Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Volume
- 1854
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 277 (sequence 299)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/7166791-9630800--1634-9623547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
277 der Regen träufelt durch, Sonnenschein und Frost finden offenen Eingang in die Borhalle - so ist auch mit nickten das Erdenleben zu ununterbrochener Freude, Luft und Behagen bestimmt, sondern es sollten eben Schmerz und Kummer, Entbehrung und Täuschung, Krankheit und Tod, Knechtschaft und Freiheit dazwischen gerathen und die Stunden des Lebens zu unaufhörlichem Wechsel bringen. Hätte es der Herr anders gewollt, er hätte es wohl vermocht. Warum aber wollte er es so? Eben weil dieses Leben kein Palast, sondern nur eine Borhalle sein sollte, weil er aus der Erde keinen Himmel machen, sondern den Himmel über die Erde setzen wollte. Hier sollte des Menschen Geist aus dem Schlummer geweckt werden, hier seine Kräfte und Fähigkeiten entwickelt werden, hier sollte er zum starken, ernsten Manne reifen, hier sollte er erkennen und schwanken und doch glauben — um in das Jenseits diese entwickelten, diese gereisten Kräfte hineinzubringen. Dies ist die Auflösung für das ganze Räthsel des Menschenlebens. Darum that der Schöpfer dem Geiste ein so gebrechliches Gewand, diesen Staubkörper, um. Darum gelangen wir niemals zur Vollendung und Vollkommenheit aus Erden. Darum ist im Becher des Lebens Freude und Schmerz gemischt. — Welches sind nun die Elemente, die den Menschen zum Streit bringen, zum Streit mit sich selbst und zum Streit mit der Außenwelt? Das Schicksal und die Leidenschaft. Das Schicksal oder die Fügung Gottes, meine Freunde, beherrscht den Menschen von seiner Geburt an. Wie der Schöpfer den Vogel für die Lust, den Fisch für das Wasser, das Raubthier für den Wald und die Bergkluft bestimmt, so setzt er auch den Menschen in ein bestimmtes Element, in bestimmte Verhältnisse. Daß er ihn von diesen und diesen Eltern gebären läßt, zu den und den Geschwistern gesellt, diesen und diesen Lehrern, Erziehern und Freunden übergibt, in diesen und diesen Stand, Rang, Vermögen, Vaterland, Nation, Glauben versetzt, ihn mit diesen und diesen Anlagen ausstattet, daß er ihn dann im Lause