Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Volume
- 1854
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 189)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/7166791-9630800--1524-9623437- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
167 ahndet hingehen läßt? Wie hängt sich da mit der letzten Kraft die Seele an die Erde, und will nicht hinüber in das Land der Vergeltung! — Aber wohl dir, mein Frommer, dir, Anhänger des Gottes und des Guten, dein Leben floß wie ein ruhiges Bächlein zwischen den beiden Ufern der Religion und Tugend dahin, und deine Sterbestunde verrinnt eben so. Dein Tag war ein linder, stiller Frühlingstag, wie könnte die Stunde der Dämmerung anders als linde und still sein? Denn was dir die Sterbestunde bringt, ist süß und beruhigt: bescheiden wandeltest du, gabst Jedem seinen Tbeil, thatst Jedermann freundlich, verdammtest Niemanden, kanntest kein Ansehen der Person, halfst Witwen und Waisen, bekleidetest Nackte, speistest Hungrige, erquicktest Kranke, löstest Gefangene, liebtest die Deinigen, erzogst deine Kinder zur Rechtlichkeit und Religion, und vertrautest deinem Herrn, zu dem du täglich betetest voll Inbrunst: o Gott! du kennest mich — möchte ich dich auch erkennen! Und so gehest du in deine Sterbestunde hinein, und sagst: die Hand des Todes ist schwer, aber erträglich, und der Herr sendet mir zur Stärkung einen Hauch aus Eden, ein Vorgefühl jenseitiger Seligkeit — Herr, laß mich würdig zu dir kommen — höre, Israel, der Ewige unser Gott ist ein einiges, ewiges Wesen! Dies, meine Freunde, ist die zweite Antwort: die Sterbestunde bringt das Gedenken des vergangenen Lebens, und die Aussicht in das jenseitige und auf das Gericht Gottes — denn der Mensch sprießt und welkt wie eine Blume, flieht wie ein Schatten und bleibet nicht. III. Und wenn wir nun recht innig erkannt haben, wie die Sterbestunde kommt, und was sie bringt: so wird es uns bald offenbar: wie sie ist? Meine Brüder und Schwestern! dieser Leib, den der Schöpfer um unser Ich gelegt, will auseinanderfallen; die Seele, die der Schöpfer hineingelegt, will denselben verlassen; da müssen zuvor alle die unzähligen Bande