Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Volume
- 1854
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 188)
- Language
- German
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466 sei? ob er die Tugend gekränkt bat, die Sittlichkeit verletzt, die Religion verachtet, das Gesetz Gottes verstoßen, die Barmherzigkeit von sich gewiesen, die Rechtlichkeit zerrissen mit Thaten, Worten oder Gedanken? Sehet, da bleibet nichts verborgen, nichts verbüllt, nichts überdeckt, die Fackel des Gewissens durchleuchtet die Falten und Winkel des Herzens, und zeuget klar und deutlich, wessen das Leben gewesen sei. Aber mit diesem Bewußtsein des vollbrachten Lebens bringt die Sterbestunde zweitens die Aussicht auf das Jenseits und das Gericht Gottes. Denn hinter der irdischen Welt steigt nun eine zweite, die himmlische Welt, herauf, und die Sterbestunde wird die Geburtsstunde zu einem jenseitigen Leben. Und da drüben kommt der Mensch nicht wie auf der Erde als unschuldiges und reines Kind an, sondern seine Seele nimmt die Tugenden und Laster mit sich, mit denen sie sich hienieden angethan. Da schauet der ewige Richter auf die sündige Seele, und kennt sie und die alten Schäden und Gebrechen, und mißt inmitten seiner unendlichen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gleicher Weise nach Beiden Strafe und Lohn ab. So, meine Brüder, ja wahrlich, so sind das irdische und das himmlische Leben an einander geknüpft, und bilden nu^ Eines, wie die Vorhalle mit dem Palafte. Und vor die Seele des Sterbenden treten Beide, daß er ihre Verbindung erkennt, daß er inne wird, (das Räthsel der Erde wird im Jenseits gelöst), was du hier geübt und vollendet, dessen wird drüben gedacht; die Schuld wird entrichtet, die Zinsen bezahlt, der Lohn ausgetheilt und die Rechnung nunmehr geschlossen. Wehe da dem Frevler, in dessen Sterbestunde nur das gellende Echo tönt: ich habe gesündigt! ich saß auf dem Sitze der Spötter, ich stand auf dem Pfade der Sünder, ich ging in die Versammlung der Bösewichter — die Unschuld habe ich gekränkt, die Armuth geschmäht, die Hülflosigkeit bedrückt, die Einfalt berückt, die Religion mit dem Fuße von mir gestoßen, weß Guten könnt' ich mich rühmen? Wie erscheint da furchtbar der Rächer im Himmel, der nichts unge-