine Nachrichten von ihm erhielt, annchmen, daß derselbe ^verunglückt sei. Ein Zufall ließ sie jedoch vor einiger Zeit entdecken, daß der ungetreue Gatte neue Bande geschlossen, und zwar noch auf russischem Gebiete ein siebzehnjähriges Mädchen geheirathet dann nach Berlin gegangen sei und sich in der Rathhausstraße häuslich niedergelassen hatte. Die Verlassene machte sich auf den Weg und traf auch in den ersten Tagen dieses Monats hier ein. Natürlich war die Freude des Wiedersehens seitens des Gatten nicht groß, das Erstaunen seiner jungen Frau aber noch größer, als sie die niegeahnte Rivalin kennen lernte. I. — so heißt der Schneider, — wollte aber um keinen Preis auf einen neuen Tausch eingehen, und so wandte sich [bie Verlassene an den russischen. Gesandten um Hülfe in ihrer Noth, wurde aber von diesem mit dem Bescheide zurückgewiesen, hier in der Sache nichts thun zu können, da das Vergehen der Bigamie auf russischem Gebiete begangen sei, und er dieserhalb auch das Einschreiten der hiesigen Behörden nicht beantragen könne Aus diesem Dilemma wurden endlich beide klagende Theile durch die Intervention eines hier wohnenden Landsmannes gerissen, der dahin vermittelte, daß I. seiner Frau für sie und ihr Kind eine sogenannteVerzichtleistungSsumme zahlte Beide Parteien — die übrigens hier, wie der Graf von Gleichen mit seinen beiden Frauen, zusammen wohnten — trennten sich in voriger Woche, und während die erste Fran mit einem Vermögen von 1200 polnischen Gulden (a 50 Pfennige) in die ferne Heimath zurückkehrte — und zwar geschieden von ihrem Manne — sucht dieser mit seiner ihm nunmehr rechtmäßig gehörenden jungen Frau jenseits des Ozeans, auf welchem er heute noch schaukelt, eine neue- Heimath. Berlin. Ein seltener Gast weilt gegenwärtig in unseren Mauern, nämlich ein junger Rabbiner aus Jerusalem, dessen etwas abenteuerliche Reise hierher Zeugniß. davon ablegt, wie schwer es ist, sich im Orient einigermaßen richtige Vorstellungen von unseren Verhältnissen zu. machen. Der junge Man:: leidet an den Augen und begab sich von seiner Heimat Jerusalem mit 400 Thlr. nach . Wien, um sich dort einer Operation zu unterwerfen. Du die Operation nicht sobald vollzogen werden konnte, so schmolzen die 400 Thlr. bald zusammen und der Rabbiner war in Verlegenheit. Da hörte er, daß in Berlin ein Je-- rusalemitaner anwesend sei, setzte sich mit dem letztu Rest seiner Baarschaft auf die Bahn und kam hier glücklich ohne einen Pfennig Geld an. Dazu konnte er sich auf dem Bahnhof mit Niemand verständigen. Mau hielt, ihn indeß seiner nationalen Kleidung wegen für einen Griechen und führte ihn zu dem in der Nähe wohnenden Schulvorsteher Oberlehrer Dr. Döbbelin, der mehrere junge- Griechen in Pension hat. Hier brachte n:an nun allere dings heraus, was zu wissen nöthig war; allein der junge- Mann war krank und hilflos und befindet sich noch heute in dem gastlichen Hause. Er spricht einige Worte deutsch und sagt z. B.: Bei uns, Schlafen, Essen, Trinken, nix- Geld. Der gesuchte Jerusalemitaner ist nicht zu finden,, sind man bemüht sich daher, zunächst die nöthigen Geldmittel zu beschaffen, damit der junge Mann, der auch brustkrank zu sein scheint, zunächst in Wien feine Gesundheit wiedergewinnen könne. Der hiesige türkische Gesandte hat: sich geweigert, etwas für ihn zu thun. Nachträglich erfahr ren wir Folgendes über diesen Fall. Der junge Rabbiner" wurde in der türkischen Gesandtschaft sehr freundlich empfangen, aber man bat, da es Sache des Konsulats wäre sich seiner anzunehmen, daß man ihn dahin führen möchte: Der Konsul versagte jede Unterstützung mit der Entschul--- digung, daß die Türkei sich in sehr schlechten Verhältnissenbefände. Hätte Edhem Pascha gewußt, daß der Konsul so m:t ihm verfahren würde, hätte er gewiß sofort etwas aus eigenen Mitteln für ihn gethan, was auch der Konsul ohne Schaden hätte thun können, wenn man bedenkt, wie viel ganz frenrde Menschen gethan haben. Circa 200 Thlr. wurden für ihn gesammelt und der Mann ist glücklich nach Wien abgereist sich seiner Augenoperalion zw unterwerfen. Aus Constantinopel trifft eine drastische Illustration des Sprüchwortes: „Noth lehrt beten" ein. Ein Erlaß der hohen Pforte an den Großrabbiner, sowie an das armenische und das griechische Patriarchat ordnet nämlich an, daß in sämmtlichen Synagogen und Kirchen um die Beendigung der finanziellen Krisis gebetet werden solle. Vielleicht ist das die Gleichstellung der Confeffionen, wie sie die- Türken sich denken. Druck der Lcmgen'schen Buchdruckerei in Cöln.

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