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Der israelitische Bote · 1876-05-18 · 20 (18.5.1876) · p. [Seite 3]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
2 (1876)
Issue
20 (18.5.1876)
Date
1876-05-18
Page
[Seite 3] (sequence 3)
Language
German
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Hiervon sind nunmehr selbst die eifrigsten Verehrer des Hebr., die mit rührender Opferwilligkeit und staunender Thatkraft, Gemeinde-Schulen hier und da seit dem Erscheinen des Judengesetzes 1847, nur des Hebräischen wegen — gründeten, vollständig überzeugt, und bezahlen diese Ueberzeugung. wo solche noch vegetiren — leider noch sehr theuer. Selbst wo den Eltern in ausreichendem Matze Gelegenheit geboten war, ihre Kinder incl. Tertia, Ln jüdischen Anstalten —billiger, gründlicher und in jeglicher Beziehung erfolgreicher unterrichten zu lassen, —haben sie den wahren Ausruf des unsterblichen Elegien-Dichter's Alcharisi: „es gibt keine Lehrer, die Deinen gleichen Israel" — (wenigstens für Israel) — unbeachret gelassen — ihre Knaben mit dem 9. Jahre der jüd. Schule entzogen, um eben sich des Segens christlicher höherer Anstalten zu erfreuen. Und mit vollkommenem Rechte richten nun Lehrer und Rabbiner, die man ungerechter Weise für diese religiösen höchst traurigen Zustände verantwortlich machen möchte, an die Gemeinden jene rührende Jesaitische Fragen (28. 9.) Wen sollen wir Einsicht lehren — wen Kunde unterweisen? Etwa den Milch-Entwöhnten? den Brnstentnommenen? — Mich verließen sie — den Quell lebendigen Wassers (Zercm. 2. 14) und fügt inhaltrcich der Talmud erläuternd hinzu: ..„£)! daß sie nur mich — nicht aber meine Torah verlassen Hütten — diesen unversiegbaren Quell ihrer eigenen ewigen Glückseligkeit, und sich Cisternen schufen, die den Lebensquell durchaus nicht zu fassen vermögen. Die Folgen bleiben leider nicht aus. Es wächst eine Generation heran, die in's Leben höchstens einige 100 lateinische und andere Locabeln — einige aus den bis zur Secunda gebrauchten Uebersetzungs-Büchern geschöpfte HumanitatSlehren rc. mitbringt Von Kenntniß des Judenthum's — von seinen beseligenden Lehren der heiligen Schrift und Sprache, diesem Bande der zerstreuten Judenheit — ist keine Spur. . Die jetzt von der hohen Behörde in's Leben gerufenen Simultan-Schulen — (eine Cultur-Kampf-Errungenschast) - geben der jüd. Schule, wo sie noch kümmerlich besteht, vol-! lends den Todesstoß. In jüngster Zeit wurden solche in Gr. Strehlitz, Beuthen «. S., Myslowitz, Kattowitz, Königshütte gegründet, und sogar Loslau wurde vor Kurzem mit einer solchen beglückt. Wo sie moch nicht sind, werden I erstehen - uv.1? oie^GeutMden dann Gelegenheit haben von der Wahrheit der Alcharisi'schen Behauptung ■piöD JTOS P sich zu überzeugen; allein J zu spät. — Wir verkennen keineswegs die wohlwollende Absicht der hohen Negierung, nämlich die Anbahnung der consessionellen Toleranz — sogenannte Verbrüderung; doch geschieht dies entschieden, selbst wenn cs erstrebt wird, aus Kosten der Eousession — mit Beeiuträchtigung der Religion, namentlich der jüdischen, die schon durch Sabbath und Feiertag bei der größten Rück- und Nachsicht für die an denselben wirkenden Lehrer und Schüler begründet ist. Die Tage des Herrn werden durch Schulhaltung — es mag geschrieben werden oder nicht — bekanntlich schon durch den Beginn einer neuen Lection, selbst religiösen Inhaltes — (Maimon. Tal. Torah. Abschnitt II 52. Nedarim 37.: entweiht. Glücklicher Weise erfreuen sich nur wenige Lehrer der Ehre an Simultan-Schulen zu wirken; aber selbst diese Wenigen sind zu bedauern; da sie nolens volens häufig in religiöse Collision kommen müssen. Wenn der Segen der SimultawSchule allgemein verbreitet — was dann aus dem hebräischen Unterricht — der Kenntniß der heiligen Sprache — dieses einigende Band der über das Erdenrund zerstreuten Judenheit, werden wird — ist natürlich gegenwärtig nicht voraus zu sehen — und kann nur der Gedanke beruhigen, daß thalsächlich der Verlust ein geringer und darum erträglich sein wird, da der \ jetzige hebr. Unterricht doch leider nur ein mangelhaftes Dabencn erzielt, und den Lehrern eine wahrhafte Schulplage ist, — der sie sich unterziehen müssen, aber mit der größten Freude, wenn nur irgend möglich, sich dessen entledigen. Es ist demnach entschieden bei den jetzigen Umständen ein ganz nutz- und fruchtloses Mühen, für die gegenwärtige jüdische Schule Lehrmittel zu schaffen. Sie bedarf ihrer nicht; weil sie in der That keinen würdigen Zweck erstreben will. Zum Erlernen des Dabenen besitzt die Schule Abta- \ lion, Hecht, Horwitz und ähnlicher Fibeln. (Nachbemerkung der Redaction.) In den wesentlichen Punkten mit unserm geehrten Correspondenten einverstanden, können wir seinen Artikel unfern Lesern, namentlich den Herren Lehrern und Gemeindevorstehern der Beachtung uur empfehlen, wenngleich es fast Anstoß erregen könnte, in unserer vielgepriesenen Zeit des Fortschrittes und der Freiheit auf allen Gebieten seine Stimme für die jüd.-confessionelle Volksschule zu erheben, zumal wir hier mitten im Fahrwasser der confesstonslosen Schulen uns befinden. Wir sagen absichtlich nicht „Simultanschulen", da dieser Begriff in der Praxis sich doch gewöhnlich nur auf die beiden christlichen Confessionen beschrankt. Die jüd. Schule bildet in der Entwickelungsgeschichte des J'udenthums einen wichtigen Faktor, und wenn heute die Juden im Allgemeinen befähigt, geachtet und anerkannt dastehen, so hat die jüd. Schule einen großen, wenn nicht den größten Theil dieses Verdienstes. Herz, G emü t h und Geist in echt religiösem Sinne zu beleben und daneben das erforderliche Wissen in den übrigen Unterrichtsfächern den Zöglingen beizubringen, ist die Ausgabe unserer Schule, und der Erreichung dieser Ausgabe sollte das Judenthum gerade in der Jetztzeit sich nicht ohne äußmren Zwang zu entäußern bereit sein. Uebrigens ist der Kamps um diese Frage noch keineswegs ausgesochten, und wie so. manche andere wird auch diese Frage in unserer Zeit des Uebergangs ihre „Wandelungen" durchmachen. Nachdem wir dieses niedergeschrieben, kommt uns eine Aeußerung des Regierungspräsidenten Bitter in Düsseldorf über die Simultansch ul frag e zu Gesicht, die wir ihrer Wichtigkeit wegen folgen lassen. Er sagt: es sei nirgends eine Kundgebung oder Aeußerung erfolgt, aus welcher geschlossen werden könnte, daß die Absichten des Staates prineipiell auf eine Beseitigung der consessionellen Schulen hingingen. Auch sei ihm nidjt bekannt geworden, daß es principmäßig die Absicht sei, die consessionslose, oder wohl gar die religionslose Schule einzusühren oder das Simultanwesen als die Regel für die Volksschule betrachtet wiffen zu wollen. Aus allen ihm bekannt gewordenen Thatsachen und Verhältnissen erkenne er vielmehr nur, daß die königl. Staatsregierung diesen Fragen, nach allen Seiten hin ihre ernsteste Aufmerksamkeit zugewendet habe und daß an deren Regelung im Sinne des öffentlichen Wohles und mit genauer Kenntniß aller Umstände und Verhältnisse, vor Allem im Interesse des öffentlichen Friedens, gearbeitet werde. Allerdings werde von einem feindlichen Entgegentreten gegen den Gedanken der Simultanschule sm Allgemeinen wohl an sich man dürfe" der Negierung vertrauen, daß sie nicht Einrichtungen treffen werde, die sich für die Schule, wie für die Familie und für die öffentlichen und couscssionellen Interessen nachtheilig erweisen müßten. Zlilniizsimchrlchtln »#i CgrrcsMdenzl». Deutschland. güiiH, im Mai. Unser Rabbiner Herr Dr. Frank wurde bei der jüngsten Wahl der Alliance Jsraelite Universelle zu Paris als Mitglied des Eentral-Eomite's gewählt. Dieses besteht aus 21 Personen, wovon 12 Pariser und 9 Nicht- Pariser. — Vorigen rQtp hielt der Cantor Herr Blumenihal aus Schwedt hier einen Probevortrag. Die frische, wohltönende Stimme sowie der correkte Vortrag fanden allgemeinen Beifall. §emr, 9. Mai. In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde auf dem zwischen unserer Stadt und Grau- Rheindorf Lelegencn israelitischen Friedhofe ein höchst gemeines, von großer Rohheit zeugendes Bubenstück verübt. Daselbst hatten nämlich mehrere rohe Burschen alle neuen Grabmäler umgeworfen und theilweise zertrümmert. Mit dieser Gemeinheit noch nicht zufrieden, brachen sie sämmtliche neuangepslanzten Bäumchen in der Mitte durch. Daß Mehrere diese Schaudthaten ausgeführt haben, ist ersichtlich aus den an manchen Grabsteinen vorgenommenen Zerstörungen, zu denen die Kräfte eines Einzelnen nicht würden hingereicht haben. Hoffen wir, daß es den sofort angestellten polizeilichen Recherchen gelingt, die Frevler zu entdecken. — Der isr. Gemeindevorstand hat eine Prämie von 500 Mark aus die Entdeckung des oder der Thäter dieser Schandthat ausgesetzt. Ans Westfalen. Kaum ist die Wunde vernarbt, die der unerbittliche Tod durch das vor etwa einem Vierteljahre erfolgte Ableben des unvergeßlichen Vorstehers der hiesigen Gemeinde, des H, S. Friede y"i der Familie.geschlagen, noch der Schmerz und den Verlust desselben nicht gelindert und schon wieder 7\by *0 nnN hat dieselbe ein harter Schlag getroffen. riütr my verschied nach längeren mit der größten Geduld und Ergebung in den heiligen Willen Gottes ertragenen schweren Leiden die Frau S. Friede zu Letmathe, im 66. Lebensjahre. Ein schwerer Trauerfall, besonders für die Kinder ein harter Schlag, während des kurzen Zeitraumes von einem Vierteljahre den geliebten Vater, die geliebte Mutter ins Grab senken zu sehen! Ach! wo solch harter Schlag auf den Menschen niederfällt, da wird es dem Herzen oft um Trost bange, da vermag nur die Religion, die unr lehrt }YTay ats5> warn Y2IH na i>2 Trost-Sbalsam in die Wunden zu träufeln. Wer die Verstorbene y"} gekannt, der wird mit uns den Schmerz um den Verlust derselben theilen, der wird die tiefe Trauer, die dieser Todes«' fall hervorgerufen, gerecht finden. Stets war sie unermübet thätig für das Wohl ihres in Gott ruhenden Gatten und ihrer von ihr so zärtlich geliebten Kinder; stets hielt sie die musterhafteste Ordnung in den Geschäften des Lebens, mit der größten Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit erfüllte sie alle häuslichen Pflichten und Obliegenheiten, sowohl als Gattin, wie als Mutter. Blicken wir auf ihr Leben zurück, auf die treue Liebe, die sie zu den ihrigen hatte, schauen wir auf ihren religiösen Sinn — selten fehlte sie an mnütP DvntD im Gotteshause, wenn nicht dringende häusliche Umstände sie davon zurückhielien — der wird mit uns in den Schmerzensruf einstimmen prtDntPD pDtfl Ja, die Heimgegange war mit einem Worte gesagt, eine ein Muster weiblicher Tugend?) Möge der Allbarmherzige, der da ist ein den Hinterbliebenen in ihrem gerechten Schmerze Linderung schenken und ihre Trauer zu glaubenswürdiger Hoffnung vei'klären! Der Verstorbenen aber rufen wir die Worte des Propheten zu "jBCK’ TQ2 -]pYi Deine Tugendhaftigkeit wird vor Dir hergehen, die Herrlichkeit Gottes -Dich ausnehmen. Oestrich. M. Rosenwald, Lehrer. lieber die in Nr. 19 enthaltene Angelegenheit in Betreff der von der Rundschau mitgetheilten Artikel „Jüdisches" geht uns Nachstehendes zu. (Red.) SchmmdkL, im Mai 1876. Wenn „die Rundschau" die Thatsache, daß Herr Landrabbiuer Dr. Mayer abschläglich befchisden hat, in der Synagoge ein übliches Gebet zu sprechen nach überstandmem Wochenbette der an einen Christen verheiratheten Tochter des Herrn Vorstehers T. in G., einen Act der Intoleranz bezeichnet, so müssen wir einmal der Rundschau Ignoranz in jüdisch-cultnellcn Angelegenheiten vorwerfen, zweitens, ihre Ansicht nach Utopien verweisen, wo gewiß die Zukunftskirche in stolzer Majestät prangt, eine Kirche, welche alle Religion der Welt mit gleicher Liebe umfaßt. Wir haben hier mit der nackten Wirklichkeit zu rechnen und uns nicht schwärmerischen Ideen hinzugeben. In der augenblicklichen Weltlage ist die Synagoge noch immer das Institut, welches solche Glieder vereinigt, die nach dem Gesetze Moses und Israels n&D ZTO) leben; wie die Kirche Christi nur zu ihren Anhängern zählt, die an Christenthnm glauben. (Das von Herrn Pastor W. Berichtete gehört zu den Abnormitäten.) Man kann argumentiren, daß, wenn nominell zu verschiedenen Kirchen gehörende Personen keinen Anstand nehmen, sich ehelich zu verbinden, dieselben in der Ehe ganz gewiß das kirchliche Leben von sich abstreifen, und die aus der Ehe entsprossenen Kinder einer Glaubeusrichtung zuführen, bereit Namen für Kinder verständlich bis jetzt noch nicht erfunden ist. Man denke sich nur das Bild: Der Mann geht Sonntag mit seinem Gesangbuch in die Kirche, die Frau mit ihrer Tefilla Sonnabend in die Synagoge. Das ist ein Bild harmonischen Jneinanderlebens!! Wir sind fest überzeugt, daß die häusliche Erziehung den Ideen Thür und Thor geöffnet hat und müssen es als Inkonsequenz bezeichnen, wenn bei betreffenden Gelegenheiten ein kirchlicher Segen beansprucht wird, der consequenter Weise von der Synagoge nicht ertheilt werden kann, da sich unsere heutigen Synagogen noch nicht auf das Religionssystem des seligen Uhlich gründen. Es war ein feiner Takt des Herrn Cultusministers, die qu. Angelegenheit von Herrn Landrabbiner Dr. Meyer abhängig zu machen. M. Sp. Lehrer. *) Der große Leichenzug, der sich vom Sterbehause nach dem D^nniT2 zu Oestrich in Bewegung setzte und dem sich außer den Gemeindemitgliedern und vielen aus der Umgegend eine Anzahl von Christen angeschlossen hatten, legte beredtes Zeugniß davon ab, wie sehr die Verstorbene allüberall sich der größten Achtung und Liebe zu erfreuen hatte.

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