Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 2 (1876)
- Issue
- 20 (18.5.1876)
- Date
- 1876-05-18
- Page
- [Seite 4] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Cassel. In Nro. 16 und 18 brachten wir ausführliche Berichte über den von dem Tagelöhner H. Vinzon aus Waldersberg bei Gelnhausen an dem hochbetagten israelitischen Ehepaare Elias und dessen Dienstmädchen verübten grausamen Raubmordes. Der Mörder wurde von dem hiesigen Schwurgerichtshof zum Tode verurtheilt, obgleich er hartnäckig leugnete. Jetzt hat derselbe ein umfassendes, die Anklage in allen ihren Theilen bestätigendes Geständnis abgelegt. Osnabrück, 11. April. (Special-Bericht.) In der Nacht vom 7. zum 8. April ist von einem jüdischen Lehrlinge, der in einem hiesigen Manufacturwaaren-Geschäft conditionirte, ein Selbstmord verübt worden. Der Mörder, erst siebenzehn Jahre alt, hat sich vermittels eines Revolvers einen Schuß in den Kopf, einen zweiten durch die Brust beigebracht. Man fand den Unglücklichen am Morgen in seinem Blute schwimmend und hat ihn sofort nach dem Marienhospitale gebracht, wo derselbe in Folge der beiden Schüsse bereits vorgestern verschieden ist. Die Ursache des unglücklichen Entschlusses soll — wie man sich hier erzählt — unglückliche Liebe zu einer Biermamsell gewesen fein. Der Mörder ist der Sohn sehr respectabler Eltern, denen nun auch in Folge der Jugendthorheit ihres Sohnes der letzte Rest des Lebens verbittert ist. Der Verstorbene ist ans dem Johanniskirchhof beerdigt, da die Juden den Selbstmörder auf ihrem Friedhof nicht haben wollten. D . . . . l M . y . r. (Anmerkung der Redaction. Hatte der isr. Gemeinde- Vorstand in O. ein Recht, der Leiche des unglücklichen Jünglings eine Ruhestätte auf dem israelitischen Friedhofe zu verweigern? In den letzten Jahren sind leider Fälle von Selbstmord auch 'bei unfern Glaubensgenossen, bei denen früher ein solcher Fall eine äußerste Seltenheit war, häusiger vorgekommen; es ist uns aber kein Fall von einer ähnlichen Intoleranz bekannt geworden, vielmehr dürste eine allzu große Rücksichtsnahme gerügt werden. Und werden die Angehörigen die Leiche auf dem christlichen Kirchhofe belassen? Wir bitten unfern Corr. um weitere Mittheilungen hierüber.) B Kavnoser. Hierorts geht man mit dem Vorsatze um, dem Herrn M. A. Behrens, eine seinen Namen tragende Stifderselbe alle andern Feierlichkeiten, welche man ihm aus Anlaß seines 2o;ahrigen Juonamn, als Vorsteher der israel. Gemeinde, hatte machen wollen, ausgeschlagen hat. B HaAKSver. Dein Ingenieur Louis Philipp Cohen chierselbst ist unter dem 7. April 1876 ein Patent auf einen Torssorm- und Absetz-Apparat in der durch Beschreibung und Zeichnung erläuterten Zusammensetzung, ohne Jemand in Anwendung bekannteiJTHeile derselben zu beschränken auf 3 Jahre vom oben erwähnten Tage an gerechnet, und für den Umfang des preußischen Staates ertheilt worden. H Hannover. Der vor Kurzem zum ersten Vorsteher der hiesigen israel. Gemeinde erwählte Medicinalrath vr. Cohn wurde am letzten Sonnabend beim Besuche eines seiner Patienten vom^Schlage gerührt. Nachdem derselbe einige Stunden bewußtlos gewesen war, kehrten ihm allmählig seine Sinne wieder zurück, und ist Hoffnung vorhanden, daß der Vorfall ohne schlimme Folgen bleiben wird. N81D1 B Hannover. Der dritte Lehrer der hiesigen Neligionsschule Herr Sonneberg hat, einem ehrenvollen Rufe nach. Karlsbad folgend, seine'^biöherigelsStellung anfgegeben und ist vor Kurzem nachsiCarlsbad übergesiedelt. B Hannover. HierMt sich am Rosch-chodesch im Anschluß an den Verein DVYirQ rTUSSn ifür die Schüler der oberen Klassen der höheren Schulen ein Verein von Knaben, welche noch nicht Barmizwa sind, gebildet, der den Zweck verfolgt, Purim arme Kinder vollständig auszustatten und mit andern nützlichen Geschenken zu erfreuen. 40 ordentliche Mitglieder zählt der Verein. Auch haben sich die Eltern mehrerer Schüler als Ehrenmitglieder aufnehmen lassen, so daß derJVerein ungefähr 60 Mitglieder zählt. Durch eine in voriger Woche abgehaltene Sammlung haben die kleinen Herren 30 Mark zusammenbekommen, so baß die besten Aussichten vorhanden, daß sie ihren edlen Zweck erreichen werden. (Ahmt es nach') Kerlrn, 24. April. Das Polizeipräsidiurn hat auf die Entdeckung desMörders der jüngst hier ermordeten Frau Lissauer einen Preis von 1500 Mark gesetzt. Nach Anschlag an den Säulen und Straßenecken bezeichnet die , Staatsanwaltschaftzzunächst drei des Mordes dringend verdächtige Individuen. — Die Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler, deren Hauptzweck die gegenseitige Unterstützung in Kranke heitsfällen ist, zählt nach ihrem GeschäftäLcrichte für das verflossene Jahr gegenwärtig 285 odentliche und 228 Ehrenmitglieder. Die Bilanz der Einnahmen und Ausgaben der Vereins-Krankenkasse für das abgelaufene Geschäftsjahr beziffert sich auf 6161 M., die des Jubelfonds auf 450 M., die der Oppenheim-Stiftung auf 75 M., die des Stiftungsfonds auf 1500 M., die der Bodenstein-Stiftung auf 75 M und die der Hilfsanstalt für Wittwen und Waisen 3309 M. Das Vermögen der letztgenannten Anstalt beträgt 34,275 M. das Vermögen der Krankenkasse 20,7000 M. und das des Jubelfonds 9825 M. Frankreich. Paris. Ernst Hendls Schwiegersohn des Hrn. Dr. Alb. Cohn, welcher Prüftet des Loir et Cher Dep. gewesen, aber nach dem Sturze Thiers resignirt hatte, ist zum Präfecten des Uonne Dep. ernannt worden. Dies Departement war lange Zeit durch den sel. Joval in der gesetzgebenden Versammlung (unter dem Kaiserreich) vertreten gewesen. — „Daily News" berichtet ausführlich über die dieser Tage ftattfindende Generalversammlung der katholischen Comite's, deren Ehrenpräsidium Cardinal Guibert. Erzbischof von Paris, führen, und die in seinem Palast abgehalün wird. Die Abtheilung dieses Cougresses wird sich mit der Organisation der katholischen Presse beschäftigen und ganz speziell „Maßregeln gegen den in Italien, Deutschland und selbst in Rußland '.nächtigen Einfluß der Juden, welche dem Ultramontauismus feindlich sind," in Berathung ziehen. — Da die Berathungen, obgleich Journalisten fern gehalten werden sollen, doch nicht geheim bleiben werden, so wird sich noch Anlaß finden, auf die Angelegenheit zurückzukommeu. — Aus Paris wird dem Börs. Kur. ge;chrieben: Durch die deutschen Blätter läuft seit einiger Zeit eine Nachricht, der zufolge die Wittwe Heinrich Heine's glänzende Feste und Gesellschaften gäbe, während das Grab des deutschen Dichters einsam und schmucklos aus dem Montmartre von seinem traurigen Ende erzähle. Aber das ist Verläumdung; der „dicke Engel Mathilde", das Weib „schön wie der Morgen", das dem Dichter die „Deutschen Sorgen" fortzulacheln verstand, ist unschuldig. Nicht „Mine Herin Heine“* sondern- „Mine. Charles Heine“ ist die Veranstalterin jener Feste, Mavarne ChMe« lijinc -über kann sich etwas Derartiges schon erlauben. Ein Sprößling des sehr reichen Hauses Foustado, ist sie die Wittwe des einzigen Sohnes des berühmten Salomon Heine in Hamburg, sonst eine „aiigeheiralhtte" Cousine des Dichters. Sie besitzt ein Vermögen, das man mindestens 100 Millionen Franks schätzt und hat erst vor zwei Jahren ihre Tochter mit dem künftigen Herzog von Richelieu verheiratet. Da darf sie es sich wohl erlauben, die „Gesellschaft" von Paris bei glänzenden Festen zu bewirthen. Krieslisstkn der Redaktion. Herrn N. W. in L. — Sie haben, werther Freund, dem Israelitischen Boten und mir einen wesentlichen Dienst erwiesen, indem sie die hämisch-unmanierlichen Urtheile zu signalisiren die Güte hatten, welche sich das Brüderpaar, Neid und Unverstand, über den Aufruf v. 2. v. M. „an meine Leser" zu fällen Herausnahmen. Ihnen, verehrter Freund, gegenüber, bedarf mein Beginnen keiner Schutzrede; denn Sie haben mit dem reichen Fonds von Edelsinn und Wohlwollen, das sie allem Guten entgegenbriugen, einer der Ersten, mein Unternehmen willkommen geheißen, zu einer Zeit, als es der Freunde noch wenige besaß. Und Ihre weitfchauende Menschenkenntniß hat ferner aus der Reinheit meines Wollens und Strebens heraus dem jungen Zeitblatte einen bescheidenen aber sicheren Erfolg verbürgt, in den Tagen als es nur mürrische und pessimistische Todesblicke auf sich gerichtet sah. Allein die bösen, absagenden Worte, welche sie widerstrebend vernehmen mußten, haben vor anderen, minder geschulten Ohren ein dankbareres Publikum gefunden; und indem ich, nicht allzu willig, es unternehme, der Entstellung die Wahrheit und das offene Manneswort entgegen zu halten, so gebe ich gleichzeitig meiner Verehrung für Sie dies öffentliche Zeugniß und mache sie berge talt gleichsam zum Träger des milderen Geistes und der besseren Auffassung der Dinge. Im Ganzen bin ich auch gegen Sie selbst in theilweisem Verteidigungszustände- 'denn die kritischen Aristarche, welche gegen mich zu Felde ziehen, haben wohlweislich Ihre Frenndes- und Gönnerstimmung aufs Korn genommen; und wenn auch die plumpen Bolzen an der blanken Stahlbrüstung eines offenen Sinms abgeprallt sind: ich habe sie doch fallen ' sehen und muß sie nothgedrungen aufnehmen. Also „ein viel zu persönliches Heraustreten" wollte man in den autobiographischen Ski zen entdeckt haben, die ich meinem Aufrufe als Begleitung mitgegeben! Wie,. ich hätte „meine Person herabgewürdigt," indem ich einen Theil meiner Lebensgeschicke und Erfahrungen aus dem Markte der Oeffentlichkeit ausgestellt! — Welche zarte Rücksicht für meine Wenigkeit sich doch in diesen Einwänden lund gibt, zu denen doch gar kein Anlaß vorhanden, und die ich nicht im Mindesten zu würdigen vermag.^ Obgleich noch vergleichungsweise ein Neuling auf dem Boden der Publicfftik, habe ich mich doch bereits so vollständig an die rauhe Luft der Oeffentlichkeit gewöhnt, daß nicht jeder Zugwind der öffentlichen Meinung mich zu beängstigen vermag; und auch der Wind, welchen diese und andere Gegner meines Unternehmens wehen lassen, hat für mich meist nur erheiternde Wirkung. Was waren es denn für Enthüllungen, durch die ich meine Person hcmbgewürdigt hätte? Gottlob, ich habe mich meiner Geschicke und Erlebnisse nicht zu schämen. Es sind bittere Erfahrungen darunter, die meinen Muth gekräftigt; es sind Prüfungen, in denen ich Gott zur Seite gehabt; es sind Wechselsälle, die meine Lebensreise gefördert haben. Warum ich damit herausgetreten, hat man gefragt. Wie ich es in meinem bestverleumdeten Aufrufe gesagt, so wiederhole ich es hier: ich nahm au, meine Leser und id/ wir feien uns „in diesem Jay.e genugsam nahe gerückt, daß der Herausgeber einiges Interesse für seinen Lebensgang bei denselben voraussetzen darf." Außerdem gehörte dieser Lebensgang unerläßlich zur innereu Geschichte des Israelitischen Boten. Da ich mir nämlich die reiche Fachbildung eines Herausgebers nicht zuschreiben konnte noch durste, so galt es zu zeigen, daß die Schule des Lebens bei mir die Schule der Wissenschaften' ersetzen müßte, und daß bei all dem mein Wollen und Streben unendlich klar vor mir stand, dem Rheinlande ein jüdisches Journal zu schenken, welches des Gegenstandes vollkommen würdig wäre. Daß mir aber dies .mit Gottes Hilft nahezu gelungen ist, das ist es eben, was so Manche nicht verdauen können; denn es ist ja selten der schlimmere und mangelhafte Theil unseres Thuns, an welckem chie Mißgunst zu Mrgeln pflegt. Wiederum ist es die aM Milchte imi Ei des Columbns und was kann ick> beirft am Ende dafür, büß. ich Dem wch Jenem zuvorromme, jh* jiuc skch» : eben so gut machen kötWn als ich! . ' Wie Schade, daß '.das doppelte Lehramt und der Feder durch itrx kleinlichen Zunftgeist sö vieler seiner Jünger sich wiederholt compromittirt sieht, daß man immer noch dem Geiste die Gewerbefreiheit bestreitet, die beim Schneider- und Bückerhandwerke längst eine Thatsache geworden ist. Ich fürchte nicht mißverstanden zu werden; denn die echten Ritter des Geistes, die von Selbstsucht freien Männer des Wortes, sind so ziemlich auf meiner Seite; und was wäre meine Zeitschrift, wenn nicht mehr als einer dieser Braven mir die Waffenbrüderschaft seiner geübten Feder geliehen hätte! Allein man ist bei diesen Aeußerungen nicht stehen geblieben. Selbst das böse Wort: „Bettelei" hat man laut geflüstert, daß ich es deutlich vernommen, und daß ich, durch seine Kühnheit und Neuheit erheitert, dennoch mit den schönen Seelen, die so reizende Gefühle sprudeln, nothgedrnngen ein wenig ins Geschird gehen muß. Also eine Art Bettelbrief wäre mein Aufruf! Wir wollen uns dieses Bettlerthnm doch einmal näher betrachten. Durch meine Bücher kann ich es jederzeit bis zur Evidenz erweisen, daß ich bis heute 15,000 Mark in bas Unternehmen versenkt habe. 15,000 gute, courante Markstücke! — das heißt doch wenigstens hoch zu Rosse und Wagen gebettelt, besonders wenn man Leistung und Gegenleistung gegen einander abnlißt. Die Gegenleistung besieht nämlich in einem Quartals-Abonnement ü 2 Mark, ein „Almosen," welches der bettelnde Herausgeber bekanntlich nicht so leichthin in die Tasche stecken darf, sondern wofür er dem Hause, dem Familientisch, dem Journalzirkel eine annehmbare, zusagende und stellenweise als recht gediegen anerkannte Lectüre von 13 Wochennummern zu liefern hat. Sie werden es mir nicht verargen, bester Freund, dast eine solche Pseudo-Citation wegen Bettelei mir mein ganzes nngetheiltes Selbstgefühl beläßt. Mehr als durch alles Andere ist hierdurch die Geistes- und Gesittungshöhe meiner Gegncrschaar bezeichnet. Der Israelitische Bote wird, unbekümmert um solches „Bettelgerede" seinen vorgezeichneten Weg machen. Druck der?arigen'sckM Buchdruckerei in Cöln.