Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 21 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 328 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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328 JUNG ISRAEL lehne hingeschmiegt lag einsam eine niedrige, strohbedeckte Hütte. Neugierig schaute der Wind durch die hellen Scheiben des Fensters in die kleine Stube hinein. Am Tisch saß ein Büblein und blätterte in' einem Bilderbuche. „Warte," dachte der Wind, „dir will ich einen schönen Streich spielen." Und er blies die Backen auf, daß sie kugelrund wurden und pustete mit aller Macht auf das Fenster, das unter dem Druck aufsprang. Dem'Büblein flog das Buch vom Tisch, und es selber fiel vor Schreck beinahe vom Stuhl herunter. Aber gleich darauf sprang es ans Fenster und guckte mit großen Augen heraus. „Wer bist du denn?" fragte es erstaunt. Der Wind machte auch ein erstauntes Gesicht: „Ich bin der Wind. Kannst du mich denn sehen, du kleiner Knirps?" „Gewiß," antwortete das Bübchen, „du stehst ja dicht vor mir." „Wie heißt du eigentlich, und warum bist du so allein?" fragte der Wind. „Mutter und die Leute im Dorf nennen mich alle Fietz," sagte das Büblein. „Mutter arbeitet heute, in der Stadt und kommt erst morgen früh nach Hause^ und Vater ist schon lange tot." „Da seid ihr wohl sehr arm," fragte der Wind mitleidig und schaute sich das armselige Hüttlein an. Fietz nickte betrübt. „Mutter muß sehr viel arbeiten, damit wir nicht hungern und frieren, wenn der Winter kommt." „Warum holt ihr euch nicht Brennholz aus dem Wäldchen dort?" fragte der Wind und zeigte auf ein Gehölz in der Ferne. „Ach, ehe ich zu dem Dorfwald komme, haben die Dorfkinder längst alle trocknen Zweige aufgesammelt," sagte das Büblein. „Wir wohnen zu weit fort." Der Wind machte ein ernsthaftes Gesicht und dachte nach: „Vielleicht können die Bäume helfen. Ich will sie heute abend fragen." Dann guckte er das Büblein freundlich an und fragte: „Willst du nicht mit mir kommen und dir ein wenig die Welt ansehen? Ich bringe dich sicher heim, ehe deine Mutter zurück ist." Des Bübleins Augen glänzten: „Ach, lieber Wind, das möcht' ich für mein Leben gern!"