Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Volume
- 1854
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 113)
- Language
- German
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91 kein Verweilen; rostig werden die Angeln der Thüre, die selten geöffnet wird; kalt und kühl wird es in dem Gemüthe, wo das Gefühl der Erhebung, die Empfindung der Andacht nur selten und immer seltner sich ansackt. O, ist denn das Gebet eine Last? eine Bürde, die je eher, je bälder abgeworfen werden mag? Ist das Erscheinen vor dem Herrn ein widriges Geschäft, das abgetban zu haben eine Erleichterung ist? Hier, in diesem einfachen Betsaale, hier, wo kein Gepränge, kein Glanz die Sinne reizet, hier soll der Gedanke der unendlichen Herrlichkeit Gottes durch deine Seele ziehen, die Majestät des allmächtigen Schöpfers soll sich deinem geistigen Auge entschleiern, die Pracht der göttlichen Wunderwerke soll vor dein Bewußtsein treten; hier soll sich dein Gemüth öffnen; deine Freuden und deine Leiden, dein Glück und dein Gram, deine Lust und dein Schmerz, dein Kummer, dein Trübsal, deine Sorge sollen hier sich frei abwälzen von deinem Herzen in den heiligen Klängen des Gebetes. O, die ihr verlocket seid von den Lüsten der Welt, erscheinet oft, kommet oft, betet oft hier vor dem Herrn: sonst gehet euer besseres Ich unter in dem Strudel des Lebens, eure besseren Gefühle ersticken von den Dünsten des gemeinen Lebens. Kommet oft, wartet nicht bis ein seltner Festtag gekommen, und denket dann: heut will ich meine Pflicht thun, ich will zum Bethaus gehen! Beten ist keine Pflicht, beten macht Gott nicht reich, gibt Gott keine Ehre, beten macht euch reich am Sinn des Guten, des Himmlischen, des Erhabenen; Beten gibt euch Ehre, die Ehre der Frömmigkeit, die Ehre der Ehrfurcht, der Liebe, der Dankbarkeit für Gott! Gebet ist ja das Einzige, was Israel übrig behalten, und — wie schön sind deine Gezelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel! Kommet oft, oft zu beten! II. Und wenn wir oft kommen, und oft beten, meine Brüder, wie sollen wir beten? Soll unser Gebet sein ein lauter Ruf des Mundes, ein Schreien unserer Zunge, ein Spielwerk unsrer Kehle, ohne Andacht, ohne Weihe, ohne