Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Volume
- 1854
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 443 (sequence 465)
- Language
- German
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LL3 Natur allein uachgehend, kommen konnte, kam der große Stagirit. Aber nachdem durch die Offenbarung dasenge Verhältniß zwischen dem Menschen-und Gott sich kund gethan, mußte die immer noch einer wirklichen Basis ermangelnde Tugend sich als ein Bestimmteres setzen, und die Gotteserkenntniß als Grundlage aunehmen. Nun erst erhob sich der Mensch über sich selbst und über seine irdische Natur, nun war es nicht mehr die unvollkommene menschliche Tugend, sondern die Tugend Gottes, die Vollkommenheit Gottes, welche den Blicken der Sterblichen ein gewisses höchstes Ideal, Gott selbst, vorstellte. Diesen Schritt hat mit Bewußtsein und systematischer Klarheit Maimonides zuerst gethan. Eine interessante moralisch-psychologische Frage beschäftigt Maimonides im sechsten Abschnitte, ob nämlich der Mensch, der seiner Leidenschaften nur nach hartem Kampfe Herr geworden, moralisch mehr werth sei, als der Fromme, der die Tugend aus Neigung zum Guten ausübt. Er stellt hier die Meinung der Philosophen der unsrer Weisen gegenüber. Denn während jene behaupteten, daß der, welcher die Leidenschaft nur nach einem Kampfe bemustert, bei der Ausübung des Guten innern Gram empfindet und noch immer innere Neigung zum Bösen fühlt; der wahre Fromme aber die Tugend aus Luft am Guten ausübe, also eine höhere Stufe erstiegen habe — meinen unsre Weisen, daß der Mensch desto höher stehe, je mehr er kämpfen muß, um den Hang zum Bösen zu überwältigen, und daß die Belohnung der Tugend sich nach dem Grade der Anstrengung, die sie gekostet, richte. Maimonides vereinigt auf eine sehr sinnreiche Weise beide Meinungen. Die Philosophen hätten nämlich die groben Laster im Sinne: Mordthat, Diebstahl, Betrug u. s. f., wo allerdings der Mensch bei weitem moralischer ist, der gar keine Neigung dazu empfindet. Die jüdischen Weisen dagegen hätten an die d. h. Gesetze, denen gehorcht werden soll, ohne über ihren Grund zu grü-