Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 18 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 279 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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JUNG ISRAEL 279 ihre Wünsche und Bitten vor den Gottesthron gelangen und Erhörung und Gewährung finden mögen. Mit Seufzern und Thränen war dieses Vorgebet sattsam gewürzt; die Hände gefaltet gen Himmel erhoben, den Kopst zurückgebeugt, die feuchten Augen zur Höhe gerichtet, riefen sie markerschütternd: „Was find wir, und was ist unser Leben?" Eine weihevolle, feierliche Stimmung bemächtigte sich der Hörer, die ihren Höhepunkt jedoch erst am Schluffe erreichte, wenn die Einzelbitten zürn Vortrage kamen, von denen jede mit Owinu Malkenu, „Unser Vater, unser König," beginnt. Kein Auge blieb dabei thränenleer. Jede Taste des Herzens geriet in zitternde Bewegung, und jeder Satz traf eine Saite des Innern, die wehmutsvoll erzitterte und ertönte. Unter lautem Aechzen und Stöhnen sagte der Vorbeter jeden Satz einzeln vor, und das Konzert andächtiger Männer und Weiber, Vater und Mütter schrie, weinte, klagte und jammerte in der gleichen Tonart demselben nach. Von der „Weiberschul" drangen Schmerzenstöne und herzbeklemmende An- und Ausrufe durch den dichterfüllten Raum, wenn es zu Stellen kam, wie: „Sende gründliche Heilung den Kranken!" — „Habe Erbarmen mit unseren Säuglingen und Kindern!" — „Gewahre uns ein gutes Jahr!" — „Verzeichne uns in das Buch zum glücklichen Leben!" Mit diesen Einzelbitten war auch das Frühgebet, Schachris, beendet. Noch ein munterer Kadisch nach selbstgeschaffener Sangweise, und der Vorbeter schlug das Talis vom Haupte zurück und verließ abgespannt, jedoch mit gehobenem Selbstbewußtsein und stolzem Frohgefühl den Omid, das Betpult, das nahe der heiligen Lade etwas vertieft angebracht war, weil es in einem Psalmvers heißt: „Aus den Tiefen rufe ich. Ewiger, Dich an!" Ein lautes, vielstimmiges Jejascher Koach, „Gott kräftige dich," zollte dem Vorbeter für seineLeistung die wohlverdiente Anerkennung m\b den Tribut des Dankes, die dieser freudig entgegennahm. In der 'Weiberschul beglückwünschten alle Frauen die Gattin des Vorbeters mit den Worten: sie solle diesen „bis hundert Jahr" hören. Der Vorbeter mußte verheiratet sein; ein lediger Mann durfte an den heiligen Tagen weder vorbeten noch in Schul zur Thora gerufen werden. DerSchofar mahnt an fast säintlicheErlebnisse und Erinnerungen Israels. Deshalb zählt das Schofarblafen auch zu den weihevollsten