Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 18 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 280 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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280 JUNG ISRAEL Gebräuchen des Rosch-Haschonotages. Im Ghetto wurde diese Handlung immer mit einer Trascha, einem Vortrag über die Bedeutung unb Wichtigkeit des Schosar, eingeleitet. Ter Baal Takia, der Schosarbläser, mußte, nebstdenl daß er die unerläßliche Fertigkeit in der Handhabung des Schosars besaß, als auch religiös und sittlich unbemakelt anerkannt sein. Mussaph, dem Wortsinne nach „Zugabe", „Vermehrung", ist das eigentliche Festgebet, das an die Stelle der einstigen Festopser getreten ist. Mussaph vorzubetcn blieb das unbestrittene Vorrecht des beamteten Chasan; danüt konnte er auch seine Meisterschaft im Vortrage wie im Gesänge erweisen. Mit gegenseitigen Wünschen, inan möge sich alles Gute erbeten haben, kehrten nach Schluß des Gottesdienstes Mann und Weib in ihr Heini zurück und begaben sich an den mehr oder minder wohlbesetzten Tisch, an dem auch meistens ein zugereister Armer, ein Orach, Gast, sein Plätzchen einnahm. Ein Mittagsschläfchen gestattete sich am ersten Nosch Haschonotage weder ein Mann noch eine Frau. Tie meisten hielt davon der Glaube zurück, daß man dadurch sein Glück verschlafe, was jeder fürchtete. Ten Männern gebrach es auch an Zeit dazu; deuu bald begann in Schul das Thillimsagen, das Lesen der Psalmen. Tie fünf Bücher der Psalmen, Thillim, mit den 160 Einzeldichtungen wurden abwechselnd und Vers mn Vers vorgetragen. Jeden Teil las ein anderer; wer es verstand und es beliebte, konnte das Almenmr, die Estrade, in der Mitte besteigen und vortragen. Tem Thillimsagen folgte dann das Mincha- oder Vespergebet. Hieraus begab sich jeder zu einem Bache oder Flusse zum T a s ch 1 i ch \n a ch e n. Eine lange Prozession festtäglich gekleideter Männer und Weiber bewegte sich frei und zwanglos gruppiert,-durch das Städtchen nach dem Mühlbache. Ta wurde ein kurzes Bußgebet, aus Prophetenstellen zusammengesetzt, leise und einzeln verrichtet. Viele warfen dabei auch Brosamen aus den Taschen ins Wasser. Weil der Grundgedanke der vorgetragenen Bitte in dem Satz ruht: „Mögest du, o Gott, unsere Vergehungen in die Meeressluten Wersen", und Wersen im Terte „Taschlich" heißt, erhielt der Besuch des Wassers den Ausdruck „Taschlichmachen". Wasser galt schon in der ältesten Zeit als Symbol der Reinheit und Buße wie des Erdenlebens Nichtigkeit und Flüchtigkeit.