Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 22 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 338 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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338 JUNG ISRAEL Sie eilten fort, — doch blieb sie ihnen teuer, Die heil’ge Stadt, sie sehnten sich zurück. Die Trennung löschte nicht der Liebe Feuer, An Zion hing ihr schmerzumflorter Blick. Nicht bloss von ferne wollten sie’s bejammern, Nein, küssen wollten sie das heiPge Land, Und noch einmal mit Inbrunst sie umklammern, Die wüste Scholle, wo der Tempel stand. Sie nahen — doch die Stadt, die einst so prächtig Wie eine Sonne strahlte weit hinaus, Sie schaut jetzt düster drein und mitternächtig, Ein grosses, fluchbeladnes Trümmerhaus! Sie schweigen, — denn mit Gott ist nicht zu hadern — Doch ach! die alten Augen werden nass, Erstarrt vor Schmerz das Blut in ihren Adern, Und die Gesichter werden leichenblass: Der Schrecken wächst, schon wanken ihre Glieder, Sie können taumeln nur, nicht gehen mehr, Sie sinken matt auf einen Steinblock nieder Und schauen dann noch einmal um sich her: „Leb wohl, du heilger Boden, der uns teuer, Ob auch der Feind dich uns genommen hat, Lebt wohl, ihr halbverfallenen Gemäuer, Leb wohl, du schwergeschlag’ne Gottesstadt!“ Und wie die Scheideklänge sanft verschweben, Da schauen sie ein Trauerbild im Geist, Ergraute Krieger stehn umher und beben, Und weinend sie der Engel Schaar umkreist: „Hier bist du süss, o Tod, nimm uns das Leben, Erscheine, wir erwarten dich mit Mut! Dann wird die Seele reiner sich erheben, Wenn unser Staub in heilger Erde ruht.“