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Der israelitische Bote · 1876-06-08 · 23 (8.6.1876) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
2 (1876)
Issue
23 (8.6.1876)
Date
1876-06-08
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Abonnement: Vierteljährlich 2 M., Allsland vierteljährlich 2 M. 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. Erscheint jeden Donnerstag. Redacteur und Herausgeber Moritz Baum in Cöln, Humboldtstraße Nr. 4. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg. Wiederholungen mit Rabatt. Inserate werden bis Montag erbeten. Expedition: Humboldtstraße 4. II. Jahrgang. Cöln, 8. Juni 1876 (5636). M 23 Leitartikel. Die Apione des Mellens. Zur Abwehr der neuesten Juden- und Talmudhetze. Von Dr. H. Zirndorf. Propriam est geoeris humani odiese quem laederis. Vor ungefähr 1800 Jahren lebte zu Alexandrien ein vbfcurer Schriftsteller, einer jener kleinen Geister, welche den Mangel an eigenen Gedanken mit dem Lappenkram der Vielwisserei, den Mangel an Herz und Charakter mit der Geschicklichkeit im Zerstören fremder Heiligthümer zu überkleiden suchen. Ich spreche von dem Grammatiker Apion, dessen Prahlerei sich vermaß, nicht nur die Schönheiten Homers am besten zu würdigen, sondern auch den Geist dieses großen Dichters leibhaftig zu citiren. Nachdem er längere Zeit in der gelehrten Stickluft Alexandriens sein Wesen getrieben, ließ er sich in Nom nieder, wo er zu den Zeiten des Tiberius und Claudius die Grammatik lehrte. Sein Eigendünkel vergaß sich so weit, daß er die Alexandriner öffentlich glücklich pries, ihn zu ihren Mitbürgern zu zählen. Dieses frühe Beispiel von Größenwahnsinn, welches marktschreierisch sein bischen angelesenes Wissen dem Volke mit Fabeln schmackhaft zu machen wußte, dieser Lügenschmied nahm aus nicht mehr ergründbaren Ursachen den ganzen Judenhaß in sich auf, zu welchem der süße Pöbel Alexandriens sich aufgestachelt hatte. Möglich, daß die Juden, zäher im Glauben an seine Größe, es versäumt l seiner Eitelkeit zu räuchern, ©outy, Apton ließ sich dazu brauchen, die Deputation zu begleiten, durch welche die Alexandriner beim Kaiser Caligula um Vertreibung der Juden anhielten. Man weiß, daß die Israeliten der Nilstadt sich der feindlichen Beschuldigung nicht zu schämen hatten: daß sie dem Standbilde des kaiserlichen Tollhüuslers göttliche Verehrung und einen Platz in ihren Synagogen verweigerten, das war die schwärzeste Sünde, welche man von Aegypten nach Nom über sie zu dennnziren wußte. Dort in Nom war es auch, wo der eitle Alexandriner eine > Schmähschrift gegen Juden und Judenthum verfaßte, die an Boshaftigkeit, Verlogenheit und Albernheit einzig da- ' stand unter den Gcisteszeugnissen der alten Welt. Diese Schrift, welche längst mit einer Masse von edleren Denkmälern verloren gegangen, würde ebenso gründlich vergessen sein als ihr frivoler Urheber, hätte sie nicht Josephus einer meisterhaften Widerlegung gewürdigt, worin einzelne Bruchstücke des verleumderischen Machwerkes Aufnahme gefunden. Das früheste Product studirten oder überstudirten Judenhasses hat sich im Nilschlamme der alcxandrinischen Verderbtheit verloren; allein dem leichtfertigen Sophisten bleibt der traurige Ruhm, die Literatur der Schmähschriften gegen die israelitische Lehre und ihre Bekenner mit plumper Frechheit eröffnet zu haben. Zu diesem Ruhme wollen wir ihm verhelfen, indem wir seinen Namen zum Gattungsnamen verallgemeinern und auf alle diejenigen übertragen, welche Jahrtausende später, ob zu Paderborn, Münster, Berlin oder anderswo, sich immer noch dem brodlosen Gewerbe widmen, über den Namen „Jude" das ganze Hassesbedürfniß ihrer lcichtfeindlicheix Seelen auszugießen. Jede Richtung der Geist;r, ob noch so verderbt, braucht eine typische Bezeichnung, um sie bei dem heißen Arbeitsdrange der Gegenwart bequem und ohne lange Umwege bei der Hand zu haben, will man ihre letzten Thaten und Unthaten beleuchten. Die judenseindliche Schreiberei hat bis jetzt eines solchen Typm entbehrt; und weil kein edler Geist der Vergangenheit, kein Sophokles, kein Plato bei ihren Leistungen Gevatter stehen will, so haben wir den vergessenen Scholiasten 'Bbmfäciusverdin s und ähnlichen schönen Geistern seinen dunkeln Namen zu borgen. Nachdem wir diese Namengebung festgestellt, so sperr ingen wir beruhigt einige Zeitalter der Geschichte, um mit den Apionen des jüngsten Datums einen kleinen Waffengang zu wagen. II. Der Culturkampf und die Juden. Jahrhunderte hindurch hatte der alte Kriegs- und Sturmruf gegen Israel schon getobt, und mit der forteilenden Zeit hatte er stets frische Losungen in sich ausgenommen. Einmal war es die wilde Kreuzespredigt des Ein- > siedlers von Amiens und das andere Mal die blutdürstige Mythe von Brunnenvergiftung und durchstochenen Hostien, und hier war es die Blutbeschuldigung und dort derSpruch spanischer Glaubensgerichte, welche die Scheiterhaufen mit jüdischen Duldern volldrängten, und die Landstraßen mit Vertriebenen bevölkerten. Widerstrebend lassen wir uns herbei, den alten Schuldbrief des Judenthums an seine Verfolger aus den bestäubten Archiven wieder einmal hervorzuholen; denn uns ist die Weltgeschichte eine Friedensstätte der ruhigen Geistesarbeit, ein Tempel der hohen Menschenwürde, und es widerstrebt unsern irenischen Absichten, ihn mit bluttriefenden Passionsbildern zu dekoriren. Allein so lange das Gespenst des Judenhasses noch nicht zur Ruhe beschworen, übt man nur eine Pflicht gegen beide Theile, wenn man an die noch lange nicht gesühnte Schuld von Zeit zu Zeit wieder erinnert. Die Szene wechselt und an die Stelle der tödtlicheren Waffen tritt der schneidende Hohn und die entehrende Aechtung, welche zwar dem Leibe ein kümmerliches Leben vergönnten, dafür aber in den Geist des Judenthums, der da ist sein Schriftthum und sein Lehrwesen, ihre verwundenden Fangzähne einschlagen. So rächte sich Nom in den Zeiten 'der Reformation und Renaissance dafür, daß die Bibel in dem Freiheitskampfe der Menschheit mitgefochten hatte; und weil die Bibel selbst für d?n Zorn der Römlinge unerreichbar war, und weil sie zu Wittenberg und Genf, zu Edinburg nnb Westminster viel zu einflußreiche Freunde besaß und ein viel zu gern gelesenes Buch i'u yreich »vfiüv sich an öen Talmud und machte ihn für Alles verantwortlich, was Israel gegen die Menschheit sollte verbrochen haben. Wir werden auf diese Talmudhetze, die mir sehr fadenscheiniger Sachkenntniß von modernen Geistern zeitweilig wieder ausgenommen worden, später des Näheren zurück kommen. Nachdem ein Ritter ohne Furcht und Tadel wie Neuchlin, jener praoooptor orientaliuin der deutschen Nation, den Talmud ss siegreich gegen die Anklagen und die Totalverbrennungen, wie sie das sechzehnte Jahrhundert liebte, vertreten hat, so braucht sich kein Freund des Guten und Rechten zu schämen, das, was in jenen Folianten Gutes und Nützliches geschrieben steht, gegen das Ein Jom Kipur in München. Erzählt von S. Kohn, Verfasser des Gabriel. Die Beiden erreichten bald die Hofburg. Sie durchschritten die langen Gänge und gelangten in das große Vorzimmer. Hosbanquier Eichthal war eine bekannte Persönlichkeit in diesen Räumen. Ein kurfürstlicher Lakai nahm ihm dienstfertig den Stock aus der Hand. Der alte Kammerdiener Flättich stand im Vorzimmer. „Ich bin auf 11 Uhr befohlen," sprach Eichthal zum Baron gewendet, „und Sie werden mich gütigst entschuldgen, wenn ich Herrn Flättich bitte, dem kurfürstlichen Herrn zu melden, daß wir Beide da sind. — Wenn es von mir abhängt, so lasse ich Ihnen, Herr Baron, mit Vergnügen den gebührenden Vortritt." Flättich verschwand in das Arbeitskabinet des Kurfürsten, gleich darauf öffnete er die Thüre und sprach: „Der Herr Hosbanquier möge eintreten." — Eichthal trat ein. Der Kurfürst saß an einem Schreibtische und schien in tiefes Nachdenken versunken, er hielt die Hand an die Stirne gedrückt und bemerkte Eichthal nicht. Dieser hüstelte leicht, um seine Aufmerksamkeit zu erregen; da dies fruchtlos blieb, sprach er nach längerem Warten endlich: ..Eure Durchlaucht geruhten mich herzubefehlen." Der Fürst blickte auf. Er war durch die im judenfeindlichen Sinne abgefaßten Berichte der Aemter, die vor ihm lagen, sehr gereizt, und hatte beabsichtigt, Eichthal hart anzusahren; aber als er den treubewährten edlen Mann so vollbewußt, so ruhig vor sich stehen sah, da fühlte er sich wieder in seinem Banne, und er, der Fürst, fand dem Juden gegenüber nicht das rechte Wort, ein Gespräch zu eröffnen, das diesen tief bekümmern mußte. Der Fürst blickte Eichthal unverwandt an, der hielt den Blick aus, ohne seine Augen zu versenken. Endlich brach Maximilian Josef das Schweigen und sagte mit halbem Lachen: „Eichthal, er könnt mir einen rechten Gefallen thun!" und da der Kurfürst zögerte fortzufahren, sprach jener bescheiden : „Ich hoffe, durchlauchtigster Herr: Sie sind überzeugt, daß ich zu jedem Opfer bereit bin." „Eichthal, er thät' mir einen unmenschlichen Gefallen . .. wenn er sich taufen ließe.... was hat er denn mit seinem Judenthum? Sind doch die meisten, die gescheutesten Leute Christen! — zu was denn mit aller Gewalt gegen den Strom schwimmen wollen? — man muß sich der Mehrheit anschließen! — und was hat Euer Gott für Euch gelhan, während der langen Zeit, seit welcher Ihr aus Euerem Heimatlande vertrieben, in allen Enden der Welt zerstreut und gedrückt lebt?!" „Euer kurfürstliche Durchlaucht," entgegnete Eichthal fest, „hatten die Gnade gehabt mich zu versichern, diesen Punkt für immer unberührt zu lassen. Es war dies zu einer Zeit, als mich des deutschen Kaisers Majestät als kaiserlichen ^offaktor an den Wiener Hof berufen hatte. Ich blieb in München, meinem hohen Landesherrn treu, der lockenden Berufung wiederstrebend; Euer Durchlaucht geruhen mir eine Belohnung anzubieten, und ich erbat mir nur die hohe Gunst, nie mehr zum Glaubensübertritte aufgefordert zu werden." „Er hat Recht, ich muß cs mir schon gefallen lassen, daß er mich zurecht weist. — Fürsten müssen ihr Versprechen halten, ich red' schon kein Wort mehr darüber; — aber ich denk' mir, wenn er mich freiwillig damit überraschen wollte, Herr der Welt! das würde mich ganz besonders freuen; — denn, Eichthal — ich kann mir nicht helfen, und auch all' sein Reden wird ihm diesmal nichts nützen, ich muß in meinen Landen eine Radicalkur vornehmen — alle Juden — ihn freilich ausgenommen, das versteht sich von selbst, und", fügte der Kurfürst rasch hinzu, „die Juden, die er in München nothwendig braucht, die Schlächter und zehn Männer, damit er sein Gebet, wie es sein Ritus oorschreibt, verrichten kann, ausgenommen, — müssen meine Staaten verlassen, es geht nicht mehr, cs ist nicht zum Aushalten." Eichthal wurde leichenblaß, all sein Blut floß langsam in's Herz zurück. Ein so ungeheueres Unglück hatte noch nie über dem Haupt seiner Glaubensgenossen geschwebt. Eine partielle Austreibung aus einer Stadt, aus einen: Kreise war schon mehrmals angedroht, wenn auch nie ausgeführt worden, aber die Ausweisung sämmtlicher Inden Bayerns, einer so zahlreichen Masse, das war das Furchtbarste. das Unerhörteste, das sich die erhitzte Phantasie vo.- stellen konnte. Das grauenvolle unermeßliche Unglück seines Volkes trat vor seine Seele. Eine Völkerwanderung, tausend Familien am Bettelstäbe, der düstersten Zukunft entgegeu'chend! — Was war gegen den Machtspruch eines -

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