Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Volume
- 1854
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 208)
- Language
- German
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186 der Mensch mit dem mächtigen Streben nach Vollkommenheit, mit der Nacheiferung Gottes. Nein! dem gleichen wir nicht, meine Freunde! O, wie viele Flecken bat das Leben auf unser Bild geworfen, welche Spalten und Riffe sind in demselben; wie ist der Lichtglanz der Wahrheit und Tugend verloschen, wie ist die Sternenkrone der Frömmigkeit in düftern Nebel verhüllt. Tausend Wege führen uns davon ab; der Körper mit seiner Sinnlichkeit, die Leidenschaftlichkeit des Herzens, die Verwirrung des menschlichen Lebens, die Sorge für unsre Bedürfnisse, der Verstand mit seinen Klügeleien und Irrungen, alle vereinen sich, das erhabene Bild in unserm Innern zu verdüstern und zu zerreißen. Da schwindet kein Tag vor uns vorüber, an dem wir nicht wissentlich und ohne Wissen von der Reinheit und Unschuld abweicheu, keine Stunde geht zu Ende, in der nicht ein Fehltritt innerlich oder äußerlich unsere Seele überrascht. Lasset es uns nicht verschweigen, meine Geliebten, lasset es uns nicht verhehlen und verbergen, bekämpfet den Stolz des Menschen, der sich dagegen sträubet — hüllet euch nicht in den Mantel der trotzigen Schuldlosigkeit, sprechend: daß ich nicht wüßte, wo ich geirrt hätte, es ist mir nicht bewußt! So gewiß eine Staubeshülle euern unsterblichen Geist umgibt, so gewiß seid ihr nicht rein, nicht ohne Fehl vor Gott. Aber wir sollen deß rein und quitt werden, und die Hand des Allerbarmers ist nicht zu kurz und 'nicht zu schwach, uns zu erlösen, sondern unsere Sünden nur bergen sein Antlitz vor uns. So wollen wir antworten, wenn er fragt, wollen gewärtig sein, wenn er kommt. Geb' ein in deine Kammern, mein Volk, ruft der Prophet uns zu, weile darin, verbirg dich einen Augenblick bei dir selbst. — Laßt uns hineinschauen in das Räderwerk unsrer Seele, wo es stockt, laßt uns erkennen, und wo es rostet, laßt uns einseben. Laßt uns zurückkehren zur Reinheit der Vorzeit, laßt uns abwerfen, was uns von ihr scheidet — ist dies zu schwer, ist dies zu viel verlangt? o nur das einzige Wort: