Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 2 (1876)
- Issue
- 23 (8.6.1876)
- Date
- 1876-06-08
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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schnell des Vorurtheils zu verfechten, ohne deshalb und Judenthum absolut für ein und dasselb^^ erklären. Forts, folgt. GbrrschScjische ZchulMstände. (Priv. - Mitlheilung.) Fortsetzung. (S. Nro. 20.) In richtiger Würdigung dieser trüben Zustände findet ein jüdisches Schulbuch entschieden keinen Verleger, und sollte man doch folgerichtig glauben, auch keinen Autor. — Aber dem ist leider nicht so. Ich erfreue mich eines recht wackern Freundes, der leider die Manie hat, trotz seiner trüben Erfahrung, die er in seiner jüdischen Schulschriftstellerei (hebr. Schulgrammatik, Leuckart, Breslau 48; hebr. Sprachschüler, Wichura Ratibor 53; Lschon Limudim. Karfunkel Gleiwitz 57) gemacht — fortfähr: für dieselbe zu arbeiten und in jüngster Zeit bot derselbe der Zugend Sefer Breschith A'phi Ollim (Verlag von Albert J^ger Gleiwitz 1875). Als ich nach Jahren denselben besuchte und ihn ernstlich — da Schriftsteller-Kitzel bei seinem vorgerückten Alter nicht vorauszusetzen — über sein in pekuniärer Beziehung ganz rcsultatloses Arbeiten zur Rede stellte — erwiderte derselbe" „lieber Freuno, Deine Vorwürfe sind vollständig gerechtfertigt! Meine gebotenen Schulbücher sind — das Bewußtsein habe ich — zweckmäßig nach mustergiltigen Sprachbüchern, wie Tiesterweg und Wurst re. gearbeitet. Mein Honorar würde ich müheloser durch Bogenschreiben erzielt haben — Auch ist mir als Biöelkenner, jene Salo-, monische Warnung (Pred. 12. 12). „Hüte Dich viele Bücher zu schreiben — denn häufig bringt diese ermüdende Thätigkeit nur Spott und Schande" bekannt. Haben auch meine Schulbücher mir nur wenig Honorar, ja kaum Schreibgebühren gebracht — Gl. — die Kritik derselben hat mich noch niemals geschändet; sie wurden von derselben noch immer günstig beurtheilt und der Schule dringend empfohlen. Häufig figuriren sie mit vielen? auf den Buchhändler-Bestell-Zetteln. Schriftsteller-Sucht ist mir, wie Dir bekannt Gl. nicht 'eigen — Honorar bieten sie nickt — ja! nicht einmal ein christlicher Verleger ist zu Mit der Geschichte meiner allen lilerarßchen ^unom will ich Dich nicht behelligen, vielmehr mich Deiner so seltenen. Anwesenheit freuen; allein das jüngste liter. Vergehen sollst Du hören, weil Du dabei betheiligt bist; und die Liebloügkeit meiner College», deren mühevolle Arbeit, wie ich cs in der Vorrede dieses Buches kurz erörtert — ich durch dasselbe entschieden erleichtern, was factisch bei dessen Anwendung geschieht — müssigt mich hierzu. Als Du vor ca. 13 Jahren mach mit Deinem Besuche erneutest und Dich mir Freundes-Theilnahme nach Allem, was einen wahren Freund interessiren kann, erkundigtest — klagte ich Dir, daß ich mein rWKIa 122 namhaften jüdischen Buchdruckerei-Besitzern wie Gerschel Berlin, Friedländer Brilon, Knöpselmacher Wien, angeboten; allein im-; mer denselben Bescheid erhalten, daß »in jüd. Schulbuch ein höchst fauler Verlags-Artikel sei und wie und nimmer aus anständige Weise, durch einen Verleget — sondern höchstens ' iw Selbstverlag, auf Schnorr-Weise — d. h. (p) der Autor muß sein Geisies-Produkt haWttud feilbieten, — ins j Leben treten kann. Solche fliegende Buchhändler-Autoren machen in der Negel ihr Geschäft, menn sie es verstehen; da die Neichen in Israel, oft den doppelten Preis gern zahlen, um nur den wandernden Ai-Jor los zu werden. Diesen Weg einzuschlagen, der sogar etwas Verlockendes hat — indem er ermöglicht auf öffentliche Kosten ziemlich anständig, bedeutende Reisen zu m.che.., — verboten ebenso meine Aemter als insbesondere mein ganzes Naturell. — Ich bin vollständig überzeugt, daß Dein mir' damals gemachtes und von mir angenommenes Anerbieten: „Das Manuscript Dir zu geben, da Du, anr Sitze des Buchhandels, bei Deiner ausgebreiteten Conru-issance, einen Verleger, selbst für ein j üd is ch es Schulbuch,Dir zu finden getraust" — nur aus wahrer Freundschaft geschah, um eben mir den. Alp vom Herzen zu nehmen, und u 'ch vor unnützen Porto zu wahren. Das Manuscript la ea. 13 Jahre bei Dir. — Inzwischen hat Dein Gefchäftskreis sich außergewöhnlich geweitert— Du bist ein Gesegneter des Herrn geworden — ich hingegen, nach wie vor eia Pettru Schlumiel geblieben; und da ich mich dem 7ten Zehnest nähere, nach 4Ojähriger Lehr-Thätigkeit in den Ruhestand getreten. An Arbeit gewohnt, dachte ich nun, vielleicht Meile ich in Etwas das Loos großer Männer, die regelm-Mig erst nach ihrem Tode Anerkennung finden, im Sinne ß2es bekannten bon mot: 12X D^iSHp fYp '»"HK lind. meine Schulbücher können möglicherweise nach meinem Hinscheiden zur Geltung gelanget!. Zeit und Muße habe ich Gl. 1—2 Stunden täglich daran zu arbeite.) und die noch fehlenden 2 Theile zu vollenden. — Mit Anzeige meiner Amts- Niederlegung, ersuchte ich Dich gleichzeitig um Rücksendung meines Manuscripts. 'Da Du sdasselbe, wohlverdienter Weise nicht bei Deinen Werthpapiesten aufbewahrtest — und' Du überhaupt aus Gesundheits-Rßcksichten theils im Auslande, theils in Bädern weiltest, 'o war Dir meine plötzliche Forderung meines geistigen (Hutes nach so langer Zeit — schrrnmanaenebP. Comptoir-Personal, das den Auftrag erhielt das . Kasten Deiner umfangreichen Geschäfts-Correspondenz heraus zu suchen und mir zu übermitteln — hat mich ob dieser ihm gestellten Aufgabe verwünscht! Es dauerte auch eine geraume Zeit, ehe sie das ermöglichten, und das war für mich und nicht minder für Dich, eine höchst unangenehme Situation; weil einmal der Werth eines Manuscripts unberechenbar ist — dann aber bei Deiner bekannten Generosität — und meiner Penibluät — mußte unsere Freundschaft unfehlbar Einbuße erleiden. — Glücklicherweise gelangte dasselbe nach mehreren Monaten eifrigen Suchens Deiner Comptoiristen, in Begleitung Deines klassischen und herzlichen Briefes an. — Nun war der Alp '.vieder da, und Spaßes halber legte ich das Manuskript mehreren jüd. Buchhändlern vor, trotz meiner Ueberzeugung, daß diese entschieden keinen Gebrauch davon machen werden. —Ebenso zeigte ich es ganz absichtslos meinem Verleger Herrn A. Jäger, den mehr das ziemlich sorgfältig geschriebene Manuskript, als die Brauchbarkeit desselben interessirte; und wir Anfangs nur scherzweise über den Druck und etwaigen Erfolg uns unterhielten. Aus unserer Unterhaltung merkte ich indeß, daß er einige Neigung dafür habe und nur den pekuniären Verlust fürchte. Ich stellte ihm demnach derartige Bedingungen — die ihn wohl ermuthigen konnten, sich dem Verlage zu unterziehen. Unter andern für mich gerade nicht günstigen Bedingungen, unterzog ich mich im Ver trauen auf meine Collegen, die freudig das ihnen gebotene Lehrmittel begrüßen werden, auch der harten Bedingung, mehrere 100 Exemplare zu verschleissen. Nach vollendetem Druck trat nun die Pflicht an mich heran den im Vertrauen auf meine Collegen übernommenen Verschleiß zu verwirklichen, und stellte sich leider heraus, daß ich die Rechnung ohne den Wirth gemacht — und daß gerade meine Collegen, denen ich ein Lehrmittel zur Erleichterung der harten Lehrer- und Schülerarbeit geboten, — wie es meines Wissens die jüdische Schule bisher noch nicht besitzt — ihm den Eingang in die Schule zu wehreu und dessen Einführung durch leere, nicht stichhaltige Ausflüchte hindernd entgegen treten. Der Verschleiß machte mir mehr Mühe als die Arbeit selbst. Aus eigener 40jühriger Erfahrung kenne ich sehr genau die Schwierigkeit der Ginsührung neuer Schulbücher, namentlich bei der Einflußlosigkeit der Lehrer. — Ich wandte mich darum an die Herren Rabbiner und Vorstände der Gemeinden und sandte mein Gesuch um Einführung, gleichzeitig eine Partie Exempl. mit. Das war in der That eine saure Arbeit! — und — handelten die Vorstände wie der zu C . . der mir unfrankirt das Paket zurücksandte, ich wäre entschieden dem Conkurse verfallen! Gl! es bewährte sich wiederum, daß der Herr ehrliche, mühevolle Arbeit, wie er es verheißen, segnet. — Ungefähr 40 Zuschriften namhafter Rabbiner und Vorstände — ich erwähne beispielsweise die Doktores Rabbiner Gebr. I. I. in B. und Kr., Dr. C. in Kat., R. in Bs., F. in Ry., I. in Alp., W. in O., L. in Da., B. und Oe. in Fr. a. M. und viele Andere, auf die mnweideutigste Weise mein Büchlein begrüßten 'PLMnerkenmmq zollten — und nur leider zu oft ihr Bedauern ausorüctren, Dust die uZentlick-n im Weinberge des Herrn, die Lehrer, der Einführung alle oft höchst lächerliche Ausflüchte entgegen stellen und derselben zu ihrem Leidwesen hinderlich sind. (Forts, folgt. Dir Fabeln des „Ben Sirah“ übersetzt und erläutert von H. Lehrer zu S. . Fortsetzung. „Was du nicht willst, das man dir thu, das füg* auch keinem andern zu" war die Antwort, die Rabbi Hillel dem Heiden gab, der das ganze jüdische Gesetz so schnell lernen wollte Potentaten zu thun? Klage beim Kauunergerichte, keim deutschen Kaiser führen? — Das wäre vergebliches Bemühen gewesen, und hätte nur dieLage wen.: möglich verschlimmert! „Darf ich es wagen, um die Gründe zu fragen, die Euer Durchlaucht ru einem Schritte veranlassen, der, — das wage ich osten auszusprechen, ganz Europa, die ganze civilisirte Welt in Erstaunen setzen wird. __Forts, folgt. Dkr llcinuan^sfag Siuan po in Worms. Kam am Sivan Neumondstage Einst nach Worms, dem Hochberühmten Durch so manche Schauersage, Zog mich's hin zur Synagoge, Sah alsbald die Beter wallen, (Zwölf Uhr schlug es grad vom Thurme) Trauernd in die heil'gen Hallen. Und als Fremder mußt ich fragen: „Saget an, was ist geschehen, „Daß dahier am Neumondstage „Weinend All' zu Gott jetzt flehen, „Und durch Fasten sich kasteien, „Daß heut aus beklommenen Herzen „Trauermelodien tönen? „Vor der heil'gen Lad der Kerzen „Zwölfe heute düster brennen?" Kaum hatt ich die Frag' geendet, Als der würd'ge greise Rabbi Zur Gemeinde her sich wendet Und des Tages Feier aufklärt." „„Trauerlieder heut' ertönen, Sprach der Rabbi so ergriffen, 1 Daß ihm flössen heiße Thränen Aus den weißen Bart hernieder, Weil vor vielen hundert Jahren Eines Kreuzzugs wilde Schaaren Schrecklich hier gehauset haben. Ach, gemordet und beraubet Hat man unsre fronnnen Väter, Und dabei ganz fest geglaubet, Es geschäh' zu Gottes Ehre! Ach, der Tag der Neumondssreude Ward ein Tag des Bittern Kummers! Denn der Volkswuth, weh' zur Beute Fielen damals zwölf der Besten. Ruhm und Zierde der Gemeinde, Lebten treu sie dem Berufe, Bis der Tod sie da vereinte Und ein Stein sie alle deckte. Bei dem Bischof dem gar Frommen, Blieben lange sie verborgen, Endlich ist der Tag gekommen. Wo den Martertod sie leiden. Gott sei gnädig ihren Seelen, Ruhe Friede ihrer Asche! „Möge uns nie ein Jammer quälen, Wie die Ahnen ihn erduldet." Mächtig hatten diese Worte Mir das Innerste erschüttert, Weilte lang noch an dem Orte, Blickt voll Wehmuth auf die Kerzen, Weich gestimmt war ich geschieden Von der Andacht heil'gem Hause. Sucht' die Stätte, wo in Frieden Jene edlen Dulder ruhen. Als ihr Denkmal ich gesehen An des Friedhof's innerin Rande; Thränend mußt' ich weiter gehen, Seufzend auf zum Himmel schauen! Soll ich ewig, ewig klagen? Nein, denn all me'n Jammern, Klagen, Nuft die Todten nicht zurück! Aber fragen will ich, fragen: „Wird die Welt jetzt wieder tilgen, „Was in jenen finstern Zeiten „An den Juden man verschuldet! „Werden Christen uns bereiten, „Wie sich's ziemet, Freudentage? „Mögen alle Schatten weichen, „Die der Wahn heraufbeschworen! „Möge man die Hand uns reichen „Zu dem großen Bruderbünde! „Möge schwinden, was uns trennt, „Groll und Rache sei vergessen! „Wer den wahren Gott bekennet, „Kann nur lieben, nimmer hassen!" Reichmansdorf. S. Maas.